Der 1960 geborene Brillante Mendoza ist einer der interessantesten und international erfolgreichsten Protagonisten des ungemein vitalen philippinischen Gegenwartskinos. Mendozas Filme entstehen weitgehend außerhalb der kommerziellen Filmindustrie und fühlen sich einer ungeschönten und realistischen Darstellung der zeitgenössischen philippinischen Gesellschaft verpflichtet. Sein Interesse gilt jeweils einem genau umrissenen Raum, von dem ausgehend er dichte Beschreibungen des Alltags liefert – Räume, die nicht nur den Hintergrund für seine Geschichten liefern, sondern vielmehr selbständige Handlungsträger sind, sei es das Pornokino in SERBIS, die beengten Wohnungen und Gassen der Slums von Manila in TIRADOR oder der Massagesalon in MASAHISTA. Der räumlichen Begrenzung folgt die zeitliche. Die meisten seiner Filme spielen sich an einem einzigen Tag ab und durchdringen mit großer Genauigkeit das Leben ihrer Protagonisten. Den banalsten Alltagsverrichtungen lässt Mendoza ebensoviel Aufmerksamkeit zukommen wie den dramatischen und tragischen Situationen, die sich höchst unspektakulär aus eben diesem Alltag ergeben. Mendozas Kino ist ein sehr physisches und von einer Nähe und Durchlässigkeit gegenüber allen Facetten des Lebens geprägt.
Erst 2005, mit 45 Jahren, drehte Mendoza seinen ersten Film, nachdem er vorher lange Jahre als Filmausstatter auf Sets von Film- und TV-Produktionen und Theaterproduktionen gearbeitet hatte. Mit enormer Produktivität sind in den nur vier Jahren seit seinem Erstling acht abendfüllende Filme entstanden. Letztes Jahr war er gleich auf zwei der wichtigsten Filmfestivals vertreten: im Frühjahr mit KINATAY in Cannes, im Herbst mit Lola in Venedig.
Brillante Mendoza wird Anfang Februar einen Workshop für die Studierenden der dffb anbieten und wir freuen uns, ihn aus diesem Anlass auch im Arsenal begrüßen zu dürfen. Am 6. Februar wird Brillante Mendoza persönlich SERBIS vorstellen. Darüber hinaus gibt es die Gelegenheit, fast alle Filme Mendozas auf der Leinwand zu sehen – viele davon zum ersten Mal in Berlin. Zu unserem großen Bedauern konnten wir Lola nicht in das Programm aufnehmen, da der Film für die deutschen Kinos noch nicht freigegeben ist.
SERBIS (Service, 2008, 6.2., in Anwesenheit von Brillante Mendoza) Ein altes, heruntergekommenes Kino ist der eigentliche Protagonist von SERBIS. Die weit verzweigte Pineda-Familie lebt gemeinsam im und vom Kino mit dem Namen "Family", das vor allem schwulen Männern als gefahrloser Ort für unverbindlichen Sex dient, während auf der Leinwand Pornos laufen. Die Alltagsdramen der Familienmitglieder verweben sich mit denen im Kinosaal und scheinen den Zerfall auf einer privaten Ebene zu wiederholen: Die Matriarchin Nanay Flor muss wegen eines Rechtsstreits mit ihrem Ex-Mann vor Gericht, Nadya schwankt zwischen ehelicher Treue und ihrer Zuneigung zu einem anderen Mann und Alan hat Probleme mit einem Hautausschlag und seiner schwangeren Freundin. Nichts bleibt bei den Pinedas vor den anderen verborgen. Stets mit anwesend ist der Lärm der Straße als beständiges Hintergrundrauschen.
Der Schauplatz von TIRADOR (Slingshot, 2007, 7.2.) ist ein Slum von Manila. Mitten ins chaotische Getümmel von beengten Gassen, schäbigen Wohnungen und einer behelfsmäßigen Infrastruktur wirft sich die nervöse Kamera, die die permanente Anspannung der Bewohner in atemlose Bewegung überträgt. Kleine Betrügereien, Diebstähle und Drogenhandel sind die Überlebensstrategien, Möglichkeiten, aus der Armut auszubrechen, gibt es so gut wie keine. Bestimmt ist das Leben von Hektik und Enge, eine latente Aggressivität, die sich beim kleinsten Anlass gewalttätig entladen kann, schwebt über allem. Daneben ist der Wahlkampf für die landesweiten Wahlen 2007 allgegenwärtig: Stimmenkauf, politische Willkür und Korruption bilden den Hintergrund zur Armut im Slum.
KINATAY (2009, 7.2.) war beim letzten Festival in Cannes aufgrund der Darstellung von Gewalt einer der umstrittensten und kontrovers diskutierten Filme. Der 20-jährige Polizeischüler Peping (Coco Martin in seiner fünften Zusammenarbeit mit Brillante Mendoza) verdingt sich nebenbei als Geldeintreiber, um seine junge Familie zu ernähren. Als er eines Tages zu einem Spezialauftrag mitgenommen wird, verändern sich die sorglose Stimmungslage und das helle Tageslicht des Films schlagartig. Die Reise führt nun in die Nacht und in die Abgründe der philippinischen Gesellschaft, in der Korruption und Gewalt herrschen. Für Peping bedeutet die unvorstellbare Grausamkeit den Verlust seiner Unschuld.
MASAHISTA (The Masseur, 2005, 8.2.) Mendozas erster Film war eine Auftragsarbeit, die er in nur acht Tagen auf digitalem Video abdrehte. Protagonist von MASAHISTA ist der 20-jährige Iliac. Er arbeitet in einem kleinen Massagesalon in Manila, der Dienste für die männliche Kundschaft anbietet. Iliacs Arbeit folgt dem immer gleichen Ritual: die Entkleidung und Ölmassage der Kunden als Vorspiel für den sexuellen Akt. Als sein Vater stirbt, nimmt Iliac als ältester Sohn eine wichtige Rolle bei den Begräbnisfeierlichkeiten in der Provinz ein. Diese beiden so unterschiedlichen Lebenswelten Iliacs werden von Mendoza in einer Weise kontrastiert, die die Ähnlichkeiten der rituellen Handlungen sichtbar macht.
KALELDO (Summer Heat, 2006, 9.2.) Miteinander verknüpfte Episoden im Leben einer Familie, unaufgeregt, fließend, und doch voller Eruptionen und Dramen: Der verwitwete Holzschnitzer Mang Rudy hat drei erwachsene Töchter. Jede von ihnen kämpft auf ihre Weise mit dem dominanten Vater und den eigenen Liebesbeziehungen. Grace, die jüngste, heiratet zu Beginn des Films und hat Schwierigkeiten, sich mit der Familie ihres Mannes und besonders mit der übermächtigen Schwiegermutter zu arrangieren. Lourdes betrügt ihren Mann mit einem Arbeitskollegen. Die älteste Tochter Jess geht offen mit ihrem Lesbisch-Sein um, obwohl ihr Vater ihre Freundin nicht akzeptiert. Drei Elemente – Wind, Feuer, Wasser – strukturieren den Film und überziehen die familiären, persönlichen Kon-flikte mit einem archaischen und über das Individuelle hinausreichenden Element.
MANORO (The Teacher, 2006, 10.2.) beginnt mit dem lebhaften Treiben von Schülern und Eltern bei einer Schulabschlussfeier. Eine der Schülerinnen, die 13-jährige Jonalyn, wird später die titelgebende Lehrerin spielen. Sie gehört zu der Bevölkerungsgruppe der indigenen Aeta, die eigentlich in den Bergen leben, nach dem Vulkanausbruch des Mount Pi-natubo 1991 aber umgesiedelt wurden. Damit stehen sie im Einflussbereich der Regierung, was den Kindern den Besuch von Schulen ermöglicht, und den Älteren erstmals die Möglichkeit gibt, an nationalen Wahlen teilzu-nehmen. Jonalyn macht es sich zur Aufgabe, die Älteren einem Crash-Kurs in Lesen und Schreiben zu unterziehen, damit sie die Namen ihrer Präsi-dentschaftskandidaten auf den Wahlzettel schreiben zu können.
Geradlinig und schnörkellos erzählt FOSTER CHILD (2007, 11.2.) vom Abschied der Familie Manlangqui von ihrem dreijährigen Pflegekind John-John. Die Familie, die aus den Eltern und zwei Söhnen im Teenager-Alter besteht, wohnt in einer ärmlichen Gegend von Manila und nimmt regelmäßig Pflegekinder auf, um die sie sich liebevoll kümmert. Ein letztes Mal verrichten sie gemeinsam mit John-John alltägliche Handlungen vom Frühstücken bis zum Waschen. Später bringen sie ihn in das Hotel, in dem schon seine zukünftigen Adoptiveltern, ein amerikanisches Ehepaar, auf ihn warten.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der dffb.
Brillante Mendoza as our Guest
Brillante Mendoza, who was born in 1960, is one of the most interesting and internationally most successful protagonists of the extremely lively contemporary cinema scene in the Philippines. To a large extent, Mendoza's films are made outside of the commercial film industry and feel obliged to an unvarnished and realistic portrayal of present-day Philippine society. He is always interested in a clearly defined space from which he provides dense descriptions of everyday life – spaces that not only form the background of his stories but are themselves autonomous protagonists, be it the porn cinema in SERBIS<, the cramped apartments and alleyways of Manila's slums in TIRADOR or the massage salon in MASAHISTA. The spatial limitation is compounded by a temporal one. Most of his films take place on a single day, penetrating the lives of their protagonists with great precision. Mendoza is just as attentive toward the most banal daily actions as he his toward the dramatic and tragic situations that emerge quite unspectacularly in everyday life. Mendoza's cinema is highly physical and characterized by a proximity and permeability regarding all facets of life.
Only in 2005, at the age of 45, did Mendoza shoot his first movie, after having worked for years as a set designer for film, TV and theater productions. His enormous productivity led to the production of eight full-length films in the four years following his debut. Last year his films were shown at two of the most important film festivals: in spring KINATAY was screened in Cannes and in autumn Lola in Venice.
At the beginning of February, Brillante Mendoza will hold a workshop for students of the dffb, and we are looking forward to be able to greet him at Arsenal on this occasion. On February 6, Brillante Mendoza will personally present SERBIS. In addition, there will be the opportunity to view almost all of his films on screen – many of them for the first time in Berlin. Unfortunately, we were not able to include Lola in the program, because it has not yet been released for German cinemas.
SERBIS (Service, 2008, Feb. 6, in the presence of Brillante Mendoza) An old, dilapidated movie theater is the real protagonist of SERBIS. The extended Pineda family lives in and off of the theater called "Family", which mainly serves gay men as a safe place for casual sex, while porn movies are shown on the screen. The everyday dramas of the family members are interwoven with those in the movie house auditorium and appear to repeat disintegration on a private level: The matriarch Nanay Flor has to go to court because of a legal dispute with her former husband, Nadya vacillates between marital fidelity and her fondness of another man, and Alan has problems with a skin rash and his pregnant girlfriend. Nothing remains concealed from the others with the Pinedas. At all times one can hear the noises from the street as a constant ambient sound.
The scene of TIRADOR (Slingshot, 2007, Feb. 7) is a slum in Manila. Amidst the chaotic hustle and bustle in narrow alleys, shabby apartments and a makeshift infrastructure, the nervous camera conveys the occupants' permanent tension in breathless movements. Petty frauds, thefts and drug trafficking belong to the survival strategies. There are almost no possibilities to escape poverty. Life is determined by a hectic pace and by constriction; hovering everywhere is a latent aggressiveness that can turn into violence at the slightest provocation. Also omnipresent is the election campaign for the national elections in 2007: vote buying, political arbitrariness and corruption form the background of the poverty prevailing in the slums.
KINATAY (2009, Feb. 7) was one of the most controversially discussed films at last year's festival in Cannes due to its depiction of violence. The 20-year-old police cadet Peping (Coco Martin in his fifth collaboration with Brillante Mendoza) lets himself be hired, on the side, as a debt collector, to support his young family. When he is taken along one day to a special mission, the carefree atmosphere and the broad daylight of the film abruptly change. The trip now leads into the night and the abysses of Philippine society, where corruption and violence prevail. The unimaginable cruelty Peping experiences leads to his loss of innocence.
MASAHISTA (The Masseur, 2005, Feb. 8) Mendoza's first film was a commissioned work which he shot on digital video in just eight days. The protagonist of MASAHISTA is 20-year-old Iliac. He works in a small massage salon in Manila that provides services for male customers. Iliac's job always follows the same ritual: undressing the customers and giving them an oil massage as foreplay to sex. When his father dies, Iliac, as the eldest son, takes on an important role in the provincial funeral ceremony. Mendoza contrasts these two highly different living environments of Iliac in such a way that the similarities in the ritualized actions become evident.
KALELDO (Summer Heat, 2006, Feb. 9) Interconnected episodes in the life of a family; calm and flowing, yet full of eruptions and dramas: The widowed wood-carver Mang Rudy has three grown-up daughters, each struggling in their own way with the dominant father and their own love affairs. The youngest daughter, Grace, marries at the beginning of the film and has difficulties dealing with her husband's family and especially her almighty mother-in-law. Lourdes cheats on her husband with a fellow-worker. The eldest daughter, Jess, is frank about her being lesbian, although her father refuses to accept her girlfriend. Three elements – wind, fire and water – structure the movie and envelope the family-related, personal conflicts in archaic elements going beyond the individual.
MANORO (The Teacher, 2006, Feb. 10) starts with the lively goings-on of schoolchildren and parents at a school-leaving ceremony. One of the schoolchildren, 13-year-old Jonalyn, will later play "The Teacher". She belongs to the population group of the indigenous Aeta, who previously lived in the mountains but were resettled after the volcano Mount Pinatubo erupted in 1991. They are now in the government's sphere of influence, which enables children to go to school and adults to take part in national elections, often for the first time. In a crash course, Jonalyn makes it her task to teach the older ones how to read and write, so that they can enter the names of their presidential candidates on the ballot.
In a straightforward and unembellished manner, FOSTER CHILD (2007, Feb. 11) tells the story of the farewell of the Manlangqui family to their three-year-old foster child John-John. The family, two parents and two teenage sons, lives in a poor neighborhood of Manila and regularly takes up foster children, caring for them in a loving way. For the last time, they perform their everyday routines together, from breakfast to washing. Later on they take him to a hotel where his future adoptive parents, an American couple, are waiting for him.
An event in cooperation with the dffb.


