Der diesjährige Caligari-Preis geht an TEPENIN ARDI (BEYOND THE HILL) von Emin Alper, der auch eine lobende Erwähnung der Jury für den Besten Erstlingsfilm bei der offiziellen Bärenverleihung der 62. Internationalen Filmfestspiele erhielt. Die Caligari-Jury vergab lobende Erwähnungen an die Dokumentarfilme BAGRUT LOCHAMIM (SOLDIER / CITIZEN) von Silvina Landsmann und ESCUELA NORMAL von Celina Murga sowie eine lobende Erwähnung für den "herausforderndsten Film im diesjährigen Forum": JAURÈS von Vincent Dieutre.
Die verschiedenen Begründungen lauten:
TEPENIN ARDI
Ein Western aus der Türkei von heute! Ein Vater, zwei Söhne, drei Enkel - eine Männergesellschaft, aus drei Generationen, lauter inglourious basterds, irgendwo in der Türkei. Man lebt eins mit der Natur, mit den Tieren, zwischen Fluss und Wäldern, inmitten einer atemberaubend schönen, wilden Berglandschaft, und mit "den Anderen", den Feinden hinter den Bergen. Im Laufe einer Geschichte, die sehr ruhig und konzentriert beginnt, und immer schneller und dichter wird, wechselt unsere Blickrichtung immer wieder. In Großaufnahmen lernen wir die einzelnen Personen als Individuen, als Menschen in ihrer Würde kennen. Wir werden dann auch Zeugen einer Familienaufstellung mit filmischen Mitteln, die die inneren Risse, die Dynamik und Spannung dieser drei Generationen aufzeigt. Dann wieder sehen wir Soldaten, uniformierte Besucher, die - wie Aliens aus einem anderen Universum -, durch die Berge streifen. Schließlich wirkt die Kamera selbst wie ein Besucher aus einer anderen Welt, wie ein Voyeur, der durch die Büsche, versteckt, von außen dem Treiben zusieht. In seinem allerersten Film ist Emin Alper ein unerhört reifes Werk geglückt, das echtes Kino ist und unbedingt die große Leinwand verdient. Alper entfaltet einen Strudel voller Bezüge und unter der Oberfläche lauernder Konflikte. TEPENIN ARDI fragt danach, was den Mann zum Mann macht: Die Frau? Die Waffe in der Hand? Das Stück Land unter den Füßen? Die Feinde? Er zeigt den Zusammenprall von Tradition und Moderne, von Stadt und Land, guten Sitten und Amoral, Träumen und Wirklichkeit, osmanisch-imperialer Vergangenheit und republikanischer Zukunft, und in alldem einen Mikrokosmos der türkischen Gegenwartsgesellschaft. Und er zeigt das "Andere". Ein Film über die Macht der Väter, die Macht des Schicksal, die Macht der Paranoia - inszeniert voller Schönheitssinn, Dramatik, großer surrealer phantastischer Momente, mit soziologischem Blick, Sinn für Irrsinn und ironischem Humor. Eine Einladung an alle engagierten Kinokuratoren, die zahlreichen Facetten dieses Films zu entfalten, ästhetische wie gesellschaftliche Bezüge für den Zuschauer erlebbar zu machen.
BAGRUT LOCHAMIM & ESCUELA NORMAL
Zwei geduldige Portraits einer Institution, gedreht im Geist und Stil von Frederick Wiseman, zwei Innenansichten ihrer Herkunftsländer, zwei Reflexionen über das Universale und das Allzumenschliche, über das republikanische Leben, über Gymnasium und Armee als Schulen der Nation, über Politik und Gefühl. Vielleicht ist der eigentliche Hauptdarsteller in Celina Murgas ESCUELA NORMAL die Schule selbst: Das alte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, ein Tempel der Erziehung mit seinen riesigen Gängen, verwunschenen Treppenhäusern, alten Türen, Fenstern und Möbeln. Murga zeigt Jugendliche, die erstmals erfahren, was es heißt, dass Politik "das langsame Bohren dicker Bretter" (Max Weber) bedeutet. Doch in der Demokratie, so lautet die eigentliche Lektion, ist Politik eben nicht nur Legalität und Verfahren, sondern immer auch charismatische Herrschaft. In Silvina Landsmanns BAGRUT LOCHAMIM dreht sich alles um den Widerstreit zwischen einer Klasse aus Soldaten, die bald ihren Wehrdienst abschließen und dem Lehrer, der ihnen Staatsbürgerkunde beibringen soll: Demokratie und Toleranz in drei Wochen. Es geht hoch her: Die Soldaten reden völlig offen und sind zugleich untereinander so uneinig, wie der Rest der israelischen Gesellschaft. Viele der jungen Männer sind erschreckend uninformiert, und geben im saloppen Gerede auch mal kurz die Menschenrechte preis. Manche kommen mit der Kritik der Friedensbewegung nicht zurecht, andere haben vor orthodoxen Juden gleichviel Angst, wie vor den Muslimen. Zugleich ist der Unterricht eine alltägliche Übung in praktizierter Gleichheit. In beiden Filmen ist das Private immer wieder das Politische.
JAURÈS
Ein besonders mutiger Beitrag, der im Gegensatz zu nahezu allen übrigen Filmen im diesjährigen Forum den Blick von Innen nach Außen wirft. Vincent Dieutre lehrt uns in seinem Essayfilm das Sehen neu. Aus einem Fenster heraus beobachten wir das Welttheater des Alltagslebens - parallele Szenerien wie auf einer Bühne: Oben fährt die S-Bahn, darunter das Treiben eines Platzes, eine Brücke und ein Park, unter den Brücken an der Seine richten sich Flüchtlinge aus Afghanistan ein. Deren Leben zeigt der Film im Wechsel der Jahreszeiten. Gleichzeitig dazu wird die persönliche Liebesgeschichte des Regisseurs mit einem Sozialarbeiter erzählt; der Erzähler befindet sich in der Wohnung seines damaligen Geliebten. Seine Erinnerungen, Geräusche und andere Alltagsfetzen formen das Patchwork der Existenz. Eine Herausforderung, der sich der Zuschauer vertrauensvoll überlassen sollte.
Die diesjährigen Juroren waren Angelina Hofacker (Caligari FilmBühne, Wiesbaden), Rüdiger Suchsland (FILM-DIENST, Berlin) und Dagmar Wagenknecht (Kinoklub am Hirschlachufer, Erfurt).
Die von den Kommunalen Kinos und dem FILM-DIENST gestiftete Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert. Der Preisträger erhält die Hälfte des Betrages, die andere Häfte wird für Werbemaßnahmen verwendet, um weitere Kinoaufführungen in Deutschland zu unterstützen. Wie schon im letzten Jahr wird der Preis von der Firma Trikoton gespendet: Eine Decke aus der "Voice Knitting Collection", in die Auszüge aus der Partitur der Originalfilmmusik Guiseppe Becces zu dem Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" eingestrickt sind.