März 2014, distribution news

Neu: restaurierte digitale Fassung von "Schamanen im blinden Land"

Wir freuen uns sehr, einen der am meisten entliehenen Filme unseres Verleihs nach seiner diesjährigen Wiederaufführung im Berlinale Forum nun auch in der restaurierten digitalen Version anbieten zu können. SCHAMANEN IM BLINDEN LAND ist ein epischer Dokumentarfilm über magische Heilverfahren im Gebiet des Himalaya. Ende der 1970er Jahre reiste Michael Oppitz dreimal zu der abgeschlossenen Gesellschaft der Nördlichen Magar im Zentralland von West-Nepal, um ihren Schamanismus zu erforschen. Nicht nur sein Sujet, auch seine Genauigkeit, sein Rhythmusgefühl, sein sorgsamer Umgang mit Sprache machten SCHAMANEN IM BLINDEN LAND bald zu einem Klassiker der visuellen Anthropologie.

Der erste Teil stellt die aufwendigen Rituale in den Mittelpunkt, wie sie von den Magar-Schamanen im Lauf ihrer nächtelangen Seancen ausgeführt werden. Ihre Methoden der Diagnose und der Behandlung werden beobachtet, ebenso wie die Technik der Besessenheit und ihre rituellen Reisen, auf denen sie die flüchtigen Seelen ihrer Patienten wieder einfangen — sie sind alle eingeschlossen im System einer reichen symbolischen Sprache von Zeichen und Gesten. Im Denken der Magar ist die Krankheit immer das Resultat der Beleidigung eines reizbaren Geistes, wodurch die Balance zwischen den menschlichen und den übernatürlichen Kräften erschüttert wird. Das Ziel des Schamanen-Rituals besteht darin, die Agenten der Krankheit durch einen metaphysischen Handel zu  besänftigen: als Ausgleich wird den Geistern ein Blutopfer angeboten; dafür werden sie ihrerseits die gefangene Seele des Kranken freilassen.
Teil zwei konzentriert sich darauf, wie der Beruf des Schamanen weitervermittelt wird. Nach der Erkennung vorangehender Zeichen muss ein Novize seine Berufung durch eine festgelegte Folge von Prüfungen und Initiations-Riten unter Beweis stellen. Erst dann kann sie oder er geboren werden, im Verlauf einer drei Tage währenden Zeremonie, auf einer Konifere, dem Baum des Lebens. Der Film folgt diesen verschiedenen Eignungsprüfungen, der Herstellung und Weihung der verschiedenen Ausrüstungsstücke wie der Trommel, und kulminiert in der Geburt eines weiblichen Schamanen. Die beruflichen Aktivitäten der magischen Heiler sind mit ihren alltäglichen Beschäftigungen verbunden, mit Jagen und Fischen, mit Ackerbau und den Wanderungen der Viehherden. In visueller Hinsicht beginnt der Film mit kurzen und ziemlich unverständlichen Sequenzen, die erst später ihre Erklärung finden, wenn die Einstellungen länger werden und die Zeit des Filmens der realen Zeit nahe kommt. Vermittels dieser Methode wird die grundlegende Erfahrung des Ethnographen — die allmähliche Entdeckung der Bedeutung — in den Film übertragen.

Michael Oppitz, geb. 1942 auf der Schneekoppe im Riesengebirge, studierte Ethnologie, Soziologie und Sinologie. Er war Professor für Ethnologie an der Universität Zürich und Direktor des dortigen Ethnographischen Museums. Seit den 60er Jahren unternahm er zahlreiche Feldforschungsreisen in den Himalaya. Er ist der Verfasser zahlreicher Publikationen zu anthropologischen und ethnologischen Themen und hat mehrere Kurzfilme gedreht.

SCHAMANEN IM BLINDEN LAND
Land: Nepal, Deutschland, USA 1980. Format: DCP, Farbe. Länge: 223 Min. Sprache: Kham, Englisch. Produktion: NeoFilm GmbH, Berlin (Deutschland); Nachtaktivfilm, Berlin (Deutschland). Regie: Michael Oppitz. Buch: Michael Oppitz. Kamera: Jörg Jeshel, Rudi Palla. Ton: Barbara Becker. Schnitt: Hella Vietzke. Produzent: Wieland Schulz-Keil (NeoFilm GmbH). Restaurierung: Brigitte Kramer, Jörg Jeshel (Nachtaktivfilm). Uraufführung: 15. Oktober 1980, New York City (USA). Vorführungen im Forum 1981 und 2014.