Februar 2018, living archive

Archive außer sich: Auftakt im Rahmen von „Think Film No. 6 - Archival Constellations“

Mit „Archive außer sich" beginnt das Arsenal – Institut für Film und Videokunst erstmalig eine langfristig angelegte Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt. Während der Berlinale werden am 22. Februar als Teil von „Think Film No. 6 – Archival Constellations“ erste Projekte präsentiert (siehe dazu weiter unten). „Archive außer sich“ beschäftigt sich als langfristig angelegte kollaborative Serie von Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekten mit dem filmkulturellen Erbe und seinen Archiven. Was ist kulturelles Erbe, welche Gemeinschaften und Narrative, welche Adressaten und Vermittlungsformate leiten sich daraus ab und wie beständig sind sie? Oder: Welche noch unbekannten Archive bringt die Gegenwart hervor? Zugrunde liegt die Idee des Living Archive: Erforschung, Digitalisierung und/oder Restaurierung von Archivinhalten sind Teil einer partizipativ verstandenen künstlerischen und kuratorischen Gegenwartspraxis. Das Archiv ist ein Ort der Produktion. Aus der Diversität des Ausgangsmaterials—vollständige Filme, beschädigte oder nicht mehr rekonstruierbare Filme, ephemere Filme, Arbeitsmaterialien, Randnotizen und Objekte—sowie der jeweils spezifischen Örtlichkeit der Partner—Archive, Kinos, Festivals, Kunsträume, Universitäten, öffentlich rechtliche Fernsehsender, Datenbanken, ein ehemaliges Krematorium—stellt sich die Frage: Was ist heute ein Filmarchiv? Welche Forderungen stellt die Öffentlichkeit an Archive und welche Gegenwart und Zukunft kann aus archivarischen Konstellationen und neuen Formen der Navigation, auch spekulativ, entworfen werden?

Die einbezogenen Archive werden zu Laboratorien für die kritische Reflexion der Kategorie des filmischen Erbes, aber auch des ‚Heritage’ im Allgemeinen, z.B. im Verhältnis zur Kolonial- und Migrationsgeschichte oder zur Geschichte politischer und ästhetischer Bewegungen. Das Projekt will neben filmhistorischen und filmtheoretischen Erträgen auch Beiträge zur Entwicklung neuer Perspektiven der Filmkulturpolitik leisten. Der Begriff des filmischen Erbes wird in Beziehung gesetzt zu anderen Ordnungskategorien wie „transnationales Kino“ oder „world cinema“. Aus politischen, ästhetischen, oder auch zufälligen Verbindungen entstehen aus der Gegenwart heraus Wahlverwandtschaften, die dazu beitragen, neue Konzepte der Zeitlichkeit zu entwerfen.

„Archive außer sich“ ist ein Projekt des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. im Rahmen einer Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Pina Bausch Foundation, Teil von „Das Archiv-Projekt“ gefördert im Rahmen von „Das Neue Alphabet" durch die Beauftragte für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Teilnehmende Institutionen: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Film – Feld – Forschung gGmbH, Harun Farocki Institut, SAVVY Contemporary, pong film GmbH, der Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ an der Goethe-Universität Frankfurt und das Seminar für Filmwissenschaft an der FU Berlin.


Veranstaltungen im Rahmen von „Think Film No. 6 – Archival Constellations“
Donnerstag, 22. Februar im silent green

10.00-10.30h
Welcome Note: Archive außer sich – and other Constellations

Stefanie Schulte Strathaus und Nicole Wolf

10.30-12.00h
Unpacking Histories: Film Archives and Their Consequences

Christy Best, Esther Jemila Chukwuma (Jos), Didi Cheeka (Lagos), Vinzenz Hediger (Frankfurt am Main), und Stefanie Schulte Strathaus (Berlin)

Ein wiederentdeckter Film ist ein neuer Film: SHAIHU UMAR von Adamu Halilu (Forum) war außerhalb Nigerias, wo er bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1976 ein großer Erfolg war, wenig bekannt und wurde kaum gezeigt. Der Film basiert auf einem auf Hausa verfassten Roman eines jungen Autors, der später zum ersten Premierminister Nigerias werden sollte. Seine Geschichte, die weit über übliche Szenarien kolonialer Literatur hinausgeht, handelt von Migration und Verlust. Die Rekonstruktion des Films aus im National Film Archive in Jos gefundenen Fragmenten, bietet die Möglichkeit, einen neuen Blick auf die Filmgeschichte zu werfen und herkömmliche Modi der Geschichtsschreibung des Weltkinos zu hinterfragen. Historienfilme werden oftmals belächelt, nicht zuletzt von Historiker*innen, die ihre Hoheit über das, was als faktisches, gut recherchiertes Wissen gilt, bewahren wollen. Doch sie waren über die gesamte Filmgeschichte hinweg sehr beliebt. Zudem ist die Wahrnehmung historischer Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts oft durch filmische Aufzeichnungen beeinflusst. Jean-Luc Godard weist in "Histoire(s) du cinéma" darauf hin, wo er etwas polemisch behauptet, die größte Verfehlung des Kinos sei, dass es nicht zur Aufzeichnung des Holocaust anwesend gewesen sei. Die Entdeckung und Veröffentlichung der Bestände eines nationalen Filmarchivs, das in diesem Fall nie gesehene Dokumentaraufnahmen aus der Geschichte des Landes enthält, können als Meilenstein nicht nur für die Filmkultur, sondern für die Geschichtsschreibung im Allgemeinen angesehen werden. Sicherlich ist dies im Fall des National Film Archives in Jos zutreffend.

Christy Best ist Rektorin des National Film Institute in Jos.
Esther Jemila Chukwuma ist Archivleiterin an der Nigerian Film Corporation, Jos.
Didi Cheeka ist ein off-Nollywood-Regisseur und Filmkritiker sowie Mitbegründer und Kurator der Lagos Film Society.
Vinzenz Hediger ist Professor für Filmwissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt am Main.
Stefanie Schulte Strathaus ist Ko-Direktorin des Arsenal – Institut für Film und Videokunst sowie Gründerin und Leiterin von Forum Expanded.
Das Gespräch findet auf Englisch statt.

15.45-17.15h
Storing and Growing

Vivien Sansour (El Beir, Arts and Seeds, Beit Sahour/Bethlehem) und Jumana Manna (Berlin)
Moderation: Nicole Wolf
Das Panel ist Teil des Projekts „Stoffwechsel“ der Film Feld Forschung

Die Biodiversität Palästinas (das Teil des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds ist) wird von Verordnungen bedroht, die Landwirte zur Aufgabe ihres traditionellen Saatguts zwingen und neue Hybridvarianten durchsetzen sollen. Die Palestine Heirloom Seed Library hat es sich zur Aufgabe gemacht, in einem von Gewalt geprägten Kontext von Siedlungsanbau und chemischer Expansion altes Saatgut wiederherzustellen, in deren DNA sich der Überlebenskampf eingeschrieben hat. Die Saatbank ist ein interaktives Kunst- und Wissenschaftsprojekt, das Raum für den Austausch sowohl von Saatgut als auch von Wissen schafft. Zugleich ist es ein subversiver Rebell aus der Mitte der Bevölkerung, der sich, inspiriert von der Grenzen und Checkpoints überwindenden Kraft des Saatguts, den Gewalten der Umgebung entgegenstellt und Leben und Präsenz einfordert.
Jumana Mannas Film WILD RELATIVES (Forum) dokumentiert einen Saatgutaustausch zwischen zwei weit voneinander entfernten Geografien: Longyearbyen auf der Insel Svalbard im Nordpolarmeer und der Bekaa-Ebene im Libanon. Der Film zeigt das Leben der Bewohner*innen dieser zwei Halbwüsten, die sich auf unterschiedliche Weisen zum Land in Beziehung setzen: Kohlebergbau, Aussaat von Pflanzen, Flucht vor dem Krieg in einem Tal, Philosophieren über ein anderes.
Das Panel durchforstet unterschiedlichste Geschichten von Saatgut und stellt neue Fragen zu Sammlungspraktiken, Wiederherstellung und Lagerung, Katalogisierung und Erläuterungssystemen sowie über das Archiv, bzw. die Bibliothek als Ort des Austauschs und anders gedachten Wachstums.

Vivien Sansour ist Gründerin der Palestine Heirloom Seed Library und Mitbegründerin des El Beir, Arts & Seeds Studio (Bethlehem).
Jumana Manna ist Künstlerin und arbeitet hauptsächlich in den Medien Film und Skulptur.
Das Gespräch findet auf Englisch statt.

19:45-20:45
Film Pedagogies and Archives of Resistance: Subversive Film in Conversation with Mosireen

Subversive Film, Ramallah (Mohanad Yaqubi) und Mosireen, Kairo (Jasmina Metwaly, Salma Said)
Moderation: Maha Maamoun

Im Anschluss an ihre Präsentationen im Rahmen von Archival Constellations im letzten Jahr, lud Subversive Film das Mosireen-Kollektiv zu einem Gespräch über zwei separate revolutionäre Zeiträume ein. Darin ging es um die Vermittlungsstrategien, die in der Palästinensischen Revolution (1968–82) und der Ägyptischen Revolution von 2011 für die Filmausbildung entwickelt wurden. Das Gespräch wurde als Beiblatt zu „The Syllabus“ veröffentlicht, einem Publikationsprojekt von Subversive Film, in dessen Zentrum ein unveröffentlichtes Manuskript für ein Kameralehrbuch des palästinensischen Kameramanns und Revolutionärs Hani Joharieh aus den 1970er-Jahren steht. 2011 hatte Mosireen während der ägyptischen Revolution einen Lehrplan für Filmproduktion und Street Media entwickelt, der unmittelbar Anwendung fand.
Das Panel führt ihren Versuch fort, die filmpädagogischen Ansätze, die in zwei separaten revolutionären Momenten entwickelt wurden, zu vergleichen. Es widmet sich möglichen Überschneidungen von Vergangenheit und Gegenwart, dem/der Filmemacher*in als Revolutionär*in und der Rolle der Praxis des Archivierens. Subversive Film befragt diese Praxis anhand von Recherche- und Produktionsstrategien von bereits existierendem Material, während Mosireen Material sichert, in dessen Produktion sie selbst involviert waren. Vor diesem Hintergrund wird auch das Online Archive „858.MA An Archive of Resistance“ präsentiert, das 858 Stunden verschlagwortetes, nach Aufnahmezeit und -datum durchsuchbares Videomaterial sowie tausende Fotos und Dokumente verfügbar macht, die seit 2011 gesammelt wurden. Ein großer Teil des Materials wird erstmals veröffentlicht – rohes, ungeschnittenes Material, das von Dutzenden Menschen aufgenommen wurde, die an den Auseinandersetzungen teilgenommen haben. Der Aufbau des 858-Archivs bedeutete ein Ringen mit Fragen der Sicherheit, des Timings und der Urheberschaft. Nostalgie musste bekämpft und Sinn aus einem Ereignis generiert werden, das das Kollektiv selbst durchlebt hatte und nun aus der Distanz betrachtete. Wege mussten gefunden werden, diesen riesigen Materialfundus am Leben zu erhalten, der Narration der Regierung etwas entgegenzusetzen und das kollektive Gedächtnis zu bewahren.
   
Subversive Film hat sich 2011 als Filmforschungs- und -produktionskollektiv mit dem Ziel gegründet, historische Arbeiten, die mit Palästina und der Region in Verbindung stehen, in ein neues Licht zu rücken, Unterstützungsmaßnahmen für Filmkonservierung zu schaffen und Archivpraktiken und ihre Auswirkungen zu erforschen. Weitere Projekte, die in diesem Zusammenhang von Subversive Film entwickelt wurden, sind u.a. die digitale Neuauflage bislang übersehener Filme, das Kuratieren von Filmreihen mit seltenen Titeln und die Untertitelung wiederentdeckter Filme.
Mosireen ist ein Medienkollektiv, das während der ägyptischen Revolution gegründet wurde. Zwischen 2011 und 2014 betriebt das Kollektiv einen Raum im Zentrum Kairos als revolutionäres, aktivistisches Zentrum, um die Medienproduktion der Zivilbevölkerung zu unterstützen. Dazu gehörten die Veröffentlichung von Videos, Training, technische und Kampagnenunterstützung, Filmvorführungen und Veranstaltungen. Darüber hinaus beherbergte der Raum ein umfassendes Archiv mit Filmmaterial, das die Revolution dokumentiert.
Das Gespräch findet in englischer Sprache statt.

21:00–21:30
From the Archive

Harun Farocki Institut (Berlin)

Harun Farocki Institut (HaFI) wurde 2015 als gemeinnützige Einrichtung gegründet. Seitdem arbeitet das HaFI sowohl an einer Plattform zur Erforschung von Farockis visueller und diskursiver Praxis als auch an einer flexiblen Struktur für neue Projekte, die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Bildkulturen kritisch befragen. Eine seiner Aufgaben ist die Auseinandersetzung mit Farockis vielschichtigem Werk und dessen Verbreitung in verschiedenen Archiven (im Institut selbst, im Arsenal, in Fernseharchiven, in der Deutschen Kinemathek etc.).
HaFI wird einen kleinen Einblick in bisher ungesehenes Material geben, das im Kontext der Farocki-Retrospektive im Herbst 2017 gefunden wurde.
Auf Englisch.