juni 2016, kino arsenal

Das filmische Universum von Robert Gardner

Robert Gardners (1925–2014) Filme sind Reflexionen über die menschliche Existenz, den Kreislauf des Lebens, den Umgang mit dem Tod und das Verhältnis der Geschlechter. Gleichzeitig suchen sie nach einem tieferen Verständnis dessen, was Menschsein bedeutet. Sein radikal subjektiver Blick und sein poetischer Stil verleihen seinen Filmen eine expressive Kraft, die sie zu Klassikern des ethnologischen und dokumentarischen Kinos werden ließen. Ihre Intensität gründet auf der puren Schönheit seiner Bilder und der emotionalen und sinnlichen Einbettung der Zuschauer_innen in ein visuelles und akustisches Universum.

Robert Gardner wandte sich nach seinem Studium der Anthropologie dem Filmemachen zu und drehte 1951 seinen ersten kurzen Dokumentarfilm über die Kwakiutl in einem Dorf auf Vancouver Island. Mit dem Harvard Film Study Center, das er von 1957 bis 1997 leitete, etablierte er das erste Zentrum der filmischen Anthropologie in Nordamerika, wo er nicht nur seine eigenen, sondern auch zahlreiche andere Filme produzierte. Geprägt von filmischen Vorbildern wie Andrej Tarkowskij und Basil Wright, an denen er ihre Fähigkeit bewunderte, die menschliche Seele in bewegten Bildern zu erkunden, verband sich seine anthropologische Ausbildung mit seinen literarischen und philosophischen Neigungen zu einem tiefen Interesse für die Strukturen von Gesellschaften und das Universelle im Fremden. Dabei wandte Gardner den Blick stets auch auf seine eigene Gesellschaft. In einer Reihe von Künstlerporträts beleuchtete er den kreativen Schaffensprozess. Dieses Interesse an Künstler_innen seiner Generation zeigte sich auch in der von ihm verantworteten und im Fernsehen ausgestrahlten Screening-Room-Reihe, die von 1973 bis 1980 zahlreiche Filmemacher_innen vor allem aus dem experimentellen und dokumentarischen Bereich zu langen Gesprächen einlud.

Sein erster langer, 1963 entstandener Film DEAD BIRDS ist noch ganz von einem subjektiven Kommentar, einer linearen Narration und dramatischen Struktur getragen. Im Laufe seiner Karriere gerieten der Dialog und eine geschlossene Erzählung immer stärker in den Hintergrund und machten einer offeneren und assoziativen Filmsprache Platz, in der neben der Wiederholung und Verbindung visueller Motive ein Hervorheben der akustischen Umgebung eine große Rolle spielten. Seinen Höhepunkt fand das in seinem formal radikalsten Film, FOREST OF BLISS (1985), eine Erkundung vom Leben und Sterben in der heiligen indischen Stadt Benares.

Der Einfluss Gardners auf das dokumentarische und ethnografische Filmschaffen zeigt sich im ebenfalls an der Harvard-Universität angesiedelten Sensory Ethnography Lab (das 2012 mit "Leviathan" von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde). Wie Gardner stellen die dort entstandenen und entstehenden Filme nicht die analytische Erkenntnis, sondern die Produktion einer ästhetischen Erfahrung und einer unmittelbaren, sinnlichen Wahrnehmung der Welt in den Mittelpunkt.

Wir zeigen die drei wichtigsten Langfilme von Robert Gardner, zwei kürzere Arbeiten und eine Hommage des Experimentalfilmers Robert Fenz.

juni 2016, kino arsenal

Magical History Tour: Kostüme, Stile und Mode im Film

Weiße Anzüge, rote Schuhe, schwarze Mäntel, dunkle Sonnenbrillen – in der Filmgeschichte findet sich so manches Kleidungsstück oder Accessoire, das auch außerhalb des filmischen Kontexts den gesamten Film in sich zu vereinen scheint. Doch noch bevor Kostüme diesen ikonischen Status erlangen, erzählen sie im Film Geschichten, verheißen ihren Trägern neues Leben, verdecken Abgründe, schaffen Atmosphären, prägen den Look, die Textur und nicht selten auch die Tonspur der Filme. Die dramaturgische, narrative, psychologische Funktion der Kostüme im Film ist unbenommen, wie auch ihr Einfluss auf Zeitgeist, Modetrends und stile, die sie mitverantworten, kreieren, lancieren. Die Magical History Tour lädt ein zu einem Blick in die Ateliers internationaler Kostümbildner_innen, Modedesigner_innen und Künstler_innen aus neun Jahrzehnten.

juni 2016, kino arsenal

UNKNOWN PLEASURES #8 - American Independent Film Fest

Unknown Pleasures #8 präsentiert amerikanische Independent-Filme, die einen alternativen und vielfältigen Blick auf das US-Filmschaffen offenbaren und zum ersten Mal in Berlin zu sehen sind. Angeführt von Frederick Wisemans IN JACKSON HEIGHTS bilden dokumentarische Arbeiten dieses Jahr einen besonderen Schwerpunkt. In seinem 40. Film begibt sich Wiseman in das New Yorker Viertel Jackson Heights, einen der lebhaftesten Orte der Stadt, dessen Identität durch die Gentrifizierung bedroht wird. Doch nicht nur in seiner dokumentarischen Form steht er stellvertretend für viele Filme des diesjährigen Programms, sondern vor allem in seiner Leidenschaft für die Menschen vor der Kamera. Eine Frage nimmt dabei eine besonders zentrale Rolle ein: Wie können Filme unser Leben einfangen, es abbilden, ohne dass sie an Vitalität verlieren, in einer Blase gefangen sind, die mit unserem Leben nichts zu tun hat? Nicht nur die (naheliegende) Form des Dokumentarfilms kann eine Antwort auf diese Frage geben. Zwei weitere Alternativen zeigen die Filme auf: den Rückgriff auf die Geschichte – Stichwort: based on a true story – und vor allem die Autobiografie. Michael Almereyda etwa widmet sich in seinem neuen Spielfilm EXPERIMENTER dem Leben von Stanley Milgram und dessen psychologischen Experimenten zur Bereitschaft der Menschen zum Gehorsam. Almereyda unterläuft gängige Konventionen des Geschichtsfilms, indem er den Film zwischen Abstraktion und Künstlichkeit ansiedelt sowie Milgram als grüblerischen Erzähler seines eigenen Lebens auftreten lässt, der das zeitgeschichtliche Geschehen um sich herum mit Blick in die Kamera nüchtern kommentiert. Travis Wilkersons Essayfilm MACHINE GUN OR TYPEWRITER? führt ebenfalls zeitgeschichtliche Ereignisse, hier die Entmachtung der Gewerkschaften in Los Angeles und die Occupy-Bewegung, mit der Figur eines Erzählers zusammen. Hinter einem großen Mikrofon versteckt, schildert Wilkerson in Form einer Radiosendung eine (fiktive) Liebesgeschichte.

juni 2016, kino arsenal

DAAD-Stipendiat Ghassan Salhab zu Gast

Der libanesische Filmemacher Ghassan Salhab (*1958) ist zurzeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. In seinen bisher sechs Langfilmen sind die Nachwirkungen der Kriege im Libanon stets unterschwellig präsent – ohne dass deshalb jedoch Kunst und Poesie vernachlässigt würden. Sein kompromissloses Kino ist konkret und entrückt, wütend und melancholisch, intensiv und zurückhaltend zugleich.