August 2017, kino arsenal

Cours, cours, camarade, le vieux monde est derrière toi – Das Kino von Med Hondo

WEST INDIES, 1979

"Lauf Genosse, die alte Welt ist hinter Dir her" – so die deutsche Übersetzung des Programmtitels – ist einer der Slogans der französischen 68er-Bewegung, der in SOLEIL Ô (1969) Eingang gefunden hat, dem wohl bekanntesten Film des in Mauretanien geborenen und seit nunmehr 50 Jahren in der Pariser Banlieue lebenden Avantgarde-Filmemachers, Schauspielers und Synchronsprechers Med Hondo. In seiner langen Karriere als unabhängiger Filmemacher hat Med Hondo nicht nur Filme realisiert, die die politische Brisanz der afrikanischen und diasporischen Geschichte zum Vorschein bringen und dafür gestalterische Durchbrüche gewagt. Es ist ihm zudem gelungen, das Kino selbst in Bewegung zu versetzen und Alternativen zu den europäischen und amerikanischen Produktions- und Verleihstrukturen zu entwickeln. Das von Enoka Ayemba, Marie-Hélène Gutberlet und Brigitta Kuster kuratierte Ausstellungs- und Filmprojekt "Cours, cours, camarade, le vieux monde est derrière toi" zielt in seinem Filmprogramm auf den Fluchtpunkt, der aus Med Hondos Filmen gegen die gesellschaftlichen Verkrustungen und die Ignoranz gegenüber Alltagsrassismen spricht. Ihre Kraft beziehen Med Hondos Filme aus der Notwendigkeit, den Zwängen, Vorurteilen und Maßregelungen immer einen Schritt voraus zu sein, um Raum zu schaffen für sich, für Wut, für große Bilder, für pluriversale Geschichtsschreibung, für Körperlichkeiten, Farben und Temperaturen. Med Hondo ist ein Selfmademan, der mit der Arbeit am Theater begann und sich die Mittel des Filmemachens kompromisslos selbst aneignete: mit dem Kopf, dem Herzen und den Sinnen, mit Leidenschaft, Eklektizismus, modischen Momenten und Brüchen. Sieben der insgesamt zwölf zwischen 1968 und 2004 realisierten Filme des cineastischen Grenzgängers werden nun aufs Neue und in Konstellationen mit Autor*innen-, Experimentalfilmen und Videokunst gezeigt. Absicht ist dabei, geografische, motivische und sensorielle Verbindungen, die Nähe zu Abstraktion und Sound punktuell hervorzuheben und den Widerhall von Med Hondos Kino-Kosmos zu amplifizieren, der über die mauretanisch/algerisch/west-saharischen, burkinischen, malischen, karibischen und Pariser Filmschauplätze und seine Herkunft hinausgehen.

Den Auftakt des Programms am 23.8. bildet das stumme Filmporträt CINÉMATON MED HONDO (Gérard Courant, F 1995), gefolgt von MES VOISINS (Unsere Nachbarn, Med Hondo, F 1971), einem Fragment eines wesentlich längeren dokumentarischen Filmprojekts, mit dem Hondo die Pariser Politik der Unterbringung von Arbeitsmigrant*innen ins Visier nehmen wollte. Dem Film lag die Idee eines seriellen Tagebuch-Films zugrunde, der sich zwar nicht realisieren ließ, aber Möglichkeiten eines Kinos der Straße offenlegt, die denen des Direct Cinema und der Cinétracts vertraut sind. CONCERTO POUR UN EXIL (Concerto for an Exile, Désire Ecaré, F 1968), RÄUME (Gunter Deller, BRD 1989) und TOURBILLONS (Whirlwinds, Alain Gomis, F 1999 ), in deren kleiner Form die großen Fragen des transkulturellen Nebeneinanders von Menschen, Räumen und Bildmaterialien aufscheinen, runden das Eröffnungsprogramm über Nachbarschaftsverhältnisse ab.

MUNA MOTO (The Child of Another, Jean-Pierre Dikongué-Pipa, Kamerun 1975, 24.8.) Auf ergreifende Weise breitet der Film die sozialen und ökonomischen Sachzwänge aus, denen sich die Liebe unterwerfen muss. Der Kontrast zwischen Wunsch und Bedingung ist in beeindruckender Schwarz-Weiß-Raumtiefe gefilmt und macht offensichtlich, dass emotionale Integrität ein guter Grund ist, wegzugehen.

TABATABA (Raymond Rajaonarivelo, Madagaskar 1988, 24.8.) In cineastisch imposanter Form, die mit der Grandeur der Filme Med Hondos zusammengeht, erinnert TABATABA an die Befreiungsbewegung und an die Massaker der französischen Armee in Madagaskar 1947.

SOLEIL Ô (Oh Sun, F 1969, 25.8.) Med Hondos erster international gefeierter Film verflicht die Erfahrungen eines Immigranten im Frankreich der 60er Jahre mit narrativen Echos zu Sklaverei und Arbeitsmigration im kapitalistischen Verwertungsmodell. Der improvisatorische, hyperrealistische Stil inspirierte Filmemacher*innen und Künstler*innen, der strukturell rassistischen Wirklichkeit in Frankreich und der Erfahrung der Indifferenz mit experimentell gebrochenen dokumentarisch-fiktionalen Formen zu begegnen.

LA FEMME AU COUTEAU (The Woman With a Knife, Timité Bassori, Elfenbeinküste 1969, 25.8.) Mit psychoanalytisch-surrealen Mitteln versucht Bassori, die Traumata eines aus Europa heimkehrenden jungen Mannes bildhaft zu fassen.

SHADOWS (Schatten, John Cassavetes, USA 1959, 25.8.) In der Zusammenstellung um Soleil Ô herum laufen zudem Cassavetes' SHADOWS und SALLY'S BEAUTY SPOT (Helen Lee, Kanada 1990), die die über den Black Atlantic gespannten Geschichten und Referenzen weiterführen. Sie akzentuieren sichtbar und hörbar die Macht der filmischen Mittel, Blackness und Color Line zu behaupten, zu kritisieren bzw. zu unterlaufen.

POLISARIO, UN PEUPLE EN ARMES (Polisario, A People in Arms, Med Hondo, F/Algerien 1978, 26.8.) POLISARIO wie auch Nous aurons toute la mort pour dormir (We Will Have All Death to Sleep, 1976) sind Hondos Dokumentarfilme, die mit der Widerstandsbewegung der Sahrawis entstanden sind und vom algerischen Fernsehen koproduziert wurden; POLISARIO wird mit Skip Normans CULTURAL NATIONALISM (BRD 1968) und NINE MUSES (John Akomfrah, GB 2010) in einen Kontext dokumentarisch-essayistischer Filme gesetzt. Die Idee der Temperatur und der Farbe führt dabei zurück zu Bezügen einer politisch/ästhetischen Entgrenzung: Schnee, Sand, dann Hitze und Eis sind nicht bloße Metaphern der Migration, sie sind empfindliche Bedingungen der gewollten und erzwungenen Mobilität, in denen sich die Geschichten zu wiederholen scheinen.

WEST INDIES (Med Hondo, F 1979, 27.8.) Das wütend opulente, sarkastische Geschichtsmusical über die Antillen und den französischen Sklavenhandel ist ein Kammerspiel auf einer schwankenden Sklavenschiffbühne, die so ziemlich alle Sets zwischen Disko und Gerichtsverhandlung umfasst und vor lauter Zitaten und Andeutungen förmlich explodiert. Der Versuch, sich diesem so schwerwiegenden Thema mit einer derartig rasenden Spielfreude zu widmen, ist ein echter Coup, ein verrücktes und verrückt machendes Spiel, das in alle Richtungen ausstrahlt.

BEATLES ELECTRONIQUE (Jud Yalkut, USA 1966–69, 27.8.), der die britischen Popikonen zu magnetisch abstrakten Loops und Breakbeats transformiert, wird zum Omen auf die subkutanen Substanzen einer Schwarz geprägten Popkultur. Er schlägt eine Sound-Brücke nach Haiti zu L'HOMME SUR LES QUAIS (Der Mann auf dem Quai, Raoul Peck, Haiti 1993, 27.8.). Peck lebte als Exilant in Zaire, bevor er an der dffb in Berlin studierte und mit dem Spielfilm an seinen Geburtsort Haiti zurückkehrte. L'HOMME SUR LES QUAIS evoziert das Duvalier-Regime, indem er haptische und musikalische Versatzstücke auffängt, wie um einem bösen Traum zu entrinnen.

HANDSWORTH SONGS (John Akomfrah, GB 1986, 29.8.) Während der Riots in London und Handsworth 1985 entstanden und auf die britische Berichterstattung reagierend, formuliert der Film persönliche und situative Begehren nach politischer Teilhabe und Mitsprache. Der Film dokumentiert nicht bloß die Wirklichkeit, er greift
in die Mechanismen der Repräsentation ein, schafft Platz für eine Black British künstlerische Position in der Öffentlichkeit und einen Raum der Abstraktion und Improvisation, der eine kritische Analyse ermöglicht. NIGHT MUSIC (Stan Brakhage, USA 1986, 29.8.) Der Experimentalfilmklassiker akzentuiert diesen sinnlich abstrakten Raum im Kino.

LUMIÈRE NOIRE (Black Light, Med Hondo, F 1994, 29.8.) Med Hondos Beschreibung einer klaustrophoben Flughafen-Geografie lässt kaum mehr als Verschwörungsgedanken zu. Die Abschiebung von Migrant*innen ohne gültige Aufenthaltspapiere, Fahrten durch Mali und verlassene französische Vorstadtindustrieruinen überlagern sich. Was (Alb-)Traum, was Wirklichkeit ist, wird schwer unterscheidbar; das Spiel der Farben und sozialen Temperaturen verstärkt die Konstellation mit LIGHTS (Marie Menken, USA 1964–66, 29.8.)

BORDERLINE (Kenneth Macpherson, GB/CH 1930, 29.8.) Der am Genfer See gedrehte experimentelle Stummfilm zeigt amerikanische Migrant*innen in der Schweiz in einem unbestimmen inneren und äußeren Erlebnisraum auf dem wackligen Boder des Begehrens und der Isolierung.

POURVU QU'ON AIT L'IVRESSE (Jean-Daniel Pollet, F 1957, 29.8.) Der unvergessliche Claude Melki feiert hier seinen ersten Filmauftritt in der Rolle eines melancholischen Music-Hall-Charakters, dem die Kamera folgt, als würde sie mit ihm einen trunkenen Ball tanzen.

FATIMA, L'ALGÉRIENNE DE DAKAR (Fatima, the Algerian Woman of Dakar, Med Hondo, F 2004, 30.8.) fragt nach der sozialen Distanz zwischen Opfern und Täter*innen in der Nachkriegszeit und den Perspektiven einer Wiedergutmachung.

SAMBIZANGA (Sarah Maldoror, F/Angola 1972, 30.8.). In sieben Wochen in der Volksrepublik Kongo gedreht, kommentiert Sarah Maldoror: "In Sambizanga wollte ich vor allem die Einsamkeit einer Frau ausdrücken, sowie die Zeit, die man zum Marschieren braucht." Als energetischer Ausklang folgt FREE RADICALS (Len Lye, USA 1958/79, 30.8.).

SARRAOUNIA (Der Kampf der schwarzen Königin, Med Hondo, F/Burkina Faso 1986, 31.8.) greift die Geschichte der gleichnamigen Königin auf, die 1899 den Krieg im Süden Nigers gegen die französische Kolonialarmee anführte. Der Film erzählt vom letztlich gescheiterten militärischen Widerstand gegen die französische Kolonialarmee. Hier wird das Kino zum Ergründungsort der in den Kämpfen um Unabhängigkeit neu bemessenen politischen Räume. Den wagemutigen Versuch, den Besatzern Einhalt zu gebieten, erkennt dieser Film an und verändert so das Geschichtsbild. Linton Kwesi Johnson reimte "It is no mystery, we're makin' history." Sein Song "Making History" spielt an die Geschichte Jamaikas und die Windrush-Generation an; zu sehen in MAKING HISTORY (Antenne 2, 18.10.1985, 31.8.). (mhg, bk & ea)

Zu den Filmen sprechen Martin Ambarra, Jean-Pierre Bekolo, Madeleine Bernstorff, Ute Fendler, June Givanni, Astrid Kusser Ferreira, Olivier Marbœuf, Shaheen Merali, Viktoria Metschl, Akin Omotoso, Pedro Pimenta, Abdoulaye Sounaye, Ibrahima Wane und die Kurator*innen Enoka Ayemba, Marie-Hélène Gutberlet und Brigitta Kuster. Wir erwarten als Gäste außerdem Max Annas, Ahmed Bedjaoui, Darryl Els, Pascale Obolo, Lyès Semiane, Cara Snyman.

Cours, cours, camarade, le vieux monde est derrière toi—Ausstellung mit Theo Eshetu (Archive Kabinett, 20.8.–10.9.), Sebastian Bodirsky und Guy Woueté (SAVVY Contemporary, 26.8.–3.9.); Workshop (silent green Kulturquartier & Archive Kabinett, 1.–3.9.).

Das Projekt wird gefördert im Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes. Dank an Zentrum Moderner Orient, Berlin, Goethe-Institut Yaoundé, Archive Kabinett, SAVVY Contemporary und silent green Kulturquartier.

Eine umfangreiche Broschüre kann hier als pdf heruntergeladen werden. Eine Broschüre zum Workshop hier.

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