September 2017, kino arsenal

Harun Farocki: Nacheinander / Nebeneinander (1)

NICHT LÖSCHBARES FEUER, 1969

"Nacheinander/Nebeneinander" ist die bisher umfangreichste Retrospektive des vor drei Jahren plötzlich verstorbenen Filmemachers, Installationsküntlers und Bildtheoretikers Harun Farocki, dessen Arbeit fast 50 Jahre umspannt. Gemeinsam mit der Ausstellung "Harun Farocki: Mit anderen Mitteln – By Other Means" (kuratiert von Antje Ehmann und Carles Guerra) im "neuen berliner kunstverein", der vom Harun Farocki Institut ausgerichteten Akademie "Farocki Now" im Haus der Kulturen der Welt und dem silent green Kulturquartier sowie der Publikation der Fragment gebliebenen Autobiografie "Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig" als Auftakt einer Schriftenausgabe gibt die Reihe von Mitte September bis November Gelegenheit, das Kino- und TV-Werk des Dokumentaristen in all seinen Verästelungen kennenzulernen oder wiederzusehen. Zahlreiche verloren geglaubte oder selten gezeigte Produktionen konnten dafür in Archiven recherchiert und zusammengetragen werden. Einige Beiträge – etwa Irena Vrkljans FAROQHI DREHT (1967) – sind noch nie zu sehen gewesen.

Drei Jahre nach Harun Farockis plötzlichem Tod im Sommer 2014 zeichnet sich die Vielseitigkeit ebenso wie die Konsistenz seiner fast 50 Jahre umspannenden Arbeit deutlich ab. Zwischen 1966, dem Jahr, in dem er an der neu gegründeten "Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin" (dffb) mit dem Studium begann, und 2013 drehte Farocki zahlreiche Kinofilme und Fernsehsendungen, schrieb filmkritische und zeit-diagnostische, oft polemische Texte, lehrte an Universitäten, Film- und Kunsthochschulen. Seit den 90er Jahren wurde er in immer weiteren Kreisen auch und vor allem als Installationskünstler und Bildtheoretiker wahrgenommen. Farockis Arbeiten verstehen sich nachdrücklich als Theorie, Kritik und Politik unterschiedlichster Bildtypen, aber sie sind auch beispielhaft für die genaue Analyse von Arbeitsprozessen im Zeitalter einer zunehmenden Maschinisierung von Produktion und Sehen. Die Bandbreite seiner Interventionen reicht von agitatorischen, flugblattartigen Filmen über selbstreflexive, assoziativ-offene Formen bis hin zu zurückhaltenden, geduldigen Beobachtungsstudien.

Die Retrospektive schlägt "Zwei Wege" (so der Titel von Farockis allererstem Film) durch das Werk vor. Unter dem Stichwort "Nacheinander" sind bis Ende November in insgesamt 37 Programmen alle derzeit verfügbaren Kino- und Fernsehproduktionen Farockis in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu sehen. Die Reihe konzentriert sich auf die Filme selbst und verzichtet auf eine Rahmung durch Gespräche oder Einführungen. "Nacheinander" zeigt nicht nur die erstaunliche Produktivität Farockis, dem es immer wieder gelang, unscheinbare Produktionsmöglichkeiten und -anlässe umzuwidmen und in längerfristige, mit Nachdruck verfolgte Projekte zu integrieren. In der Produktionschronologie lässt die Reihe auch unvermutete Beziehungen aufscheinen.

Die zweite, parallel zur chronologischen Abfolge programmierte Reihe heißt "Nebeneinander" und borgt sich damit einen Ausstellungstitel Farockis, um spezifische Bezüge im fast 50 Jahre umspannenden Korpus der Kino- und Fernseharbeiten sichtbar zu machen. Nebeneinander, das kann heißen: frühe Werke neben späten; scheinbare Gelegenheitsarbeiten neben zentralen Kinofilmen; Filme zu gemeinsamen Themen, die zeitlich auseinanderliegen. Die Reihe führt auch vor, wie eng verschiedene Praktiken Farockis miteinander zusammenhingen und ineinander griffen. Schreiben, Arbeiten für den Hörfunk, Fernsehsendungen und Kinofilme bildeten gemeinsam, wie Farocki dies 1975 nannte, ein "Verbundsystem". Jedes Programm wird von Einführungen oder Gesprächen mit Kolleg*innen, Freund*innen, Mitarbeiter*innen Farockis begleitet.

Eröffnung: Frühe Filme, 1966–1969 Zum Auftakt der Retrospektive sind Harun Farockis frühe Filme zu sehen. Neben einem kurzen TV-Beitrag für den Sender Freies Berlin – ZWEI WEGE (1966) – umfasst das Programm alle noch erhaltenen Arbeiten an der 1966 gegründeten „Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin“ (dffb), zu deren erstem Jahrgang Farocki gehörte. Während JEDER EIN BERLINER KINDL (1966) in der Auseinandersetzung mit Bierreklame bereits den bildkritischen Impuls späterer Werke ahnen lässt, rückt in DER WAHLHELFER (1967) und DIE WORTE DES VORSITZENDEN (1967) das Interesse für Politik und spielerische Intervention ins Zentrum. Einen Blick auf Farockis Arbeitsmethode in dieser Zeit erlaubt FAROQHI DREHT (1967), in dem Irena Vrkljan, ebenfalls Studentin des ersten dffb-Jahrgangs, die Dreharbeiten zu DER WAHLHELFER beobachtet. Auf zentrale politische Ereignisse des Jahres 1968 – die Anti-Springer-Kampagne und die amerikanischen Gewaltexzesse in Vietnam – reagiert Farocki in IHRE ZEITUNGEN (1968) und dem kurzen WHITE CHRISTMAS (1968) sehr direkt mit agitatorischen, für die politische Arbeit gedrehten Filmen. Mit anderen Kommilitonen wurde Farocki im November 1968 von der dffb relegiert. Durch Produktionsmittel des WDR konnte er dennoch NICHT LÖSCHBARES FEUER (1969) drehen, der mit einer bis heute beeindruckenden Geste des Filmemachers einsetzt und als modellhafte Untersuchung der Napalmproduktion zu einem wichtigen Film der Vietnam-Bewegung wurde. (15.9. zu Gast: Tom Holert, Doreen Mende, Volker Pantenburg)

Nacheinander: 1966–1981

DIE TEILUNG ALLER TAGE (mit Hartmut Bitomsky, 1970, 16.9.) Der "Lehrfilm zur politischen Ökonomie" erläutert Mechanismen der Ausbeutung im Kapitalismus. Ein Arbeiter am Fließband einer Glühbirnenfabrik erwirtschaftet Profit für den Fabrikbesitzer: "Wir schaffen den Reichtum." – "Aber es ist sein Reichtum." Neben den in Brechtscher Manier inszenierten Modellsituationen diskutiert Farocki den Film nach Vorführungen in Schulungskreisen und Roten Zellen.

EINE SACHE, DIE SICH VERSTEHT (15x) (mit Hartmut Bitomsky, 1971, 16.9.) Ein weiterer Lehrfilm, der in kurzen Episoden marxistische Theorien beispielhaft erklärt. Es soll ein "Verständnisprozess von Arbeitswerttheorie und Wertgesetz, Entfremdung und Fetisch" in Gang gesetzt werden, Begriffe wie Gebrauchswert, Tauschwert, Ware, Arbeitskraft werden in Spielszenen visualisiert und anhand von Frage-und-Antwort-Spielen erläutert.

AUVICO-SPOTS (mit Hartmut Bitomsky, 1970, 17.9.) Mit den "Audiovisuellen Codes" (kurz AUVICO) konzipierten Bitomsky und Farocki eine mehrteilige didaktische Serie zum Erlernen von Konventionen und Codes der Filmsprache. Darin verfolgten sie ihre Idee einer Wissensproduktion durch das eigene Herstellen von Zusammenhängen und einem damit einhergehenden prozesshaften Erkenntnisvorgang. Die Serie wurde nicht realisiert, zwei der prototypisch entstandenen Spots sollen zum ersten Mal präsentiert werden.

REMEMBER TOMORROW IS THE FIRST DAY OF THE REST OF YOUR LIFE (1972, 17.9.) Das Roadmovie, eine TV-Auftragsarbeit über den Radiosender American Forces Network (AFN), zeigt Farocki selbst am Steuer einer Citroën DS. Die Fahrt führt durch wenig befahrene Seitenstraßen vom Berliner AFN-Sendestudio an Hochbahnen vorbei bis in den Wald und auf die nächtliche Autobahn, um vor einer amerikanischen Kaserne zu enden. Ein betont sachlicher Kommentar kontrastiert die in "heavy rotation" gespielten Popsongs.

DIE SPRACHE DER REVOLUTION. BEISPIELE REVOLUTIONÄRER RHETORIK, UNTERSUCHT VON HANS CHRISTOPH BUCH (1972, 17.9.) Ein Filmessay über die revolutionäre Sprache: Als Beispiele dienen Ausschnitte von Reden der französischen Revolutionsführer Danton und St. Just, von Fidel Castro und Malcolm X, von Lenin und Rudi Dutschke.

SESAMSTRASSE: BAGGERLIED; CONTAINER, DOCK, DER WEG DES GELDES, HAMMER, SÄGEN (1973, 17.9.) 1973 drehte Farocki mehrere Folgen für die Sesamstraße, in denen er vor allem Objekte der kindlichen Lebensrealität – Werkzeuge, Verkehrsmittel – in den Mittelpunkt stellte, vom Erfahrbaren und Konkreten ausging.

MAKE UP (1973, 17.9.) "Der Visagist Serge Lutens ist zu sehen, wie er das Gesicht des Models mit Pulver überschüttet, den Puder in minutenlanger Arbeit einreibt. Aus dem Gesicht wird ein Blatt, grundiert zur Bemalung. Aus Fleisch wird etwas, das wie Marmor aussieht. Es scheint, für die Schönheit müsse das Leben erstarrt werden." (HaF)

BRUNNER IST DRAN (1973, 17.9.) In der Auftragsarbeit des SFB sollte Farocki einen Kurzfilm nach Motiven der Erzählung "Le mauvais vitrier" von Charles Baudelaire drehen. Stattdessen machte er einen Film über einen Arbeiter, der von seinem Chef erpresst wird.

EINMAL WIRST AUCH DU MICH LIEBEN. ÜBER DIE BEDEUTUNG VON HEFTROMANEN (mit Hartmut Bitomsky, 1973, 17.9.) Zwei unterschiedliche Geschichten werden in Form eines Spielfilms erzählt: Handlungen aus einem Groschenroman und Begebenheiten aus dem Leben der vermeintlichen Konsument*innen von Groschenromanen, Arbeiter*innen auf dem Bau und in der Fabrik, jeweils in ihrer eigenen Ästhetik gehalten.

DER ÄRGER MIT DEN BILDERN. EINE TELEKRITIK VON HARUN FAROCKI (1973, 21.9.) Eine Kritik an Fernseh-Features, in denen "der Lärm des Kommentars die Wahrnehmung verhindert" und den wahllos aneinandergereihten Bildern die Rolle der Illustration zugewiesen wird. "Ich will zeigen, dass die meisten Features so sind, dass einem die Lust und das Interesse an der wirklichen Welt vergeht." (HaF)

MODERATOREN IM FERNSEHEN (1974, 21.9.) „Ein Beitrag, der untersucht, mit welchen Mitteln Moderatoren von einem Beitrag zum nächsten überleiten und damit die Evidenz des vorigen, des folgenden, aller Beiträge, ihrer selbst usw. beweisen.“ (HaF) MODERATOREN war für die Reihe "Telekritik" des WDR vorgesehen, wurde jedoch nicht gesendet.

DIE ARBEIT MIT BILDERN. EINE TELEKRITIK VON HARUN FAROCKI (1974, 22.9.) Eine Erkundung der Bildkonzeption in Informationssendungen des Fernsehens. Anhand von konkreten Beispielen zeigt Farocki die Wirklichkeitsferne der Fernsehwelt, die mangelnde Neugier und Sorgfalt im Umgang mit Bildern und Tönen, die Armut der filmischen Sprache.

ÜBER "SONG OF CEYLON" VON BASIL WRIGHT (1975, 22.9.) Im Beitrag für die TV-Reihe "Telekritik" zeigt und kommentiert Farocki Ausschnitte aus "Song of Ceylon" (GB 1934) von Basil Wright und geht damit zurück in die Filmgeschichte, um aus ihr Modelle für eine andere Wirklichkeitsabbildung abzuleiten.

ERZÄHLEN (mit Ingemo Engström, 1975, 22.9.) "Eine Sendung, in der die Arbeit der Autorschaft stattfindet." In Gesprächen zwischen den drei Protagonist*innen (Ingemo Engström, Harun Farocki, Hanns Zischler) kristallisieren sich Vorstellungen vom filmischen Erzählen heraus.

DIE SCHLACHT. SZENEN AUS DEUTSCHLAND (mit Hanns Zischler, 1976, 22.9.) 1976 inszenierten Harun Farocki und Hanns Zischler Heiner Müllers Bühnenstück "Die Schlacht" am Stadttheater Basel, aus der auch eine Fernsehfassung entstand.

EINSCHLAFGESCHICHTEN (BRD 1976/77, 24.9.) Im Zentrum der für Kindersendungen des Fernsehens entstandenen kurzen EINSCHLAFGESCHICHTEN stehen zwei Mädchen (Farockis Töchter), die die Zeit vor dem Einschlafen mit Imaginiertem füllen.

EIN BILD VON SARAH SCHUMANN (1978, 24.9.) zeigt die Entstehung eines Bildes der Malerin Sarah Schumann, an dem sie neun Wochen gearbeitet hat. Der Film entstand für die TV-Reihe "Kunstgeschichten" des WDR.

DAS GROSSE VERBINdUNGSROHR (Hörspiel, 1976, 24.9.) ergab sich aus der Recherche zu ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (1978). In einer Montage aus Originalzitaten wird die Entwicklung des Verbindungsrohrs erzählt, das in den 20er Jahren erfunden wurde, um die in der Stahlerzeugung freiwerdende Energie wieder dem Produktionsprozess zuzuführen – eine Methode, die sich auch auf Farockis eigene Arbeitsweise anwenden ließe.

INDUSTRIE UND FOTOGRAFIE (1979, 24.9.) ergab sich ebenfalls aus der Arbeit an ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN und verwendet dabei entstandene Fotos und Aufnahmen zu einer Reflexion über Bild und Repräsentation und den Gebrauchswert von privaten und gewerblichen Bildern.

ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (1978, 26.9.) Farockis vielleicht wichtigstem Film der 70er Jahre geht eine sechsjährige Entstehungsgeschichte voraus. Die Entwicklung der Schwerindustrie von 1917 bis 1933 und die ökonomischen Ursachen des Faschismus werden darin ebenso untersucht wie die Arbeitsbedingungen des Filmemachers selbst.

SINGLE. EINE SCHALLPLATTE WIRD PRODUZIERT (1979, 28.9.) Farocki beobachtet und dokumentiert die Einspielung eines dreiminütigen Popsongs in einem Plattenstudio. Sein Interesse an Arbeitsprozessen richtet sich auch auf die Kulturindustrie, in der Musikproduktion als arbeitsteiliger Prozess verstanden wird.

ZUR ANSICHT: PETER WEISS (1979, 28.9.) "Am 17. und 18.6. 1979 waren wir in Stockholm bei Peter Weiss zu Besuch. Wir sprachen mit ihm über die Arbeit an seinem Buch "Die Ästhetik des Widerstands". Weiss hat unvorstellbare Materialforschung gemacht, das Leben einer Person, die als Modell dient, bis ins Kleinste studiert und, was für ihn sehr wichtig ist, fast immer den Schauplatz der Handlung aufgesucht. Der Film gibt eine Vorstellung von dieser Arbeit." (HaF)

DER GESCHMACK DES LEBENS (1979, 30.9.) Impressionen eines Berliner Sommers, flüchtige, absichtslose Skizzen des Alltags. "Zweieinhalb Monate lief ich mit der Kamera herum und ein paar Bilder habe ich zu diesem Film zusammengestellt." (HaF)

STADTBILD (1981, 30.9.) Farocki erkundet in dem Fernsehbeitrag das Verhältnis von alter und neuer Architektur in der deutschen Nachkriegszeit. Er zeigt Fotografien der Architektur Berlins, befragt Architektur- und Stadthistoriker, Fotografen und Schriftsteller.

Nebeneinander: Ein Lexikon filmischer Ausdrücke

Die drei ersten Programme von "Nebeneinander" rekonstruieren einige der Interessen Farockis in den 70er Jahren. Sie stellen besonders die Auseinandersetzung mit künstlerischer und literarischer Arbeit ins Zentrum. Zudem zeigen sie, wie regelmäßig Farocki Arbeiten mit dem WDR realisieren konnte; vor allem mit der Filmredaktion und Redakteuren wie Werner Dütsch, aber auch mit anderen Abteilungen des Senders.

Berlin, 1978/79: Zweimal Westberlin, zweite Hälfte der 70er Jahre. Ein geduldiger Blick auf den Arbeitsprozess der Malerin Sarah Schumann, die ihre Bilder Schicht für Schicht komponiert. Die Künstlerin und Musikerin Michaela Melián (FSK), die EIN BILD VON SARAH SCHUMANN (1978) vor einigen Jahren wiederentdeckte, stellt den Film gemeinsam mit der Malerin vor. Dazu: Blicke aus dem Fenster, beiläufige und alltägliche Blicke auf einen Berliner Sommer, Szenen im Park – DER GESCHMACK DES LEBENS (1979). (16.9., zu Gast: Sarah Schumann und Michaela Melián)

Die Arbeit der Autorschaft: ERZÄHLEN (1975), in einem ersten Exposé als "filmessai" bezeichnet, ist gemeinsam mit der Filmemacherin Ingemo Engström entstanden. Der Film, der gemeinsam mit zwei Beiträgen Farockis zum Kinderfernsehen gezeigt wird, verfolgt zwei Forschende, gespielt von Engström und Farocki, die nach einer Form für ihre Recherchearbeiten suchen und dabei – unterstützt von Hanns Zischler – über die Strukturen des Erzählens nachdenken. (16.9., zu Gast: Hanns Zischler und Ingemo Engström)

Farocki/Weiss: Farocki war fasziniert und beeindruckt von Peter Weiss' Buch "Die Ästhetik des Widerstands". Nach dem Erscheinen des zweiten Bandes des Romans besuchte er den Schriftsteller für ein langes Gespräch in Stockholm. Die Sendung ZUR ANSICHT: PETER WEISS (1979) konnte dank der Recherchen von Carles Guerra vor einigen Jahren aus dem Archiv des WDR geholt werden. Sie wird gemeinsam mit einem Video-Gespräch gezeigt, das der katalanische Kurator 2011 mit Farocki über Peter Weiss führte. (17.9., zu Gast: Carles Guerra)

Überwachen und beraten: Das Gespräch HORST GROTHUS. UNTERNEHMENSBERATER (1975), für den WDR-Hörfunk realisiert, macht deutlich, wie früh Farocki sich für Fragen der Arbeitsorganisation und ihrer Optimierung interessierte. Die Vermessung der Arbeitswege und Quantifizierung der Prozesse, die Farocki mit dem Autor von „Motiviert, engagiert, produktiv“ (1972) und "Die totale vorbeugende Instandhaltung" (1974) diskutiert, wird fast 40 Jahre später in EIN NEUES PRODUKT (2012), der Arbeitsbeobachtung des Quickborner Teams, erneut eine wichtige Rolle spielen. (19.9. zu Gast: Nina Möntmann und Sabeth Buchmann)

Bilderschatz (1): Schon in den 70er Jahren stellte sich Farocki eine "Bilderbibliothek" vor, die wie eine öffentliche Bücherei organisiert sein und dokumentarisches Material als "visuelle Ausdrücke" bereitstellen sollte. In den 90er Jahren kam Farocki auf diese Idee zurück und widmete ihr drei Filme. Ausgehend von einem der ersten Topoi des Kinos, dem Fabriktor, verfolgte er in ARBEITER VERLASSEN DIE FABRIK (1995) Variationen des Motivs durch die Filmgeschichte. Gemeinsam mit Medienwissenschaftlern suchte er in der Folge nach hermeneutischen oder technisch-algorithmischen Verfahren, Bilder zu sortieren und adressieren. Zusammen mit DER AUSDRUCK DER HÄNDE (1997) bildet Arbeiter verlassen die Fabrik zwei Einträge in einem fiktiven Wörterbuch filmischer Ausdrücke. Jörg Becker arbeitete an beiden Filmen eng mit Farocki zusammen und hat die Recherche und Beschreibung filmischer Topoi seitdem in Texten weitergeführt. (20.9., zu Gast: Michael Baute und Jörg Becker)

Bilderschatz (2): GEFÄNGNISBILDER (2000) ist ein weiterer Baustein in einem solchen Archiv, das sich "filmischen Ausdrücken" und ihrer Ikonografie, Ökonomie und Politik widmen würde. Beide früheren Filme finden sich hier wieder: Das Gefängnistor erinnert an das Fabriktor, und innerhalb der Haftanstalten werden die Insassen in handwerklichen Arbeiten diszipliniert, die sie moralisch bessern sollen. Farocki war angetan vom Buch "Corpi e luogh", das die Filme Pier Paolo Pasolinis in ähnlicher Weise wie eine "Bildbank" nutzt und nach Motiven organisiert und eine Unzahl von Bildern aus seinen Filmen nach Kriterien von Ähnlichkeit und Differenz organisiert. Benedikt Reichenbach, der 2014 das Buch "Harun Farocki: Diagrams" konzipierte, hat "Corpi e Luoghi" neu herausgegeben und spricht über Farocki, Pasolini und das diagrammatische Bild (20.9., zu Gast: Volker Pantenburg und Benedikt Reichenbach).

Farocki/Müller: Anfang der 80er Jahre publizierte Farocki ein ausführliches Gespräch mit Heiner Müller in der Zeitschrift „Filmkritik“. Kaum bekannt ist, dass unter dem Titel OST – WEST 1981 ein Teil dieses Gesprächs in der Fernsehsendung "Kino '81" ausgestrahlt wurde. Noch weniger bekannt ist die TV-Fassung der Inszenierung von Müllers Stück DIE SCHLACHT. SZENEN AUS DEUTSCHLAND (1976), die Farocki gemeinsam mit Hanns Zischler im gleichen Jahr in Basel auf die Theaterbühne brachte. Um die Konstellation Farocki/Müller und darüber hinaus Farockis kontinuierliches Interesse für die Entwicklungen in der DDR zu diskutieren, werden beide Filme zusammen mit DIE HAMLETMASCHINE (1978), einer gemeinsamen Hörfunkproduktion Müllers und Farockis vorgestellt. (23.9., zu Gast: Thomas Heise und Jan Ralske)

Gebaute Räume: Nicht erst in seinem Porträt des Architekturbüros Sauerbruch/Hutton (2013) zeigte sich Farocki interessiert daran, wie gebauter Raum und filmisches Bild aufeinander einwirken und einander verändern. STADTBILD (1981) und INDUSTRIE UND FOTOGRAFIE (1979) beleuchten das Verhältnis städtischer und industrieller Bauten zu ihrer Darstellung im fotografischen Bild. (27.9., zu Gast: Wilfried Kühn)

Alphabetisierung des Blicks: Als Aufforderung und Appell, Bilder genau zu lesen und ihrer phrasenhaften Verwendung zu misstrauen, lassen sich fast alle Filme Farockis auffassen. Das WDR-Sendeformat "Telekritik" (Redaktion: Angelika Wittlich) hatte den expliziten Auftrag, Fernsehkritik im Medium selbst zu formulieren. In DIE ARBEIT MIT BILDERN. EINE TELEKRITIK (1974) untersucht Farocki existierende Features und die "Drückebergerei vor der Wirklichkeit" (Farocki), die in ihnen praktiziert wird. In ÜBER SONG OF CEYLON VON BASIL WRIGHT (1975) wird der britische Film von 1934 zum Beispielfall gelingender dokumentarischer Praxis. Genaues Hinschauen auf Details als wirkungsvolle Maßnahme zur Alphabetisierung des Blicks. (29.9., zu Gast: Michael Baute und Stefan Pethke) (al/vp)

"Harun Farocki: Nacheinander/Nebeneinander" wird im Oktober und November fortgesetzt. Das Programm ist Teil der Harun Farocki Retrospektive, eines Projekts des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) in Kooperation mit dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst, dem Harun Farocki Institut, der Harun Farocki GbR, dem silent green Kulturquartier, dem Verlag der Buchhandlung Walther König, Savvy Contemporary und dem Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Berlin Art Week, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

September '17