Dezember 2017, kino arsenal

Neues französisches Kino

MILLA, 2017

Das Arsenal präsentiert im Rahmen der Französischen Filmwoche aktuelle Filme aus Frankreich, die in den letzten Jahren international viel Beachtung fanden, für die sich hierzulande jedoch bedauerlicherweise kein Verleih gefunden hat. Im Fokus stehen fünf herausragende Arbeiten des französischen Kinos aus den Jahren 2013 bis 2017, die von künstlerisch eigensinnigen Filmemacherinnen stammen: Pascale Breton, Léonor Serraille, Claire Simon, Rebecca Zlotowski sowie Valérie Massadian, die zur Deutschlandpremiere ihres jüngst u.a. in Locarno preisgekrönten Films MILLA zu Gast sein wird.

MILLA (Valérie Massadian, Frankreich/Portugal 2017, 1.12., in Anwesenheit von Valérie Massadian & 6.12.) Die 17-jährige Milla und ihr Freund Leo haben nur einander. Die beiden Herumtreiber richten sich mit Fundstücken vom Sperrmüll in einem leer stehenden Haus ein. Es liegt in einer Hafenstadt am Ärmelkanal, der Wind pfeift durch die kaputten Fenster. Ihre Liebe ist verspielt und ausgelassen. Day after day, I will walk and I will play … Als Milla schwanger wird, beginnt Leo, auf einem Fischkutter zu arbeiten. Nach seinem plötzlichen Tod ist sie auf sich allein gestellt, schlägt sich als Zimmermädchen in einem Hotel durch und kümmert sich schließlich um ihren kleinen Sohn. Valérie Massadian inszeniert mit einer Laiendarstellerin das naturalistisch angelegte, lyrisch-unsentimentale Porträt einer jungen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt –  unterbrochen von Momenten der Künstlichkeit wie vorgetragene Gedichte oder der Auftritt eines Duos mit einem Song von Violent Femmes: Why can’t I get just one kiss?!  

GRAND CENTRAL (Rebecca Zlotowski, Frankreich/Österreich 2013, 2.12.) Gary (Tahar Rahim), ein ungelernter Arbeiter, findet nach einer Reihe von Gelegenheitsjobs eine Anstellung in einem Atomkraftwerk. Ausgestattet mit einem Messgerät, arbeitet er nah am Reaktor im Bereich der stärksten Strahlung. Trotz der gesundheitlich riskanten Bedingungen mag er seine neue Aufgabe, denn er bekommt, was er lange gesucht hat: Geld, Freunde und eine Frau (Léa Seydoux) – die allerdings mit seinem Kollegen Toni liiert ist. Es entwickelt sich ein fatales Liebesdreieck, doch Gary scheut keine Gefahr, weder die verbotene Beziehung noch die radioaktiv verstrahlte Arbeit. Bis es zur Kernschmelze der Gefühle kommt … Ein Melodram im Schatten von Reaktortürmen, mit pulsierendem Soundtrack und einem subtilen Kontrast zwischen den digitalen Aufnahmen aus dem Innern des Werks und den analog gedrehten Bildern im Freien.

JEUNE FEMME (Montparnasse Bienvenüe, Léonor Serraille, Frankreich 2017, 2. & 6.12.) Paula will mit dem Kopf durch die Wand. Wie ein großes Kind. Nach einem Auslandsaufenthalt wieder zurück in Paris, steht die 31-Jährige vor verschlossenen Türen. Ihre Beziehung mit einem Fotografen ist am Ende, zu ihrer Mutter hat sie keinen Kontakt und sogar die beste Freundin hat genug von ihrer chaotischen Art. Ohne Wohnung und Geld, nur mit ihrer Katze als Gefährtin, schlägt sie sich durch in der großen Stadt. Jobs als Kindermädchen und als Dessous-Verkäuferin verschaffen dem impulsiven Energiebündel ein wenig Halt, und auf den heftigen Sturm aus schwankenden Emotionen folgt schließlich ein Neubeginn. Das elliptisch erzählte Spielfilmdebüt von Léonor Serraille reiht in rasantem Tempo Szene an Szene, im Zentrum stets die furiose Hauptdarstellerin Laetitia Dosch. Die Charakterstudie einer Frau in der Krise, voller Vitalität und Witz.  

SUITE ARMORICAINE (Pascale Breton, Frankreich 2015, 3. & 5.12.) Die Kunsthistorikerin Françoise (Valérie Dréville) kehrt zurück nach Rennes, um an der Universität zu unterrichten, an der sie einst selbst studiert hat. Ihre erste Vorlesung ist einem Gemälde von Poussin und der arkadischen Idylle gewidmet. Im Lauf des Studienjahrs öffnet sie sich ihrer Vergangenheit: Sie trifft ehemalige Kommiliton*innen, hat einen bretonischen Traum, gibt Kindheitserinnerungen und Selbstbefragung Raum und lässt Paris, ihren Lebensgefährten und ihre Psychoanalyse immer weiter hinter sich. Der junge Geografiestudent Ion verliebt sich derweil in die blinde Lydie und campiert in der Uni-Bibliothek, um seiner von ihm verleugneten, obdachlosen Mutter zu entkommen – die in den 80er Jahren mit Françoise befreundet war. Ohne Nostalgie, mit fluiden, traumhaften Erzählbewegungen, akzentuiert von klassischer Musik und Punkrock, schichtet der symphonische Film verschiedene Zeitlichkeiten übereinander und verortet Arkadien im Hier und Jetzt.

LE BOIS DONT LES RÊVES SONT FAITS (The Woods Dreams Are Made of, Claire Simon, Frankreich/Schweiz 2015, 4.12.) Was treibt den Städter in den Wald? Ein Obdachloser füllt am Brunnen Plastikflaschen. Jogger, Fahrradfahrer und Fußballspieler gehen ihrem Sport nach. Ein übernächtigter Tänzer macht die Wiese zur Disco. Exilkambodschaner feiern das neue Jahr. Eine Prostituierte zeigt ihr imaginäres Bordellzimmer. Ein Voyeur erklärt sich, ein ehemaliger Fallschirmspringer führt durch seinen Fitnessraum und Emilie Deleuze muss konstatieren, dass von der Uni, an der ihr Vater Philosophie lehrte, nichts übrig ist. Es ist ein breit gefächertes Spektrum an Menschen, dem die Filmemacherin Claire Simon im „Bois de Vincennes“, einem der beiden als Landschaftsparks gestalteten Stadtwälder von Paris, begegnet. Ein Jahr lang, im Wechsel der Jahreszeiten, bei Tag und bei Nacht ist sie dort unterwegs, beobachtet, fragt nach und macht sich aus dem Off die Gedanken einer Flaneurin. Der Wald erweist sich als ein Ort für alle, ein mit der Metro erreichbares Paradies. (bik)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Französischen Filmwoche Berlin und dem Büro für Film und Medien des Institut français Deutschland. Dank an Emilie Boucheteil und Anne Vassevière.