September 2013, kino arsenal

Redaktion Inge Classen

SEHNSUCHT, 2006

Es gibt in Deutschland kaum Kinofilme, die ohne Fernsehgelder entstehen. Aufgrund der Filmförderrichtlinien gehen wesentliche Weichenstellungen in der Entwicklungsgeschichte eines Films von den öffentlich-rechtlichen Sendern aus. Den Förderentscheidungen der TV-Redaktionen kommt deshalb im Entstehungsprozess von Filmen große Bedeutung zu. In ihrer Funktion als ZDF-Redakteurin und langjährige Leiterin der Filmredaktion bei 3sat hat sich Inge Classen über 20 Jahre lang mit aller Kraft dafür eingesetzt, dass mit Hilfe von Fernsehgeldern auch Filmkunst entstehen kann und dafür regelmäßige Programmplätze eingerichtet. Mit Leidenschaft und Sachverstand hat sie auch sperrige Stoffe und ungewöhnliche ästhetische Formen durchgesetzt – sowohl beim Dokumentar- als auch beim Spielfilm. Sie hat sich für eigensinnige Autoren-Handschriften engagiert, FilmemacherInnen mit einer spezifischen Vision vom Kino unterstützt und zahlreiche Filme gefördert, die das deutsche Kino in künstlerischer Hinsicht bereichert haben. Um die Arbeit und die Verdienste von Inge Classen nach ihrem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand zu würdigen, zeigen wir vier Filme, die unter ihrer Redaktion entstanden sind und die Vielfalt ihrer Projekte andeuten. Wir freuen uns sehr, dass Inge Classen zu Gast ist, um die Filme gemeinsam mit den FilmemacherInnen und anderen Beteiligten wie zum Beispiel der Cutterin Bettina Böhler zu präsentieren.

SEHNSUCHT (Valeska Grisebach, D 2006, 5.9.) Ella und Markus sind ein Paar seit Kindertagen. Bei einem Ausflug mit der Freiwilligen Feuerwehr lernt der Ehemann und Vater eine andere Frau, Rose, kennen. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, und eine Dreiecksgeschichte beginnt. Markus liebt seine Frau, doch er liebt auch Rose. Eine große Liebesgeschichte in einem kleinen Dorf in Brandenburg, erzählt mit Laiendarstellern. Sie führen eine Aneignung von Gefühlen und Worten vor und gehen dabei nie ganz in ihren Rollen auf. Die dokumentarische Anmutung ist also komplex gebrochen: eine sehr besondere Mischung von melodramatischer Tragödie und präziser Lebenswirklichkeit.

CHARLOTTE RAMPLING – THE LOOK (Angelina Maccarone, F/D 2011, 5.9.) Die britische Schauspielerin Charlotte Rampling erregte Aufsehen mit ihren Rollen in Liliana Cavanis Nachtportier, Nagisa Oshimas Max, mon amour, bei Woody Allen und François Ozon. Die faszinierende Frau mit dem geheimnisvollen Blick steht im Zentrum dieses ungewöhnlichen Porträtfilms, der in neun Kapiteln verschiedene Facetten ihrer Person anhand von Gesprächen mit ausgesuchten Weggefährten erzählt. Mit den Fotografen Peter Lindbergh und Jürgen Teller, dem Schriftsteller Paul Auster u.a. unterhält Rampling sich über Themen wie Alter, Schönheit, Tabus, Dämonen, Begehren. Ihr Geheimnis bleibt dabei gewahrt.

IM SCHATTEN (Thomas Arslan, D 2010, 6.9.) Trojan (Mišel Matičević) wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und plant umgehend den nächsten Coup. Während der Vorbereitungen zum Überfall eines Geldtransporters gemeinsam mit einem alten Freund schickt ihm ein ehemaliger Komplize zwei Killer auf den Hals. Außerdem muss der wortkarge Profi sich eines korrupten Zivilpolizisten (Uwe Bohm) erwehren. Ein spannender Kriminalfilm, ein Neo-Film-Noir in Berlin – veritables Genrekino, das sich auf den Alltag der Gangster, ihre Bewegungen und Gesten sowie die handwerklichen Aspekte ihrer Arbeit konzentriert, ohne die Figuren mit persönlichen Geschichten zu beladen.

UNSER TÄGLICH BROT (Nikolaus Geyrhalter, Österreich 2005, 6.9.) Ein Flugzeug, das über einem Sonnenblumenfeld Pflanzenschutzmittel versprüht, Szenen aus Schlachthöfen, Legebatterien und Monokulturen in riesigen Gewächshäusern – Schauplätze der industriellen Nahrungsmittelproduktion, eine Welt, die von Maschinen beherrscht wird. Monumentale Räume, surreale Landschaften und bizarre Klänge. Keine Interviews, kein Kommentar – ein Dokumentarfilm ohne ein gesprochenes Wort. In langen statischen Einstellungen, sorgfältig kadriert und in symmetrischen Totalen komponiert, reihen sich die Bilder im Breitwandformat aneinander und machen den hochtechnisierten Charakter der Lebensmittelherstellung augenfällig.