juni 2017, living archive

Filmmakers' Choice – Irrfahrt und kosmische Resonanz

Die nächste Veranstaltung unserer Reihe Filmmakers' Choice präsentiert Lucile Desamory am 26.6. In LA CABALE DES OURSINS stellt Luc Moullet Bergbauhalden neben Vulkane und Pyramiden. Als pataphysischer Kartograph entwirft er ein Brachland der geheimen Pfade seiner Kindheitserinnerungen. Die Ansichten verschieben sich, was als historisches Monument, große Naturlandschaft oder Industriemüll gilt. Mein Interesse gilt dem Moment, in dem diese Verschiebung passiert, dem "Dazwischen" und seinen emotionalen Auswirkungen. CORPUS CALLOSUM (Michael Snow) verbindet einen Realismus der normalen Metamorphose in glaubwürdigen, "realen" Innenräumen mit "unmöglichen" Formveränderungen. In beiden Filmen ist die Verschiebung ein physischer Ort, ein Riss: der Ort der Verzückung. Beide Filme führen die Zuschauer*innen zum Gleichgewichtspunkt wechselnder Wahrnehmungsmodi.

juni 2017, living archive

Öffentliche Sichtung am 14.6.

Nachdem in der letzten Öffentlichen Sichtung des Harun Farocki Instituts ihr Film Chircales zu sehen war, zeigen wir am 14. Juni NUESTRA VOZ DE TIERRA, MEMORIA Y FUTURO (Unsere Stimme von Erde, Erinnerung und Zukunft) von Marta Rodriguez und Jorge Silva. 1981 gedreht, hatte der Film 1982 beim Forum der Berlinale seine Erstaufführung, für die eine deutsch untertitelte 16-mm-Kopie hergestellt wurde. 1933 in Bogotá, Kolumbien, geboren, studierte Marta Rodriguez dort Anthropologie, bevor sie ein Filmstudium in Paris anschloss. Gemeinsam mit dem Kameramann Jorge Silva drehte sie zahlreiche anthropologische Dokumentarfilme über indigene Kulturen in den Anden. NUESTRA VOZ DE TIERRA, MEMORIA Y FUTURO widmet sich unter Verwendung fiktionaler Elemente dem Kampf um Landrückgewinnung, dem Versuch, die Vergangenheit politisch und die Gegenwart historisch zu sehen.

juni 2017, living archive

Vaginal Davis präsentiert Rising Stars, Falling Stars – Sweet 16 mm, Never Been Kissed

Es ist wieder so weit: Am 11. Juni präsentiert Archiv-Expertin Vaginal Davis gemeinsam mit Daniel Hendrickson im silent green ihre neuen analogen Funde: zwei Folgen des Beat-Club, Aufnahmen aus der ersten Musikshow mit englischsprachigen Interpreten im deutschen Fernsehen. Von 1965 bis 1972 war die Show bei Radio Bremen zu sehen, durch die Sendungen führte Uschi Nerke mit wechselnden Ko-Moderatoren. Bei der ersten Ausstrahlung entschuldigte sich der TV-Ansager noch bei all jenen, die keine Beat-Musik mochten, aber schon bald erlangte die Sendung Kultstatus. Zu sehen sind Auftritte von Cat Stevens, den Bee Gees, Jimi Hendrix und The Who, ergänzt durch Überraschungs-Clips aus Ms. Davis' eigener Sammlung.

mai 2017, living archive

Das Archiv lebt

Wir freuen uns, dass viele der 43 Arbeiten des 12. Forum Expanded dauerhaft Eingang in unsere Sammlung gefunden haben. 28 von ihnen konnten in das Verleihangebot des Arsenal übernommen werden. Sie stehen nun für weitere Vorführungen und Ausstellungen zur Verfügung.

Außerdem steht seit Februar ein Archiv des Musiklabels !K7 für Sichtungszwecke in unseren Räumen bereit. Subkultur Berlin 80 enthält weitgehend unveröffentlichte Videos der West-Berliner Musikszene der 80er Jahre. Aufgenommen wurden sie von dem Videokollektiv United Video System, aus dem 1985 !K7 hervorgegangen ist.

Ab 1982 filmte das Kollektiv um Stephan Guntli, Michael Huse, Horst Weidenmüller, Reiner Bumke und Karl-Heinz Dohms in Zusammenarbeit mit vielen freischaffenden Filmemachern Avantgardekonzerte in Berliner Clubs. Über 50 Bands haben sie dokumentiert. Darunter Auftritte der Einstürzenden Neubauten, Malaria, Matador, Nick Cave, Fehlfarben, Diamanda Galas, Lydia Lunch, Crime and The City Solution, Shark Vegas, Swans, Wiseblood, Young Gods, Stephan Eicher, Mike Vamp, Mona Mur sowie der vielen Größen, die in Clubs wie dem Metropol, dem Loft, SO36 oder den Pankehallen spielten. Zu sehen waren sie im Café Swing am Nollendorfplatz. Wenn in dem Szenetreff keine Konzerte statt-fanden, veranstaltete man thematische Videoabende. Ein konkurrenzloses Angebot. Für das Subkultur/Berlin 80 Event, das 2016 im silent green stattfand, hat Horst Weidenmüller zusammen mit Mark Reeder das gesamte Videoarchiv aufbereitet. Die digitalisierten Videos wurden dem Arsenal-Archiv übergeben und stehen dort zur indivuellen Sichtung bereit.

mai 2017, living archive

Öffentliche Sichtung –
 Das Harun Farocki Institut präsentiert

In einer Öffentlichen Sichtung am 16. Mai präsentiert das Harun Farocki Institut zwei Filme von Claudia von Alemann aus dem Archiv des Arsenal.

Bereits während ihrer Studienzeit am Institut für Filmgestaltung der HfG Ulm entwickelte Claudia von Alemann filmische Gegenerzählungen zur gesellschaftlichen Funktion der Frau vor und hinter der Kamera. In ES KOMMT DRAUF AN, SIE ZU VERÄNDERN (BRD 1973) geht Alemann an Frauenarbeitsplätze in den Adler-Werken in Frankfurt oder bei Leitz-Optik in Wetzlar, wo sie die Formen der Industriearbeit von Frauen untersucht und sichtbar macht: Fabrik und Familie sind Orte der Ausbeutung, die es nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern gilt. Zum gleichen Zeitpunkt in Kolumbien: Marta Rodríguez and Jorge Silva realisieren CHIRCALES (1966–1972), eine "cine-sociology" (Julianne Burton) über die Familie Castañeda, eine Ziegelei-Familie am Stadtrand von Bogotá. Im Anschluss Gespräch mit Claudia von Alemann.

april 2017, living archive

Filmmakers' Choice: Afrikanische Spiegel und Trugbilder

Die nächste Ausgabe unserer Reihe Filmmakers' Choice präsentiert am 26.4. Felipe Bragança: Zwei Filme über die Projektionen und Repräsentationen traumatischer Momente in der Beziehung zwischen dem afrikanischen Kontinent und der kolonialen Politik und Gewalt Europas. ESCAPE FROM MY EYES (Felipe Bragança, Brasilien/Deutschland 2015) erzählt von einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die 2013 in Berlin wohnen. MUEDA – MEMÓRIA E MASSACRE (Ruy Guerra, Mosambik 1979) entstand als dramatische Repräsentation und Dokumentation eines der gewalttätigsten Augenblicke der mosambikanischen Geschichte. MUEDA, der inszenierte Szenen mit Interviews vermischt, gilt als erster Spielfilm in der Geschichte des unabhängigen Mosambik und wurde vom brasilianisch-mosambikanischen Regisseur Ruy Guerra gedreht. Beide Filme versuchen auf unterschiedliche Weise, durch gegenwärtige Reinterpretationen ihrer Charaktere ein Gefühl des Erinnerns zu erlangen.

april 2017, living archive

Öffentliche Sichtung

Seit Februar ist ein neuer Living-Archive-Stipendiat zu Gast: Didi Cheeka, Off-Nollywood-Filmemacher, Kritiker und Mitbegründer der Lagos Film Society. Als Initiator des Projekts "Reclaiming History, Unveiling Memory" hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das kürzlich entdeckte Filmarchiv der "Nigeria’s Colonial Film Unit" aufzuarbeiten. Das Arsenal unterstützt dieses Vorhaben und ist derzeit u.a. mit der Restaurierung des Films Shaihu Umar von Adamu Halilu (1976) beschäftigt. Außerdem erforscht Didi Cheeka während seines Stipendiums das Archiv des Arsenal. Eine seiner ersten Entdeckungen ist der Film REMPARTS D'ARGILE (Mauern aus Ton, Jean-Louis Bertuccelli, Frankreich/Algerien 1970), der 1971 im Katalog des ersten Forumsjahres wie folgt angekündigt wurde: "Mit (…) langen Einstellungen beginnt der Film wie ein Dokumentarbericht über eine entlegene Siedlung am Rand der Wüste. Bilder einer Hochzeit, von der harten Arbeit der Männer unter glühender Sonne und vom Unterricht in der primitiven Schule schieben sich ein. Irritierend aber tritt bald die Gestalt eines 19-jährigen Mädchens in den Vordergrund, das von einer Familie adoptiert wurde, nie zur Schule ging und nun autodidaktisch nachzuholen versucht, was ihr die Kinder aus dem Unterricht zutragen. Sie steht ein wenig außerhalb der Gemeinschaft, mehr geduldet als integriert. Ihre Stunde kommt, als sich die Männer des Dorfes eines Tages weigern, die schwere Arbeit des Steinehauens weiter für die klägliche Bezahlung zu verrichten, die ihnen der Funktionär aus der Stadt aushändigt."

Wir zeigen den Film in einer Öffentlichen Sichtung am 7. April.

februar 2017, living archive

Living Archive: "ORG"

Fernando Birris ORG (Italien 1967–1978) ist ein monströser, seit seiner Uraufführung beim Filmfestival von Venedig 1979 äußerst selten gezeigter Film. In Teilen finanziert vom Hauptdarsteller Mario Girotti, bekannter unter seinem Künstlernamen Terence Hill, liefert ORG ein erstaunliches Kompendium experimenteller, ästhetischer und politischer Strömungen der 70er Jahre.

Nach einer Retrospektive seiner Filme im Kino Arsenal ließ Birri 1991 eine Kopie des knapp dreistündigen Werks im Archiv. Weltweit ist nur eine weitere Kopie bekannt. Der Film zirkulierte nach der Vorführung in Venedig vorwiegend in einer 104 Minuten langen, also um mehr als eine Stunde kürzeren Fassung.

Im Rahmen des Projekts "Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart" – stieß die Gruppe "Entuziazm" (Michael Baute, Volker Pantenburg, Stefan Pethke) auf Birris Film im Archiv und beschloss, sich eingehender mit ihm zu beschäftigen. Es folgte daraus die Digitalisierung des Films sowie eine neue Untertitelung. Die digitale Fassung von ORG wird zur diesjährigen Berlinale im Programm des Forum präsentiert. Im Februar erscheint außerdem die DVD des Films mit ausführlichem Zusatzmaterial in der arsenal edition.

februar 2017, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, das Archiv und die Differenz

Zum letzten Mal findet am 7. Februar die Vorlesungsreihe von Sabine Nessel (Seminar für Filmwissenschaft) statt, die nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung fragt und sich dafür selbst ins Archiv begibt.

Mit SWEETGRASS (Lucien Castaing-Taylor, Ilisa Barbash, USA 2009) wird der Zyklus zur anthropologischen Differenz abgeschlossen. SWEETGRASS ist ein Dokumentarfilm über mobile Schafzucht in Montana (USA) und ein Forschungsprojekt des Sensory Ethnography Lab der Harvard University. Die ersten Bilder zeigen eine Schafherde in einer verschneiten Landschaft. Von der Gruppe wechselt die Einstellung in die Großaufnahme eines einzelnen Schafes, welches plötzlich zu kauen aufhört und mit großen Augen in die Kamera blickt. Das Archiv des Arsenals, in dem sich eine 35-mm-Filmkopie des Films befindet, erweist sich von hier aus auch als ein Platz für Tiere. Damit endet die Vorlesungsreihe.

januar 2017, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, 
das Archiv und die Differenz

Die Vorlesung von Sabine Nessel fragt nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung. Der begonnene Zyklus mit feministischen Positionen wird mit zwei Filmen aus den 70er Jahren fortgesetzt, die jeweils in restaurierter Fassung im Digitalformat DCP zu sehen sein werden: Chantal Akermans kinematografisches Opus magnum über die Alltagsverrichtungen der titelgebenden Figur JEANNE DIELMAN, 23 QUAI DU COMMERCE, 1080 BRUXELLES (Belgien/F 1975, 3.1.) und RIDDLES OF THE SPHINX (Laura Mulvey, Peter Wollen, GB 1977, 10.1.), in dem Laura Mulvey, Autorin eines Gründungstextes der feministisch-psychoanalytischen Filmtheorie, nicht nur theorielesend ins Bild gesetzt ist, sondern auch Co-Regie führt. In MEIN LEBEN TEIL 2 (Angelika Levi, D 2003, 17.1.) geht es anhand von Gegenständen, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen darum, was in der Familie der Filmemacherin (nicht) erzählt wurde und wie "auf Makro- und Mikroebenen Geschichte dauernd produziert, archiviert, in Diskurs gebracht und eingeordnet wird" (Angelika Levi). Im letzten Abschnitt widmet sich die Vorlesung der Relevanz des Archivs mit Bezug auf die anthropologische Differenz, wodurch sich zeigt, dass in der Geschichte einer Filminstitution wie dem Arsenal auch Tiere vorkommen und eine Rolle spielen. Das Bild vom großen Menschenaffen auf dem Empire State Building aus KING KONG (Merian C. Cooper, Ernest B. Schoedsack, USA 1933, 24.1.) ist kulturhistorisch legendär, führt aber auch in die Archive des Production Designs der 30er Jahre und zu den Performances der Gorilla Men in Hollywood, welche die zumeist aufwendig gestalteten Affenkostüme belebten. BESTIAIRE (Denis Côté, Kanada/F 2012, 31.1.) ist eine präzise, dialoglose kinematografische Studie über unterschiedliche Schau- und Höranordnungen, in denen Tiere gezeigt und von Menschen wahrgenommen werden.

Die Vorlesungsreihe läuft immer Dienstags noch bis Februar 2017 und ist für alle Interessierten offen.

januar 2017, living archive

Öffentliche Sichtung – 
Das Harun Farocki Institut präsentiert

Ingemo Engströms Abschlussfilm DARK SPRING (BRD 1970) entstand an der Hochschule für Fernsehen und Film München, an der sie ab 1967 studierte. Nach der Premiere auf dem Festival in Mannheim schrieb Uwe Nettelbeck in der Filmkritik: "Filme wie DARK SPRING […] übersetzen sich nicht in die Sprache derer, denen zu solchen Filmen sofort alles einfällt […] DARK SPRING ist darüber hinaus der Film einer Frau und ein Frauenfilm, in dem Frauen etwas sagen, vor allem: wie sie es sehen." Harun Farocki sah den Film 1971 bei der Hamburger Filmschau. In den darauffolgenden Jahren arbeitete er eng mit Engström zusammen. Gemeinsam drehten die beiden 1975 den Film "Erzählen".

Wir kennen DARK SPRING noch nicht, deshalb wollen wir ihn in einer öffentlichen Sichtung am 7. Januar zeigen.