Möglichkeitsraum

(1) – (4) Forum Expanded 2012 ©Jane Katharina Di Renzo, (5) – (6) Forum Expanded 2012 ©Nanna Heidenreich

Archival Viewing Acts

im Kino Arsenal (Spekulationen über das Erfinden und Hervordrängen neuer Subjektkonstellationen im Kino)
Der 1. Teil dieses Projektes wurde im Programm von Forum Expanded 2012 präsentiert.

Vorgeschichte

Der Möglichkeitsraum entwickelt sich zwischen 2009 und 2010 in drei unterschiedlichen Formaten: zuerst als Plakatinstallation im Skulpturenpark in Berlin, dann als Kinoperformance für das Berlin Documentary Forums und zuletzt als Bühnenarchitektur für Tanztheaterstück "As If".

Im Möglichkeitsraum im BDF diskutierten wir die mögliche Aussage eines "neuen Archivars" zu seinem Archiv, dessen Leben er/sie kennt und bearbeitet. Es wurden Stefanie Schulte Strathaus, Brian Holmes und Bettina Knaup eingeladen, sich in die imaginäre Rolle des neuen Archivars zu denken, den Gilles Deleuze über Michel Foucault erfunden hat, weil er dessen revolutionäre, polit-wissenschaftliche Forschung im 20. Jahrhundert mit dem Leben des Dokumentes im Archiv zusammen dachte. Der neue Archivar, der, so Deleuze, über das Mögliche und das Wirkliche der Geschichte etwas sagen kann, will die Aussagen, die er/sie im Archiv (die faktisch aufgezeichneten Tatsachen, Feststellungen) findet, weder mit lateralen noch vertikalen Methoden gewinnen, d.h. ihr/ihm ist Serie oder Reihung weniger bedeutend (also z.B. die Reihung von Filmen) wie auch die Maschinen des Schichtens (z.B. die Analyse aller Filme, die mit dem Buchstaben A beginnen, oder die unter dem Stichwort X gesammelt wurden, oder die Aussage AZERT, die man über eine Schreibmaschine treffen kann, wenn man ihre Tastatur bedient etc.). Die Aussage sucht der neue Archivar entlang einer Diagonale, einer Transversalen, zwischen den Konstruktionsplänen und Segmentierungen des Archives (dessen konstituierende Praxis, sein institutionelles und materielles Leben). Dieser Aussage entspringen Figuren, Pathologien und Ordnungen im Raum. Sie begründet Genealogien an Hand generativer Übergänge. Sie ist gleichzeitig eine Aussage über das Filmarchiv selbst und kann etwas über das Mögliche und das Wirkliche der Geschichte sagen, über die mögliche Gedächtnispolitik einer kommenden Medien-Gesellschaft. Das Aussenden der Aussage (was für das Arsenal das Zeigen, Programmieren und Publizieren eines Filmes bedeuten könnte) ist für Deleuze ein Aussenden von Singularitäten in einem korrespondierenden Raum. Foucault (im Sinne Deleuze), war es dabei egal, ob das Aussenden zum ersten Mal erfolgt oder ob es sich um eine Wiederholung, eine Reproduktion handelt. Worauf es ankommt, ist die Regularität der Aussage: zwischen ihrer ursprünglichen Formulierung und dem Satz, der Jahrzehnte später mehr oder weniger exakt wiedergegeben wird "errichtet sie (die Aussage) keine Werte-Hierachie" (im Sinne einer Moral) sondern erlaubt eine Regelmäßigkeit festzustellen (das Gleiche im Verschiedenen) und damit die Übertragung und Genealogie der Aussagen fest zu stellen (Was ist ein Dokument zu verschiedenen Zeiten?). Der neue Archivar erforscht das Feld der möglichen Geschichte als potentielles, autonomes, von Eingriffen der Regierungen unabhängiges Gefüge, das auch nicht dem Zeitplan der Aktualität erliegt, sondern die Übergänge zwischen Phasen und die Gesetzmäßigkeiten der Regel verstehen lernt.

Die Aussage, die Unmittelbarkeit, die Regeln des Feldes, die ein im Archiv aufbewahrter Film mit sich bringt, zu untersuchen, bedeutet also, den Film im Feld seiner Aktualisierung zu denken – dies bedeutet weiter, sich mit den Aspekten des Lebendigen im Archiv zu beschäftigen.

Die Aussage betrifft nicht nur die Szene, das Davor oder Daneben der Kamera, die Ton-Bildrelation oder die Kriegsmaschinen des Kinos, sondern auch den Raum der Aussendung (das Kino, die Medien, die Ausstellungsräume, das Publikum, die Diskursräume Film, die Weiterverarbeitung des Filmbildes bzw. seine Wiederverwendung, das Leben des Filmes nach der Projektion, der Zugang zur Lagerung, die Randnotizen zu seiner Archivierung etc.).

Der Möglichkeitsraum für das Living Archive Projekt

greift auf das Format der Kinoperformance im BDF zurück. Neben der Film- und Videoprojektion wird wieder ein Filmschneidetisch auf der Bühne stehen, der während der Performance abgefilmt wird. Der Kinoraum verwandelt sich damit in einen Post-Montage- oder Sichtungsraum. Der Raum der Konstruktion, der normalerweise vor dem Moment der Präsentation steht, wird im Raum der Repräsentation als Raum der Produktion zurück geholt. Die theatral-archaische Funktion der Kinobühne (Performance) wird mit dem Feld der Verknüpfung (Schaltpult, Montage) und dem Screening zusammen gedacht. Performativ ist dabei das Verhältnis des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Zeitregime (Kino und Performance), die in der Geschichte des Kinos entweder als progressives Moment für eine fortschreitende Bewusstseinswerdung gefeiert wurde (expanded cinema), aber auch als regressives Element im Pornokino auftaucht.

Im Rahmen des Living Archive-Projekt soll das Kino dem Möglichkeitsraum für performative Archivsichtungen (Archival Viewing Acts) Platz machen. Der Film (seine aktuelle Interpretation, seine mögliche Vergangenheit und seine Potenz in der Zukunft), im Archiv (sein Ankommen, Bleiben und Verschwinden) wird im Akt der Sichtung zur Live-performance. Dazu wird im Vorfeld über die Formatentwicklung gearbeitet.

Formatentwicklung

(zusammen mit Constanze Ruhm)
Für die Weiterentwicklung der bereits mit 16/35mm Schneidetisch und Videodoppelprojektion erweiterten Kinobühne kartografieren wir im Vorfeld alle möglichen "In-und Output-Relationen" des Arsenalkino und des Schneidetisches. Es geht darum, die Bühne mit ihren Falltüren (Bühnentrick, Trick im Film) und technischen Möglichkeiten für die Montage/Performance zu erfassen, weil die Szene im Möglichkeitsraum als kollektiver psychischer Raum verstanden wird, der das Gruppensubjekt mit konstituiert, das aber nur im Kino selbst verstanden werden will.

Die Audioeinspielung oder Tonaufnahme im Kino verweist auf das Archiv: Für uns spielen Audioaufnahmen, die bei bzw. nach Screenings von Publikumsdiskussionen und Panels aufgenommen werden, eine wichtige Rolle. Diese Audioaufnahmen, das sonische Archiv des Arsenals, könnten zur Grundlage für die Entwicklung / Komposition von neuen Audiotracks werden, wobei so auch wieder auf das Ton-Bild-Verhältnis im Archiv einerseits, und weiters in Bezug auf die Architektur des Arsenals (das Tonstudio hinter der Leinwand in Kino1 beispielsweise, das auch für unser Projekt zum Produktionsort werden soll) andererseits, verwiesen wird.

Das Kino kommt nicht nur aus dem Theater, es bedient grundsätzlich andere Dramen als die des Theaters. Die Planung des Arsenalkinos bedachte die Kinobühne mit Ein- und Ausgängen, mit einem Screen und einer Bühne, die an das Archiv gekoppelt ist. Der Sichtungsraum im Haus, der Lastenaufzug hinter dem Projektionsraum, das Tonstudio hinter dem Screen im Kino 1 etc., wird auf alle möglichen Verbindungen in den Kinoraum untersucht (z.B. Lichtfenster und Schalltüren, elektronische Zugänge von Bild und Ton in den Kinoraum, Verkabelungen, Mikrofone etc.). Auch beim Schneidetisch geht es um die Ein- und Ausgänge des Filmes: die Suchbewegungen der Abspielvorgänge des Filmes auf dem 16mm-Tisch werden auf Video dokumentiert und können als Material in die Performance mit eingespielt werde: ein Live-Making-Of eines Searching-For.

Eine weitere Möglichkeit, Geschichte und Architektur von Archiv und Kino zusammen zu denken und produktiv zu machen, besteht darin, zu jenen besagten Öffnungen, Durchgängen, Falltüren, Aufzügen usw. filmische Äquivalente zu finden (in einer filmischen Narration, in einer visuellen Komposition, in einer dramaturgischen Auflösung, in einem Dialog zwischen zwei Darstellern), und diese – symbolisch oder auch real – auf die vorhandene Architektur zu "projizieren".

Die Arbeit am "Zu- und Ausgang" der Archive des Arsenals, also auch das "Versenden" (von Aussagen, also Filmen) etc. beschreibt das "Leben des Films" jenseits der Grenzen der Bild- und Tonfenster, außerhalb der Planung der Bildproduktion auf der Ebene der Fabrikation oder des Experimentes der Macher. Die Distribution des Filmes (Festival, Seminar etc.) beschreibt den Kinoraum als Sensor des Zeitgeschehens mit seinen Ereignisfenstern und pro/regressiven Zeiträumen. Nach der Kartografierung des Arsenalkinos wird der "Möglichkeitsraum" als Kino-Performancebühne für die Sichtung und Vorführung spezifischer Filme gedacht.

Filmsichtung: Post-feminismus/Technik/Kino

a) In Fortsetzung zur Arbeit mit Stefanie über das Arsenal im BDF (Feminismus/Film/Festival) möchte ich/wir weitere Filme sichten, die sich mit der Frage der Technikproduktion bzw. Mediengeschichte und der Körperproduktion beschäftigen. Begreift man Kino als Möglichkeitsraum zur Hervorbringung neuer Subjektkonstellationen, wird das Zeigen der Filme (im Festival oder in der politischen Veranstaltung) zum rituellen Vorgang, indem während der Zeit der Vorführung (Ritualzeit) differente Körperkonstellationen (Positionen) und mentale Welten (Kosmologien) auf uns projiziert werden. Die Medialität im Kinoraum kann man, wie in der Filmtheorie der 70er Jahre, als schizophrene/ödipale Maschinerie moderner Körper verstehen, in der sich die Produktion/Konsumption auf gegenpoligen Seiten von Zuschauer/Produktion teilt. Diese Polarisierung muss jedoch problematisiert werden. (Gibt es ein falsches Leben im Film und im Kino? etc.). Man kann das Kino als Produktionsraum verstehen, in der die Verhältnisse eher "schizogam" funktionieren, (d.h. in der Art, wie ein Körper durch Abtrennung eigener Körperteile andere Körper produziert). Die Kosmologie der "Schizogamie" ist dann ein Ermöglichungsfeld differenter, subjektiver Konstellationen, welche die Position der Erfindung des Postfeminismus beansprucht (2007, Elisabeth von Samsonow, Anti-Elektra).

Der Kinoraum als Produktionsraum deutet Maschinen-Subjektivitäten mit Mitteln, die der Experimentalfilm und die Medienkunst bereits oft erforscht haben. Was ist der Moment der Produktion von Subjektivität im Kinoraum, der an ein Archiv gebunden ist? Wie artikuliert sich der Moment des Hervorbringens neuer Subjektkonstellationen in der Zeitdramaturgie eines Kinos, dessen Geschichte das Archiv formt?

Der feministische Film brachte durch die Verknüpfung der Potentiale Frau/Maschine die Konsistenzebene einer technisch-sozialen Entwicklung hervor, die sodann für die Philosophie zentral wurde (das Frau-Werden der Produktion, Wunschmaschinen etc.). Was bedeutet darin die schizogame Relation (Produktion von Körpern aus Körper als Position des Wissens) in ihrer nicht hetero-normativen Geschichte der Produktion? Die Aussage an das Gefüge der Aussagen zu binden, heißt es als autonomes Produktionsfeld der Aussage zu beanspruchen. (Darin ist Performativität zu bestimmten Momenten eine realisierte Form der Technikgeschichte). Das Hervorbringen oder Erfinden neuer Subjektpositionen ist wesentlich autonomer, als man sich bisher vorstellen mag. Der Ausdruck dieser Erfindungen ist transversal, er ist lebendig, animistisch und zauberhaft. d.h. er ist Technikerfindung und Erfindung einer potentialen Sozialität gleichzeitig. Expressivität ist dann nicht nur im Film, sondern im Gefüge Film/Publikum und im Gefüge Film/Produktion/Archiv zu verorten und der Kinoraum ist folglich Produktionsraum, sogar Postproduktionsraum. Die darin agierenden Subjektpositionen sind rituell, maschinell, virtuell und performativ. Sie begleiten das Kino mit einer noch nicht realisierten Geschichte der kollektiven Artikulation, die mit dem Theater bricht, aber den Bruch, den das Theater als kosmische Konstruktionsebene für sich beansprucht, konstitutiv für das Narrativ der Psyche macht. Deshalb ist es das Kino, das in die Geschichte der Psychoanalyse die Vorstellung einer kollektiven, seelischen Konstruktionsebene einführt. Mit solchen Orten kann eine Kosmologie in der Stadt (Berlin) erreichbar bleiben, sie ist durch den Kino-Ort Arsenal offen, experimentierbar.

Berlin, 18.November 2011

Biografie von Angela Melitopoulos