Risse und Klebestellen – Kuba und die Europäer

Eine Annäherung an die Filme Nicolás Guillén Landriáns

Dieses Projekt findet seinen Anfang in der umfangreichen Sammlung kubanischer Filme im Arsenal-Archiv, wie auch in meinen Projekten und Forschungen in Kuba in den letzten Jahren. Im Archiv findet man einige der wichtigsten Filme der ersten 30 Jahre nach der Revolution in Kuba 1959. Um nur einige herauszuheben: DE CIERTA MANERA von Sara Gomez, Santiago Alvaréz NOW!, oder POR PRIMERA VEZ von Octavio Cortázar zählen sicherlich zu den wichtigsten Filmen nicht nur in Zentralamerika, sondern weltweit.

Das Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. behauptet jedoch in keinster Weise, ein komplettes Archiv zu sein, und – Archive leben auch in und durch ihr Wachstum. Mein/e Film/Projekt/Idee für Living Archive beinhaltet Forschungen zu Filmen eines kubanischen Filmemachers, der nicht in dieser Sammlung, und überhaupt wenig repräsentiert ist: Nicolás Guillén Landrián. Das Projekt soll im besten Falle zusammen mit KünstlerInnen/FilmemacherInnen in Kuba unternommen werden, im Format 16mm s/w Film. Darin enthalten wären im besten Falle Reflektionen über die Anfangsjahre des kubanischen Films, über die Formen des Filmemachens, und die Art und Weise wie dies sich in Reaktion auf die Revolution änderte, darunter beispielsweise der edukative Film, der in den Dörfern auf dem Land gezeigt wurde, etc. Im Rahmen diese Projektes möchte ich auch die Erweiterung des Arsenal Archivs um Filme Landriáns unterstützen.

Denn als ich Landriáns Filme zuerst sah, dachte ich sofort, sie könnten eine willkommene Erweiterung des Archivs sein. Dieser Filmemacher war ein paar Jahrzehnte nicht sichtbar – trotz seiner einzigartigen, experimentellen Filmweise. Landrián arbeitete parallel zu anderen FilmemacherInnen wie o.e. Álvarez, wie auch im selben Rahmen: Kubas ICAIC, an neuen Dokumentarformaten. Er entwickelte eine sehr eigene Filmsprache mit harten Schnitten und Text-Bild-Kombinationen. Allerdings benutze er im Gegensatz zu den Filmern, welche die Revolution uneingeschränkt priesen, eine poetische Sprache, um für das neue nationale Bewusstsein seines Landes ein eigenes Bild zu schaffen, das in seinen besten Filmen auch kritische Kommentare mit einschloss. Ab einem bestimmten Punkt wurde Landrián dann wegen unangemessenen Verhaltens in Arbeitslager geschickt und entwickelte dort psychische Schwierigkeiten, die in der Folge mit Elektroschocktherapien behandelt wurden. In den frühen 1980er Jahren musste er Kuba in Richtung Miami verlassen, wo er 2003 starb.

Während seiner Zeit als aktiver Filmemacher von 1962–1973 kreierte Landrián Kurzfilme, die nicht zuletzt die Situation des Filmschaffenden im Verhältnis zum Staat reflektieren. Die Formate seiner Filme sind unterschiedlich und rangieren zwischen experimentellen, "lauten" Filmen und späteren, eher braven, didaktischen Filmen. Aber auch diese sind interessant nicht nur wegen ihrer Inhalte, die soziale Strategien des immer noch jungen Staates dokumentieren, sondern auch weil in ihnen die aufkommende restriktive, sogenannte "graue Periode" von 1970–1975 ein Abbild findet. Dennoch fanden seine Filme sogar in Publikationen internationaler Experten keine Erwähnung, so in Michael Chanans Standardwerk "Cuban Cinema". Zuletzt jedoch konnte Landriáns Name auf der Webseite des ICAIC gefunden werden – vielleicht ein Zeichen einer Öffnung?

Der Projektname, "Fool on the Hill", ist der Titel eines Beatles-Songs von Paul McCartney, gewidmet Maharishi Mahesh Yogi, den die Gruppe 1967 bewunderte. Ein Jahr später benutzte Landrián das Lied zu einem Bild von Fidel Castro – zur Missbilligung der staatlichen Stellen, woraus ein Konflikt resultierte (trotz eines möglichen Missverständnisses, was den Text betraf – aber wessen Missverständnis?). Hier nun soll der Titel der Startpunkt für einen Film sein, der mit Faszination und kritischer Distanz einen Blick auf die enge Vernetzung des jungen Staates mit seiner meist-geliebten, vielleicht auch freiesten Kunstform wirft.

Neben der Arbeit mit kubnischen Filmemachern wie Juan Carlos Alom suchen wir dabei auch die Unterstützung und die Verbindung mit der EICTV (Escuela International de Cine y Television) und dem ICAIC (Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos).

Zuletzt könnte man sich auch vorstellen, diesen Filmemacher ins Zentrum einer kleinen Zusammenkunft zu stellen, die sich der Reflexion seiner Arbeit, aber auch der Idee von "revolutionärem Film und Künstlerfilm" widmet.

Status: Entwurf, 12.12.2011

Biografie von Florian Zeyfang