Das Kino der Republiken

DJIM SCHWANTE! (Salz für Swanetien!), 1930

Während einer Recherche für das Sonderprogramm "Der gefallene Vorhang" für die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen bin ich 1994 auf die besonderen Filme der sowjetischen Republiken gestoßen. Neben den dominanten Filmstudios in Moskau und Leningrad hatte jede Republik ihr eigenes Filmstudio. Alle Filmemacher studierten an der einzigen sowjetischen Filmschule VGIK in Moskau, viele kehrten dann aber in ihre Heimat zurück und entwickelten dort eine besondere Filmsprache, die das internationale Kino und die spezifische Bildtradition ihrer Heimat verbanden. Zu den berühmtesten Regisseuren, die so gearbeitet haben, gehören Sergei Paradshanov, Otar Iosseliani und Michail Kalatozov, es gibt aber noch viele andere. Die Recherche nach solchen Filmen gestaltet sich jedoch als schwierig, russische Archive sind für ihre Unzugänglichkeit bekannt. Noch schwieriger ist es, diese Filme dann auch zu zeigen. Um so überraschender war für mich nach meiner Rückkehr aus Moskau und St. Petersburg der Umfang der sowjetischen Filme, die im Archiv des Arsenals lagern. Hintergrund dafür sind nicht nur der jahrzehntelange Fokus des Internationalen Forums des Jungen Films und des Arsenals auf den sowjetischen Film, sondern auch der Wunsch der Regisseure, ihre Filme nach der Präsentation im Westen zu belassen, um sie so vor kommenden Begehrlichkeiten der Zensur zu bewahren. Im Nachhinein betrachtet, eine sehr weitsichtige Entscheidung, denn das sowjetische Filmerbe abseits der großen Regisseure wird zwar nicht mehr zensiert, aber auch nicht zugänglich gemacht. Das Kino der Republiken wird also eine imaginäre Reise durch die einzigartige Bildsprache der sowjetischen Union.

Filmreihe im Juni 2013

KOLGA (Der Regenschirm, Micheil Kobachidze, Georgien 1966) verbindet die symbolische Bildsprache des Orients mit Einflüssen der Nouvelle Vague zu einer Liebeskomödie georgischen Humors. Der Aufbruch im Film der 60er Jahre wird in der Leichtigkeit spürbar, mit der sozialistische Realität und sozialistischer Realismus weniger kritisiert als – in der vollkommenen Absurdität der beiläufig gezeigten Arbeit – ignoriert werden.

BENZINIS TSCHAMOMSCHMELI (Bidzina Tschcheidze,Georgien 1978)
Ein Tankwart mit einem magischen Geheimnis schafft um seine Tankstelle ein kleines Paradies, in dem nicht nur Autos, sondern auch Menschen geheilt werden – bis die Behörden sich der Sache mit wissenschaftlicher Gründlichkeit annehmen und die Tankstelle schließen. Eine typisch georgische Komödie, absurd und heiter und immer ein bisschen boshaft gegenüber dem real existierenden Sozialismus.

APRILI (April, Otar Iosseliani, Georgien 1962)
Iosselianis Erstlingsfilm setzt sich kritisch mit dem Besitzstreben des Kleinbürgertums auseinander. Der Film zeigt eine starke Nähe zum Kino von Jacques Tati. APRILI ist – wie zahlreiche seiner Arbeiten – ein Film weitgehend ohne Dialog und Kommentar. Nach dem Verbot von APRILI arbeitete Iosseliani zwei Jahre lang als Fischer, Matrose und Metallgießer.

ATLANTI (Atlant, Nana Djordjadze, Georgien 1979)
Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der dazu verdammt wird, den Balkon eines Hauses zu stützen.

DJIM SCHWANTE! (Salz für Swanetien!, Micheil Kalatozischwili, Georgien 1930)
Ein bitterarmes Dorf, abgeschnitten von der Welt und jedes Jahr am Salzmangel fast zugrunde gehend, soll durch eine Straße mit der modernen Sowjetmacht verbunden werden. Not und Elend werden für immer ein Ende haben, die unterdrückten und ausgebeuteten Völker Bestandteil der großen Gemeinschaft werden. DJIM SCHWANTE! markiert im Rückblick das Verhaften im Utopischen: die lebensrettende Straße ist bis heute nicht fertig geworden, was bleibt, ist nur der Film.

MENK (Wir, Artavazd Peleshjan, Armenien 1969)
Neben den Menschen stellt Peleshjan die sie umgebende Gebirgslandschaft und das tragische Schicksal des bis heute verleugneten Genozids ins Zentrum seines Films. Die Montage aus selbstgedrehtem und Archiv-Material, Naheinstellungen und Supertotalen, die Mischung aus barocker, moderner und armenischer Musik schafft ein komplexes Verweissystem. Allerdings war der Film von Zensur betroffen, Peleshjan musste wesentliche Einstellungen herausschneiden.

SAJAT NOVA (Die Farbe des Granatapfels, Sergei Paradjanow, Armenien 1969)
Ernsthaft und spielerisch zugleich lässt Paradjanow die Welt des armenischen Dichters Aruthin Sayadin entstehen: ein gegenwärtiges 18. Jahrhundert, in rätselhaften, poetischen, modern-surrealistischen, liebevoll-ironischen Bildern.

PIROSMANI (Giorgi Schengelaia, Georgien 1969)
Die in Fragmenten erzählte Lebensgeschichte des naiven Malers Niko Pirosmanaschwili (1862–1918), der unter dem Namen Pirosmani bekannt wurde. Er versucht sich in verschiedenen Berufen und scheitert immer wieder, flieht vor seiner eigenen Hochzeit, beginnt als Gebrauchs- und Wandmaler zu arbeiten, lässt sich ausbeuten und erniedrigen. Die Struktur des Films entwickelt Schengelaja aus den Bildern und der Ästhetik Pirosmanis: flächige Tableaus, lange Einstellungen und stilisierte Genrebilder.

OBITATELI (Artavazd Peleshjan, Weißrussland 1970)
Ein experimenteller Dokumentarfilm im Cinemascope-Format. Der Film steht in der Tradition der zahlreichen Tierfilmdarstellungen in den sowjetischen Republiken. Die Tiere sind hier jedoch nicht Nutztiere, sie werden auch nicht in Beziehung zum Menschen gesetzt. Sie sind die Bewohner des Planeten.

SNOJ (Hitze, Larissa Schepitko, Kirgisien 1963)
Der Film erzählt von den ernüchternden Erfahrungen eines jungen Mannes beim geplanten Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung. Der 17-jährige Kemel kommt nach Ende seiner Schulzeit in die Steppe von Kones-Anrachai, um einer Brigade bei der Gewinnung von Neuland zu helfen. Ein poetischer "Eastern" mit Anlehnungen an Dowshenko und zugleich eine subtile Satire auf Chruschtschows in den 50er Jahren gescheiteres Experiment, "Neuland" in Zentralasiens Steppen zu gewinnen.

MYS GNEDOGO SKAKUNA (Izya Gerstejn, Kirgisien 1966)
Der Leuchtturmwärter Kulmat geht seit 30 Jahren Abend für Abend zum Leuchtturm, um dort die Lichter anzuzünden. Der Film zeigt weniger seine Arbeit als vor allem seinen Alltag, seine Familie. Im Hintergrund erklingt eine alte kirgisische Legende über ein Zauberross, das angeblich einst den See durchquert hat.

POVELITEL MUKH (Herr der Fliegen, Vladimir Tyulkin, Kasachstan 1990)
Ein alter Mann hat das Problem der Menschheit erkannt, es sind die krankheitsübertragenden und ansonsten nichtsnutzigen Fliegen. Um das Übel an der Wurzel zu packen, lockt er sie mit Tierkadavern an und verfüttert die dabei entstehenden Maden an seine Tiere, die er liebevoll pflegt, bis sie dann wiederum als Fliegenfangkadaver enden. Diese kleine Hölle auf Erden sieht er als Modell, über das er sich gerne einmal mit dem Generalsekretär der KPdSU, Gorbatschow, unterhalten würde.

ULTUGAN (Meer... kehre zurück, Edyge Bolysbajew, Kasachstan 1989)
Ein Kultfilm aus Kasachstan, der das monotone Dorfleben zwischen verrosteten Schiffsracks an den ausgetrockneten Ufern des Aralsees beschreibt. Die einsame Protagonistin Ultugan verliebt sich in einen gestrandeten Kapitän, da dieser aber schon verheiratet ist, bleiben die Konflikte mit der dörflichen Moral nicht aus.

MANO DRANGAR (Meine Freunde, Viktoras Staroschas, Litauen 1959)
Ein typischer Propagandafilm der 1950er Jahre: Ein frischgebackener Agraringenieur wird Leiter einer Kolchose. Dem Misstrauen der Einheimischen begegnet er mit neuen Ideen und der Hilfe seiner Freunde aus Studienzeiten, die begeistert zur Landarbeit eilen. Schließlich findet (im Film) zusammen, was zusammen gehört: Moderne und Tradition, Studenten und Arbeiter, Stadt und Land.

MITUT VÄRVI HALDJAED (Mehrfarbige Feen, Peeter Simm, Estland 1981)
Der Filmemacher folgt mit seiner sensiblen Kamera Heimkindern. Sie berichten nicht nur über ihre schrecklichen Erfahrungen – die auch einschließen, was sie anderen angetan haben – sondern auch über über Hoffnungen und Träume.

A NOTSCHKA TJOMNAJA BYLA (Als die Nacht dunkel war, S. Bukowski, Ukraine 1988)
Wladimir Kassjan ist ein Knocheneinrenker, den man bei uns als Chiropraktiker bezeichnen würde. Er behandelt hunderte von Patienten in einem heruntergekommenen Hotel, noch mehr warten draußen im Schnee. Seine hemdsärmelige, humorvolle Art kontrastiert die quasireligiösen Hoffnungen, die ihm entgegengebracht werden.

KATOK I SKRIPTA (Die Walze und die Geige, Andrej Tarkovskij, Russland 1961) zeigt einen Tag im Leben des verträumten Sascha, der seine Geige dem Fußballspiel vorzieht und deshalb von seinen Kameraden verspottet wird.

ELEGIJA (Alexander Sokurov, Russland 1986)
Die erste der dokumentarischen Elegien, die bereits alle Elemente eines rätselhaften, magischen Realismus enthält, für den Sokurow später berühmt wurde. Sie portraitiert den russischen Opernsänger Fjodor Schaljapin (1873–1938), eine Persona non grata der Sowjetunion. Der Film wurde ohne jede finanzielle Unterstützung hergestellt und durfte in der Sowjetunion auch nicht veröffentlicht werden.

235.000.000 (Uldis Brauns, Biruta Veldre, Laima Schurgina, Lettland 1966)
Ein Kaleidoskop von Gesichtern und Situationen ist dieser Film, der frei ist von Propaganda und keine Ideen aufzwingt. Er zeigt die Sowjetunion zur 50-Jahr-Feier der Oktoberrevolution. Ein Werk von außerordentlicher Energie, das Alt und Neu Seite an Seite stellt, Erregung und Ruhe, das Ferne und das Nahe, und so die Natur dieses enormen Landes offenbart.

PEREMENA UTSCHASTI (Schicksalswende, Kira Muratowa, Ukraine 1987)
Die Geschichte basiert auf der Novelle "Die Nachricht" von William Somerset Maugham. Muratowa verlagerte die Handlung in den Osten der Sowjetunion und stellte die Handlung um: die Protagonistin mordete nicht aus Rache wegen einer an ihr verübten Vergewaltigung. Sie ermordete einen Mann, dessen Verbrechen es war, sein sexuelles und seelisches Interesse, sein Leben, der Protagonistin gegenüber verloren zu haben – so dass er auch sein physisches nicht länger verdient.

Briografie von Marcel Schwierin