Living Archive für Kinder, mit Kindern

"Living Archive für Kinder, mit Kindern" steht grundsätzlich Lernenden jeden Alters offen. Das Projekt richtet sich jedoch ausdrücklich an Kinder, weil für GrundschülerInnen nur wenige herausfordernde Filmvermittlungsangebote existieren. Dabei sind Kinder so neugierige Zuschauer! Gerade das weitgefächerte Wahrnehmungsspektrum von Kindern sollte durch überraschende Begegnungen mit bewegten Bildern offen gehalten bzw. weiter geöffnet werden. "Living Archive für Kinder, mit Kindern" möchte eine Alternative gegenüber rein kommerziellen Seh-Angeboten formulieren, damit sich Kinder nicht einseitig an aktuell vorherrschende Bildästhetiken gewöhnen.

Experimentalfilme für Kinder

Das Projekt widmet sich der umfangreichen Experimentalfilm-Sammlung im Archiv des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. Experimentalfilme sind in der Regel nicht für Kinder gemacht, können aber mit Gewinn von Kindern geschaut werden. Experimentalfilme können ihre Betrachter mit einer ungewohnten Sicht auf die Dinge konfrontieren, häufig sind sie spielerisch in ihrer Form und beschäftigen sich mit Fragen der Wahrnehmung im Schnittfeld von Film und anderen Künsten. Diese Merkmale lassen Experimentalfilme zu einem Nährboden für die aufmerksame und noch nicht festgelegte Wahrnehmung von Kindern werden. Die Experimentalfilm-Sammlung im Archiv des Arsenal ist ein reicher Schatz für alle, die sich für Film und Kunst interessieren. Diesen Schatz gilt es zu heben und für Kontexte der Filmvermittlung zu erschließen.

Im Archiv mit Kindern

Für mein Projekt kann ich mir nichts Lebendigeres vorstellen, als es für die „Zielgruppe“ der Kinder zu konzipieren. Denn genauso wenig wie das Kino wird das Archiv weiterleben, wenn nicht auch Jüngere damit etwas verbinden. Das Archiv wäre so etwas wie ein unerforschter Planet, dessen Qualitäten im Verborgenen blieben. Öffnen wir das Archiv jedoch für Kinder, so haben sie die Chance, diesen unbekannten Planeten zu entdecken und seine Schätze – die Filme in ihrer jeweiligen Materialität – wert schätzen zu lernen.

"Digital ist besser"?

Das Projekt "Living Archive für Kinder, mit Kindern" entstand aus der Überzeugung, dass im so genannten digitalen Zeitalter die Kenntnis und das Wissen von analogen Medien nicht hinfällig geworden ist. Um zu verstehen, was ein bewegtes Bild ist, helfen uns analoge Bildmedien weiter: Einen Filmstreifen kann ich in die Hände nehmen und den Verlauf der Einzelbilder studieren; mit einer DVD geht das nicht. Auch scheint die Faszination des Analogen ungebrochen: Wann immer ein Filmstreifen wie in einer Expanded Cinema-Aktion im Raum aufgespannt wird, zieht das Material Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen magisch an. Diese Begeisterung für das Material ließ sich bereits in zahlreichen Vermittlungsveranstaltungen im Kino Arsenal und anderswo studieren. Beim "Kratzig"-Experimentalfilm-Workshop an einer Berliner Grundschule im Jahr 2010 waren die teilnehmenden Kinder nicht mehr zu stoppen, als sie auf 35mm-Filmstreifen malen und kratzen sollten; sie produzierten buchstäblich am laufenden Meter. Am zweiten oder dritten Projekttag rief ein Junge freudig aus: "Das könnte ich 24 Stunden am Tag machen!"

Im Kino

Bei "Living Archive für Kinder, mit Kindern" werden die Filme im Kino vorgeführt, weil der Kinosaal die besten Wahrnehmungsbedingungen bietet und so eine besondere Konzentration ermöglicht. Vor dem Computer oder Fernseher rücken viele Dinge gleichzeitig ins Blickfeld und lenken die Aufmerksamkeit ab. Zudem stiftet das Kino eine Gemeinschaft, die Kindern in ihrem medialen Alltag häufig fehlt; vor dem Computerbildschirm oder dem Fernseher sitzen sie nicht selten allein. Im Kino als Ort des sozialen Miteinanders kann auch ein Austausch von Eindrücken stattfinden; denn am Ende einer Vorführung haben nicht alle denselben Film gesehen. Das ist ja das Tolle am Film und auch das Schwierige, dass man die Filme unterschiedlich sehen kann! Um etwas über Film zu erfahren, muss man Filme schauen und auch den Mut aufbringen, seine Eindrücke mit anderen zu teilen. Nur so kann man Film und Kino verstehen. Kein Lehrbuch kann die Erfahrung des gemeinsamen Schauens ersetzen.

16mm on tour

Es ist nicht selten, dass Lehrerinnen und Lehrer es nicht einrichten können, Schule an einem anderen Lernort stattfinden zu lassen. In solchen Fällen kann das Kino auch in die Schule verlegt werden. Da viele Experimental-Filme aus der Sammlung des Arsenal als 16mm-Filme vorliegen, können sie mit einem mobilen Projektor im Berliner Stadtraum auch on tour gehen. Vorausgesetzt, die Schule besitzt einen Raum, der sich abdunkeln lässt. Nach dem Motto "old school is the new school" wird so an eine frühere Praxis des Filmesehens in der Schule angeknüpft: An die Zeit vor dem Videorekorder, als jede Schule noch ihren eigenen 16mm-Projektor besaß, der während der Projektion mit im Raum gestanden hat. Das Rattern des Projektors und das Flackern der Bilder – eine besondere Form der Filmerfahrung, die sich lohnt wieder- oder neuentdeckt zu werden!

Durchführung des Projekts
Mai 2012: Offenes Filmarchiv für LehrerInnen und VermittlerInnen
Bis zum Jahresende 2012: Interne Filmsichtung und Vorbereitung zur Öffnung des Archivs
Januar 2013: Offenes Filmarchiv für LehrerInnen und Vermittlerinnen
Januar bis Mai 2013: Offenes Filmarchiv für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene

Ansprechpartnerin
Stefanie Schlüter | schlueter(at)filmvermittlung.de

Präsentation des Projekts im Kino Arsenal

(1) – (28) Ausstellung der Kinderzeichnungen im Roten Foyer des Arsenal, Juni 2013 ©Marian Stefanowski

Mehr als 200 Grundschüler aus Berlin haben Einblicke in die Filmsammlung des Arsenals genommen. Im Archiv haben die Kinder auf spielerische Weise Filmprogramme aus kurzen, meist experimentellen Filmen zusammengestellt. Ihre Filmerinnerungen haben sie in einer Zeichnung festgehalten. In einer Ausstellung und drei Kinoveranstaltungen für Familien und Schulen stellte Stefanie Schlüter die Ergebnisse vor. Gezeigt wurden Filme, Filmprogramme, Filmzeichnungen und Live-Vertonungen aus Kinderhand. Unterstützt wurde das Projekt durch die FilmemacherInnen Ute Aurand, Robert Beavers, Milena Gierke und die Stummfilmpianistin Eunice Martins.

Die Filme aus dem Archiv des Arsenal

A MAN AND HIS DOG OUT OF AIR Robert Breer, USA 1957, 16 mm, 2 min
Ein Meisterwerk der sich wandelnden Linie. Der Film beginnt mit flüchtigen Bildern des Windes, einem Vogel, Wirbeln und Bewegung, und endet mit einem amorphen Bild eines riesigen Mannes, der seinen Hund am Bildrand entlang Gassi führt.

FADENSPIELE II Detel und Ute Aurand, Deutschland 2003, 16 mm, 8 min
Der Film entstand im Birkenhain, auf dem Rapsfeld, im kahlen Herbstwald, auf dem verschneiten Weg. Tücher spannen sich zwischen den Bäumen, Bälle rollen, Stämme wickeln sich ein – Rechtecke und Quadrate formieren sich auf der Leine, dann bilden kleine, ausgeschnittene Papiervierecke in gleichen Farben neue Formen.

FANTASMAGORIE Émile Cohl, Frankreich 1908, 16 mm, 2 min
Der Zeichentrickfilm besteht aus etwa 700 Zeichnungen und gilt als der erste ausschließliche Animationsfilm.

GERTIE THE DINOSAUR Winsor McCay, USA 1914, 16 mm, 12 min
GERTIE THE DINOSAUR zählt zu den bekanntesten und innovativsten Animationsfilmen der frühen Filmgeschichte, Gertie selbst wird von vielen Filmhistorikern als die erste echte Zeichentrickfigur gesehen, die dem neuen Genre des Zeichentrickfilms den kommerziellen und künstlerischen Durchbruch brachte.

HORSE OVER TEA KETTLE Robert Breer, USA 1962, 16 mm, 8 min
HORSE OVER TEA KETTLE ist eine Tour-de-Force der Linienzeichnung, die entsprechend des Gesetztes der ständigen Veränderung vonstattengeht. Ein Hut, der sich in einen Vogel verwandelt, ein Vogel in einen Mann und ein Mann in einen Frosch - Erinnerungen an das Werk Emil Cohls werden wach. Der Film kreiert eine schwerelose Welt in der Figuren und Objekte (Damen mit Regenschirmen, Engel, Bäume, Häuser) sich grundsätzlich nach oben bewegen.

IMAGINATION Mary Ellen Bute, USA 1957, 16 mm, 3 min
IMAGINATION ist eine lebendige, geschickte Kollage von animierten und photographierten Bildern, die teilweise aus früheren Filmen Butes stammen. Der Film wurde in der populären Steve Allen Show ausgestrahlt.

LOOSE CORNER Anita Thacher, USA 1986, 16 mm, 10 min
Ein junger Mann, eine junge Frau, ein Junge und ein Hund sowie diverse Gegenstände wie Bälle, eine Schachtel usw. begleiten das Publikum auf ein 'Abenteuer' zu einem unmöglichen Ort, einer 'losen Ecke'. Dort werden unsere Wahrnehmung und die Annahmen, von denen wir ausgehen, durch viele visuelle Unmöglichkeiten auf die Probe gestellt.

POR PRIMERA VEZ Octavio Cortázar, Kuba 1967, 35 mm, 9 min
Ein Zeugnis der "audiovisuellen Alphabetisierung" Kubas in den 1960er Jahren: Cortázar hält die Vorführung eines mobilen Kinos in einem entlegenen Gebirgsdorf fest und zeigt die Reaktionen der Bewohner auf ihre erste Begegnung mit Film, Charlie Chaplins "Modern Times".

RABBIT'S MOON Kenneth Anger, USA 1950/78, 16 mm, 7 min
Pierrots erfolgloser Griff nach dem Mond und nach Columbine, zu der Musik von Andy Arthur.

RAINBOW DANCE Len Lye, GB 1936, 16 mm, 5 min
Einer der ersten kurzen Experimentalfilme in Farbe: Ein Werbefilm für Sparbücher der Post zeigt in farbenfrohen, fantasievollen Bildern, warum es sich lohnt, für schlechte Zeiten zu sparen.

VORMITTAGSSPUK Hans Richter, Deutschland 1928, 16 mm, 6 min
Objekte (Hüte, Tassen, Kragen usw.) machen sich für kurze Zeit selbständig und rebellieren gegen den Menschen und die alltägliche Routine. Als die Uhr zwölf schlägt, kehren sie wieder an ihren Platz zurück.

Biografie von Stefanie Schlüter