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mai 2012, kino arsenal

50 Jahre Oberhausener Manifest

Unbescheiden war der Anspruch, mit dem auf den VIII. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen im Februar 1962 eine Gruppe von 26 Unterzeichnern ein Manifest verlas, das nichts weniger als eine radikale Zäsur in der westdeutschen Filmindustrie forderte und in der Aussage gipfelte: "Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen." Der deutsche Film war in den frühen 60er Jahren nicht nur künstlerisch in einem desolaten Zustand, auch wirtschaftlich war er am Ende. Für junge, kritische Filmemacher war es quasi unmöglich, einen Platz in der deutschen Filmindustrie zu finden: für den klassischen Weg zum Film, eine Assistenz bei einem erfahrenen Regisseur, war die Distanz zu den Älteren zu groß; so war die Ausbildung im Wesentlichen autodidaktisch. Peter Schamoni konstatierte: "Es gab damals für uns keinen Weg zur Filmwirtschaft. Wir hatten nicht die Möglichkeit, Drehbücher oder Ideen innerhalb der bestehenden deutschen Filmproduktion zu realisieren, und so haben wir angefangen, Kurzfilme herzustellen, und zwar in eigener Produktion." Die 26 Unterzeichner – Regisseure, Kameramänner, Produzenten, auch ein Schauspieler –, unter denen sich keine einzige Frau befand, waren eine lose miteinander verbundene Gruppe, die sich aus der von Haro Senft und Ferdinand Khittl 1959 in München formierten DOC 59 bildete. Von der Presse interessiert und wohlwollend besprochen, reagierte die Filmbranche spöttisch auf das Manifest und betitelte die jungen Filmemacher als "Obermünchhausener".

mai 2012, kino arsenal

Neues griechisches Kino

Griechenland macht von sich reden – mit Innovationen filmischer Art. Eine junge Generation von Filmemacherinnen und Filmemachern setzt der wirtschaftlichen Misere ein immenses künstlerisches Kapital in Form von neuen ästhetischen Ansätzen entgegen. Mit einfallsreichen, unkonventionellen und bisweilen verstörenden Bildern gibt sie dem internationalen Autorenkino neue Impulse und sorgt auf den großen Festivals für Aufsehen.


Unsere Auswahl von 13 aktuellen griechischen Spiel- und Dokumentarfilmen aus den Jahren 2009 bis 2012 – die meisten sind erstmalig in Berlin zu sehen – präsentiert eine enorm vielgestaltige Kinematografie, die sich vom "Neuen griechischen Kino" der 70er Jahre deutlich absetzt. Es handelt sich um einen veritablen Umbruch, um einen Aufbruch weg von klassischen Formaten und Konventionen, der eine Revitalisierung der griechischen Filmlandschaft bewirkt. Das zeitgenössische griechische Kino ist wagemutig, amüsant, sperrig, verrückt, visionär und heterogen. Es ist individuell, unangepasst und radikal eigenwillig. Es experimentiert mit verschiedenen künstlerischen Formen und lässt sich nicht in Kategorien stecken. Es sucht Wege der Finanzierung unabhängig von staatlicher Förderung. Es ist weder das Ergebnis einer politisch-ökonomischen Initiative, noch kann man von einer Bewegung oder Schule sprechen, obwohl die Filmemacher untereinander vernetzt sind, häufig zusammen arbeiten oder sich bei ihren Projekten unterstützen. In einer Zeit des politischen, ökonomischen und moralischen Kollapses entstanden, machen die meisten Filme die tiefe soziale Krise Griechenlands nicht zum Thema im Sinne einer politischen Botschaft – doch sie erzählen fast alle mehr oder weniger direkt von denselben Problemen: Wirtschaftskrise, Sprachlosigkeit, Dysfunktionalität der Familie, Gewaltbereitschaft, Xenophobie, Lethargie und Mangel an Visionen. Ein skeptischer Umgang mit Sprache, ein Sinn fürs Groteske, die Suche nach Identität und vor allem die scharfe Kritik an Rolle und Zustand der Familie charakterisieren viele aktuelle griechische Filme – genauso wie eine außerordentliche künstlerische Vielfalt.


Wir freuen uns ganz besonders, dass wir dank der Unterstützung der Griechischen Kulturstiftung Berlin die beiden prominentesten Vertreter des neuen griechischen Kinos zu Gast haben: Zur Eröffnung am 4. Mai mit einer Preview von ALPEIS (vor dem regulären Starttermin durch Rapid Eye Movies Mitte Juni) sowie am 5. Mai zu DOGTOOTH erwarten wir den Filmemacher Yorgos Lanthimos, und am 10. Mai präsentiert und diskutiert Athina Rachel Tsangari zum Kinostart ihren vielfach preisgekrönten Film ATTENBERG.

mai 2012, kino arsenal

Reason Over Passion. Joyce Wieland: Eine Retrospektive mit Vorträgen und Gesprächen

"I think of Canada as female. All the art I've been doing or will be doing is about Canada. I may tend to overly identify with Canada." (Joyce Wieland, 1931–1998)

Ein Segelboot zieht vorüber und zu lesen ist das Wort SAILBOAT: Der strukturelle Film reflektiert das Verhältnis von starrem Text und bewegtem Bild – bis Hollis Frampton beiläufig aus dem Off vor die laufende Kamera tritt und für einen kleinen Moment aus einer vermeintlich streng konzipierten Arbeit ein Home Movie wird. Dort, am Lake Ontario, drehten die beiden auch A&B IN ONTARIO (1966–84), eine Art Hide and Seek mit der Bolex. Diese Filme, sowie Wielands komplexe Kanada-Reflexion LA RAISON AVANT LA PASSION / REASON OVER PASSION (1969) und 1933, eine geloopte Straßenszene in New York (1967), hatte der 1993 verstorbene Arsenalmitarbeiter Alf Bold für unsere Sammlung angeschafft. Nachdem auch Joyce Wieland im Jahre 1998 verstarb, konnten wir mit Mitteln aus dem Experimentalfilmfond, den Alf Bold uns hinterlassen hatte, sieben weitere ihrer Kurzfilme erwerben. Wir freuen uns, dass das Canadian Filmmakers Distribution Centre (CFMDC) das vollständige Werk dieser herausragenden Künstlerin in einer DVD-Box herausgebracht hat und nun im Arsenal präsentiert.