Der Katalog zeigt einen neuen einzigartigen Zugang zum Archiv des Arsenal – Institut für Film und Videokunst auf, der neue Maßstäbe im Umgang mit einer Filmsammlung setzt. 37 KünstlerInnen, PerformerInnen, KuratorInnen und WissenschaftlerInnen wurden eingeladen, eigene Perspektiven im Umgang mit dem Archiv zu entwickeln, Projekte zu realisieren und zu präsentieren. Zwei Jahre lang war das Arsenal-Archiv Ausgangspunkt für den multiperspektivischen Zugang der TeilnehmerInnen aus USA, Indien, Südafrika, Israel, Brasilien, Jordanien, Großbritannien und Deutschland, das eine unerschöpfliche Vielfalt an Projekten hervorbrachte: Retrospektiven sowjetischer, chilenischer, spanischer und kubanischer Filme; die Aufarbeitung der Werke zweier Berliner KünstlerInnen Riki Kalbe und Ludwig Schönherr; ein Kino der Dekolonisierung; eine Querschnittanalyse zum Jahr 1978; Keywording – die Bedeutung von Verschlagwortung für das Funktionieren eines Archivs, eine Kinoarchäologie oder ein Programm zur filmischen Auseinandersetzung mit nationalen Identitäten.
Vom 4.–30. Juni feiern wir mit dem Abschlussfestival des Projekts "Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart" gleichzeitig den 50. Geburtstag des Arsenals. Alle beteiligten KünstlerInnen, Filmschaffenden, PerformerInnen, MusikerInnen, KuratorInnen und WissenschaftlerInnen sowie die vier StipendiatInnen des Goethe-Instituts aus Indien, Südafrika, Jordanien und Brasilien stellen ihre jeweiligen Arbeiten und Projekte vor: Vor uns liegt ein ganzer Monat mit Filmprogrammen, Soundarbeiten, Ausstellungen, Performances, Einführungs- und Diskussionsveranstaltungen. Ein Festivalpass, der zu allen Veranstaltungen im Kino Arsenal sowie zur Ausstellung in den KW berechtigt, ist für 50 Euro an der Kinokasse erhältlich. Ebenfalls dort erhältlich ist ein Katalog mit Texten aller ProjektteilnehmerInnen (herausgegeben von b_books, 17 x 24,5 cm, 288 Seiten, 4-farbig, € 25).
Wir freuen uns, im Rahmen des Projekts "Living Archive" fünf neue DVD-Veröffentlichungen zu präsentieren: Laura Mulvey und Peter Wollens Avantgardefilme RIDDLES OF THE SPHINX & AMY! (GB 1976/77& 1980, Präsentation und Filmvorführung in Anwesenheit von Laura Mulvey am 7.6.), Deepa Dhanrajs film-politische Pionierarbeit KYA HUA IS SHAHAR KO? (What Has Happened to this City?, Indien 1986, Präsentation und Filmvorführung am 19.6. in Anwesenheit von Deepa Dhanraj sowie im Rahmen des Seminars Engaging Cinema am 20./21.6. in den KW), Philip Scheffners THE HALFMOON FILES & DER TAG DES SPATZEN (D 2007 & 2010), eine DVD mit Klassikern des Queer Cinema von Sheila McLaughlin und Lynne Tillman (INSIDE OUT, COMMITTED und SHE MUST BE SEEING THINGS, USA 1976–84) sowie das filmische Gesamtwerk der Berliner Filmemacherin, Fotografin, Netzwerkerin, Geschichten- und Bildersammlerin Riki Kalbe mit insgesamt 15 Filmen von 1976–98. Die drei letztgenannten DVDs werden am Sonntag, 30.6. anhand von Bildern, Gesprächen, einer Diashow und der Vorführung von DVD-Bonusmaterial vorgestellt.
Dorothee Wenners in Zusammenarbeit mit Erika und Ulrich Gregor im Rahmen von Living Archive entstandenes Projekt "Family Affairs" ist eine persönliche, fast private – und doch hoffentlich aufschlussreiche – Sammlung von Geschichten über einzelne Filme im Archiv des Arsenal, die irgendwann im Forum zu sehen waren, als Ankäufe, Schenkungen oder über andere Kanäle nach Berlin gelangten. Tatsächlich sind und waren es oft Zu- und Glücksfälle, geschmackliche Präferenzen, politische Überzeugungen einzelner Personen, (film)-historische Konstellationen, finanzielle Rahmenbedingungen oder geschickte Schachzüge, die den Weg einzelner Filme in das Archiv geebnet, ermöglicht haben. Zum 50. Geburtstag präsentieren wir die erste Serie dieser "netflicks" im Foyer des Arsenal sowie auf unserer Webseite.
Im Rahmen des Projekts Living Archive entstehen zahlreiche Publikationen. Neben dem Katalog bereits erschienen sind "Rising Stars, Falling Stars" zu Vagnial Davis' Reihe im Kino Arsenal und elf Bücher unter dem Projekttitel "KEYwording". In Kürze ist die Publikation "NOW! Extended" erhältlich. Madhusree Dutta und Ines Schabers Projekt „KEYwording – Notes on Enculturation of Words and Word Practice within the Image Archive" setzt sich mit der Bedeutung von Verschlagwortung und Annotation für das Funktionieren eines Archivs auseinander. Das Arsenal hat die Konvention der Stichwortsuche aufgegeben, da "standardisierte Kategorien viele der im Archiv vertretenen filmischen Formen nicht erfassen können." Inspiriert von dieser Aussage, versucht das Projekt einen kulturenübergreifenden Dialog über den Gebrauch von Worten in Theorie, Praxis, Gemeinschaft und Aktion im Kontext zeitgenössischer Kulturproduktion zu führen.
Was kann ich sehen, wenn ich einen Filmstreifen in den Händen halte? Wie finde ich einen Film im Filmarchiv? Welche Bilder bleiben mir von einem Kurzfilmprogramm im Gedächtnis? Mehr als 200 Grundschüler aus Berlin haben Einblicke in die Filmsammlung des Arsenals genommen. Im Archiv haben die Kinder auf spielerische Weise Filmprogramme aus kurzen, meist experimentellen Filmen zusammengestellt. Ihre Filmerinnerungen haben sie in einer Zeichnung festgehalten.
In einer Ausstellung im Roten Foyer und drei Kinoveranstaltungen für Familien und Schulen am 9., 11. und 13. Juni stellt Stefanie Schlüter unter dem Titel Living Archive für Kinder, mit Kindern die Ergebnisse vor. Gezeigt werden Filme, Filmprogramme, Filmzeichnungen und Live-Vertonungen aus Kinderhand. Unterstützt wurde das Projekt durch die FilmemacherInnen Ute Aurand, Robert Beavers, Milena Gierke und die Stummfilmpianistin Eunice Martins.
Living Archive ist im (vorläufigen) Endspurt. Im gesamten Monat Juni werden wir im Arsenal und in den KW Institute for Contemporary Art alle Projekte vorstellen. In den vergangenen zwei Jahren wurden ca. 1100 Filme aus der Sammlung des Arsenals gesichtet. 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben aus ihrer Beschäftigung damit heraus neue Filme gedreht, Installationen, Performances und Soundarbeiten entwickelt, mit Studierenden gearbeitet, Interviews geführt, Bücher und DVDs publiziert. All das und mehr wird vier Wochen lang Thema sein, beginnend am 4.6. Weil das ein wahres Fest wird, feiern wir damit auch gleich das 50. Jubiläum des Arsenal – Institut für Film und Videokunst (save the month!). Wir sind rund um die Uhr mit den Vorbereitungen beschäftigt, deshalb wird es im Mai keine Living-Archive-Veranstaltung mehr geben, außer natürlich Rising Stars, Falling Stars – We Must Have Music!. Vaginal Davis stellt in diesem Monat BROADWAY MELODY OF 1940 vor. Außerdem eröffnen wir unsere Sichtungsstation im "Studiolo" des KW – Institute for Contemporary Art mit einer Reihe von Filmen, die im Rahmen von Living Archive entdeckt oder wieder entdeckt wurden.
Stefanie Schlüter hat mit ihrem Projekt „Living Archive für Kinder, mit Kindern“ für April Schulklassen in das Arsenal eingeladen. Was kann ein Kino, was ein Filmarchiv, was können Filme für die ästhetische und kulturelle Bildung von jungen Menschen leisten, die im digitalen Zeitalter aufwachsen? Im Mittelpunkt ihres Projekts, mit dem sie sich hauptsächlich an GrundschülerInnen richtet, steht der umfangreiche Bestand an Experimentalfilmen in der Sammlung des Arsenals. Experimentalfilme können ihre Betrachter mit einer ungewohnten Sicht auf die Dinge konfrontieren, häufig sind sie spielerisch in ihrer Form und beschäftigen sich mit Fragen der Wahrnehmung im Schnittfeld von Film und anderen Künsten.
Am 10. April findet die letzte öffentliche Sichtung im Rahmen von "Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart" statt. Seit Beginn des Projektes im Juni 2011 wählen die TeilnehmerInnen dafür einmal im Monat Filme aus, um sie gemeinsam mit dem Publikum zu sichten und zu diskutieren. Es gab Wiederentdeckungen, ungeahnte Schätze aus dem Arsenal-Archiv haben sich aufgetan. Aus diesem Grund und wegen des regen Interesses wird die Reihe nach dem Abschlussfestival ab Juli fortgesetzt.
Im April freuen wir uns auf eine besondere Sichtung: Stefanie Schulte Strathaus, Leiterin des Projekts Living Archive, wird gemeinsam mit dem Publikum spontan Filme aus der Sammlung des Arsenal auswählen und vorführen.
Am 24. März findet eine weitere Ausgabe von „Rising Stars, Falling Stars – We Must Have Music!" statt. Ms. Davis präsentiert in diesem Monat eine Rarität aus dem Archiv von einem der wichtigsten Regisseure aus den frühen Jahren des ägyptischen Kinos: Muhammad Karim. Gezeigt wird der Film ZEINAB (Ägypten 1950, 35mm, OmU, 111 min). Muhammad Karims ZEINAB ist ein Tonfilm-Remake seines gleichnamigen Stummfilms von 1930. Beiden Filmen liegt Muhammad Husein Haikals gleichnamiger Bildungsroman von 1914 über eine Bauerntochter, die in einem Konflikt zwischen familiären Verpflichtungen und ihren eigenen Hoffnungen gefangen ist, zugrunde. Die Kritik an traditionellen Familienstrukturen, der Stellung der Frauen und arrangierten Ehen ist in einer romantischen und nostalgischen Ästhetik entwickelt. Der Soundtrack zu ZEINAB ist ein Konglomerat aus klassischer arabischer Musik und westlicher Orchestermusik und spielt eine ähnliche Rolle wie in den indischen Bollywood-Produktionen.
Im Anschluss wie immer Drinks und Musik.
Am 12. März sichten und diskutieren wir auf Wunsch von Martin Ebner die Filme ROSE HOBART (Joseph Cornell, USA 1936, 16mm, ohne Dialog, 19 min) und SIGNAL – GERMANY ON THE AIR (Ernie Gehr, USA 1985, 16mm, ohne Dialog, 34 min). Cornells erster und eindrucksvollster Film ROSE HOBART ist im Wesentlichen eine neue Fassung von East of Borneo, einem Dschungeldrama von Universal Pictures aus dem Jahr 1931 mit Rose Hobart und Charles Bickford. ROSE HOBART verwandelt den banalen Plot von East of Borneo absichtlich in ein Labyrinth. "Joseph Cornell hatte sich eine auf dem Flohmarkt gefundene Kopie des Hollywoodfilms East of Borneo angeeignet, den Film neu geschnitten, verkürzt, um zusätzliche Bilder erweitert und mit einem neuen Ton kombiniert, um so eine gänzlich neue und eigenständige Aussage herzustellen. Außerdem hatte Cornell den ursprünglich schwarz-weißen Film blau eingefärbt, indem er ihn bei seiner ersten Vorführung durch ein blaues Glas projizierte. Dazu spielt er sentimentale Tanzmusik von Schallplatte. Für die Kopie, die er Jahrzehnte später mit Jonas Mekas für das Anthology Film Archives in New York herstellen ließ, entschied er sich allerdings für eine rötlich-violette Färbung und diese weiterhin provisorische, oder nun doch endgültige Version findet sich auch im Arsenal-Archiv. Die Tonebene besteht in dieser Version aus einer Audio-Kassette bzw. mp3/CD mit Mambo-Musik aus den 1960er Jahren, die bei jeder Aufführung parallel zur Projektion des Films (nicht synchron) abgespielt wird." (Martin Ebner)
SIGNAL – GERMANY ON THE AIR entstand während des DAAD-Aufenthalts von Ernie Gehr in West-Berlin. Der Titel SIGNAL – GERMANY ON THE AIR verweist auf die Tonspur des Films, die Gehr hauptsächlich aus Radio-Mitschnitten zusammengesetzt hat.
Auch in diesem Jahr gibt es im Rahmen von Forum und Forum Expanded eine Reihe von Veranstaltungen, die im Zusammenhang mit dem Living Archive Projekt stehen. Den Auftakt des diesjährigen Forum-Expanded-Programms bildet am 8. Februar eine Diskussionsveranstaltung mit Performances und Filmen aus dem Arsenal-Archiv, darunter die digitalisierte Fassung von POR PRIMERA VEZ (Octavio Cortázar, Kuba 1967). Als Forum Special präsentiert Living Archive-Teilnehmerin Nicole Wolf die restaurierte Fassung eines Films aus dem Forumprogramm von 1988: KYA HUA IS SHAHAR KO? (WHAT HAPPENED TO THIS CITY?) von Deepa Dhanraj (Indien 1986). Am 10. und 11.2. finden zwei weitere Panels mit den Living Archive-TeilnehmerInnen Filipa César, Marcel Schwierin, Ala Younis und Florian Zeyfang statt.
Vaginal Davis läutet das neue Jahr am 27. Januar mit Jim Jarmuschs Erstlingswerk PERMANENT VACATION (USA 1980) ein. Zum knarzenden Soundtrack, einer Mischung aus japanischer Gamelan-Musik und John Luries Jazz-Improvisationen, lässt sich der jugendliche Protagonist Allie durch die Lower East Side Manhattans treiben. Auf seiner Sinnsuche durch heruntergekommene, leerstehende Wohnblocks und Industriebauten trifft der Charlie-Parker-Fan auf einen Querschnitt an Downtown-Hipstern: Saxophonspieler, Gauner, Erleuchtete, Poeten. Eine melancholische "Odyssey of Cool". In ihrer monatlichen Serie präsentiert Vaginal Davis musikalische Perlen aus dem Archiv des Arsenal, stets gefolgt von Drinks und Musik.
Am 8. Januar findet die nächste öffentliche Sichtung statt. Auf Wunsch von Angela Melitopoulos sichten wir eine Auswahl an Filmen des Newsreel Collective aus dem Arsenal-Archiv. Newsreel wurde 1967 in New York gegründet. In den Folgejahren bildete sich ein landesweites Netzwerk aus DokumentarfilmemacherInnen, das 16mm-Filme über die Anti-Krieg und Frauenbewegung, die Bürger- und Menschenrechtsbewegung produzierte und vertrieb. Mitte der 70er Jahre folgte die Umbenennung von NY Newsreel in Third World Newsreel (TWN).
Der Countdown läuft! Im Juni 2013 endet das Projekt "Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart" mit einer umfangreichen Abschlussveranstaltung, mit der wir auch das 50. Jubiläum des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. (ehemals Freunde der deutschen Kinemathek) feiern. Über den gesamten Monat hinweg werden die TeilnehmerInnen von Living Archive die Ergebnisse ihrer zweijährigen Recherche und Auseinandersetzung mit dem Arsenal-Archiv in Form von Ausstellungen, Buchpräsentationen, DVD-Projekten, Filmreihen und Performances präsentieren. Bis dahin gibt es weiterhin die Möglichkeit, im Rahmen der öffentlichen Sichtungen gemeinsam Verborgenes, Unbekanntes und Vergessenes zu sichten.
Ein Ziel von Living Archive ist es, die Digitalisierung und Restaurierung von Filmen aus unserer Sammlung anzuregen, um diese Werke auch für die Zukunft zugänglich zu machen. Derzeit arbeiten wir u.a. an Filmen von Sheila McLaughlin, Ludwig Schönherr, Laura Mulvey und Peter Wollen. Wer möchte, kann mit absetzbaren Spenden hierzu beitragen und damit auch die Jubiläumsaktionen des Instituts unterstützen und die künftige Filmgeschichtsschreibung aktiv mitgestalten.
Drei Filme der amerikanischen Filmemacherin und Schauspielerin Sheila McLaughlin stehen in unserem Projekt für eine in den 70er und 80er Jahren stattgefundene Entwicklung des Experimentalfilms weg von einer radikal materialbetonten, selbstreflexiven Filmform hin zu den Erzählformen des independent films, in denen neue Formen filmischer Repräsentation und Dokumentation erarbeitet wurden. Der Kurzfilm INSIDE OUT (USA 1976/78) zeigt in drei stummen Sequenzen Momente einer gehaltenen, inneren Spannung vor einem emotionalen Ausbruch seiner Protagonistinnen. Das Innere bricht aus ihren Porträts hervor wie die Füllung aus einer aufgeschlagenen Piñata-Puppe. Der Film COMMITTED (USA 1980–84), den Sheila McLaughlin zusammen mit Lynne Tillman realisiert hat, versteht sich nicht als Biografie der Schauspielerin Frances Farmer, sondern als fiktionale Analyse. Er behandelt die gestörte Beziehung zwischen Farmer und ihrer Mutter, das sozial-politische Klima in den USA der 30er und 40er Jahre, die Rolle der Psychiatrie als zunehmend mächtiger Determinante darin und die destruktive Liebesgeschichte zwischen einer Frau (Schauspielerin) und einem Mann (Regisseur). Ausgeführt ist COMMITTED als Film noir und – dies eine Rarität für einen unabhängigen Film: als period piece. SHE MUST BE SEEING THINGS (USA / BRD 1987) verwebt die Arbeit einer Regisseurin an der Verfilmung eines Romans von Thomas de Quincey mit der konfliktreichen Beziehung zu ihrer Geliebten, die sich vor Eifersucht verzehrt und in Tagträumen und Rachefantasien ergeht. Wir zeigen die Filme, die auf der Ebene ihrer Produktion und Ästhetik auch Einblicke in eine damalige, transatlantische Kooperation innerhalb des unabhängigen Filmschaffens geben, im Rahmen des Living Archive-Projektes von Heinz Emigholz, der eine DVD-Veröffentlichung der Filme vorbereitet. Sheila McLaughlin wird anwesend sein.
Am 18. Dezember wird auf Wunsch von Constanze Ruhm der Film ANNA von Alberto Grifi und Massimo Sarchielli (Italien 1975, 16mm, OmU, 213') gesichtet und diskutiert. ANNA ist ein Dokumentarfilm über eine 16-jährige, obdachlose Drogenabhängige. Sie ist im 8. Monat schwanger, als sie von den beiden Filmemachern auf der Piazza Navona in Rom entdeckt wird. Der Film dokumentiert die Beziehung zwischen der schönen, deutlich angeschlagenen, oft benommenen Teenagerin und den Regisseuren. Lange, oft häusliche Szenen (einschließlich einer endlosen Entlausung in der Dusche) wechseln mit endlosen Cafégesprächen, die an der Piazza Navona stattfinden, wo die unbändigen, sich überschneidenden Gespräche die wichtigsten Themen des Films berühren: zwischen Filmemachern, dem Staat und der Gesellschaft. ANNA ist weit davon entfernt Cinema vérité zu sein. Die Verwicklung aller Beteiligten schließt Reinszenierungen des ersten Treffens mit ein, eindeutige Versuche, die Protagonistin zu lenken sowie häufige Eingriffe von hinter der Kamera (nicht zuletzt das Auftauchen des Technikers aus der Crew als Liebhaber). Der Film wurde ursprünglich mit einer Video-Apparatur in einer Länge von 11 Stunden aufgezeichnet und im Juni 1975 in einer auf 4 Stunden gekürzten Fassung mittels des "Vidigrafo" (eine Eigenkonstruktion von Alberto Grifi) auf 16mm-Film übertragen. Im selben Jahr lief er im Internationalen Forum des jungen Films.
"Gespenster der Freiheit: Kino und Dekolonisierung" stellt Bezüge her zwischen dem Filmarchiv des Arsenal und zwei Archiven in Mosambik und Guinea-Bissau, die wichtige Kapitel einer Geschichte des anti-kolonialen afrikanischen Kinos erzählen. Der Kurator Tobias Hering hat im Rahmen seines "Living Archive"-Projekts die portugiesischen Künstlerinnen Catarina Simão und Filipa César eingeladen, ihre unabhängig voneinander unternommenen Recherchen zu den beiden Archiven im Kino Arsenal vorzustellen. An insgesamt fünf Abenden schaffen Filme unterschiedlicher Herkunft, Bildfragmente und Tonspuren einen Resonanzraum, in dem die Rolle des Kinos in den Dekolonisierungsprozessen der 70er Jahre und auch die Politik von Archiven zur Sprache kommen können. Der zeitliche Fokus der Filmauswahl liegt auf den 70er Jahren. Zum Programm gehört eine Videoinstallation von Catarina Simão in der Black Box im Arsenal-Foyer (5.11.–12.11. und 26.11.–28.11., jeweils 16–22 Uhr, Anfang zur vollen Stunde). Am 27. und 28.11. wird zudem der Filmemacher Sana na N'Hada aus Guinea-Bissau zu Gast sein.