Arsenal Summer School 2009 – Workshops zur Filmvermittlung

Space Odyssee: Räume für Film und Videokunst

Kinos werden aufwändig umgebaut, um im digitalen Zeitalter bestehen zu können. Diesem Prozess fallen zahlreiche kleinere Kinos zum Opfer. In einer Zeit großer medialer Umbrüche hat es das Kino zunehmend schwer. Vor diesem Hintergrund soll es darum gehen, jene realen und virtuellen Räume zu betrachten, in denen Kino heute lebendig ist wie nie: Kino findet längst nicht mehr nur im Kinosaal statt. Bewegten Bildern begegnen wir im öffentlichen Raum, in Museen und Galerien, auf Bühnen und im Internet – soziale Räume und Denkräume, die das Kino jeweils unterschiedlich definieren.
Die Grenzen des Kinos zu anderen Künsten und Diskursen sind fließend. Die Architektur, die sich aus all diesen Räumen zusammen setzt, ist Ausdruck der Utopie eines Kinos, das sich in Bewegung befindet: Wie müssen sich Filminstitutionen vor diesem Hintergrund neu denken? Wie kann die kuratorische Praxis Räume neu definieren?

Mittwoch, 26.08.2009
20 Uhr
Eröffnung der Arsenal Summer School
(öffentliche Veranstaltung im Kino 1)

PROJECTION INSTRUCTIONS Morgan Fisher, USA 1976, 4 min
GRANDMA THREADING HER NEEDLE George Albert Smith, GB 1902, 1 min
Begrüßung durch den Vorstand
DIE BASIS DES MAKE-UP Kino-Performance von Heinz Emigholz
Darin enthalten: deutsche Kinopremiere seines Films
ZWEI PROJEKTE VON FREDERICK KIESLER Photographie und jenseits – Teil 14
Österreich/Deutschland 2006/09, 16 Minuten, auch in der Black Box
Der Film zeigt zwei Projekte des österreichischen Künstlers und Architekturvisionärs Frederick Kiesler (1890–1965): das 1959 von ihm gestaltete und in der Kiesler Privatstiftung Wien ausgestellte Modell für ein ENDLESS HOUSE und das 1959 bis 1965 in Jerusalem zusammen mit Armand Bartos realisierte Bauwerk THE SHRINE OF THE BOOK. Die Dreharbeiten fanden im Juni 2006 statt. Der Film bildet den Abschluss der von Heinz Emigholz realisierten filmischen Trilogie zu Bauwerken von Adolf Loos, Rudolph Schindler und Frederick Kiesler.

Danach Filme und Videos aus der Sammlung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst:
THE RED CARPET Jörg Hommer, D 2008, 4:35 min
THE ROOMS Tim Blue, Paul Rowley, USA 2008, 7 min
THE YELLOW WALLPAPER Katrin Pesch, USA 2008
PROPRIO APERTO Judith Hopf, Natascha Sadr Haghighian, Florian Zeyfang
Deutschland/USA 2005, 6 min.
BRUCE LEE IN THE LAND OF BALZAC Maria Thereza Alves, Frankreich 2008, 2 min

Abschließend Umtrunk auf der Dachterasse des Filmhauses (Helene-Schwarz-Café der DFFB)

Workshop-Programm
(nur für angemeldete Teilnehmer)

Donnerstag, 27.08.2009Kino 2
10 – 12 Uhr
#1 Öffentlicher Raum (Milena Gregor und Nadja Talmi, Arsenal) Kino war zu keiner Zeit auf die Black Box beschränkt. Von Beginn an bis heute gab und gibt es Filmvorführungen auf Jahrmärkten, Wanderkino, Kino im öffentlichen Raum. Was bedeutet es, Kino an andere Orte zu bringen? Welche Ziele und Strategien werden dabei verfolgt? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Kuratoren zum Publikum in der Situation eines Gastspiels? Und was bedeutet es für die Definition des Kinos, wenn es sich – seinem Gegenstand Film gemäß – in Bewegung befindet?

13.30  15.30 Uhr
#2 Virtueller Raum (Ekkehard Knörer, CARGO)
In Zeiten der weitreichenden Verfügbarkeit von Filmen im Internet läuft Kino Gefahr, zum historischen Phänomen zu werden. Das Online-Programmkino-Portal The Auteurs und das digitale Avantgarde-Archiv UbuWeb bieten Filme weltweit zur Ansicht an. Via Facebook werden Filme an „Freunde“ geschickt, in Blogs kommentiert und diskutiert. Die Grenzen zwischen Vermarktung und Vermittlung (Ubu steht bereits auf den Lehrplänen von Universitäten) von Filmen im Internet sind nicht eindeutig. Nahezu alle Bewegtbilder erhalten heute das Prädikat „Film“, losgelöst von der Institution Kino. In welchem Verhältnis steht der virtuelle Raum zu den Institutionen (Kinos, Festivals, Kinematheken, Archiven, Lehr- und Forschungseinrichtungen)?

16  18 Uhr
#3 Bildungsraum (Winfried Pauleit, Universität Bremen)
Film hat mittlerweile Eingang gefunden in die Lehrpläne von Schulen und Universitäten. Welchen Umgang mit Film gibt es im Bildungsraum, z. B. bei der Ausbildung von zukünftigen Lehrenden an der Universität? Wie wird dort Film und Videokunst gelehrt? Welchen Eingang finden hierbei filmpädagogische, kuratorische und filmwissenschaftliche Fragen? Wo und wie positionieren sich Filmwissenschaft und -vermittlung im bestehenden kulturellen Umfeld, in der künstlerischen Praxis – und im Verhältnis zu Kino und Schule?

20  22 Uhr
#4 Architektonischer Raum (Marc Glöde)
„Dan Grahams »Cinema«, das bis heute nur als architektonisches Modell existiert, ist integraler Bestandteil eines typischen Bürogebäudes. Das »Cinema« befindet sich im Erdgeschoss eines Eckgebäudes, in dessen zur Straßenecke gelegenen Kante ein leicht gebogener Projektionsschirm aus Zweiwege-Spiegelglas eingepasst ist. Der Passant auf der Strasse hat die Möglichkeit, sowohl den Film – ohne Ton und seitenverkehrt – zu sehen, als auch – je nach den Lichtverhältnissen im Film selbst - durch die Projektionswand hindurch auf das Kinopublikum zu schauen.“ (Gregor Stemmrich) Ein Beitrag zu realen und nicht realisierten Dispositiven des Kinos.

Freitag, 28.08.2009Kino 2
10  12 Uhr
#5Politischer Raum (Nanna Heidenreich, Arsenal)
Politische Filme machen, politisch Filme machen, Filme politisch machen - und zeigen. Das so bezeichnete Genre des politischen Films/Kinos geht zurück in die 1970er Jahre. Was ist daraus geworden? In wie weit ist der Begriff des politischen Films in den Diskurs über Ästhetik und Strategien des Dokumentarfilms eingegangen? Gibt es noch so etwas wie einen Agitationsfilm? Entstehen heute noch Filme und Videos für den unmittelbaren politischen Kontext jenseits von Kunst und Kino? Oder haben sich Kunst und Kino das Politische vollständig angeeignet oder es gar ersetzt?

13.30  15.30 Uhr
#6 Raum der Utopie (Hermann Kappelhoff, Freie Universität Berlin) „Seit den Avantgarden der zwanziger Jahre verbindet sich mit dem Kino eine ästhetische Utopie. Diese Utopie zielt auf die Erwartung, das Kino vermöge zu leisten, was man von den bestehenden politischen Institutionen nicht erhoffen kann: nämlich die konkreten Lebensbedingungen als sinnlich-anschauliche Verhältnisse auf den Erfahrungshorizont der einzelnen Individuen beziehen. Kino wird als einen Erfahrungsraum konzipiert, in dem für die einzelnen Individuen ein lebensweltlicher Zusammenhang zugänglich wird, der ihrem Alltagsbewusstsein verwehrt bleibt.“
(Aus: Hermann Kappelhoff, „Realismus: das Kino und die Politik des Ästhetischen“, Berlin 2008)

16  18 Uhr
#7 Kontext – Räume (Birgit Kohler, Arsenal) Die medialen Umbrüche der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Filme nahezu überall zu sehen und automatisch in verschiedenste Kontexte eingebunden sind: im Internet, in der Galerie, im Museum, im Flugzeug, in der U-Bahn, auf dem Mobiltelefon. Im Kino werden Filme aus dieser unübersichtlichen Flut von Bewegtbildern isoliert – dennoch figurieren sie nicht kontextlos. Im Gegenteil, dem Kuratieren, dem Anbieten von Kontexten und dem Vermitteln von Filmen kommt vor dem aktuellen medialen Hintergrund besondere Bedeutung zu. Je nachdem, welche anderen Filme oder Texte oder Worte ihm an die Seite gestellt sind, kann ein Film ganz anders wirken. Wie verändert der Kontext einen Film? Wie bilden Filme neben- und miteinander eigene Räume? Welche Rolle spielt die kuratorische Arbeit für die Lektüre und das Erleben eines Films im Kino?

Samstag, 29.08.2009Kino 2
10  12 Uhr
#8 Performativer Raum (Isabell Spengler/Antonia Baehr, Videokünstlerin/Performerin)
Ein neuer Typ Festival macht Furore: Film-, Video und Performancefestivals sind dabei, die Film- bzw. Videoperformance (ebenso wie den Performance-Film/das Performance-Video) als Genre zu etablieren. Dabei ist weniger das klassische Expanded Cinema gemeint, als die gegenseitige Durchdringung von Bewegtbild und Performance. Film- und Videoarbeiten dienen nicht nur als Bühnenbild: Sie definieren den Bühnenraum, sind Gegenstand oder Akteur. Umgekehrt ist die Kamera als Aufzeichnungsgerät Bestandteil von Performances, wobei das Ergebnis weit mehr ist als ein abgefilmtes Live-Event. Die Körper vor und hinter der Kamera werden gewissermaßen zu einer Einheit. Produktions- und Rezeptionsräume gehen heute grenzenlos ineinander über, das Kino wird zur Bühne, die Bühne zum Kinoreignis.

13.30  15.30 Uhr
#9 Ausstellungsraum (Stefanie Schulte Strathaus, Arsenal)
Das Verhältnis zwischen Black Box und White Cube wurde in den letzten Jahren vielfach diskutiert: Die Position des Betrachters im Raum, seine Bewegt-, bzw. Unbewegtheit, seine Verweildauer, der Unterschied zwischen kollektiver und individueller Wahrnehmung.
In der Regel ging es dabei um die Präsentation zeitgenössischer Arbeiten, die für die Ausstellung gedacht sind. Wie verhält es sich jedoch mit der Filmgeschichte? Welche Übersetzungsleistung ist notwendig, um historische Avantgarde- und Underground-, oder auch Dokumentarfilme nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in den Ausstellungsraum zu transferieren? Anhand welcher Kriterien lässt sich z.B. entscheiden, ob ein Film digitalisiert oder im Loop gezeigt werden kann? Wie verändert der Rezeptionsraum einen Film, der einmal für das Kino konzipiert wurde, und welche neuen Perspektiven kann eine Ausstellung eröffnen?

16  18 Uhr
#10Gedächtnisraum (Hito Steyerl, UdK Berlin)
„Im Zuge einer Recherche für einen meiner Filme stieß ich auf das unvollständige Bild [einer] Lehrerin. Ich sah es auf einer Kinoleinwand im Filmmuseum in Sarajevo, wo die Kopie einmal im Jahr projiziert wird – um gelüftet und so konserviert zu werden[...]. Da ich dieses Bild in meinem Film verwenden wollte, begab ich mich auf die Suche nach einer vollständigeren Version [...] im Zuge meiner Recherche ging es zunehmend nicht mehr um das Bild selbst. Es begann auf Fragen zu antworten, die niemand gestellt hatte. Fragen wie: Was ist ein Archiv? Was ist die Originalversion eines Films? Welchen Einfluss haben digitale Technologien auf die Übersetzung? Welche Arten von Gemeinschaften und Kollektiven werden im digitalen Niemandsland globalisierter Mediennetzwerke hervorgebracht?“ (Hito Steyerl zu ihrem Film „Journal No. 1 – An artist's impression“ in „Politik des Archivs. Übersetzungen im Film, 2008)

20 Uhr
Abschlussdiskussion

22 Uhr
Zum Abschluss präsentiert Vaginal Davis eine Performance.

Veranstaltungsort:
KINO ARSENAL im Filmhaus am Potsdamer Platz
Potsdamer Straße 2
D-10785 Berlin
www.arsenal-berlin.de