Oktober 2013, distribution news

"Art / Violence"

von Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled, Udi Aloni; Kinostart: 17. Oktober 2013, begleitet von der "CINEMA fairbindet" Roadshow

Bilder aus Art / Violence

Ein Künstler wird erschossen. Juliano Mer-Khamis - Friedensaktivist, Regisseur und Schauspieler - starb 2011 vor seinem Theater, im Flüchtlingslager von Jenin. Bis heute wurde der Mord nicht aufgeklärt. Mer-Khamis, Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, leitete seit 2006 das Freedom Theatre und spielte mit den Mitteln der Kunst gegen die Hoffnungslosigkeit und die Gewalt im Flüchtlingslager an. Außerdem stellte für ihn das Theater eine Möglichkeit dar, Künstlern, ungeachtet von Nationalität und Geschlecht, eine Bühne zu bieten. Der Film ART / VIOLENCE dokumentiert die Zeit nach der Ermordung Juliano Mer-Khamis': Was soll man mit seinem Vermächtnis anfangen? Wie mit den ohnmächtigen Gefühlen der Trauer und Wut umgehen? Wie geht es mit dem Theater weiter? In einer Mischung aus Interviews, Szenen aus dem Theater, Aufnahmen eines Hip-Hop-Konzerts, Rückblicken und Animationen, dokumentiert der Film alte wie neue Theaterprojekte, aber auch die Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler bei ihrer Arbeit begegnen. Dabei ist die Struktur von ART / VIOLENCE in drei Kapitel unterteilt, die sich jeweils auf ein Projekt des Freedom Theatre beziehen: Alice im Wunderland, Warten auf Godot und Antigone.

Termine der "CINEMA fairbindet" Roadshow:

Filmvorführungen in Anwesenheit der Regie:
17.10., Kinostart, Eiszeit Kino, Berlin, im Anschluss: Gespräch mit den RegisseurInnen, moderiert von Lydia Ziemke

18.10., FESTIWALLA 2013 im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, im Anschluss: Gespräch mit den RegisseurInnen, moderiert von Wieland Speck

19.10., WOKI, Bonn

20.10., Matinée im Abaton Kino, Hamburg

21.10., Cinématèque Leipzig in der naTo, im Anschluss: Gespräch mit den RegisseurInnen und Irit Neidhardt

22.10., Sonderveranstaltung der Globale Mittelhessen im Capitol, Marburg

23.10., Mal Seh’n Kino, Frankfurt a.M.

24.10., Arabisches Filmfestival, Tübingen (Sonderveranstaltung)

Filmvorführungen mit Gästen im Rahmen der "CINEMA fairbindet" Roadshow:
21.10., Cinema, Münster, mit Einführung von Bernhard Karimi

29.10., Kinemathek Karlsruhe, Einführung und anschließendes Gespräch mit Rusen Kartaloglu und Catherine Devaux

29.10., City 46, Bremen, im Anschluss: Gespräch mit Anette Klasing

04.11., Universum Filmtheater, Braunschweig, im Anschluss: Gespräch mit Irit Neidhart

06.11., Filmpalette, Köln, im Anschluss: Gespräch mit dem Israelisch-Palästinensischen Freundeskreis Köln sowie Martina Sabra

07.11., Kulturhaus Caserne Kino Studio 17, Friedrichshafen, im Anschluss: Podiumsdiskussion mit Karen van den Berg

17.11., Kommunales Kino Pforzheim

20.11., Kino im Künstlerhaus, Hannover, zu Gast: Klaus Hoffmann

20.11., Kino achteinhalb, Saarbrücken, im Anschluss Podiumsdiskussion zum Thema "Wechselwirkung von Kunst und Politik an Hand von Theater, bildender Kunst und Film" mit Prof. Sung-Hyung Cho (Professur für künstlerischer Film/Bewegtbild an der HBK Saar), Prof. Georg Winter (Professur für Plastik/Bildhauerei an der HBK Saar) und Christoph Diem (Künstlerischer Leiter Sparte 4, Saarländischer Staatstheater)

20.11., Spielart Festival (Muffatwerk, Ampere), München

21.11., Apollo Kino, Aachen

27.11., Cinema Quadrat, Mannheim, im Anschluss: Podiumsdiskussion mit Journalistin Nicole Heß

27.11., Corona Kinoplex, Kaufbeuren, mit Einführung sowie anschließender Diskussion zum Thema 'Kunst als Mittel des Widerstands', Dr. Anja Gebel

04.12., Kommunales Kino, Freiburg, mit Einführung und anschließender Diskussion, Gast: Saher Semaan

11.12., Cine K, Oldenburg

12.12., Karlstorkino, Heildelberg, anschließendes Publikumsgespräch mit Sonja Leinkauf

19.12., Institut für Theaterpädagogik, Hochschule Osnabrück (Campus Lingen), Filmveranstaltung im Kontext eines Studierendenprojekts mit Theaterproduktion zum Thema 'Freiheit'

Die Theaterprojekte im Film Art / Violence:

Alice im Wunderland (Lewis Carrol, 1865)

Alice, die Heldin der Geschichte, folgt einem sprechenden, weißen Kaninchen auf eine phantastische Reise in ein Wunderland voller Widersprüche und Absurditäten in deren Verlauf nach und nach alle bekannten Ordnungssysteme aufbrechen. In der Adaptation des Freedom Theatre entflieht Alice ihrer Realität aus Armut und Unterdrückung. Im Wunderland trifft sie Charaktere, die sie dazu bringen, ihre eigene Identität zu reflektieren und infrage zu stellen, was "richtig" und was "falsch", was "normal" und was "anormal" ist.
"Das letzte Stück, bei dem Jul' vor seiner Ermordung Regie führte, war Alice im Wunderland. Ich war die 'Rote Königin' [...] Sie ist die Herrscherin im Wunderland und kontrolliert jeden dort. Sie repräsentiert Führer wie z.B. Barak oder Abu Mazen." (Mariam Abu Khaled)

Warten auf Godot (Samuel Beckett, 1952)
In "While Waiting", der Neuinterpretation des Freedom Theatre von Warten auf Godot, wartet der Zuschauer mit den Protagonisten Didi und Gogo auf den nie erscheinenden Godot. Die im Film gezeigte Realität sowie das Theaterstück sind geprägt von Unsicherheit. Halt bietet einzig der feste Glaube daran, dass im Warten auf Godot ein Sinn liegt.
"Selbst wenn wir Schauspielerinnen in einem Theater sind, das kein Theater ist, in einer Heimat, die keine Heimat ist, in einem Land, das kein Land ist, zeigt die Tatsache, dass wir als palästinensische Frauen While Waiting interpretiert haben, dass wir unsere Rechte erlangt haben. Rechte, die uns genommen wurden, Rechte die wir aufgegeben hatten." (Batoul Taleb)
Warten auf Godot ist eines der meistzitierten Beispiele für das absurde Theater. Bekannt ist das Beharren Becketts auf strenge Geschlechtertreue, der sich das Team des Freedom Theatre durch die weibliche Besetzung der Männerrollen widersetzt. Das Stück beschäftigt sich mit Fragen der Sinnhaftigkeit des Lebens im Angesicht unveränderlicher und unerklärlicher Vorgänge, in der Neuinterpretation werden Ohnmachtsgefühle verarbeitet sowie Geschlechterprobleme thematisiert.

Antigone (Sophokles, ca. 442 v. Chr.)
Die Heldin des Stückes, Antigone, wendet sich gegen den Willen ihres Onkels, des Königs Kreo. Sie bestattet den Leichnam ihres Bruders, den Kreo wegen Hochverrats hat hinrichten lassen und dessen Begräbnis er verbot. Dafür verurteilt Kreo sie zum Tode. Als die Warnung vor der Rache der Götter Kreo schließlich bewegt, sein Urteil zu ändern, ist es bereits zu spät, Antigone hat sich selbst gerichtet.
"Vor dem Mord an Juliano hatten wir begonnen, an Antigone in Jenin zu arbeiten, einem Film, von dem wir hofften, dass er die Komplexität des Strebens nach hoher Kunst, Frauenrechten und der Befreiung von israelischer Besatzung darzustellen vermöge." (Udi Aloni)
Dies dritte und letzte Kapitel im Film folgt Juliano Mer-Khamis zwölfjähriger Tochter, Milay Mer, die sich – ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters – vornimmt, einen seiner unverwirklichten Träume umzusetzen: Die filmische Adaptation von Antigone. In Jaffa trifft sie sich mit den bekannten Schauspielern Saleh Bakri und Amer Hlelel sowie Udi Aloni, Mariam Abu Khaled und Batoul Taleb, um eine Schlüsselszene zu drehen. Ihre freie Interpretation thematisiert die patriarchalische Gesellschaftsstruktur der Palästinensischen Gebiete anhand der Frage, ob und wie frei eine Schauspielerin auf der Bühne eigene Ausdrucksformen entwickeln darf.

Hintergrundinformationen
Das Flüchtlingslager von Jenin liegt neben der gleichnamigen Stadt im Norden des seit 1967 von Israel besetzten Westjordanlands. Mit mehr als 12.000 Bewohnern ist es eines der größten palästinensischen Flüchtlingslager. Etwa 42 Prozent sind unter fünfzehn Jahre alt.

Das Freedom Theatre bietet neben einem vielfältigen Kulturprogramm auch Zirkus-, Theater-, Musik-, Video- und Computergruppen für Kinder und Jugendliche an. Seit 2008 betreibt es zudem die erste palästinensische Theaterschule, in der internationale Theater- und Performancefachleute junge Palästinenserinnen und Palästinenser ausbilden. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Theaters: www.thefreedomtheatre.org

FSK: "Freigegeben ab 12 Jahren"
Der Film darf an allen Tagen des Jahres (einschließlich der gesetzlich geschützten stillen Feiertage) vorgeführt werden.

Festivals und Auszeichnungen

Panorama der Berlinale – Weltpremiere / Gewinner CINEMA fairbindet Preis
Cinema South Festival (Sderot, Israel)
The Jerusalem International Film Festival (Jerusalem, Israel)
Documentarist Film Festival (Istanbul, Turkey)
Montreal International Documentary Festival - RIDM (Montreal, Canada)
MedFilm Festival Rome - Gewinner des "Open Eyes Award 2013"

Die RegisseurInnen

Batoul Taleb begann ihre Schauspielkarriere am Freedom Theatre. Hier spielte sie u.a. in Animal Farm, Fragments of Palestine, Alice in Wonderland, Waiting for Godot und Miss Julie. Mit den Produktionen tourte sie durch Europa und die USA, nahm an zahlreichen Workshops in der ganzen Welt teil. Für sie ist Theater ein bedeutendes Mittel für Engagement und für das Zusammenbringen einer Gemeinschaft. ART / VIOLENCE ist Batouls erster Film.

Mariam Abu Khaled fing mit 15 Jahren an, zu schauspielern. Mit 18 kam sie zum Freedom Theatre, um bei Mer-Khamis zu studieren. Sie war u.a. beteiligt an den Produktionen Fragments of Palestine, Alice in Wonderland, Waiting for Godot, und Miss Julie. Sie ist in den Palästinensischen Gebieten, Europa sowie den USA aufgetreten. ART / VIOLENCE ist ihr erster Film.

Udi Aloni ist sowohl Theater- wie Filmregisseur, Schriftsteller und Künstler. In seinen Arbeiten untersucht er den Diskurs zwischen Kunst, Theorie und Handlung. Seine Filme Kashmir: Journey to Freedom (2009), Forgiveness (2006), Local Angel and Innocent Criminals (2003) wurden im Panorama der Berlinale gezeigt. 2009 begann er am Cinema Department des Freedom Theatres zu arbeiten. Nach dem Mord an seinem Freund Juliano Mer-Khamis übernahm Aloni die Regie von While Waiting. Das Stück tourte in Ramallah, Jaffa, Helsinki, Berlin und Kassel.

Der Verleih sowie die Roadshow von ART / VIOLENCE werden ermöglicht durch den entwicklungspolitischen Filmpreis 'CINEMA fairbindet', gestiftet vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ).

Das Projekt 'CINEMA fairbindet' wird durchgeführt von der
Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Medienpartner: DW-Akademie

ART / VIOLENCE

Land/Jahr: Palästinensische Gebiete / USA 2013. Länge: 75 Min. Sprachen: Arabisch, Englisch, Hebräisch. Fassung: OF mit dt. UT. Regie: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled. Schnitt & Co-Regie: Adi Golan – Bikhnafo. Kamera: Amnon Zlait. Produzenten: Udi Aloni, Batoul Taleb, Tamer Nafar, Aviva Zimmerman. Musik: DAM (Tamer Nafar, Suhell Nafar & Mahmoud Jreri) & Shadia Mansour.  Animation: Eilona Givon. Mitwirkende: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled, Milay Mer, Saleh Bakri, Amer Hlehel & Adi Khalifa