April 2014, distribution news

"Museum Hours"

von Jem Cohen; Kinostart: 10. April 2014

Bilder aus MUSEUM HOURS

Johann arbeitet als Museumswärter im prachtvollen Wiener Kunsthistorischen Museum. Hier begegnet er der kanadischen Touristin Anne. Sie ist wegen ihrer Cousine in der Stadt ist, die im Koma liegt. Ohne Geld und Stadtkenntnis, flieht Anne vor dem grauen Winter ins Museum. Nach anfänglichem Misstrauen, bietet Johann ihr seine Hilfe an und jeder taucht in die Welt des anderen ein. Gemeinsam entdecken sie Unbekanntes - in ihren eigenen Leben, in Wien, sowie in der Art und Weise, wie Kunstwerke tägliche Erfahrungen reflektieren und formen können.

Das Museum bildet die mysteriöse Wegkreuzung, an der sich durch die Kunstwerke ein Dialog über die gegenwärtige Welt entspinnt. Obwohl diese Auseinandersetzung mit existentiellen Themen wie Tod, Sex, Geschichte, Theologie und Materialismus durch die Kunst ausgelöst wird, werden sie erst im alltäglichen Leben der Protagonisten greifbar. Eine Studie über zwei Menschen, deren Beziehung jeglichen filmischen Klischees trotzt; ein ungewöhnliches Porträt Wiens; eine Meditation über die Schnittstellen von Leben und Kunst mit dem Museum als Vermittler.

Homepage des Films mit Trailer und weiteren Informationen

Festivals & Auszeichnungen
- 65. Festival del Film Locarno, Int. Wettbewerb
Auszeichnung: Art Cinema Award
- 37. Toronto Int. Filmfestival
- Kaunas Int. Filmfestival 2012
- Vancouver Int. Filmfestival 2012
- 56. BFI London Int. Filmfestival
- 2-in-1 Moscow Int. Contemporary FilmFestival 2012
Int. Wettbewerb, Auszeichnung: Best Story
- Thessaloniki Int. Filmfestival 2012
- Sevilla Festival de Cine Europeo 2012
- Viennale 2012

Jem Cohen über seinen Film
Der Film nahm im Bruegel-Saal des Kunsthistorischen Museums Wien seinen Anfang. Als ich dort bestimmte Gemälde – alle davon aus dem 16. Jahrhundert – betrachtete, war ich besonders von der Tatsache beeindruckt, dass der inhaltliche Schwerpunkt, ja selbst die zentrale Figur, schwer zu bestimmen war. Das geschah eindeutig absichtlich, es war erstaunlich modern (ja sogar radikal) und hinterließ bei mir großen Eindruck. Auf einem dieser Gemälde mit der vorgeblichen Darstellung der Bekehrung des Paulus sieht man einen kleinen Jungen, der unter einem Baum steht, und ich war irgendwie auf ihn fixiert. Er hat wenig bis gar nichts mit dem vorliegenden religiösen Thema zu tun, ist jedoch keineswegs von marginaler Bedeutung, sondern zieht das Auge des Betrachters ebenso an wie der Heilige. Er ist ebenso wichtig wie alles andere im Bild.

Ich bemerkte eine Verbindung zu einer Sensibilität, die ich immer wieder empfinde, wenn ich dokumentarische Straßenaufnahmen mache, was ich seit vielen Jahren tue. Wenn es auf der Straße überhaupt so etwas wie einen Vordergrund und Hintergrund gibt, dann wechseln sie stets die Rollen. Alles Mögliche kann prominent hervortreten oder plötzlich verschwinden: Licht, die Umrisse eines Gebäudes, ein streitendes Paar, ein Regenschauer, der Klang von Husten, Spatzen … (Und das beschränkt sich nicht nur aufs Physische. Die Straße besteht aus Geschichte, Folklore, Politik, Wirtschaft und tausenden fragmentarischen Erzählungen.)

Im Leben können sich all diese Elemente frei miteinander verknüpfen, verbinden und danach wieder getrennte Wege gehen. Filme hingegen, besonders Spielfilme, wandeln normalerweise auf einem viel engeren und vorhersehbareren Pfad. Wie also kann man Filme machen, die uns nicht sagen, wo wir hinschauen und was wir empfinden sollen? Filme, die Zuschauer ermutigen, ihre eigenen Verbindungen herzustellen, seltsame Gedanken zu spinnen, sich unsicher darüber zu sein, was als nächstes geschehen wird oder selbst um „welche Art von Film es sich handelt”? Wie fokussiert man gleichermaßen auf kleine Details und große Ideen und wie kombiniert man ein wenig der Unmittelbarkeit und Offenheit einer Dokumentation mit Charakteren und erfundenen Geschichten? Das sind die Dinge, in die ich mich verstricken wollte, wobei das Museum als eine Art Dreh- und Angelpunkt dienen sollte. Wenn ich Filme mache, werde ich ebenso sehr von Gemälden (und Skulpturen, Büchern und Musik) beeinflusst wie vom Kino. Vielleicht würde dieses Projekt all das für mich zusammenbringen, eine Art Kulmination.

Jahre später begann ich – mit eingeschränkten Mitteln, aber einem aufgeschlossenen, kleinen Team sowie Zugang zu Museum und Stadt – eine einfache Geschichte zu skizzieren. Die Figur, die am besten geeignet wäre, deren Verlauf zu verfolgen (und Zeit genug hat, um über Sachen nachzudenken) würde ein Museumswärter sein. Vorzugsweise würde er von einem Laiendarsteller mit einer ruhigen Stimme gespielt, der sich mit Gelegenheitsjobs auskennt. Ich fand diese Person in Bobby Sommer.

Vor nahezu 25 Jahren sah ich eine Performance von Mary Margaret O'Hara und seither wollte ich sie in einem meiner Filme haben. Sie ist großartig und witzig zugleich und hat Erfahrung damit, an keine Form gebunden zu sein. Sie würde die Dinge sicherlich durch ungewöhnliche Perspektiven vermitteln, besonders wenn man sie in einer ihr unbekannten Stadt aussetzt und ihr Spielraum gibt.

Dieser Film konnte schlicht nicht entstehen, indem man ein Drehbuch fertigstellt und dieses mit Aufnahmen ausstattet. Stattdessen entstand er durch die Schaffung einer Reihe von Umständen – manche davon sorgfältig gesteuert, andere absolut unvorhersehbar. Das bedeutete, keine Sets zu verwenden (und schon gar nicht, sie abzuriegeln), sondern die Welt hereinzubitten …

Es gab noch andere wichtige Dinge, die man in Museen findet, von denen ich mich leiten ließ. In älteren Museen, die so wunderschön beleuchtet sind, wirken die Besucher selbst beinahe wie Kunstwerke – als ob sie die Rollen tauschen würden. Diese Übertragung macht die falsche Vorstellung von historischer Distanz zunichte; wir stehen vor einer Darstellung, die 400 oder 3000 Jahre alt ist, und es gibt eine Spiegelung, die in beiden Richtungen funktioniert. (Das ist eines der Dinge, die alte Museen sexy machen: eine ihnen anhaftende Erotik, die im Widerspruch zu der vielleicht vorherrschenden, bedauerlichen Ansicht steht, sie seien archaisch, bieder und irgendwie irrelevant.) Dieses Phänomen unterstreicht für mich, wie uns Kunstwerke aus jeder beliebigen Zeit unsere eigenen Zustände vermitteln. Die Wände, die das große, alte Kunstmuseum in Wien von der Straße und dem Leben draußen trennen, sind dick. Wir hegten die Hoffnung, sie porös zu machen.

JEM COHEN - Zu den Langfilmen des in New York lebenden Regisseurs zählen Chain, Benjamin Smoke (Berlinale Forum 2000), Instrument und Evening’s Civil Twilight in Empires of Tin. Unter seinen Kurzfilmen finden sich Lost Book Found, Amber City, Little Flags und Anne Truitt – Working. Cohens Filme sind in den Sammlungen des MoMa und Whitney Museum vertreten und wurden von PBS, Arte sowie dem Sundance Channel ausgestrahlt. Retrospektiven wurden ihm von Londons NFT, BAFICI, Oberhausen, Gijon und Spaniens Punto de Vista gewidmet. Er hat mit zahlreichen Musikern zusammengearbeitet, darunter Fugazi, Patti Smith, Terry Riley, Godspeed You Black Emperor!, Gil Shaham/ Orpheus Orchestra, R.E.M., Vic Chesnutt und The Ex, sowie dem Schriftsteller Luc Sante.

MUSEUM HOURS
Land/Jahr: Österreich / USA 2012. Laufzeit: 106 min. Format: DCP. Bildverhältnis: 1:1,78. Aufnahmeformat: Super 16mm / 2K /HD. Tonmischung: 5:1. Sprache: Englisch. Sprachfassung: OmU. Buch, Regie: Jem Cohen. Darsteller: Mary Margaret O’Hara, Bobby Sommer, Ela Piplits. Kamera: Jem Cohen, Peter Roehsler. Ton: Bruno Pisek. Schnitt: Jem Cohen, Marc Vives. Produktionsleitung: Paolo Calamita. Produziert von LITTLE MAGNET FILMS, GRAVITY HILL, KGP KRANZELBINDER GABRIELE PRODUCTION. Produzenten: Paolo Calamita, Jem Cohen, Gabriele Kranzelbinder. Executive Producers: Guy Picciotto, Patty Smith. Gefördert von Innovative Film des bm:ukk, ORF Film/Fernseh-Abkommen