November 2014, distribution news

"Al doilea joc - The Second Game"

von Corneliu Porumboiu; Kinostart: 04. Dezember 2014

Bilder aus The Second Game

Es wirkt trügerisch simpel: Der Regisseur und sein Vater schauen sich ein Fußballspiel an, das 1988 durch den Vater angepfiffen wurde. In Echtzeit kommentieren sie die Aufnahmen jener Zeit, als in Bukarest bei heftigem Schneefall die beiden führenden Mannschaften des Landes gegeneinander spielen, Dinamo und Steaua, ein Jahr vor dem Sturz Ceaușescus. Die Bedingungen sind nicht gerade einfach, das Spiel hat an sich wenig Reiz: zwei Halbzeiten, gelbe Zwischentitel, der Schnee verschwimmt mit den körnigen Videobildern. Das ist der unspektakuläre Startpunkt für einen Vorstoß in den Konjunktiv.

Was, wenn der Ball nicht die Latte getroffen hätte? Was, wenn der Schiedsrichter sich dem Druck gebeugt und eine der Mannschaften begünstigt hätte? Was, wenn die Kamera den kurzen Tumult auf dem Spielfeld eingefangen hätte? Was, wenn das Spiel ein Jahr später stattgefunden hätte? Was, wenn der Schnee das Spiel ganz verhindert hätte? Ein imaginäres Alternativspiel folgt aufs nächste, jedes evoziert andere Bilder, andere Spielstände, andere Loyalitäten und andere Folgen. Wollte man fragen, welches Spiel die meiste Aussagekraft besitzt, dann wäre die Antwort wohl: das banalste. (Forumskatalog, James Lattimer)

"Al doilea joc - The Second Game" hat beim Transilvania International Film Festival in Cluj den Romanian Days Award als bester rumänischer Film erhalten.

David Hugendick auf Zeit Online über den Film: 90 Minuten Diktatur - Böse gegen Böse: In Corneliu Porumboius' Film "The Second Game" wird ein rumänisches Fußballspiel zur brillanten Allegorie auf das Ceaușescu-Regime. 

Adrian Porumboiu wurde 1950 in Buzau, Rumänien, geboren. Als Fußballer spielte er für die rumänischen Jugendmannschaften Metalul Buzau (1964–1965), FC Argeş Piteşti (1965–1968), dann für Laminorul Braila (1969–1970), Gloria Barlad und Gloria Slatina (1970–1971), Chimia Ramnicu Valcea (1971–1972) und für die erste Mannschaft von Viitorul Vaslui (1972–1979). Nach Beendigung seiner Spielerkarriere wurde er Schiedsrichter. Ab 1980 leitete er zunächst Spiele der dritten Liga, bevor er 1982 in der zweiten und schließlich ab 1984 in der ersten Liga tätig war. 1997 ging er in den Ruhestand und war anschließend bis 2006 als Schiedsrichterbeobachter für die FIFA tätig. 1998 war er Leiter der Romanian Football Federation Discipline and Referee Assessment Commission. Zwischen 2006 und 2012 war Adrian Porumboiu Geschäftsführer des FC Vaslui.

Corneliu Porumboiu wurde 1975 in Vaslui, Rumänien, geboren. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bukarest studierte er von 1999 bis 2003 Filmregie an der I. L. Caragiale National University of Theatre and Film in Bukarest. 2000 entstand sein erster Kurzfilm Graffiti, 2006 sein erster abendfüllender Spielfilm "12:08 East of Bucharest".

Interview mit dem Regisseur

"Al doilea joc" ist Ihr erster nicht-fiktionaler Film, und mehr als das: Er ist selbstreferenziell und sehr persönlich, man könnte ihn auch als Home Movie bezeichnen. Wie entstand Ihr Interesse für diese Art von Film?

Durch eine Rückschau. Vor ein oder zwei Jahren sah ich in einer Sendung, die Wiederholung heißt und im rumänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen lief, einige Minuten eines Fußballspiels von 1988 wieder, bei dem mein Vater, Adrian Porumboiu, Schiedsrichter gewesen war. Ich bin als Kind telefonisch bedroht worden, und um meine Angst zu überwinden, lernte ich die Regeln des Fußballs. Gemeinsam mit meinem Bruder Octavian und meiner Mutter habe ich viele Spiele gesehen und ständig fragten mich die beiden: „War das Abseits? War das ein Foul? Hat er die gelbe Karte zu Recht gezeigt?” Vor dem Fernsehapparat sitzend, war ich mit der Zeit allmählich selbst zum Schiedsrichter geworden. Doch von diesem einen Spiel hatte ich nichts begriffen, denn es schneite, und ich konnte den Ball kaum sehen. Die Ausschnitte nach all den Jahren wiederzusehen, erzeugte in mir ein seltsames Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Einige Monate später traf ich zufällig Marian Olaianos, den Produzenten der Sendung Wiederholung. Ich bat ihn um eine Kopie von der Aufnahme des Spiels, das ich gemeinsam mit meinem Vater noch einmal ansehen wollte, auch um bestimmte Dinge zu klären. Außerdem dachte ich darüber nach, ob das Gespräch mit ihm die Grundlage für einen neuen Film werden könnte. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, Filme zum Thema Fußball zu machen, denn in dieser Welt bin ich aufgewachsen. Als Teenager habe ich selbst Fußball gespielt. Abgesehen von der Fernsehsendung, die mir die Erinnerung an dieses Spiel zurückbrachte, beeinflussten mich auch andere Bilder: zwei Szenen aus Andrei Ujicăs Film The Autobiography of Nicolae Ceaușescu. Sie spielen in einem Winter am Ende der 1980er Jahre. Eine der beiden Szenen zeigt einen leeren Laden, in der anderen sind Menschen zu sehen, die vor Ceaușescu salutieren; aufgenommen sind diese Bilder aus einer irgendwie persönlichen, subjektiven Perspektive. Insgesamt hatte ich mir den Film bis dahin eher distanziert angesehen, diese beiden Szenen aber wirkten wie intensive emotionale Impulse auf mich, weil ich mittlerweile meine Kindheit mit einem Winter assoziiere, der auf VHS festgehalten ist.

Haben Sie nie daran gedacht, ein filmisches Tagebuch zu drehen, in dem es um Ihre Familie und Sie geht?

Ich wollte diese Aufnahmen noch einmal sehen, um etwas für mich zu klären. Was genau, kann ich nur schwer sagen. Ich wollte dieses Spiel noch einmal sehen, weil es auf seltsame Weise mit der Bedrohung in Verbindung stand, die ich ein paar Jahre zuvor erlebt hatte. Diese Bedrohung ist mir ebenso in Erinnerung geblieben wie die Stimme des Mannes am Telefon. Die Erinnerung daran ist auch in meine Filme eingesickert: Der Securitate-Offizier, der in "12:08 East of Bucharest" in der Liveshow anruft, ist davon inspiriert, und auch die Figur des Polizeichefs Anghelache in "Police, Adjective". Er verwendet eine Pseudo-Logik und hat eine absurde Art, mit den Dingen umzugehen und Fragen zu stellen. Über diese für mich wesentlichen Klärungsprozesse hinaus hatte ich aber nie vor, mich mit dem Genre des Tagebuch-Films zu befassen. Ich hatte auch nie vor, irgendeine Form von Familienbeichte abzuliefern. Stattdessen verfolge ich in "Al doilea joc" einen politischen Ansatz, wenn auch eher implizit. Während man vor 1989 noch von Zen- sur sprechen konnte, weil die Kamera bei den Spielen so positioniert war, dass nur selten Nahaufnahmen von den Spielern gemacht werden konnten, und weil die Konflikte zwischen ihnen niemals gezeigt wurden, ist in Rumänien heute eine andere, aber noch immer restriktive Art und Weise der Übertragung von Fußballspielen üblich. Die Kameraperspektive ist von einer solchen Präzision, dass sie, entsprechend der US-amerikanischen Tradition, die Zuschauer durch Nahaufnahmen und Wiederholungen emotional so manipuliert, dass die Erfahrung vor dem Fernseher fast nichts mehr mit der Live-Erfahrung im Stadion zu tun hat. Als ich das Spiel wiedersah, bei dem mein Vater Schiedsrichter gewesen war, fragte ich mich, ob vielleicht diese Art der Kameraführung, mit der ich aufgewachsen bin, meine Beziehung zum Kino indirekt geprägt hat. Ich versuche mit meinen Filmen, Dinge zu konstatieren, Fragen zu stellen, an bestimmte Ereignisse zu erinnern. Unsere Gesellschaft hat nach wie vor ein schwarz-weißes Bild von der Vergangenheit, eine in gewisser Weise vereinfachende Sicht auf die Geschichte. Einer der Gründe dafür, dass ich Filme mache, liegt vermutlich darin, dass ich diese Mentalität hinterfragen möchte.

Ist der Kommentar des Films aus verschiedenen Aufnahmen zusammengesetzt, oder handelt es sich dabei um die vollständige Aufnahme eines einzigen Gesprächs zwischen Ihnen und Ihrem Vater?

Wir haben den Film zu Hause in Vaslui auf einem einfachen DVD-Player angeschaut, der keine Pause-Taste hat. Nachdem wir eine Weile aufgezeichnet hatten, während mein Vater und ich das Spiel ansahen und darüber sprachen, stockte plötzlich die Wiedergabe der DVD. Wir mussten uns den Film daraufhin noch einmal ansehen und begannen das Gespräch wieder ganz von vorne. Diesmal merkte ich nach zwanzig Minuten, dass mein Aufnahmegerät nicht funktionierte. Mein Vater und ich trafen uns am nächsten Tag erneut, um mit der Aufnahme noch einmal neu anzufangen, und wieder hatten wir Probleme, diesmal nach der sechzigsten Minute. Um das Spiel ganz gesehen zu haben und die Aufnahme des Gesprächs zu vervollständigen, mussten wir also ein viertes Mal von vorne beginnen. Auf diese Weise entstanden bis zur sechzigs- ten Minute drei Aufzeichnungen des Gesprächs und von dem Abschnitt danach nur eine. Die erste Aufnahme ist eine Art Fernsehunterhaltung geworden, die einen einigermaßen neutralen Charakter hat. Die Antworten meines Vaters in diesem Teil sind unparteiisch, denn er ist an Interviews und Kameras gewöhnt. Letztlich war es gut, dass das Gespräch mehrere Male unterbrochen wurde, denn das brachte meinen Vater dazu, die etwas mechanische Art aufzugeben, mit der er sich zu dem Spiel äußerte. Im zweiten Teil des Gesprächs gibt es weniger Fragen, der Dialog wird spärlicher, weil wir uns mehr auf das Spiel konzentrieren. Obwohl in dieser Aufnahme einige Dinge fehlen, die ich gerne dabei gehabt hätte, fand ich, dass die Kombination der Bilder und unseres Gesprächs als ein Dokument der Begegnung zwischen meinem Vater und mir funktioniert. Es wäre zwecklos gewesen, diese Situation künstlich mit anderen Bedeutungen zu versehen. Wenn ich zur Erläuterung bestimmter Inhalte des Gesprächs, die für Zuschauer nicht ganz nachvollziehbar sein könnten, weil sie mit der Laufbahn meines Vaters nicht vertraut sind, Inserts eingefügt oder die Teile unserer Konversation, die verloren gegangen sind, in einer nachgestellten Aufnahme verfügbar gemacht hätte, wäre ich das Risiko eingegangen, die Frische und Unmittelbarkeit unserer Begegnung zu verlieren. Daraus wä- re dann ein anderer Film mit einer anderen Art von Emotion, vielleicht sogar ohne jede Emotion geworden.

An einer Stelle des Films sagt Ihr Vater, dass das Spiel, über das Sie reden, das dritte oder vierte gewesen sei, das zwischen den beiden Mannschaften stattgefunden hat und für das er als Schiedsrichter fungierte. Wie kam es dann zu dem Titel des Films, "Al doilea joc", übersetzt: das zweite Spiel?

Mein Vater hat auf seinem Handy Schostakowitschs Walzer Nr. 2 als Klingelton. Anfangs dachte ich, der Film könnte "Der Zweite Walzer" heißen, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt wird das Fußballspiel absurd, eine Art makabrer Tanz. Am Ende fand ich aber doch "Al doilea joc" passender: Es war das zweite Mal, dass ich den Mitschnitt des Spiels sah, und es verwandelte sich dabei in etwas anderes.

Wie findet Ihr Vater den Film?

Mein Vater hat ihn noch nicht gesehen, aber er weiß, dass es kein ernster Film ist. Er neckt mich ständig mit der Frage: "Wann machst du endlich einmal einen ernsthaften Film, einen wichtigen, einen emotionalen Film?"

"Al doilea joc - The Second Game"
Rumänien 2014. Format: DCP, BluRay. Länge: 97 Min. Sprache: Rumänisch. Fassung: OmU. Regie: Corneliu Porumboiu. Ton: Dana Bunescu. Musik: Max Richter. Sounddesign: Sebastian Zsemlye. Produzentin: Marcela Ursu. Mitwirkende: Adrian Porumboiu, Corneliu Porumboiu. Produktion: 42 km Film, Bukarest (Rumänien). Uraufführung: 11. Februar 2014, Berlinale Forum.