Oktober 2014, distribution news

"Butter on the Latch" & "Thou Wast Mild and Lovely"

zwei Filme von Josephine Decker, Kinostart: 16. Oktober 2014

Bilder aus Butter on the Latch and Thou Wast Mild and Lovely

BUTTER ON THE LATCH

THOU WAST MILD AND LOVELY

Der mystisch anmutende BUTTER ON THE LATCH spielt in den finsteren Wäldern von Mendocino, wo ein Balkan-Folk-Festival stattfindet, auf dem Sarah ihre Freundin Isolde mit einem Besuch überrascht. Ausgelassen wie kleine Mädchen, werfen sie sich in das Festivalgeschehen. Sarah lernt einen gutaussehenden Mann kennen und entscheidet sich, ihn zu verführen – langsam und über mehrere Tage. Während sie sich ihrem Ziel nähert, verändern unirdische, erschreckende Gefühle ihr Verhalten. Sie stürzt immer tiefer in die mythische Welt der anderen Festivalbesucher und vergisst darüber fast ihre Freundin.

Ashley Connors erfrischende Kameraführung und Deckers assoziativer Schnitt – mal experimentell, mal ruhig und kontemplativ – werden zum Ausdruck der unheimlichen Räume, die sich in Sarahs Psyche öffnen. Was als unschuldiger Besuch in den Wäldern beginnt, entwickelt sich bald zu einer verwirrenden Reise in eine Welt der Fantasie, in der sich Realität und Mythos unauflöslich miteinander verbinden.

In ihrem zweiten Spielfilm THOU WAST MILD AND LOVELY lässt Decker Schönheit und Horror unbekümmert miteinander flirten. Sarah lebt mit ihrem Vater auf einer Farm in Kentucky. Über den sattgrünen Bildern liegt eine Frauenstimme, die geheimnisvoll und sinnlich von ihrem Liebhaber erzählt, der ein Mensch sein mag oder auch die ganze Welt. In diese Abgeschiedenheit platzt Akin, der für den Sommer aushelfen soll. Frau und Kind hat er daheim gelassen hat – und seinen Ehering vorsorglich abgelegt. Bald umkreisen sich die drei, sie beobachten, fühlen sich beobachtet und wissen, dass ihr Beobachten nicht unbeobachtet bleibt. In dieser Atmosphäre entwickelt sich zwischen Sarah und Akin eine aufgeladene Romanze, aber auch ein ungewisses Gefühl von Bedrohung. Als Akins Frau zu Besuch kommt, explodiert die Situation, harmlose Fantasien münden in einen gewalttätigen Alptraum. In verführerischen Farben hebt Ashley Connors grandiose Kameraarbeit mit ihrer kurzen Schärfentiefe das Schemenhafte der abgründigen Geschichte weiter hervor.

Josephine Decker im Interview mit Knut Elstermann, Radio 1, während der Berlinale 2014.

Josephine Decker wurde 1981 in London geboren. Nach einem Bachelor-Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und des Kreativen Schreibens an der amerikanischen Princeton University studierte sie Literatur-, Film- und Politikwissenschaft sowie Musik in Buenos Aires. 2003 begann sie, eigene Kurzfilme zu drehen. Heute arbeitet Josephine Decker als Drehbuchautorin, Regisseurin, Cutterin und Produzentin. Mehr über Josephine Decker hier.

"Wie kann man sich selbst annehmen?"
Die Regisseurin über BUTTER ON THE LATCH

Nachdem ich an Sarah Smalls Film "The Delirium Constructions" mitgewirkt hatte, wollte ich unbedingt mit ihr zusammenarbeiten. Sie ist nicht nur fester Bestandteil der Community und bestens vertraut mit der folkloristischen Tradition, um die es in dem Film gehen sollte; als Künstlerin interessiert sie sich wie ich für das Improvisieren, das zutiefst Menschliche, für Verstörendes, Unangenehmes und für Jenseitiges. Dazu kam Ashley Connor mit ihrer völlig neuartigen Bildsprache, die es dem Film ermöglicht, über die Ebene der Erzählung hinaus, sämtliche Sinne berührende Gefühlszustände unterschiedlichster Art zu durchlaufen. Ihre Kunst ist die Grundlage der eigenwilligen Aura des Films. Ich bin ihr zu allergrößtem Dank verpflichtet. Im Hinblick auf die Arbeit als Regisseurin kann ich sagen: Der Wahnsinn ist ein wichtiger und mächtiger Teil des Frauseins. Etwas, das man fürchten und verstehen, bestaunen und in Zaum halten muss. Die unvollkommenen Innenwelten, die manchmal aus uns hervorbrechen, sind Reservoirs unkontrollierbarer Kräfte und Gefahren. Ich schätze jenen Teil meiner Persönlichkeit, der immer verrückt bleiben wird, obwohl ich ihn durch das "Erwachsenwerden" und das Meditieren immer mehr annehmen kann. Wer wirklich wahnsinnig ist, nimmt sich nicht an. In diesem Film geht es, wie wahrscheinlich in vielen weiteren Filmen, die ich noch machen werde, um Menschen, die nicht wissen, wie sie sich annehmen sollen – und deshalb vom Weg abkommen. Von ausgetretenen Pfaden abzuweichen, hat aber auch mit dem Wesen des Spiels schlechthin zu tun. Ich selbst bin im wahren Leben nicht besonders gut im Spielen. Mein Spielplatz ist der Film. Als Regisseurin werde ich hoffentlich noch sehr oft den Verstand verlieren.

"Die dunkle Seite in uns"
Die Regisseurin über THOU WAST MILD AND LOVELY

Wie reitet man mit einem ausschlagenden Wildpferd der Wahrheit entgegen? Wie schafft man es, die schmutzigsten Würmer übers Papier kriechen zu lassen, ohne vor Ekel vom Tisch aufzustehen? Wie schafft man es, so zu sein, wie man ist und dafür die Verantwortung zu übernehmen? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich beim Schreiben und Drehen dieses Films genau das zu durchleiden hatte, was auch das gesamte Personal des Films durchmacht. Tief in unserem Innern sind wir gemein und grausam. Niemand außer uns weiß das. Und das Wissen darum macht es nur noch wahrscheinlicher, dass wir die Schultern hochziehen, den Atem anhalten und grimmig dreinschauen wie mittelalterliche Wasserspeier. Wir verstecken uns. Sowohl Akin und Sarah verleiten die seltsamen Perversionen und Brutalitäten, die sie ertragen mussten, in neue dunkle Welten, die sie anzunehmen imstande sind. Durch das Aufeinandertreffen ihrer dunklen Welten entdecken sie im anderen, in ihrem Miteinander und in sich selbst eine Leichtigkeit. Nach anfänglicher Verlegenheit – ich hatte ein extrem gewalttätiges und perverses Drehbuch geschrieben – und nachdem ich aufgrund der sexuellen Natur seines Inhalts eine Hauptdarstellerin verloren hatte, verspürte ich schließlich ein großes Gefühl der Befreiung darüber, dass ich etwas in die Welt gesetzt hatte, das meine dunkelsten Seiten repräsentiert. Die enorme Angst, die ich schon mein ganzes Leben vor diesem beunruhigenden Ort in mir hatte, war plötzlich verschwunden. Ich habe mich mit diesem Film an eine Wahrheit herangetastet – die Wahrheit darüber, wie schlecht wir sein können und wie gut oder wie wir beides gleichzeitig sein können. Ich habe aus dieser Wahrheit ein Kino erlebnis zu machen versucht, in dem sich Fantasie und Realität zu etwas erotisch Aufgeladenem und vorsichtig Fröhlichem verbinden. Der Film, den man sich zu machen vornimmt, und der Film, den man tatsächlich macht, sind grundverschieden voneinander. Wenn man Glück hat, kommt durch Ausprobieren und durch die Zusammenarbeit mit anderen zum Schluss etwas dabei heraus, das man sich fast genauso vorgestellt hatte. "Thou Wast Mild and Lovely" hat mich sehr gequält, denn dieser Film war lange Zeit nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Vielleicht war er zu persönlich. Vielleicht war er zu simpel. Vielleicht war er in meiner Vorstellung zu eng mit etwas verbunden, das ich womöglich nie erreichen würde: die ausgeklügelte, intime und subversive Lebendigkeit von John Steinbecks Figuren. Jetzt aber ist der Film so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Das habe ich vor allem David Barker zu verdanken, der mir durch die düstere Zeit des verunglückten Schneideprozesses half, der sich noch ewig hätte ausdehnen können. Zu danken habe ich auch all den anderen unglaublich begabten und hart arbeitenden Menschen, die mit mir zusammengearbeitet und mir dabei geholfen haben, diesen Film zu machen. Außerdem habe ich diesen Film aber auch – ganz besonders – jenen Menschen zu verdanken, die etwas Seltsames in mir gesehen haben und dennoch nicht vor mir davongelaufen sind. Nie haben meine Eltern über meine Versuche, Kunst zu machen, die Nase gerümpft. Man ließ mich aufs Klavier einhämmern, und ich durfte Aufführungen auf Bäumen machen, wann immer ich wollte. Immer war ich in dieser Welt vollkommen frei, immer bekam ich Unterstützung. So konnte ich mir Zeit nehmen und herausfinden, wo die Wahrheit sich zeigt: Sie breitet sich aus in der Dunkelheit, in den stillen Räumen der Meditation und in der Bauchwelt. Die Handfläche schließt sich. Und öffnet sich wieder. Was wir sehen, welkt und wächst, ganz entzückt, vor unseren Augen. All jenen, die glauben, dass ihre Grausamkeit zu grausam ist und ihre Traurigkeit zu traurig, widme ich diesen Film: als Umarmung.

BUTTER ON THE LATCH
USA 2013. Format: DCP, BluRay. Länge: 72 Min. Sprache: Englisch. Fassung: OmU. Regie, Buch, Schnitt: Josephine Decker. Kamera: Ashley Connor. Ton: Michael Parker Kozak. Sounddesign: Mike Frank. Produzentinnen: Josephine Decker, Laura Heberton (Pittsburgh, USA). Darsteller: Sarah Small (Sarah), Isolde Chae-Lawrence (Isolde), Charlie Hewson (Steph). Produktion: Third Room Productions, Dallas (USA).

THOU WAST MILD AND LOVELY
USA 2014. Format: DCP, Farbe. Länge: 76 Min. Sprache: Englisch. Fassung: OmU. Regie: Josephine Decker. Buch: Josephine Decker, David Barker. Kamera: Ashley Connor. Production Design: Sarah O‘Brian. Kostüme: Wilberth Gonzalez. Ton: Jesse McAlpin. Musik: Molly Herron. Sounddesign: Martín Hernández. Schnitt: Josephine Decker, David Barker, Steven Schardt. Produzenten: Josephine Decker (Third Room Productions), Laura Heberton, Laura Klein; Russel Schaeffer (Artless Media); Braden King (Truckstop Media); Adam Donaghey, Rachel Wolther, Linda Olbrych. Darsteller: Joe Swanberg (Akin), Sophie Traub (Sarah), Robert Longstreet (Jeremiah), Kristin Slaysman (Drew), Matt Orme (Caren), Geoff Marslett (Richard). Produktion: Third Room Productions, Dallas (USA); Artless Media, Bloomington (USA); Truckstop Media, New York (USA). Uraufführung: 7. Februar 2014, Berlinale Forum.