Juni 2015, distribution news

"She's Lost Control"

von Anja Marquardt, Kinostart: 14. Mai 2015

© SLC Film LLC

© SLC Film LLC

Die Wikipedia definiert "Surrogatpartner" als "SexarbeiterInnen, die als Sexualbegleiter im therapeutischen Kontext sexuelle Handlungen vornehmen" und fügt hinzu: "Die Methode ist umstritten." Ronah arbeitet als "sexual surrogate", sie bringt gehemmten Männern bei, was diese am meisten fürchten: den Körperkontakt. Die Kunden überweist ihr ein Psychotherapeut. Unbekümmert bezieht sie mit einem Patienten das Bett, auf dem sie miteinander schlafen werden, später lässt sie sich auf seinem Laptop eine neue Geschäftsidee zeigen, als wären sie beste Freunde. Dazwischen Hotelflure, klaustrophobische Aufnahmen der Häuserschluchten Manhattans, Ärger mit Handwerkern, verdrängte Hilferufe des Bruders, der ihr mitteilt, ihre Mutter sei verschwunden. Offen bleibt, zu welchem Zeitpunkt Ronah die Kontrolle verloren hat. Ihren neuen Klienten, den autoaggressiven Johnny, sanfte Stimme, klug, bisweilen höhnisch, bekommt sie erkennbar nicht in den Griff. Stattdessen beginnt sie sich zu verlieben. Unter Verzicht auf jeden Voyeurismus beschreibt Anja Marquardts beeindruckend komplexes, stilistisch reifes Regiedebüt, wie die Grenze zwischen professioneller und privater Intimität zusehends aufweicht (Forumskatalog, Christoph Terhechte)

Die Regisseurin über ihren Film: "Professionelle Intimität und Subkultur"

Eine tiefe Faszination für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben; eine Reportage über eine geriatrische Einrichtung in Japan, in der Roboter nicht nur eingesetzt werden, um die Patienten hochzuheben und zu füttern, sondern auch, um sie zu streicheln; Kurt Tucholskys Gedicht "Augen in der Stadt". Während der Arbeit an SHE'S LOST CONTROL begannen diese geistigen Bilder einander zu überlagern. Ich hatte über die wenig bekannte Subkultur der modernen Surrogattherapie nachzuforschen begonnen, bei der ausgebildete Ärzte ihren Klienten den Umgang mit Intimität beibringen; häufig kommt es im Rahmen dieser Behandlung zum Geschlechtsverkehr. Diese Verschiebung der Perspektiven ist faszinierend, beunruhigend und bewegend zugleich. Sie hält gewissermaßen ein Vergrößerungsglas auf das menschliche Grundbedürfnis nach Kontakt – und brachte mich dazu, über die das urbane Arbeitsleben immer stärker prägende "professionelle Intimität" in meinem eigenen Leben nachzudenken. Mich interessierte die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die diese professionelle Intimität ins Extreme steigert. Ronah, die Hauptfigur des Films, ist mit großer emotionaler wie körperlicher Intensität intim mit ihren Kunden. Sie ist kompromisslos unabhängig und führt ein scheinbar stabiles Leben. Es ging mir darum, das unvermeidliche Verwischen der Grenzen näher zu erkunden.

Die Frankfurter Rundschau zum Kinostart: "Anja Marquardt ging von Berlin nach New York – und erneuert jetzt mit „She’s Lost Control“ den US-Independentfilm."

Deutschlandfunk zum Kinostart: "Die Regisseurin diagnostiziert eine Unfähigkeit zur Intimität, die die Tyrannei des Intimen, die Soziologen seit etwa drei Jahrzehnten in den Gesellschaften des Westens konstatieren, ebenso spiegelt, wie sie womöglich mit dem Zerfall des Privaten in den neuen sozialen Netzwerken zusammenhängt."

Die Regisseurin im Interview

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film?
Letztlich hat diese Idee mit dem zu tun, was mich eine Filmemacherin werden ließ. Unabhängig von der Liebe zum Film und einem großen Respekt vor diesem Medium ist es für mich ein Fenster, durch das ich in diese anderen Welten blicken kann; in das Leben anderer Menschen, mit denen ich mich beschäftige. Das ist für mich das größte Geschenk. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal etwas über die Surrogattherapie las, dachte ich anfangs, es handele sich dabei um ein Überbleibsel aus den 1970er Jahren. Damals setzten Masters & Johnson [Anm.: Der Gynäkologe William Howell Masters und die Wissenschaftlerin Virginia Johnson, die in den 1950er und 1960er Jahren erste Untersuchungen über das menschliche Sexualverhalten durchgeführt hatten] diese Methode erstmals als therapeutisches Mittel ein. Ich erkannte dann, dass dieser Bereich noch immer sehr lebendig ist. In Holland gibt es sogar Fälle, in denen diese Therapie von der Krankenkasse bezahlt wird. Ich brauchte ungefähr ein Jahr, um den Kontakt zu dieser Community aufzubauen. Natürlich tauchten auch Hindernisse auf. Im Internet werden zahlreiche Fehlinformationen verbreitet. Ich blieb aber hartnäckig, und irgendwann konnte ich mich mit lauter faszinierenden Menschen unterhalten. Unter anderem hatten Brooke Bloom und ich ein Treffen mit Vena Blanchard, der Präsidentin von IPSA, der International Professional Surrogates Association.

Wie sind Sie bei der Besetzung vorgegangen?
Die Rollen in diesem Film, insbesondere die Hauptrolle zu besetzen, war eine Art Reise. Meine Casting-Agentin Allison Twardziak und ich hatten eine klare Vorstellung davon, wie Ronah sein sollte. Wir suchten unter zahlreichen jungen Schauspielerinnen in New York , aber es war nicht leicht, die Richtige für diese Aufgabe zu finden: Sie musste reif genug dafür sein, aber auch unabhängig und mutig genug, um am Set vollständig nackt zu agieren. Es gibt den Begriff "Nudity Rider" – das ist ein wichtiger Teil des Vertrages, den wir aufgesetzt hatten; ich musste darin erklären, dass ich nicht die Absicht hatte, einen Pornofilm oder unbegründet Nacktszenen zu drehen. Irgendwann wurde mir klar, dass wir die Nacktheit dieser Darstellerin entweder auf den Bereich "oberhalb der Taille" begrenzen oder aber eine Schauspielerin finden mussten, die nicht über eine Agentur vermittelt wurde. Ich war darauf vorbereitet, Letzteres zu versuchen, aber dann tauchte Brooke auf. Ich danke Robert Longstreet – dem Darsteller von C. T. – dafür, dass er uns miteinander bekannt gemacht hat. Plötzlich konnte ich mir den Film wirklich vorstellen. Brooke arbeitete damals in Los Angeles und sollte anschließend in einem Theaterstück in New York mitwirken. Ich verschob die Dreharbeiten um sechs Monate, damit ich mit ihr arbeiten konnte.

Wie entstand der visuelle Ansatz des Films?
Mein Kameramann Zack Galler und ich wollten Bilder gestalten, die einerseits naturalistisch, aber zugleich voller Spannung und Dunkelheit sein sollten. Wann immer es möglich war, verwendeten wir Tageslicht; in einigen längeren Sequenzen des Films ließen wir die Dinge einfach vor der Kamera geschehen, ohne die Einschränkung durch formale Vorgaben. Der Rhythmus der Geschichte machte allerdings einen visuellen Brückenschlag erforderlich. Im Zusammenhang mit der Auflösung von Ronahs Leben kommt es zu einer Beschleunigung. Für die Szenen mit Ronah und ihren Kunden – und besonders mit Johnny – wollte ich mich auf die Unmittelbarkeit dessen konzentrieren, was zwischen den beiden Figuren geschieht. Wir haben in diesen Szenen viel mit der Handkamera gearbeitet. Zack und ich haben uns intensiv vorbereitet, und obwohl es unsere erste Zusammenarbeit ist, fanden wir sehr schnell eine gemeinsame Sprache. Rückblickend wird mir klar, dass es ein Gefühl von Freiheit bei der Arbeit an diesem Film gab. Das hatte ich mir für diesen meinen ersten Film erhofft.

Anja Marquardt, geb. 1980 in Berlin, studierte an der Universität der Künste (UDK) in Berlin sowie an der Tisch School of the Arts an der New York University (NYU).  SHE'S LOST CONTROL ist ihr erster Spielfilm.

SHE'S LOST CONTROL
USA 2014. Format: DCP 1:1.78 (16:9), Farbe. Länge: 90 min. Sprache: Englisch. Sprachfassung: OmU. Regie, Buch: Anja Marquardt. Kamera: Zachary Galler. Schnitt: Nick Carew. Production Design: David Meyer. Ton: Alistair Farrant. Musik: Simon Taufique. Sounddesign: Martin Frühmorgen. Darsteller: Brooke Bloom (Ronah), Marc Menchaca (Johnny), Dennis Boutsikaris (Dr. Alan Cassidy), Laila Robins (Irene), Tobias Segal (Christopher), Roxanne Day (Claire), Ryan Homchick (Andro), Robert Longstreet (C. T.). Produzenten: Kiara C. Jones, Anja Marquardt, Mollye Asher. Produktion: SLC Film (New York), eine Ko-Produktion mit Rotor Film (Potsdam).