Juli 2015, distribution news

"La marche à suivre - Guidelines"

von Jean-François Caissy, Kinostart: 08.10.2015

Jugendliche in einer Oberschule in der kanadischen Provinz. Das Alter zwischen Kindheit und Erwachsensein: Grenzen werden erprobt und übertreten. Eben noch malt man sich ein Filzstifttattoo auf den Arm und bastelt im Unterricht Fische aus Pappmaschee, dann raucht man schon in der Pause Zigaretten und weiß den lokalen Cannabis-Dealer zu identifizieren. Diese Seite der Lebenswirklichkeit, Regelverstöße, schulische Disziplinprobleme und Konflikte untereinander scheinen in den langen Gesprächen auf, die die Jugendlichen mit Sozialpädagogen führen. Die Schule interessiert hier weniger als eine wissensvermittelnde Institution, sondern ist die letzte Einflussmöglichkeit der Gesellschaft auf ihre Kinder. Der Film selbst ist dabei ganz und gar nicht sozialpädagogisch. Aus den ruhigen Beobachtungen der Gespräche und den durchkomponierten Bildern der Jugendlichen in ihrer Freizeit spricht Interesse und Empathie für einen merkwürdigen Lebensabschnitt. Dem süßen Vogel Jugend sieht er geduldig bei seinen Flugversuchen zu. (Forumskatalog, Anna Hoffmann)

Aufbegehren und Anpassung

LA MARCHE À SUIVRE
stellt in gewisser Weise die zweite Phase einer Erkundung dar, die ich mit meinem vorigen Film La belle visite begonnen hatte, einem beobachtenden Dokumentarfilm über das Altern, den ich in einem Seniorenheim gedreht habe. Ich wollte mein neues Projekt wieder an einem von einer Gemeinschaft bewohnten Ort drehen – in einem in sich geschlossenen physischen Raum, der es mir ermöglicht, mit einer größeren Gruppe von Menschen zu arbeiten, ohne selbst Teil dieser Gruppe zu sein. Als ausgebildeter Fotograf nähere ich mich der Arbeit an meinen Dokumentarfilmen sehr intuitiv, indem ich, meist ohne Drehbuch oder festgelegte Protagonisten, Bilder gesammelt habe. Diese Herangehensweise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Arbeit an einer Fotoserie. Die Struktur und das Konzept von La marche à suivre sind auf ganz organische Weise entstanden. Es war das erste Mal, dass ich mit Jugendlichen gearbeitet habe. Weil Jugendliche oft sehr auf ihr Äußeres bedacht sind, habe ich nach einem Kunstgriff gesucht, um diesem Umstand entgegenzuwirken, ohne aber im Vorfeld viel mit den Jugendlichen daran arbeiten zu müssen. Obwohl im ursprünglichen Konzept keine Schule vorgesehen war, führten mich meine Recherchen in eine kleine Sekundarschule, die ich als Teenager selbst besucht habe. Nachdem ich mir einige Drehorte angesehen hatte, wurde ich eingeladen, bei einem vertraulichen Gespräch zwischen einem Schüler, der Probleme hatte, seinem Vater und dem Schuldirektor mit dabei zu sein. Es wurde über das hitzige Verhalten des Schülers in der Klasse gesprochen; der Junge wirkte ernst und angespannt im Angesicht der beiden Autoritäten ihm gegenüber. Der starke Kontrast zwischen dem Verhalten des Schülers im Klassenraum und dem während des Gesprächs schien mir extrem typisch für Jugendliche generell zu sein. Mir wurde klar, dass Momente wie diese mir die Möglichkeit boten, in kurzer Zeit die Essenz dessen einzufangen, was junge Menschen bewegt. Gleichzeitig erkannte ich, dass der vertrauliche Charakter dieser Gespräche dazu beitragen würde, Mitgefühl für die Schüler hervorzurufen. Als Gegengewicht zu den Szenen in der Schule gibt es in dem Film auch spielerische Szenen, in denen man die Jugendlichen bei Aktivitäten sieht, in denen sie mehr selbst Herr der Lage sind. Diese aus einiger Entfernung aufgenommenen Abenteuerszenen vervollständigen den Film und verorten die Jugendlichen wieder mehr in der ländlichen Umgebung, in der sie leben. Dadurch wirken sie austauschbarer und anonymer. (Jean-François Caissy)

Jean-François Caissy wurde am 15. September 1977 in St. Omer auf der Halbinsel Gaspé in der ka- nadischen Provinz Québec geboren. Er studierte Fotografie in Matane, seine Bilder waren international in zahlreichen Galerien und Museen zu sehen. 2003 gründete Caissy eine eigene Produktionsfirma und realisierte 2005 seinen ersten Dokumen- tarfilm, La saison des amours / Mating Season. Jean- François Caissy lebt in Montreal.

Filmografie
2005: La saison des amours/Mating Season (72 Min.). 2009: La belle visite/Journey̓s End (80 Min., Forum 2010). 2014: La marche à suivre/Guidelines.

LA MARCHE À SUIVRE - GUIDELINES
Kanada 2014. Format: DCP, Farbe. Länge: 76 min. Sprache: Französisch. Sprachfassung: OmdU. Regie, Buch, Ton: Jean-François Caissy. Kamera: Nicolas Canniccioni. Schnitt: Mathieu Bouchard-Malo. Produzent: Johanne Bergeron. Produktion: National Film Board of Canada, Montreal (Kanada). Uraufführung: 11. Februar 2014, Berlinale Forum.