Januar 2016, distribution news

"Balikbayan #1 - Memories of Overdevelopment Redux III"

von Kidlat Tahimik, Kinostart: 10. März 2016 begleitet von der Caligari-Filmpreis-Tournee vom 06.-31. März

Balikbayan ist das philippinische Wort für Gastarbeiter. Tahimiks alternative Version der ersten Weltumseglung stellt Ferdinand Magellans philippinischen Sklaven Enrique von Malakka in den Mittelpunkt – als ersten Menschen, der die Welt tatsächlich umsegelte. BALIKBAYAN #1 ist ein farbenprächtiges Epos, eine Studie des Kolonialismus, ein Korrektiv der Geschichte, ein Homemovie und eine Hommage an das, was Tahimik "Indio-Genius" nennt.

Zu Beginn des Films wird ein Karton mit Filmrollen aus der Erde gegraben. 1980 gedreht, erzählen die Bilder die Geschichte jener Weltumseglung, bei der Magellan kurz vor Ende umkam und verfügte, dass Enrique ein freier Mann sein solle. BALIKBAYAN #1 verwebt die offizielle mit Enriques Geschichte, und mit dem Director’s Cut der Version, die Tahimik 35 Jahre zuvor auf der Suche nach der Wahrheit zu erzählen begann und 2013 in einem Dorf in der Provinz Ifugao fortsetzte. 

Gewinner Caligari-Filmpreis 2015. Jurybegründung: "Ein lustvoller medienarchäologischer Film, dessen Montage einen transformativen, selbstreflexiven Dialog mit heterogenem Material prozessiert; ein Film, der vorführt, dass Geschichte und ihre kolonialen Imaginationen permanent umzuschreiben sind, zu überschreiben und umzuwidmen; ein vielschichtiger, bunter, schriller Film, ein Trip; ein Hybrid aus Dokument, Fiktion, Essay; ein Film, der seine kärglichen Produktionsbedingungen mit reicher spielerischer Intelligenz kontert; ein energetischer Komet des »Dritten Kinos«, der nach fast 40 Jahren Produktionszeit in die Gegenwart eingeschlagen ist.“

Termine der Caligari-Filmpreis Tournee in Anwesenheit des Regisseurs
06.03., 19h, Kino Arsenal, Berlin
17.03. Filmhaus im Künstlerhaus, Nürnberg
18.03. Kino im U, Dortmund
30.03. Audimax der TU Darmstadt, Studentischer Filmkreis an der TU Darmstadt e. V.
31.03. Kommunales Kino Freiburg

Zusätzliche Veranstaltung zum Kinostart mit dem Regisseur
12.03., 18h, Sputnik Kino am Südstern, Berlin
14.03. Werkstattkino, München

Presse zum Forum (Auswahl)
"Eine der beeindruckendsten Revisionen schon bestehenden Filmmaterials findet sich in Balikbayan # 1... Ganz am Anfang werden Filmspulen aus dem Schlamm herausgebuddelt, und von diesem Moment an geht es rund. Rund um den Globus, quer durch den philippinischen Archipel, munter durch die Zeit und durch die Medien; Tahimik kombiniert das Schmalfilmmaterial aus den 80er Jahren mit analogem und digitalem Video und hat zugleich eine Riesenfreude an anderen Medien, etwa an der Kunst von Steinmetzen und an der Holzschnitzerei. Dabei geht es ihm um eine Umdeutung kolonialer Geschichtsschreibung: Wer sorgt dafür, dass Magellans Galeone sich nicht in den Fjorden Feuerlands verirrt? Wer verführt die Infantin Isabella und macht damit das ganze Unternehmen erst möglich? Wer überlebt Magellan und wird dadurch zum ersten Menschen, der die Welt umrundete? Enrique de Malacca, wer sonst. Das Schöne daran ist, dass sich der antikoloniale Impuls des Films niemals ideologisch verhärtet, sondern schalkhaft und listenreich bleibt." Christina Nord, taz.de

"Certain to spur the greatest excitement in certain quarters is the premiere of the new film by Kidlat Tahimik, the godfather of Filipino independent cinema. The screening of a Tahimik film is always a rare occasion, but the opportunity of finally seeing Balikbayan #1 is downright extraordinary... A sui generis historical epic, the film freely mixes genres, integrates a variety of formats and features a carousel of actors spanning three generations – it may very well be Tahimik’s magnum opus." Giovanni M. Camia, filmmakermagazine.com

"Als das Meisterwerk, das er ist, möchte ich Balikbayan #1 nur deshalb nicht bezeichnen, weil der Begriff gegen alles geht, wofür Tahimik steht. Dem professionalisiert souveränen Umgang mit der Technologie Kino ist er ein ganzes Leben lang absichtlich aus dem Weg gegangen. Dagegen stellt er, in einem Text aus dem Jahr 1986, sein eigenes Ethos des improvisierten "two-cups-of-gas filmmaking" in kleinen Energiemengen und ohne Option auf längerfristige Vorausplanung. Balikbayan #1 ist der vorläufige Kulminationspunkt dieses einzigartigen Projekts - ein "film in process", wie es einmal heißt, und zugleich der beste aktuelle Film, den ich auf der diesjährigen Berlinale gesehen habe." Nikolaus Perneczky, perlentaucher.de

Ein Gastarbeiter des Kinos
'Balikbayan' – der Begriff, den Kidlat Tahimik als Titel seines Films gewählt hat – ist das philippinische Wort für Gastarbeiter. Es gibt viele Filipinos aus der großen Unterschicht des Entwicklungslandes, die in wohlhabenden asiatischen Ländern wie Hongkong, Taiwan oder Singapur, aber auch in Saudi-Arabien oder den Arabischen Emiraten arbeiten. Meist handelt es sich um prekäre Arbeitsverhältnisse auf der Basis von Zeitverträgen, die zum Teil über einen langen Zeitraum hinweg bestehen. Während Frauen aus den Philippinen häufig als Haushälterinnen, Kindermädchen oder Krankenpflegerinnen tätig sind, arbeiten viele ihrer Landsmänner als Bauarbeiter oder Fahrer auf Baustellen in den Golf-Staaten, als Arbeiter auf Ölbohrplattformen oder als Matrosen auf Hochseeschiffen. Von diesen Gehältern leben in den Philippinen teilweise ganze Familien. Wer es geschafft hat, Arbeit im Ausland zu ergattern, genießt bei den Zurückgebliebenen hohes Ansehen. Der Staat unterstützt die Arbeitsimmigration mit Nachdruck: Es gibt eine eigene Behörde, die für die Vermittlung von Gastarbeitern ins Ausland zuständig ist, obwohl dieser Vorgang mit hohen sozialen Kosten verbunden ist und von Kritikern als eine Form des Menschenhandels gebrandmarkt wird. Auch Regisseur Kidlat Tahimik war für einige Jahre ein philippinischer 'Gastarbeiter' im Ausland, wie er selbst gelegentlich unter augenzwinkernder Nutzung des deutschen Wortes erwähnt – wenn auch unter gefälligeren Umständen als die meisten Balikbayan. Nach einem Studienaufenthalt in den USA und einer Zeit als Mitarbeiter der OECD in Paris lebte er Anfang der 1970er Jahre in München, wo er begann, sich für das Filmemachen zu interessieren. Seine ersten drei Filme – der 1977 auf der Berlinale gefeierte "The Perfumed Nightmare" (1977), "Turumba" (1981) und "Who invented the Yoyo? Who invented the Moon Buggy?" (1982) – haben ihn zu einem der wichtigsten Regisseure des postkolonialen 'Dritten Kinos' gemacht. Und sie alle weisen Bezüge zu Deutschland auf; zwei von ihnen wurden sogar teilweise in Bayern gedreht. Diese Arbeiten gehören daher zu einem transnationalen Kino avant la lettre: Lange bevor dieses Konzept in der filmtheoretischen Debatte populär wurde und in einer Zeit, in der die Welt ein wesentlich weniger vernetzter Ort als heute war, gehörte Kidlat Tahimik zu den ersten Filmemachern, die die politische, ökonomische und kulturelle Globalisierung filmisch dokumentierten und reflektierten.

Eine Sklave als erster Weltumsegler?
Der Protagonist, der in Kidlat Tahimiks lange unvollendetem Film Memories of Over-Development zugleich als Opfer und Nutznießer der kolonialen Expansion Europas auftritt, ist ebenfalls ein Balikbayan: Enrique Melaka, ein Sklave von Ferdinand Magellan. Der portugiesische Seefahrer, der im Auftrag der spanischen Krone mehrere Expeditionen nach Asien unternahm, bereitete so nicht nur den Kolonialismus der Spanier vor, sondern bewies durch seine Fahrten auch endgültig, dass die Erde eine Kugel ist. Fast wäre er der erste Mensch gewesen, der den gesamten Weltball umrundet hat – wäre er nicht kurz vor dem Ende seiner letzten Reise auf der Insel Mactan (heute Teil des philippinischen Archipels) in einer Schlacht mit Kriegern des Stammeshäuptlings Lapu-Lapu getötet worden. Einige knappe Passagen in den Aufzeichnungen von Magellans Bordchronisten Antonio Pigafetta lassen es möglich erscheinen, dass Magellans Sklaven Enrique gelang, was seinem Herrn versagt blieb: einmal den Globus zu umrunden. Magellan hatte ihn bei einer früheren Expedition in Malakka (heute ein Teil von Malaysia) gekauft und nach Portugal mitgenommen. Von dort aus begab er sich auf seine nächste Expedition zu den 'Gewürzinseln' nach Südostasien – diesmal allerdings in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen durch den Pazifik. In seinem Testament hatte Magellan verfügt, dass Enrique – der ihm als Kammerdiener und Übersetzer diente – nach seinem Tod freigelassen werden sollte. Wäre Enrique nach Magellans Tod nach Malakka zurückgekehrt, hätte er tatsächlich als Erster die Welt umfahren.
Dass Enrique ursprünglich von den Philippinen kam, folgert Kidlat Tahimik aus einem Detail, das der Chronist Pigafetta in seinem Bericht über Magellans Expedition erwähnt: Als die spanischen Boote in Cebu anlangten, konnte Enrique sich mit den Einheimischen verständigen – für den Filmemacher ein Hinweis darauf, dass Enrique eigentlich ein Philippiner war, der entweder als Sklave nach Malakka verkauft worden war oder zu der dort ansässigen philippinischen Minderheit gehörte. (Eine andere Erklärung dafür, dass Enrique in Cebu mit den dortigen Herrschern kommunizieren konnte, könnte freilich sein, dass das Malay, das er beherrschte, in dieser Zeit die Lingua franca in der gesamten Region war.) Die Behauptung, dass Enrique sowohl Philippiner wie auch der erste Weltumsegler war, lässt sich aus den überlieferten historischen Quellen nicht endgültig beweisen, aber auch nicht abschließend widerlegen. Kidlat Tahimik nutzt die narrativen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, für ein faszinierendes Gedankenexperiment: Was wäre, wenn ein paradigmatisches Opfer der frühen Kolonialisierung eine historische Pionierleistung vollbracht hätte? Ein Mensch, der von einem spanischen Konquistador auf dem Sklavenmarkt von Malakka als Diener gekauft wurde, der für ihn übersetzen und ihn bei Tisch bedienen musste, soll eine geschichtliche Rolle gespielt haben, die mit der von Marco Polo oder Kolumbus vergleichbar wäre? Enrique (vom Regisseur selbst gespielt) erscheint in dem Film nicht als Subjekt europäischer Ausbeutung, sondern eher als eine Art gewitzter Kosmopolit aus dem globalen Süden. Kidlat Tahimik begann die Arbeit an seinem Film über Enrique Melaka 1979, schloss ihn aber damals aus persönlichen Gründen nicht ab. Erst mehr als drei Jahrzehnte später konnte er ihn nun – auch dank neuer Entwicklungen in der Medientechnik (ein Teil der neuen Aufnahmen wurde mit einem iPhone gedreht) – praktisch ohne Budget vollenden. (Tilman Baumgärtel)

Kidlat Tahimik, geb. 1942 als Eric Oteyza de Guia in Baguio City, Philippinen, studierte Maschinenbau, anschließend Speech Communication and Theatre Arts. In den 1960er Jahren lebte er zeitweise in den USA, wo er seine Studien an der Wharton School of Business der University of Pennsylvania mit einem Master of Business Administration abschloss. Zwischen 1968 und 1972 arbeitete Tahimik in Paris für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Anfang der 1970er-Jahre wendete er sich dem Schreiben zu. Nach einem Aufenthalt in Deutschland, wo er u. a. mit Werner Herzog zusammenarbeitete, kehrte er 1975 auf die Philippinen zurück und begann mit der Arbeit an seinem ersten Film. "Mababangong Bangungot" (Der parfümierte Alptraum) wurde 1977 im Forum gezeigt. Er ist als Filmemacher, Installationskünstler, Performer, Dozent und Autor tätig.

Filme
1977: Mababangong Bangungot / Perfumed Nightmare (Berlinale Forum 1977, 93 Min.). 1979: Sinong Lumikha ng Yoyo? Sinong Lumikha ng Moon Buggy? / Who Invented the Yoyo? Who Invented the Moon Buggy?. 1981: Olympic Gold. 1982: Yanki: Made in Hongkong. 1983: Turumba. 1984: Memories of Overdevelopment. 1987: I Am Furious Yellow. 1989: Takadera Mon Amour. 1992: Orbit 50 (Letters to my Three Sons). 1994: Bakit Yellow ang Gitna ng Bahaghari? / Why Is Yellow Middle of Rainbow?. 1995: Our Bomb Mission To Hiroshima. 1996: Bahag ko, Mahal ko / Japanese Summers of a Filipino Fundoshi. 2000: Banal-Kahoy / Holy Wood. 2003: Aqua Planet. 2005: Some More Rice. 2005: Tatlong Atang at Isang Pagnakaw. 2007: Bubong / Roofs of the World! Unite!. 2015: Balikbayan #1 - Memories of Overdevelopment Redux III.

BALIKBAYAN #1 MEMORIES OF OVERDEVELOPMENT REDUX III
Philippien 2015. Format: DCP 1:1.78 (16:9), Farbe. Länge: 150 min. Sprache: Englisch, Tagalog, Spanisch. Sprachfassung: OmdU. Regie, Buch: Kidlat Tahimik.  Kamera: Boy Yniguez, Lee Briones, Abi Lara, Santos Bayucca, Kidlat de Guia, Kawayan de Guia, Kidlat Tahimik. Schnitt: Charlie Fugunt, Abi Lara, Chuck Gutierrez, Clang Sison, Malaya Camporedondo. Kostumdesign: Katrin de Guia. Musik: Los Indios de España, Shanto. Darsteller: Kidlat Tahimik, George Steinberg, Kawayan de Guia, Wigs Tysman, Katrin de Guia, Kabunyan de Guia, Danny Orquico, Marlies v. Brevern, Mitos Benitez