März 2016, distribution news

"The Forbidden Room"

von Guy Maddin und Evan Johnson, Kinostart: 07. April 2016

Guy Maddins in Koregie mit Evan Johnson entstandener, entfesseltester, anarchischster Film gleicht einem nicht enden wollenden, scheinbar chaotischen, aber doch stets bedeutungsvollen erotisch-klaustrophobischen Alptraum, in dem Handlung, Charaktere und Orte einander ständig rätselhaft überlagern. Ein U-Boot in Seenot; ein Holzfäller, der der Bootsbesatzung auf mysteriöse Weise erscheint – war er nicht gerade noch dabei, die schöne Margo aus den Klauen der Roten Wölfe zu befreien? Ein Neurochirurg, der tief in das Hirn eines manischen Patienten greift; ein Mörder, der sich als das Opfer der eigenen Tat ausgibt; eine traumatisierte junge Frau "on the Deutsch-Kolumbianisch Express somewhere between Berlin and Bogota"; verführerische Skelette, kollidierende Zeppeline und eine heiße Badewanne, die all das ausgelöst zu haben scheint. Wie die ineinandergreifenden Arme eines Spiralnebels sind die zahllosen fantastischen Handlungsstränge angelegt, allesamt inspiriert von realen, eingebildeten und fotografischen Erinnerungen an verschollene Filme der Stummfilmzeit, denen auch die Ästhetik halbzerstörter viragierter Filmkopien fabelhaft huldigt. (Forumskatalog, Christoph Terhechte)

Maddin über seinen Film: Ruhe bewahren!
Wir haben einfach zu viele Geschichten in unseren Köpfen, so viele, dass wir das Gefühl haben, unsere Hirne könnten explodieren. Mit diesem Film wollen wir eine kontrollierte Umgebung schaffen, ein ausgearbeitetes narratives Netz aus unterirdischen Schleusen, Fallen, Kammern, Rohren, Entwässerungskanälen und Höhlen, in denen sämtliche vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Filme, die wir im Kopf haben, auf sichere Weise spuken mögen! Wo niemand von dem spektakulären Technicolor-Process-No-2-Chaos, das wir auf der Leinwand anrichten, verletzt werden wird, weil wir wissen, dass alles mit dem Abspann wieder verschwinden wird. Also Ruhe bewahren und entspannt zuschauen!

Presse zur Berlinale (Auszüge)

"Mit seinen experimentell-surrealen, dabei stets sehr persönlichen Filmen um erotische Träume, dominante Mütter und tief verborgene Wünsche gehört der Kanadier Guy Maddin zu den originellsten Regisseuren unserer Tage." Lars Penning, tip.de 

"Retrorausch der Sinne Hereinspaziert, meine Herrschaften! Hier ist Rummel, hier ist Zirkus. Stars und Sensationen! Ein Rausch der Farben und der Bilder. Ewig alt und nie zuvor gesehen. Witzig, wahnwitzig, delirierend. Mit Geraldine Chaplin, Charlotte Rampling, Udo Kier... "The Forbidden Room" ist wunderschön und nicht zu verstehen. Doch wer fragt nach Stringenz und Spannung, wenn es so Unglaubliches zu sehen gibt. Maddin und Ko-Regisseur John Evans spintisieren einen irren Geschichtenreigen. Er führt von einem Mann, der das Baden erklärt, direkt in ein expressionistisches Unterseeboot. Dort taucht seltsamerweise ein Holzfäller auf, der in seiner Heimat der frostigen Wälder eine Frau retten will. Die wird von einem archaischen Höhlen-Clan gefangen halten und träumt sich auf eine Südseevulkaninsel, die von Tintenfischdieben und Vampirbananen bevölkert wird. Dann versuchen Skelettfrauen, nein, unmöglich, all das zu referieren… Eine wie handkoloriert oder in Zweistreifen-Technicolor aufgenommen wirkende Miniatur jagt die nächste, der typografische Reichtum der Stummfilmzwischentitel und der Filmzitateschatz von "Frankenstein" bis "White Zombie" scheint unerschöpflich... Das ist Kunstfilm, das ist L’art pour l’art, aber mit dem entscheidenden Quäntchen Selbstironie."Gunda Bartels, tagesspiegel.de

"Das für Maddins bisheriges Schaffen so essentielle Schwarz-Weiß hat er zugunsten eines flirrenden Farblooks verlassen. Auch die freudianische Obsession, die tief in seiner eigenen Biographie verborgen liegt, weicht in seinem neuen Film dem reinen Spaß an der Narration. Dafür bedient er sich beim gesamten Fundus der Stummfilmära. Und er zitiert sie alle: Werke von Buñuel, Murnau, Ray, Feuillade, Meliès und noch viele andere, die man gar nicht alle (er)kennen kann. Aber das muss man auch gar nicht. Denn für Maddin ist das liebevolle Plündern seiner filmhistorischen Vorbilder einfach eine Selbstvergewisserung der träumerischen Feststellung, dass das Kino immer noch der Ort ist, an dem unsere Mythen und Legenden zu Hause sind… Hilfe bekommt er dabei von einem internationalen Star-Ensemble, zu dem neben Charlotte Rampling, Geraldine Chaplin und Udo Kier auch Mathieu Almaric gehören. Sie verkörpern im Laufe dieses filmischen Trips traurige Holzfäller, todesmutige U-Bootfahrer, ängstliche Jungfrauen, dämonische Biker-Gangs, feige Vampire, tanzende Bananen oder sexsüchtige Ehemänner. Ein herrlich-schräger Traum und gleichzeitig der zugänglichste Film des Kanadiers." Patrick Wellinski, kino-zeit.de

"Ein Film, der zuckt und bebt und glüht: Guy Maddins "The Forbidden Room" ist ganz verliebt in die Poesie und Mystik des frühen Hollywood-Tonfilms. Ein Traum in einem Traum, ein Buch in einem Buch, ein Film hinter (und aus) 1000 Filmen, pulsierendes Material, Farben über Farben, Kratzer, Schrift, Erinnerungen in Erinnerungen, eine assoziative Reise bis in tiefste Schichten, bis in vulkanische Suberdkrusten-Höhlen, hinein - was bei Guy Maddin auch immer heißt: in die Emulsionen des Filmmaterials, auch wenn der einstige Materialschinder dieses seit geraumer Zeit nurmehr digital simuliert… In "The Forbidden Room" hat sich Guy Maddin ganz und gar in das frühe, fahl rot-grüne Twostrip-Technicolor-Verfahren verliebt - oder wenigstens in dessen ästhetischen Effekt. Und überhaupt in die ganze Poesie und Mystik des frühen Hollywood-Tonfilms. In dessen melodramatische Posen, dessen schwülstige Exotik, dessen glühende Erotik, Neurosen, Blicke und Gesten." Thomas Groh, perlentaucher.de

Guy Maddin wurde 1956 in Winnipeg (Kanada) geboren. Er studierte Volkswirtschaft an der University of Winnipeg. Als Autodidakt drehte er 1985 seinen ersten Kurzfilm "The Dead Father". Maddin ist Installationskünstler, Drehbuchautor, Kameramann und Filmemacher. Außerdem realisierte er zahlreiche Live-Performance-Fassungen seiner Filme mit Musik, Soundeffekten, Gesang und einem Erzähler, die weltweit aufgeführt wurden. Filme (Auswahl): 1985: The Dead Father (26 Min.). 1988: Tales from the Gimli Hospital (72 Min.). 1992: Careful (100 Min.). 1995: The Hands of Ida (30 Min.). 1997: Twilight of the Ice Nymphs (91 Min.). 2002: Dracula – Pages from a Virgin’s Diary (73 Min.). 2003: The Saddest Music in the World (100 Min.). 2004: Cowards Bend the Knee (60 Min.). 2006: Brand Upon the Brain! (Berlinale Forum 2007, 95 Min.). 2007: My Winnipeg (Berlinale Forum 2008, 80 Min.). 2009: The Little White Cloud That Cried (13 Min.). 2009: Night Mayor (Berlinale Forum Expanded, 14 Min.). 2011: Keyhole (94 Min.). 2015: The Forbidden Room; Bring Me the Head of Tim Horton (in Co-Regie mit Evan und Galen Johnson) (Forum Expanded 2016)

Evan Johnson arbeitet seit 2009 mit Guy Maddin zusammen. Johnson lebt in Winnipeg (Kanada). Filme (Auswahl): 2014 ELMS; COLOURS; COLD. 2015: The Forbidden Room; Bring Me the Head of Tim Horton (in Co-Regie mit Guy Maddin, Galen Johnson) (Forum Expanded 2016)

THE FORBIDDEN ROOM
Kanada 2015. Format: DCP, Farbe & Schwarz-Weiß. Länge: 120 Min. Sprache: Englisch. Sprachfassung: OmdU. Drehbuch: Guy Maddin, Evan Johnson, Robert Kotyk. Kamera: Stephanie Weber-Biron, Ben Kasulke. Schnitt: John Gurdebeke. Produktion: Phi Films, Buffalo Gal Pictures, National Film Board of Canada. Produzenten: Phyllis Laing, Guy Maddin, David Christensen, Phoebe Greenberg, Penny Mancuso. Darsteller: Roy Dupius, Clara Furey, Louis Negin, Mathieu Amalric, Charlotte Rampling, Geraldine Chaplin, Maria de Medeiros, Jacques Nolot, Udo Kier. Uraufführung: Sundance Film Festival 2015