November 2016, distribution news

"Les Sauteurs – Those Who Jump"

von Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé; Kinostart: 17. November 2016

Vom Berg Gurugu blickt man auf die spanische Enklave Melilla an der nordafrikanischen Mittelmeerküste. Afrika und die Europäische Union werden hier durch eine hochgesicherte Grenzanlage, bestehend aus drei Zäunen, voneinander getrennt. In den Wäldern des Bergausläufers leben Geflüchtete, meist aus der Subsahara-Region, die versuchen, diese direkte Landgrenze zwischen Marokko und Spanien zu überqueren. So auch der Malier Abou Bakar Sidibé, der zugleich Protagonist und Dokumentierender in LES SAUTEURS ist.

Nach 14 Monaten im informellen Camp und mehreren gescheiterten Versuchen, das Zaunsystem zu überwinden, beginnt Abou zu filmen – seinen Alltag, die Umgebung, das zermürbende Warten auf den nächsten "Sprung". Er gibt Einblick in die soziale Organisation der Community und tristen Ausblick auf das vermeintliche Eldorado Europa. In LES SAUTEURS findet ein einzigartiger Perspektivenwechsel statt: Dem abstrakt anonymen Wärmebild der Überwachungskamera wird der subjektive Blick eines Individuums entgegengesetzt. Nach einer Begegnung mit Moritz Siebert und Estephan Wagner übernimmt Sidibé ihre Kamera. Unermüdlich dokumentiert er seine Lebensrealität am Rande einer abgeschotteten EU. (Forumskatalog, Caroline Pitzen)

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Spieltermine

28.2. Zazie Kino, Halle
mit anschließendem Filmgespräch mit Abou Bakar Sidibé und Moritz Siebert

1.3. EPN Hessen, Haus am Dom, Frankfurt a.M.
mit anschließender Diskussion zwischen Sabine Eckart (medico international e. V.), Abou Bakar Sidibé und Moritz Siebert.

10.3. HUMAN VISION film festival, Dornbirn [AT]

19.3. Kino Koki, Lübeck

25.3. Cinema Quadrat, Mannheim

27.3. Filmclub 813, Köln (Filmreihe: VER/ORTUNG/EN: Sehnsuchtsort – Anhaltender Übergang)

29.3 Mediathek gegen Rassismus und Diskriminierung, Siegen
in Anwesenheit von Abou Bakar Sidibé und Moritz Siebert

14.4. bis 20.4. Caligari FilmBühne, Wiesbaden

23.5. Refugee Law Clinic, Hamburg

FSK Freigabe: ab 12 Jahren, feiertagsfrei

Filmtipp bei Vision Kino

Eine Empfehlung von Amnesty International

Radikaler Perspektivwechsel
In Bertolt Brechts am Ende der 1930er Jahre im dänischen Exil entstandenem Dialog Flüchtlingsgespräche heißt es: "Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen." Rund siebzig Jahre später und vor dem Hintergrund der täglichen Nachrichten über die Situation der Geflüchteten an den europäischen Grenzen liegt in dieser Aussage noch immer eine beunruhigende Wahrheit. Für all diejenigen unter uns, die auf der richtigen Seite des Zauns geboren wurden, sind undurchlässige Grenzen eine Seltenheit geworden. Für diejenigen, die sich – wie Abou, der zufälligerweise einen malischen Pass besitzt – auf der anderen Seite befinden, sind die Möglichkeiten äußerst beschränkt.
2014 mehrten sich die Berichte über die anhaltenden Versuche von Geflüchteten – vorwiegend Männer aus dem subsaharischen Afrika –, den Grenzzaun vor Melilla im Sturm zu nehmen. Die Ausdauer dieser Männer auf dem Berg Gurugu beeindruckte uns sehr. Egal wie oft sie scheiterten, egal wie schmerzhaft ihre missglückten Versuche waren, den Zaun zu überwinden: Anschließend standen sie trotz alledem jedes Mal wieder auf, fest entschlossen, sich nicht von ihrem Ziel abbringen zu lassen. Es gibt unendlich viele Geschichten über die Tragödien an den europäischen Grenzen. Wir haben jedoch den Eindruck, dass die kursierenden Bilder nur einen sehr eingeschränkten Eindruck vermitteln. Eine Stimme scheint immer zu fehlen: die der betroffenen Menschen. Um den vorherrschenden Bildern von Migrant_innen etwas entgegenzusetzen, mussten wir zunächst unsere eigene Herangehensweise als Filmemacher hinterfragen. Wir beschlossen, vorbehaltlos die Perspektive unseres Protagonisten einzunehmen, ihm die Auswahl der Bereiche seines Lebens zu überlassen, die gefilmt werden sollten und welche nicht. Dementsprechend war es nur folgerichtig, Abou die Kamera zu übergeben. Wir waren gespannt darauf zu sehen, was er filmen und welche ästhetischen Entscheidungen er treffen würde, und in welcher Beziehung diese Entscheidungen zum allgemein verbreiteten Bild von Migrant_innen stehen würden.
Anfangs unterschied sich Abous Herangehensweise an den Film grundlegend von unserer. Sein zentrales Anliegen war es, der Welt die große Ungerechtigkeit vor Augen zu führen, mit der die Menschen am Zaum von Melilla konfrontiert sind. Mit der Zeit interessierte Abou sich jedoch mehr und mehr für das Filmen an sich, das für ihn bald zu einer eigenen Ausdrucksform wurde. In demselben Maße, in dem Abou sich vom Protagonisten zum Koregisseur entwickelte, wurde LES SAUTEURS zu einem Film über das Filmemachen. (Moritz Siebert, Estephan Wagner)

Pressestimmen

Das Großartige an "Les Sauteurs" ist aber nicht nur seine Machart – sondern, dass er dabei auch noch ein Bild von Europa entwirft. An diesem Punkt kommen dann wieder Siebert und Wagner ins Spiel, die Sidibés Aufnahmen mit dem Feed einer Wärmebildkamera vom Grenzzaun gegenschneiden. Die zeigt ein rein maschinelles, unpersönliches Bild, das die Migranten auf kleine schwarze Punkte, eine abstrakte Bedrohung reduziert. Die Filmer sieht man nie – während sie bei Sidibé ständig Teil der Aktion sind. Dieser Kontrast ist auch ein Statement über den Wert, den das filmische Bild in Europa noch hat. Auf der einen Seite herrscht Lust am Filmen: die Bilder der "Sauteurs" sind vom Begehren getrieben, nach Europa zu kommen. Auf der anderen Seite aber ist das Begehren ausgelöscht. Denn alles, was im Zielkreuz einer Überwachungskamera erscheint, soll dort eigentlich nicht sein: Es wird nur gefilmt, um abgehalten, entfernt zu werden. Dieses Bild, das hier den Blick Europas präsentiert, ist tot und lustlos. (…) Die "Sauteurs" brechen mit dieser Bilderlustlosigkeit. (Philipp Stadelmaier, Süddeutsche Zeitung)

Was aus Abous Bildern entsteht, ist das Dokument einer Gemeinschaftsbildung. In dem provisorischen Lager wird gekocht und gehandelt, wird der eine zum Handwerker und der andere zum Arzt. Es gibt Chefs und eine klare Hierarchie, es wird getanzt, gefeiert, gebetet, Fußball gespielt. Natürlich hätte das Experiment auch in die Hose gehen können. Aber Abou erweist sich als meisterlicher Filmer und Erzähler dessen, was ihn bewegt. Und als präziser Regisseur in eigener Sache: Begeistert teilt er einem Kameraden mit, welche Körperteile dieser von ihm filmen soll, während er sich wäscht. Dann wieder vertraut er der Kamera seine Sehnsucht nach Europa an und die Angst davor. Ein einzelner Mensch tritt aus der anonymen, medial verbackenen, opaken Flüchtlingsmasse heraus und wird zum agilen, sich selbst reflektierenden Subjekt seines Films. (Katja Nicodemus, DIE ZEIT)

Im Dokumentarfilm "Les Sauteurs" blickt man etwa vom Berg Gurugu auf Melilla, eine spanische Enklave in Nordafrika, die von drei meterhohen Zäunen umgeben wird. Wer glaubt, dass diese Menschen vor der Flucht abschreckten, irrt. Estephan Wagner und Moritz Siebert haben einem von ihnen, dem Malier Abou Bakar Sidibé, eine Kamera geliehen, um seine Vorbereitungen für den nächsten Versuch zu dokumentieren. Fast eine sportliche Herausforderung: In Sneaker werden Löcher gebohrt, um Spikes einzusetzen. Die Kamera wird in Abous Händen aber auch zu einem Instrument. Er entdeckt eine Sprache, um Ängste und Hoffnungen zu artikulieren, während auf der anderen Seite die Wärmebildkameras nur dunkle Schatten verzeichnen. (Dominik Kamalzadeh, Der Standard)

In "Les Sauteurs" filmt ein Migrant die Situation vor der spanischen Enklave Melilla und macht damit vor allem klar, dass ein abgeschottetes Europa ein Europa ohne Lust auf Bilder, auf Kino ist. Das Kino von morgen ist damit nicht mehr eines der europäischen "auteurs", sondern der "sauteurs" – der Springenden, der Migranten. (…) "Les Sauteurs" ist also weniger ein Widerstandsfilm von Recht- und Bilderlosen. Sidibés Film deckt nicht den Mangel am eigenen Bild auf, um ihn durch ein "echtes, authentisches" oder werbewirksames Bild zu beheben. Sondern diejenigen, die sich repräsentieren, weil sie ein Begehren haben nach etwas anderem (einem anderen Ort, einem besseren Leben), decken den Mangel an Begehren jener auf, die keine Bilder mehr von sich oder vom anderen wollen und die mit dem anderen an sich selbst und der unbeherrschbaren Alterität, die jedem Bild beigegeben ist, nichts mehr riskieren wollen. Im Gegensatz zu Sidibé. Wenn er ein rituelles Hahnenopfer filmt oder eine (sehr witzige) Unterhaltung über weisse Frauen in Europa, ist klar, dass es ihn nicht kümmert, wie diese Bilder ankommen. Die europäischen Filmemacher, die gegenwärtige westliche Rezeptionscodes kennen, sind ja abwesend. Die Szene ist eher ein Angebot: Hier sind unsere Bilder – wo bleiben eure? (Philipp Stadelmaier, Filmbulletin)

Preise
Preis der Ökumenischen Jury Berlinale Forum 2016
Zweiter Preis im Internationalen Wettbewerb DocumentaMadrid 2016
Lobende Erwähnung DOK.fest München 2016
Internationaler Feature Film Award LICHTER FILMFEST, Frankfurt 2016
Amnesty International Award, Docs Against Gravity, Warschau 2016
Hauptpreis dokKa Karlsruhe 2016
Premio Tasca d'Almerita Salina DOC Fest 2016

Moritz Siebert, geb. 1973 in Stuttgart, studierte zunächst Medizin und Kulturanthropologie, bevor er ein Dokumentarfilmstudium absolvierte. LES SAUTEURS ist sein zweiter abendfüllender Film.
Estephan Wagner, geb. 1976 in Viña del Mar, Chile, studierte Dokumentarfilm und hat als ausgebildeter Cutter an zahlreichen Filmen mitgewirkt. LES SAUTEURS ist sein erster abendfüllender Film.
Abou Bakar Sidibé, geb. 1985 in Kidal, Mali, war nach einem Englischstudium unter anderem als Lehrer tätig. LES SAUTEURS ist sein erster Film.

LES SAUTEURS – THOSE WHO JUMP
Land/Jahr: Dänemark 2016. Format: DCP, BluRay. Farbe. Länge: 79 Min. Sprachen: Französisch, Bambara. Sprachfassung: OmU.
Regie: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé. Buch: Moritz Siebert, Estephan Wagner. Kamera: Abou Bakar Sidibé. Schnitt: Estephan Wagner. Sound Design: Henrik Gamov. Produktion: Signe Byrge Sørensen, Heidi Elise Christensen. Produktionsfirma: Final Cut for Real (Kopenhagen, Dänemark). Uraufführung 17. Februar 2016, Berlinale Forum