Juli 2017, distribution news

Neu im Verleih: "Shu'our akbar min el hob - A Feeling Greater Than Love"

von Mary Jirmanus Saba

Ein Auto mit Lautsprecher auf dem Dach fährt durch den Südlibanon. Der alte Mann am Steuer ruft zu einer Demonstration auf, um die Brüder und Schwestern zu unterstützen, die ein Tabakunternehmen besetzt halten und von der Armee belagert werden. Seine Worte stammen aus einer anderen Zeit. Er bezieht sich auf Ereignisse im Jahr 1973 – von denen heute kaum noch jemand weiß. Weder die Proteste der Tabakbauern aus dem Süden gegen das Monopol der Großgrundbesitzer noch der Streik der Arbeiter einer Schokoladenfabrik in Beirut für bessere Arbeitsbedingungen sind im kollektiven Gedächtnis des Landes verankert. Die Erinnerung an diese soziale Bewegung wurde vom Bürgerkrieg ausgelöscht, seitdem prägen konfessionelle Gräben die Gesellschaft. Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit und nach Strategien für aktuelle Kämpfe sammelt die Filmemacherin Spuren. Ausgehend von einer während des Streiks getöteten jungen Frau befragt sie damalige Aktivistinnen und Aktivisten, Archivfotos, Dokumentarfilme der 1970er Jahre, sich selbst und die Möglichkeiten von Militanz in Kino und Gesellschaft. Durch Überlagerungen des vielfältigen Materials hallt der Appell des alten Mannes in der Gegenwart nach. (Forumskatalog, Birgit Kohler)

Die Regisseurin über ihren Film: Warum ist diese Revolution gescheitert?
"Ich frage mich, ob sich noch jemand an den Gandour-Streik erinnern wird, bevor ich sterbe? Ich habe manchmal den Eindruck, ich hätte das Ganze nur geträumt." Diese Zeilen einer E-Mail erreichten mich am 11. Juli 2011. Sie stammen von Nadine, die später eine der Protagonistinnen meines Films werden sollte. Wenn sie über den Aufstand von 1972 spricht und die Revolution, die er beinahe ausgelöst hätte, könnte man meinen, sie formuliert die Gedanken meiner Generation, spricht von unseren Hoffnungen, die wir in den Arabischen Frühling setzen.
Auch mich beschäftigen Fragen zu Vergangenheit und Gegenwart, über den Libanon, den Mittleren Osten und darüber hinaus. Wie entstehen diese Momente, in denen eine Revolution möglich scheint, warum ist diese Revolution gescheitert? Wiederholen wir heute die Formeln der Rebellierenden von damals, und bringt uns das mehr Gerechtigkeit und Gleichheit? Wie gehen wir heute mit der Sehnsucht nach Veränderung und Einheit um?
Meine Recherche begann 2010, in einer Zeit relativer politischer Apathie. Ich hatte in Lateinamerika als Koordinatorin im landwirtschaftlichen Bereich sowie als Produzentin in einem kommunalen Fernsehsender gearbeitet und fragte mich seit meiner Rückkehr, warum die sozialen Bewegungen im arabischen Raum vergleichsweise kraftlos blieben. Wirft man einen Blick auf die dortige Geschichte, stößt man schnell auf Gandour und den Streik der Tabakbauern, die in der kollektiven Erinnerung als Höhepunkte der revolutionären Bewegungen und der sozialen Einheit im Libanon in den Jahren 1972 und 1973 gelten. Kurz darauf versank das Land im Bürgerkrieg. Indem ich den Spuren der jungen Fatima folgte, deren Tod in Polizeigewahrsam das Land aufgerüttelt hatte, suchte ich nach Antworten auf meine Fragen.
Der Film bewegt sich entlang der Erinnerungen der Hauptfiguren, fast so als handele es sich um einen Traum; er berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen bei ihrem politischen Engagement und von ihren enttäuschten Hoffnungen, erforscht die Vergangenheit und spürt ihr in den Verrichtungen des Alltags nach.

Das militante Kino der 1970er Jahre

Elemente des libanesischen militanten Kinos ziehen sich durch den Film: Bilder aus Filmen von Borhan Alaouie, Kamal Kareem, Christian Ghazi, Maroun Baghdadi und anderen stehen neben aktuellen Aufnahmen von heute. Manchmal unterbrechen diese Aus- schnitte den Verlauf des Films und fordern den Zuschauer auf, die damaligen Träume von einer gerechteren Zukunft zur Kenntnis zu nehmen. Jene Filme, deren Zukunft zu unserer Gegenwart geworden ist, sollten Veränderungen anregen. Sie zeigen das Scheitern, aber auch die Erfolge vergangener Bewegungen, in denen sich die heutigen spiegeln. In anderen Momenten des Films werden sie zum Echo der Geschichten meiner Protagonisten und machen deutlich, wie sehr sich unsere Kämpfe ähneln. Meine Auseinandersetzung mit den alten Filmen kreist auch um die Frage, ob man mit Film mehr erreichen kann.
Die Geschichte von Fatima trägt zur Komplexität des Films bei: Von einem Foto blickt uns die junge Frau an, lächelt freundlich und zurückhaltend. Fatima Khaweja wurde im Süden des Libanon geboren, einer Region, in der überwiegend tabakverarbeitende Industrie ansässig ist. Sie zog in die Hauptstadt Beirut, wo sie ihren Lebensunterhalt als Fabrikarbeiterin verdienen wollte und während eines Streiks von der libanesischen Polizei erschossen wurde. Ihr Blick auf dem Foto ist beinahe zu ungezwungen. War sie eine unschuldige Jugendliche, die ins Kreuzfeuer geraten war? Oder stimmt der Eindruck der anderen Streikenden, die sich an Fatimas Kampf gegen die Polizei erinnern? Oder stellte sie ihren vermeintlichen kommunistischen Genossen Fragen, die diese nicht beantworten konnten?

Eine unbequeme Wahrheit
Im Film ist Fatima überall und nirgends zu sehen. Sie spiegelt sich in jeder einzelnen Frau, die, ob versteckt oder in aller Öffentlichkeit, den Traum vom gesellschaftlichem Wandel unterstützt. Sie steckt im Bild eines jeden Märtyrers, der im Film auftaucht, sie steckt in unserem kollektiven Gedächtnis. Im Verlauf des Films entdecken wir eine unbequeme Wahrheit: Auch wenn der Tod ei- nes Märtyrers als ultimatives Opfer für die jeweilige Sache glorifiziert wird, wird dessen Bedeutung letztlich von denen definiert, die sich an ihn erinnern. Fatimas angebliche Verbindung zu den Tabakbauern im Süden des Libanon sowie zu den Fabrikarbeitern in Beirut, ihre durch die wiederholten Erzählungen immer unschärfer werdende Identität sind zu Metaphern der gescheiterten Revolution geworden.
Heute tendieren die revolutionären Bestrebungen im Mittleren Osten zu Bürgerkrieg und sektiererischer Gewalt. Die Welt ist mit einem noch nie da gewesenen Ausmaß an Ungleichheit konfrontiert. Revolutionäre Bewegungen scheinen zusehends an Kraft zu verlieren. Die Situation im Mittleren Osten erinnert auf gefährliche Weise an die Lage im Libanon vor vierzig Jahren: vertraut und doch nicht zu verhindern.
Können Volksbewegungen heutzutage für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit in der arabischen Welt sorgen? Wie können wir künftig die Fehler der Vergangenheit verhindern? Welche Rolle spielt das Kino dabei?

Mary Jirmanus Saba, geboren 1983 in Boston (USA), ist Filmemacherin und Geografin. Von 2006 bis 2008 produzierte sie gemeinsam mit dem Medienkollektiv Vientos del Sur in Ibarra (Ecuador) das wöchentlich gesendete Fernsehprogramm Via Comunidad. Sie hat Sozialwissenschaften am Harvard College studiert und Geografie an der University of Berkeley in Kalifornien mit einem Master abgeschlossen. SHU'OUR AKBAR MIN EL HOB ist ihr erster abendfüllender Film.

Filme
2014: MULAHAZAT HAWL AL'AWDEH (NOTES FOR A RETURN) (14 Min.).
2017: SHU'OUR AKBAR MIN EL HOB (A FEELING GREATER THAN LOVE).

SHU'OUR AKBAR MIN EL HOB
Land/Jahr: Libanon 2017. Farbe & Schwarz-Weiß. DCP und prores. Länge: 99 Min. Sprache: Arabisch. Fassung: OmeU. Regie, Buch: Mary Jirmanus Saba. Kamera: Karam Ghoussein. Schnitt: Louly Seif. Sound Design: Tareq Rantisi. Ton: Ziad Fayed. Produktion: Mary Jirmanus Saba. Produktionsfirma: Tricontinental Media (Souq el Gharb, Libanon). Uraufführung: 14. Februar 2017, Berlinale Forum