Mai 2015, living archive

Visionary Archive Festival

21.–31. Mai 2015

Vor zwei Jahren hat das Arsenal ein translokales Experiment initiiert. Das im TURN-Fonds der Kulturstiftung des Bundes geförderte Projekt "Visionary Archive" setzt kinematografische Kontexte in Berlin, Bissau, Johannesburg, Kairo und Khartum miteinander in Beziehung. Im Zentrum steht die Frage, wie eine transkulturelle, kuratorische und künstlerische Arbeit mit Archiven und Archivforschung heute aussehen kann. Projektpartner sind neben dem Arsenal mit Blick auf die hauseigene Sammlung das nicht-staatliche Projekt Cimatheque – Alternative Film Centre (Kairo), das unabhängige Kino The Bioscope (Johannesburg), das Archiv des verstorbenen Filmemachers Gadalla Gubara (Khartum) und der Verein Geba Filmes (Bissau). Vom 21. bis 31.5. geben die Teilnehmer_innen des Projekts Einblick in ihr Material, präsentieren Ergebnisse und diskutieren offene Fragen mit geladenen Gästen und dem Publikum. Das Festival, ein Abschluss, der an vielen Stellen von Unabgeschlossenem handelt, umfasst u.a. Filmvorführungen, Ausstellungen, drei Workshops und Kino unter freiem Himmel. Spielorte sind neben dem Arsenal die Projekträume Scriptings und Archive Kabinett. Die Veranstaltungssprache ist Englisch.

Zum Festival erscheint eine ausführliche Programm-Broschüre, die wir auch zum Download (PDF) anbieten.

Tag 1: Es beginnt mit einem vergessenen Film, der nun in der Gegenwart landet wie eine Raumsonde. Für Ahmed Bedjaouis LE GRAND DÉTOUR (ALG 1968, 21.5.) erweist sich sein Titel als Prophezeiung, denn nach 47 Jahren erlebt er seine Weltpremiere! Die Geschichte eines jungen Straßenhändlers in Algier, der in Frankreich sein Glück sucht, ist auch im Alter noch voller Biss und Aktualität. Möglicherweise kam LE GRAND DÉTOUR im Gepäck von LA ZERDA ET LES CHANTS DE L'OUBLI (ALG 1982, 21.5.) ins Archiv des Arsenal? LA ZERDA, einer von zwei Filmen der kürzlich verstorbenen Schriftstellerin Assia Djebar, die Bedjaoui produzierte, ist ein Gedicht des Widerstands, aus den Resten französischer Wochenschauen der Kolonialzeit montiert. Ahmed Bedjaoui ist zum Filmgespräch anwesend.

Tag 2: Zwei Filme aus dem Fundus der Cimatheque in Kairo, in denen es um Kunst und Performance im Ägypten der frühen 70er Jahre geht: SAD SONG OF TOUHA (1971) ist das ins Surreale gleitende Porträt einer Gruppe von Straßenkünstlern, während HORIZONS (1972) einen kühnen Bogen über verschiedene Künste schlägt, von einer Hamlet-Inszenierung bis zu Kunsthandwerkern in den Straßen Kairos. (22.5.)
Für die Manipulation eines Fußballspiels ist ein Gangster bereit, über Leichen zu gehen. Aber Recht und Rache haben einen Namen – Joe Bullet! Actiongeladen und angelehnt an Muster schwarzer Popkultur der 70er Jahre war JOE BULLET (Südafrika 1971, 22.5.) einer der ersten südafrikanischen Filme mit durchweg schwarzer Besetzung, allen voran Ken Gampu, dessen physische Lässigkeit an Shaft denken lässt.
Ken Gampu ist auch in Jean-Pierre Bekolos aberwitzigem Meta-Film über das "African Cinema", LE COMPLOT D'ARISTOTE (F/GB/Zimbabwe 1996, 22.5.), für Gerechtigkeit unterwegs. Er soll herausfinden, warum Schauspieler, die man in einem Film sterben sieht, im nächsten Film wieder quicklebendig sind. Dabei gerät er zwischen die Fronten der Anhänger des populären und des Autorenkinos.

Tag 3: Der Workshop "Materiality" (23.5., 12–14 Uhr & 15–18 Uhr, Kino 2, Eintritt frei) widmet 
sich der Beschaffenheit von Archivfilmen, die in 
den Teilprojekten von "Visionary Archive" unterschiedliche Fragen aufwirft. Lagerung, Speicherung und Zugänglichkeit spielen eine Rolle, aber auch ästhetische und ethische Aspekte des Wiedersichtbarmachens. Mit Beiträgen und Filmausschnitten von Filipa César & Sana na N'Hada, Ala Younis, Yasmin Desouki, Darryl Els, Sara Gubara, Katharina von Schroe-der, Stefanie Schulte Strathaus. Moderation: Tobias Hering
Zum Nachlass des sudanesischen Filmemachers Gadalla Gubara (1920–2008) gehört ein unvollendetes Spielfilmporträt seiner Tochter Sara, die trotz einer Polio-Erkrankung Profi-Schwimmerin wurde. Das erhaltene Material zu VIVA SARA! (23.5.) entstand Anfang der 80er Jahre auf Capri mitten im Strandbetrieb. In den mit sichtbarem Vergnügen gedrehten Szenen spielt sich Sara Gubara selbst. Sie wird die Sichtung des Rohmaterials kommentieren.
Revisiting Memory: Amateur Footage and Cinema in Egypt – Ein wichtiges Element in der Arbeit der Cimatheque in Kairo ist die Auseinandersetzung mit privaten 8-mm-Filmarchiven, in denen eine andere Geschichte erzählt und gelebt wurde als im staatlichen Kinobetrieb. Zum Umgang mit dem sensiblen Material gehört es, die privaten Stifter ihre eigenen Archive kuratieren zu lassen. Kuratorin dieses Abends ist Shaymaa Shokry. (23.5.)
Die diskriminierenden Passgesetze des südafrikanischen Apartheid-Staates haben immer wieder massive, aber aussichtslose Proteste provoziert. MY COUNTRY, MY HAT (Südafrika 1983, 23.5.) erzählt die Geschichte von James, einem jungen Mann aus Soweto, der ohne Pass versucht, in Johannesburg Arbeit zu finden. Der Film zeigt das Ausmaß des institutionellen Rassismus und die neurotischen Konsequenzen für den Einzelnen.

Tag 4: one hour – one film "Wenn Menschen sterben, gehen sie in die Geschichte ein. Wenn Statuen sterben, werden sie Kunst", so beginnt Chris Markers und Alain Resnais' provokantes Frühwerk LES STATUES MEURENT AUSSI (F 1953, 24.5.), das die Nachwirkungen des Kolonialismus auf die europäische Wahrnehmung von afrikanischer Geschichte und Kultur in den Blick nimmt.
In seinem 60-jährigen Filmschaffen war Gadalla Gubara oft Produzent, Regisseur, Kameramann und Cutter in einer Person. Unter dem Titel "60 Years, all Genres" stellen Sara Gubara, Nadja Korinth und Katharina von Schroeder eine Auswahl seines Werks vor, die zeigt, wie sich Gubara zwischen allen Formaten bewegte. (24.5.)
In FANADO (Guinea-Bissau 1984, 24.5.) dokumentiert Sana na N'Hada ein Initiationsritual der Balanta-Community, der er selber angehört. Im Anschluss an den Film wird er die Konflikte diskutieren, die sich für ihn bis heute mit dem Film und seiner eigenen Rolle verbinden.
In POST APARTHEID POPCORN (USA 1992, 24.5.) wagt Dean Slotar unmittelbar nach dem Ende der Apartheid eine bildpolitische Bestandsaufnahme Südafrikas. Seine Montage aus Interviews, Image- und Werbefilmen ist ein pointiertes Statement zur Gewinnverteilung im "New South Africa".
Aus dem Projekt "Revisiting Memory" der Cimatheque in Kairo zeigt Yasmin Desouki das Fundstück THE WHITE LINE, "a hybrid animation, live action musical from 1962, 24 min long." (24.5.)
Anfang der 70er Jahre drehte Gadalla Gubara ein Porträt von Khartum als Motor eines modernen Sudan. Heute wirkt KHARTOUM (Sudan 1974, 24.5.) wie ein Blick in eine unerfüllte Zukunft. Teil des Projekts "Studio Gad" war ein Workshop, in dem junge Filmschaffende Antworten auf Gubaras Vision realisiert haben. Den Dialog zwischen KHARTOUM und den "Antwortfilmen" begleiten Stefan Pethke und Rhea Schmitt, die den Workshop leiteten, sowie der Filmemacher Khaled Bella.
"Ceddo" bezeichnet keine Ethnie, sondern eine Haltung: ein Volk der Aufständischen und Außenseiter, die ihre kulturelle Tradition und Identität gegen Versklavung, Islamisierung und Christianisierung verteidigen. Ousmane Sembène verdichtet in CEDDO (Senegal 1977, 24.5.) verblüffend aktuell historischen Stoff aus dem Senegal des 16. und 17. Jahrhunderts zu einem Machtkampf um Religion.

Tag 5: Visionary Archive @ Archive Kabinett Zwei Visionary-Archive-Projekte stellen bei Archive Kabinett Materialien aus ihren Filmrecherchen aus. Unter dem Titel "South African Pulp: Photo-Comics and the B-Schemes Subsidy Films" dokumentiert Darryl Els Parallelen zwischen den B-Schemes-Filmen und der südafrikanischen Fotocomic-Kultur, deren Popularität sie für die Revision des kulturellen Erbes in Südafrika interessant macht. Die Ausstellung "Revisiting Memory: Building an Alternative Archive in Egypt" bringt Material aus dem Print-Archiv der Cimatheque – Alternative Film Centre (Kairo) und ägyptische Amateurfilme zusammen, die Yasmin Desouki als Elemente eines alternativen Archivs diskutiert. (Archive Kabinett, Dieffenbachstr. 31 | Vorträge: 25.5., 19 Uhr, Ausstellung: ab 22.5., Mo–Sa 14–19 Uhr)

Tag 6: Visionary Archive @ Scriptings Gadalla Gubara (1920–2008), Pionier des sudanesischen Kinos, machte fast 60 Jahre lang Spielfilme, Reportagen, Lehrfilme, Werbefilme. 2013 wurde ein Großteil seines Archivs vom Arsenal digitalisiert. In ihrem Projekt "Studio Gad" geht es Nadja Korinth und Katharina von Schroeder gemeinsam mit Gubaras Tochter Sara Gubara darum, das einzigartige Lebenswerk zu erhalten und zu würdigen. Im Projektraum Scriptings ist in einer Installation erstmals digitalisiertes Material aus dem Archiv zu sehen. Zum Auftakt stellen die drei Kuratorinnen das Archiv vor. (Scriptings, Kameruner Str. 47 | Werkstattgespräch: 26.5., 19 Uhr, Ausstellung: 25.–30.5., 12–19 Uhr)

Tag 7: 1991 reiste Angelika Levi als Kamera-Assistentin mit Lilly Grote und Julia Kunert nach Namibia, die dort einen Film über namibische Kinder drehten, die in der DDR aufgewachsen waren. Angelika Levi filmte, was im Off passierte. Das meiste davon blieb bis heute unverwendet und lässt die Filmemacherin nicht los. Als kommentierte Collage aus Stimmen und Bildern stellt sie die Frage "Was tun mit dem Material?" in den Kinoraum: "sammeln und verschwinden" – Fragen an mein Material aus Namibia 1991. (27.5.)
Unter der Regie von Pape Badara Seck entstand 1985 die WDR-Produktion AFRIKA AM RHEIN (27.5.). Darin kommt Goór nach Köln, um eine Maske zurückzuverlangen, die er einst einer deutschen Touristin im Senegal verkaufte. Seine klandestine, aber insistierende Anwesenheit wirkt wie ein Kontrastmittel, durch das der deutsche Nachkriegskonsens sichtbar wird. Bernd Mosblech führte die Kamera in diesem visionären Stück Fernsehgeschichte, in dem Gilbert Diop, Ronald Mkwanazi und Hanns Zischler zu sehen sind, und in dem der Rhein ein afrikanisches Ufer hat.

Tag 8: "Colonial Neighbours", ein Archivprojekt von SAVVY Contemporary (Berlin), ruft zu einer Spurensuche nach der deutschen Kolonialgeschichte in der Gegenwart auf und trägt dabei Objekte und Geschichten zusammen. Im Rahmen von "Visionary Archive" begibt sich Colonial Neighbours in die Filmsammlung des Arsenal. Entlang eines ausgewählten Films sollen die Prozesse des Suchens und Selektierens und die Lücken in der hegemonialen Geschichtskon-struktion thematisiert werden. (28.5.)
Med Hondos international gefeierter Debütfilm SOLEIL Ô (F 1969, 28.5.) verflechtet die Erfahrungen eines schwarzen Immigranten im Frankreich der 60er Jahre mit Echos der Sklaverei und luziden Beobachtungen zur zeitgenössischen Arbeitsmigration. Mit seinem explosiven, unkonventionellen Erzählstil gelingt es Hondo, blanken Rassismus und alarmierende Statistiken anders als nur sozialrealistisch zu verfilmen.
Auf der anderen Seite des Atlantik suchten auch Charles Burnett, Julie Dash, Haile Gerima u.a. nach Alternativen zur Blaxploitation und zum amerikanischen Mainstream-Kino. In KILLER OF SHEEP (USA 1977, 28.5.) erzählt Burnett eine Geschichte aus dem Alltag der schwarzen Community von Los Angeles. Seine Arbeit mit jungen Darstellern, Laien und Kindern kreiert ein Bild vom Inneren der Verhältnisse, dem harten Leben und den Momenten großer Schönheit.

Tag 9: Ähnlich wie in Mosambik und Zimbabwe wurde der anti-koloniale Befreiungskampf auch in Guinea-Bissau von ausländischen Filmteams dokumentiert. Zu den Zeitzeugen gehört der schwedische Filmemacher Lennart Malmer, der eng mit seinen guineischen Kollegen zusammenarbeitete. Im Mittelpunkt von BIRTH OF A NATION (S 1973, 29.5.) steht die unilaterale Unabhängigkeitserklärung Guinea-Bissaus am 24.9.1973, also noch vor Ende des Krieges. POETRY OF ANGER (S 1978 | 29.5.) ist ein Fiktion und Dokument mischendes Erinnerungsprotokoll Malmers der Jahre des Befreiungskampfes. Anschließend spricht Malmer mit Sana na N'Hada über die Erfahrung des Filmens im bewaffneten Kampf.
Chris Markers politische Analyse LE FOND DE L'AIR EST ROUGE (F 1977, 29.5.) lässt die 60er und 70er Jahre Revue passieren, insbesondere die Entstehung der "Neuen Linken" in Europa und die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Die Empathie für das Versprechen einer sozialistischen Utopie ist in einer Vielzahl militanter Kinoprojekte spürbar, die der Film zitiert.

Tag 10: Workshop "Reprendre" (30.5., 12–14 Uhr & 15–18 Uhr, Kino 2, Eintritt frei) – Der Philosoph Y.V. Mudimbe beschreibt die Strategie der "Reprise" (Wiederaufnahme) als einen Prozess der Wissensumordnung in der afrikanischen Kunst heute, um unterbrochene Traditionen aufzugreifen und Werkzeuge und Bedeutungen zu prüfen, die im kolonial geprägten Kontext entstanden. Der Workshop beschäftigt sich mit filmischen Praktiken, die selber Archive erstellen bzw. Archive aufsuchen, um in Vergessenheit geratenes Material neu zu kontextualisieren. Mit Beiträgen und Film-Clips von Jean-Pierre Bekolo, Kudzanai Chiurai, Brigitta Kuster, Sana na N’Hada, Litheko Modisane. Moderation: Enoka Ayemba.
NO PINCHA! (F 1970, 30.5.) ist ein von französischen Aktivisten gedrehter Film über den Befreiungskampf der PAIGC in Guinea-Bissau. Tobias Engel und seine Co-Regisseure verzichten darin auf martialische Gesten, um die Bilder umso überzeugender argumentieren zu lassen. Die taktische Funktion des Films belegt der vorgestellte Appell an Bundeskanzler Willy Brandt. In CARNAVAL DE GUINÉE BISSAO (F 1982, 30.5.) dokumentiert Engel knapp zehn Jahre nach der Unabhängigkeit ein zentrales kollektives Ereignis des Landes.
In der Figur des Vietnam-Veteranen Ned Charles verhandelt Haile Gerima in ASHES AND EMBERS (USA 1982, 30.5.) die Rastlosigkeit und Zerrissenheit seiner Generation. Die Erzählung bewegt sich zwischen Washington D.C., Hollywood und der Großmutter auf dem Land und verwebt dabei die ideologischen Optionen der Zeit: African Roots, internationalistischer Kampf und die grellen Versprechen eines American Dream, der ein rassistischer Alptraum ist.

Tag 11: Der Workshop "Mobility" (31.5., 12–14 Uhr & 15–18 Uhr, Kino 2, Eintritt frei) schaut auf die Mobilität und Translokalität von Filmen und den Einfluss einer mobilen Kinopraxis auf die Rezeptionsszenarien: auf Zuschauerschaften im Südafrika der Apartheid und auf die Erfahrungen mit einem mobilen Kino in Guinea-Bissau, das im Rahmen von "Visionary Archive" realisiert wurde.
Mit Beiträgen und Film-Clips von Filipa César, Darryl Els, Marie-Hélène Gutberlet & Tobias Hering, Sifiso Khanyile, Sana na N'Hada und Aïssatu Seidi. Moderation: Marie-Hélène Gutberlet.
Das Projekt "Von Boé nach Berlin" beschert dem Festival ein Ende mit einem Aufbruch zu einem Kino unter freiem Himmel. Nach einem gemeinsamen Stadtspaziergang (Start: Arsenal-Foyer, 19 Uhr) werden im Prinzessinnengarten (Prinzessinnenstraße 15, um 21 Uhr) Filme aus dem Nationalen Filmarchiv von Guinea-Bissau (INCA) gezeigt, darunter O REGRESSO DE AMÍLCAR CABRAL (Guinea-Bissau, Guinea, S 1976, 31.5.), eine Hommage an eine der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. (mhg, th)

Das Projekt "Visionary Archive" wird gefördert im Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes. Wir danken dem Goethe-Institut, insbesondere den Instituten in Algier, Dakar, Kairo, Johannesburg, Khartum und Yaoundé für ihre großzügige Unterstützung.

Mehr Informationen zum Projet "Visionary Archive" finden Sie hier.