März 2017, kino arsenal

Werkschau Helena Třeštíková

MARCELA, 2006

Über 50 Dokumentarfilme umfasst die Filmografie der renommierten, mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneten tschechischen Regisseurin Helena Třeštíková. Seit Mitte der 70er Jahre dreht sie fürs Kino, aber auch fürs Fernsehen so unaufdringliche wie eindrückliche Porträts – oftmals Langzeitbeobachtungen – von Eheleuten, Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte, aber immer wieder auch von gesellschaftlichen Außenseitern. In Anwesenheit der Regisseurin beleuchtet unsere Werkschau Třeštíkovás beeindruckendes Œuvre, das um menschliche Beziehungen, gesellschaftliche und politische Zeitenwenden und nicht zuletzt um die Möglichkeiten und Grenzen des Dokumentarischen kreist.

Třeštíkovás Beziehung zu den Protagonist_innen ihrer Filme ist geprägt von einer empathischen Haltung, unvoreingenommenen Offenheit und Neugier den Menschen gegenüber. Ihre Rolle ist die einer Zuhörerin und oft einer Vertrauten. Nie ist sie im Bild zu sehen, nur manchmal mit einer Nachfrage zu hören. Doch meist hört sie einfach zu, lässt Menschen von ihrem Leben erzählen, von Wünschen und Träumen, aber auch von zerstörten Hoffnungen und schwierigen Lebensumständen, wobei der Ausgangspunkt immer der subjektive Blickwinkel der Porträtierten ist. Die Nähe, die dabei entsteht, führt nicht selten zu einer auch schmerzhaften Zeugenschaft, wobei Třeštíková die Grenze zum Voyeurismus nie überschreitet. In den von ihr genannten "Zeitraffer-Filmen" sammelt sie über Jahre und Jahrzehnte hinweg Material, das schließlich durch die Montage zu der Geschichte eines Lebens verdichtet wird. Buchstäblich sehen wir der Zeit beim Vergehen zu. Besonders augenfällig wird dies in PRIVATE UNIVERSE, der sich über 37 Jahre erstreckenden Langzeitbeobachtung einer Familie, in der Vater Petr sich in einem Studio die Aufnahmen aus der Vergangenheit anschaut und sich rückblickend die Geschichte seiner Familie vergegenwärtigt. Die politischen Umbrüche ebenso wie zeitgeschichtliche Ereignisse – etwa die Triumphe der sowjetischen Raumfahrt – vermitteln sich dabei gerne durch Bilder aus dem Fernseher, der im Hintergrund mit seinen Bildern den Kontext zeigt, vor dem sich die Menschen mit ihrem Leben einrichten.

MALLORY (Tschechische Republik 2015, 2.3., zu Gast: Helena Třeštíková & 19.3.) Als Helena Třeštíková 2002 Mallory kennenlernte, hatte die junge Frau eine langjährige Drogensucht hinter sich. Nach der Geburt ihres Sohnes gelang es ihr, clean zu werden. Die nächsten 13 Jahre begleitet Třeštíková Mallory auf ihrem Lebensweg, der von zahlreichen Schwierigkeiten und Rückschlägen geprägt ist. Mallory sucht ihren Platz in der Gesellschaft und schafft es allen Widerständen zum Trotz, ihre Erfahrungen zu nutzen, um zu der Person zu werden, die ihr selbst einst geholfen hat. Ein beeindruckendes Porträt einer Frau, die mit großer Offenheit und Ausdrucksfähigkeit einen ungeschönten Einblick in die Kämpfe ihres Lebens gibt.

SOUKROMÝ VESMÍR (Private Universe, Tschechische Republik 2012, 3.3., zu Gast: Helena Třeštíková & 11.3.) Die längste Langzeitstudie Třeštíkovás erstreckt sich über 37 Jahre und begann 1974 mit der Geburt des ersten Kindes ihrer Freundin Jana. Die folgenden Jahre und Jahrzehnte sehen wir Jana und ihren Mann Petr drei Kinder aufziehen, ein Haus auf dem Land renovieren, durch persönliche und politische Stürme hindurch ihr Leben leben. Gezeigt werden Sta-tionen einer ganz durchschnittlichen Familie: Geburtstage, Einschulungen, Arztbesuche, Autokauf, Jobsuche, rebellierende Teenager. Und immer wieder im Fernsehen, als Konstanten der tschechoslowakischen (und tschechischen) Gesellschaft: Karel Gott in wechselnden Rollen, Politiker in immergleichen Neujahrsansprachen. Das Porträt einer Familie schichtet Zeit-ebenen aufeinander: Während Vater Petr sich alte Aufnahmen anschaut, bewertet er das Vergangene aus heutiger Sicht und lässt in Form von Tagebucheinträgen die damalige Sichtweise miteinfließen.

HITLER, STALIN A JÁ (Hitler, Stalin and I, Tschechische Republik 2001, 4. & 13.3.) Die Brutalität des 20. Jahrhunderts verkörpert im Leben eines Menschen: Heda Margolius-Kovaly wird 1919 in eine jüdische Familie in Prag hineingeboren. Kurz nach der Hochzeit mit dem Rechtsanwalt Rudolf Margolius wird das Ehepaar ins Ghetto von Łodz deportiert und später nach Auschwitz verschleppt. Beide überleben den Holocaust und kehren nach Prag zurück. Rudolf Margolius schließt sich der kommunistischen Partei an und wird 1948 Handelsminister der Tschechoslowakei – um 1952 in einem Schauprozess der Verschwörung angeklagt und hingerichtet zu werden. Für die Witwe des "Volksverräters" und ihren Sohn folgte ein Leben voller Demütigungen und Entbehrungen. In einer Kombination aus Interviews und Archivmaterial schält sich ein Leben unter dem Schatten zweier totalitärer Systeme heraus, das nur durch einen unerschütterlichen Überlebenswillen möglich war.

ZKÁZA KRÁSOU (Doomed Beauty, Jakub Hejna, Helena Třeštíková, Tschechische Republik 2015, 4. & 13.3.) In den 30er Jahren war die 1914 geborene Lída Baarová eine aufstrebende tschechische Schauspielerin. 1934 wurde sie von der UFA engagiert und kam nach Berlin, wo sie die Geliebte von Joseph Goebbels wurde. Als Helena Třeštíková die 2000 gestorbene Baarová gegen Ende ihres Lebens an ihrem Wohnort Salzburg besucht, begegnet sie einer alten, vereinsamten Frau. Durch ihre Affäre mit dem hochrangigen Nazi wurde sie zu einem Symbol der Kollaboration, kam für einige Monate ins Gefängnis und emigrierte schließlich. Die Lebenserinnerungen Lída Baarovás werden hier mit umfangreichem Archivmaterial – Wochenschauen und ihren eigenen Filmen – verbunden und zeugen von einer Epoche, in der eine junge Schauspielerin zwischen weltgeschichtlichen Ereignissen und persönlichen Entscheidungen zerrieben wurde.

MANŽELSKÉ ETUDY: ZUZANA A STANISLAV (Marriage Stories: Zuzana and Stanislav, ČSSR 1987) & MANŽELSKÉ ETUDY PO DVACETI LETECH: ZUZANA A STANISLAV (Marriage Stories 20 Years Later – Zuzana and Stanislav, Tschechische Republik 2006, 5. & 17.3.) In den 80er Jahren entstand für das Fernsehen eine Serie von "Marriage Stories", in denen Třeštíková sechs zufällig ausgewählte frisch vermählte Ehepaare über mehrere Jahre hinweg begleitete. Sie wurden zum Publikumshit und bis in die 2000er Jahre hinein verlängert.
Mit gerade mal 18 und 19 Jahren heiraten Zuzana und Stanislav in Erwartung ihres ersten Kindes. Die Wohnungsnot zwingt sie dazu, die ersten Ehejahre viele Kilometer getrennt voneinander bei ihren jeweiligen Eltern zu wohnen. Als sie endlich zusammenziehen können, beginnen sie sich über ihre unterschiedlichen Temperamente und Interessen klar zu werden. Die Frage nach dem Glück und der richtigen Art zu leben beschäftigt sie beide, und sie beantworten sie durchaus unterschiedlich jeder für sich allein.

MARCELA (Tschechische Republik 2006, 7.3., Einführung: Barbara Wurm & 18.3.) Marcela gehört zu den Frauen, die zusammen mit ihrem Mann Jiri in einer der "Marriage Stories" porträtiert wurde. Ihre Ehe leidet wie die vieler anderer unter beengten Wohnverhältnissen und Marcela und Jiri trennen sich im Streit um die gemeinsame Tochter. Später bekommt sie einen Sohn mit einem Mann, der ebenfalls nicht bei ihr bleiben wird. Selbst für ihre bescheidenen Wünsche – eine ausreichend große Wohnung, ein Job, Gesundheit und vielleicht eine neue Liebe – muss Marcela immer wieder neu kämpfen. Zwischen tiefem Schmerz und kleinen Momenten der Hoffnung entfaltet sich so das Leben einer Frau, die zahlreiche Schicksalsschläge hinnehmen muss und dabei jedes Mal endgültig zu verzweifeln droht.

KATKA (Tschechische Republik 2009, 8. & 10.3.) Zu Beginn ist Katka eine lebensfrohe 19-Jährige mit Zukunftsplänen und Kinderwunsch, die sich in einer Entzugsklinik befindet – aus einem Akt der Rebellion gegen das geordnete Leben heraus hat sie mit 16 begonnen, Drogen zu nehmen. 14 Jahre später sind ihr Körper und ihre Seele durch den anhaltenden Drogenkonsum schwer gezeichnet. Auch die Geburt einer Tochter, die in Pflege gegeben wird, gibt ihr nicht die nötige Kraft zum Aufhören. Katka befindet sich in einer selbstzerstörerischen Spirale und scheint den sie umgebenden Kräften hilflos ausgeliefert – dem Heroin, dem wohlmeinenden, aber nur verwaltenden und nicht helfen könnenden medizinischen und bürokratischen Apparat, der immer wieder vergeblichen Suche nach Liebe und Anerkennung. Ein ungeschöntes, rohes Porträt um ein Leben im andauernden Kampf.

MANŽELSKÉ ETUDY: IVANA A VÁCLAV (Marriage Stories – Ivana and Václav, ČSSR 1987) & MANŽELSKÉ ETUDY PO DVACETI LETECH: IVANA A VÁCLAV (Marriage Stories 20 Years Later – Ivana and Václav, Tschechische Republik 2006, 10. & 17.3.) Bei ihrer Hochzeit sind Ivana und Václav beide Architekturstudenten mit großen Plänen und Ambitionen. Ein reiches, volles Leben liegt vor ihnen: Sie werden fünf Kinder bekommen, ein Haus bauen, eine Firma gründen – und dabei ihre Ehe bewahren. Den dafür nötigen Elan und Optimismus bringen sie mit, auch wenn sie immer wieder auf harte Proben gestellt werden.

RENÉ (Tschechische Republik 2008, 11. & 15.3.) Die in der Kindheit erlittene Vernachlässigung durch seine Eltern kontert René seit frühester Jugend mit konsequenter Ablehnung der Gesellschaft und all ihrer Normen und Regeln. Wegen kleiner Diebstähle und Betrügereien landet er immer wieder im Gefängnis, das zum einzigen Ort wird, der ihm so etwas wie Sicherheit bieten kann. Ein bürgerliches Leben liegt außerhalb seiner Vorstellungskraft, "alles was ich kann, ist stehlen." Die Regisseurin Helena Třeštíková wird über die Jahrzehnte zur einzigen Konstante und wichtigsten Vertrauten in seinem Leben – sie ist es, die seiner schriftstellerischen Begabung zur Publikation verhilft, und sie ist es auch, die schließlich von ihm bestohlen wird. Radikal stellt René die Beziehung zwischen der Regisseurin und ihm als "Studienobjekt" in Frage und bringt Třeštíková und ihre Art des Filmemachens an eine schmerzhafte Grenze.

VOJTA LAVIČKA: NAHORU A DOLŮ (Vojta Lavička: Ups and Downs, Tschechische Republik 2013, 12. & 20.3.) Mitte der 90er Jahre lernte Helena Třeštíková den 16-jährigen Roma Vojta Lavička kennen. Er ist erfolgreicher Geiger, Aktivist, Radio- und Fernsehmoderator und kämpft auf persönlicher wie politischer Ebene gegen die grassierende Roma-Feindlichkeit. Die Öffnung der tschechischen Gesellschaft brachte für die Roma kaum Vorteile; Vorurteile und alltäglicher Rassismus dominieren das Leben. Obwohl zahlreiche Mitglieder seiner Familie und seiner Community das Land verlassen, bleibt Vojta mit Freundin und Sohn in Prag.

ŽIVOT S KAŠPAREM (Life with Jester, Tschechische Republik 2013, 14. & 18.3.) Ein Leben, in dem sich das Private und Politische untrennbar miteinander verbinden: Das ist Jakub Špalek, Theaterregisseur, Theaterdirektor und Schauspieler. Bei der Samtenen Revolution im Herbst 1989 war Špalek, damals noch Student an der Theaterakademie, einer der wichtigsten Protagonisten. Mit seinen Mitstreitern verlegte er seinen Aktivismus von der Bühne auf die Straße, um sich dort für den politischen Wandel zu engagieren. Die Gründung des unabhängigen Kašpár-Theaters in Prag erfüllte den Traum einer eigenen Wirkungsstätte. 23 Jahre lang dokumentiert Třeštíková Jakub Špaleks privates, politisches und berufliches Leben, das immer vom Zwiespalt zwischen dem Handeln für ein Kollektiv und der individuellen Wunscherfüllung geprägt ist. (mg/al)

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum. Dank an Christina Frankenberg.

Mai '17
kino arsenal: Filmspotting: Erkundungen im Filmarchiv der Deutschen Kinemathek

19:00 Kino 2


Berlin, 2. Juni 67

Ihre Zeitungen

*Berlin, 2. Juni 67 Thomas Giefer, Rüdiger Minow BRD 1967 16 mm 46 min
*Ihre Zeitungen Harun Farocki BRD 1968 16 mm 16 min
Und andere kurze Filme

Zu Gast: Thomas Giefer
kino arsenal: Magical History Tour
 – Stimme, Sprache, Sprechen im Film

20:00 Kino 1


L'enfant sauvage

L'enfant sauvage Der Wolfsjunge
François Truffaut F 1970 Mit François Truffaut
35 mm OmE 83 min