Juni 2015, kino arsenal

Die Dinge des Lebens – 
Retrospektive Claude Sautet

MAX ET LES FERRAILLEURS, 1971

Claude Sautet (1924–2000) war ein Einzelgänger des französischen Kinos, der parallel zur Nouvelle Vague seine Vorstellungen eines klassischen Erzählkinos umsetzte. François Truffaut nannte ihn den "französischsten aller Regisseure". Das mag damit zu tun haben, dass das Bistro in Sautets Filmen eine wichtige Rolle spielt. Es wird gemeinschaftlich getrunken und gegessen, viel geraucht, Auto gefahren und es geht – die wohl häufigste Assoziation zum französischen Kino – um die Möglichkeiten der Liebe. Claude Sautet realisierte unter Verzicht auf alles Spektakuläre differenzierte Studien menschlicher Beziehungen: Filme über Freundschaft und Liebe voll poetischer Melancholie. Dabei arbeitete er mit den großen Stars des französischen Films seiner Zeit: Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo, Romy Schneider, Michel Piccoli, Yves Montand, Gérard Depardieu, Sandrine Bonnaire, Daniel Auteuil, Emmanuelle Béart.  Seit seinem künstlerischen und kommerziellen Durchbruch LES CHOSES DE LA VIE (1970) galt Sautet als Chronist der französischen Mittelschicht. Im Gegensatz zu Claude Chabrol oder Luis Buñuel war er jedoch nicht am Vorführen der Bourgeoisie interessiert. Seine "Porträts in Bewegung", wie er sie nannte, sind frei von Urteilsüberlegenheit. Empathisch zeigt er das Unlebendige des vermeintlich gesicherten Bürgerlebens und sieht den zaghaften Ausbruchsversuchen mit einer Art zärtlicher Trauer zu. Nüchtern, mit großer Zurückhaltung und ohne Psychologisierung folgt er unprätentiös dem Schicksal seiner Figuren, die sich in Gefühlen und Beziehungen verstricken. Mittels einer diskreten Bildsprache erzählen die Filme unsentimental von verpassten Gelegenheiten, nicht gewagten Gefühlen, Versuchen der Selbstfindung, von Liebesbeziehungen, die enden und anfangen. Einsamkeit wird häufig kontrastiert mit der oberflächlichen Wärme von Gruppen und öffentlichen Orten. Die Handlung steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um genaues Beobachten, das Sichtbarmachen von Gefühlen, die über das Erzählte hinausgehen, Nuancen, Blicke, Gesten, das Alltägliche, die Dinge des Lebens. Claude Sautet schnitt kurz vor seinem Tod einige seiner Filme neu und kürzte sie zum Teil um mehrere Minuten. Wir zeigen drei davon zum Vergleich in beiden Versionen, jeweils einmal als 35-mm-Kopie in der zeitgenössischen Kinofassung und einmal als kürzeren Director's Cut in digitalem Vorführmaterial: VINCENT, FRANÇOIS, PAUL … ET LES AUTRES, LES CHOSES DE LA VIE und MADO.

VINCENT, FRANÇOIS, PAUL … ET LES AUTRES (Vincent, François, Paul und die anderen, F/I 1974, 5.6., mit einer Einführung von Michael Baute & 13.6.) Anhand von Vincent (Yves Montand), François (Michel Piccoli), Paul (Serge Reggiani) und ihren befreundeten Familien skizziert Claude Sautet die Lebenskrisen dreier Männer um die 50: eingeschlafene Liebesbeziehungen, verlorene Ideale, lähmende Gewohnheiten, Schaffenskrisen, Firmenpleiten, Trennungen und Einsamkeit. "Truffaut hat einst geschrieben, das Thema von Sautets bestem Film VINCENT könne man in zwei Worten zusammenfassen: Das Leben. 'Manche Zuschauer haben gesagt: Das ist zwar schön, aber doch auch schrecklich, ein Stoß vor den Kopf. Ich sehe das nicht so, finde es eher optimistisch, erhebend und glaube dabei Sautets Stimme zu vernehmen, die – ich kann mich täuschen – sagt: Das Leben ist vielleicht im Einzelnen hart, aber im Großen und Ganzen doch schön.'" (Michael Althen)

MAX ET LES FERRAILLEURS
(Das Mädchen und der Kommissar, F/I 1971, 6. & 16.6.) Echte und falsche Gefühle prallen in Claude Sautets Lieblingsfilm mit fataler Wucht aufeinander: Der Pariser Kriminalkommissar Max (Michel Piccoli) ist von der Idee besessen, Kriminelle auf frischer Tat zu ertappen. Als er nach einer Reihe ungeklärter Banküberfälle zufällig Abel, einen alten Bekannten aus seiner Militärzeit wiedertrifft, beschließt er, ihn und seine kleinkriminelle Schrottplatzbande in eine Falle zu locken. Gegenüber Abels Freundin, der Prostituierten Lili (Romy Schneider), gibt sich Max als Bankier aus, der ihr im Zuge eines zunehmend vertraulichen Verhältnisses beiläufig Details über größere Geldlieferungen an seine Bankfiliale erzählt.

CLASSE TOUS RISQUES (Consider All Risks, F/I 1960, 6. & 12.6.) Der in Abwesenheit zum Tode verurteilte Gangster Abel Davos (Lino Ventura) flieht nach einem missglückten Raubüberfall mit seinem Freund Raymond, seiner Frau und den beiden fünf- und siebenjährigen Söhnen mit einem Motorboot aus dem italienischen Exil. Bei der Landung an der französischen Riviera kommt es zu einer tödlichen Schießerei mit Zollbeamten. Abel kontaktiert seine früheren Komplizen, um sich mit den beiden Kindern nach Paris durchschlagen zu können, doch die mittlerweile bürgerlich gewordenen ehemaligen Brothers in crime schicken ihm stattdessen den jungen Eric Stark (Jean-Paul Belmondo) nach Nizza. Mit seinem nüchternen on location gedrehten Debüt mit dem Touch eines amerikanischen B-Movies befreite Claude Sautet das Genre des Polar, des französischen Gangsterfilms, von Routine und Klischees. Zur Blütezeit der Nouvelle Vague wurde der vergleichsweise klassisch erzählte Genrefilm von Kritik und Publikum weitgehend ignoriert und erst beim Neustart 1971 zum Hit. Heute gilt er als eines der Hauptwerke des Polar.

LES CHOSES DE LA VIE (Die Dinge des Lebens, F/I 1970, 7. & 20.6.) Pierre (Michel Piccoli), ein erfolgreicher Architekt in den Vierzigern, verunglückt mit seinem Alfa Romeo auf einer französischen Landstraße. Während er schwerverletzt im Gras liegt, zieht sein Leben an ihm vorbei: Begegnungen mit seiner Lebensgefährtin Hélène (Romy Schneider), der getrennt lebenden Frau Catherine, seinem Vater und seinem Sohn Gérard. Der künstlerische Durchbruch Claude Sautets war der Auftakt zu einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philippe Sarde sowie den beiden Hauptdarstellern Michel Piccoli und Romy Schneider, die der große Erfolg des Films zu Superstars des französischen Kinos machte. Die Bilder des aus einer Vielzahl an Perspektiven gefilmten Unfalls sind ins kollektive Gedächtnis der französischen Filmgeschichte eingegangen.

L'ARME À GAUCHE (Guns for the Dictator, F/I/Spanien 1965, 10. & 12.6.) Der Seemann Jacques Cournot (Lino Ventura) wird in Santo Domingo beauftragt, eine Hochseejacht zu inspizieren. Kurz darauf wird die Jacht gestohlen und Cournot macht sich mit der US-amerikanischen Besitzerin auf die Suche in der Karibik. Sie finden das scheinbar verlassene Schiff gestrandet auf einer Sandbank in der Nähe von Jamaika und treffen auf eine Bande von Waffenschmugglern. Claude Sautet betrachtete seinen zweiten und letzten Film mit Lino Ventura als Stilübung: Kriminal- bzw. Abenteuerfilm und maritimes Kammerspiel zugleich.

CÉSAR ET ROSALIE (F/I/BRD 1972, 13. & 17.6.) Rosalie (Romy Schneider) lebt seit der Scheidung von dem Künstler Antoine mit César (Yves Montand), einem älteren wohlhabenden Metallhändler in Paris zusammen. Auf einer Hochzeit taucht unerwartet ihre Jugendliebe, der Comic-Zeichner David (Sami Frey) wieder auf und macht kein Geheimnis aus seinen Gefühlen für Rosalie. Die tragikomische Dreiecksgeschichte zählt zu den größten Erfolgen Claude Sautets. Michel Piccoli ist als Erzählstimme präsent, Isabelle Huppert als 19-Jährige in einer ihrer ersten Kinorollen zu sehen.

UNE HISTOIRE SIMPLE (Eine einfache Geschichte, F/BRD 1978, 14. & 19.6.) Marie (Romy Schneider), eine Modezeichnerin um die 40 und Mutter eines 16-jährigen Jungen, hat Zweifel, ob ihr Geliebter der geeignete Vater für ihr ungeborenes Kind ist und zieht die Konsequenzen. Auch bei einer Annäherung an ihren Exmann verliert sie sich nicht in verwirrenden Gefühlen. Romy Schneider erhielt für die Rolle der eigensinnigen Marie, die sich in der Mitte des Lebens emanzipiert, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere den César als beste Hauptdarstellerin. Der Ensemblefilm, eine Art weibliches Pendant zu VINCENT, FRANÇOIS, PAUL...  ET LES AUTRES, wurde als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert.

MADO (F/I/BRD 1976, 20. & 25.6.) Nach dem Suizid seines Teilhabers Julien, der ein Finanzloch von mehreren Millionen Dollar hinterlässt, muss sich der Pariser Immobilienhändler Simon Léotard (Michel Piccoli) mit dem drohenden Bankrott und den skrupellosen Machenschaften des Konkurrenten Lépidon auseinandersetzen. Mit Hilfe der jungen Gelegenheitsprostituierten Mado, in die er sich verliebt, versucht Simon, Lépidon mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Die Auswirkungen der ersten schweren Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit in Frankreich bilden die Grundstimmung des um Arbeitslosigkeit, Geldnot, Schmiergelder, Intrigen und unglückliche Liebe kreisenden Films. Das Leitmotiv formuliert Mado bereits zu Beginn: "Jeder verkauft sich halt auf seine Art".

UN MAUVAIS FILS (Der ungeratene Sohn, F 1980, 19. & 27.6.) Bruno Calgagni (Patrick Dewaere) kehrt nach fünf Jahren Haft, die er in den USA wegen Drogenhandels absaß, zurück nach Frankreich. Vorübergehend quartiert er sich in der kleinen Wohnung seines Vaters ein, der ihm vorwirft, am Unglück und Tod der Mutter schuld zu sein. Auf Arbeitssuche lernt Bruno Catherine kennen, eine ehemals Heroinabhängige in einem Wiedereingliederungsprogramm. Mit dem Film verließ Claude Sautet das vertraute Terrain der bürgerlichen Mittvierziger und wandte sich einer jüngeren Generation und einer anderen Gesellschaftsklasse zu. UN MAUVAIS FILS ist ein erstaunliches Gesellschaftsporträt Frankreichs Ende der 70er Jahre, ein leiser, differenzierter Film über Familienverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Beziehungen und Drogen, für den sich in Deutschland kein Verleih fand.

GARÇON! (F 1983, 24. & 26.6.) Alex (Yves Montand) arbeitet als Oberkellner in einer großen Pariser Brasserie. Als er sich in die deutlich jüngere Claire (Nicole Garcia) verliebt, entwickelt er die nötige Energie, seinen Traum eines Kinderfreizeitparks am Meer zu realisieren. Claude Sautet war mit dem – neben QUELQUES JOURS AVEC MOI – heitersten seiner Filme unzufrieden und arbeitete ihn nach der Premiere mehrfach um. Wir zeigen die restaurierte finale Fassung mit einer Laufzeit von 91 Minuten.

QUELQUES JOURS AVEC MOI (Einige Tage mit mir, F 1988, 23. & 26.6.) Der gerade aus dem Sanatorium entlassene gemütskranke Erbe einer Supermarktkette Martial Pasquier (Daniel Auteuil) wird von seiner Mutter in die Provinz nach Limoges geschickt, um herauszufinden, warum die dortige Filiale so schlechte Zahlen schreibt. Schnell stellt Martial fest, dass der Filialleiter in die eigene Tasche arbeitet, womit sein Auftrag eigentlich erledigt wäre. Doch zur Überraschung aller richtet er sich in Limoges ein und schlägt Francine (Sandrine Bonnaire), der erfrischend lebendigen Hausangestellten des Filialleiters vor, einige Tage mit ihm zu verbringen. Mit seiner sozialsatirischen Tragikomödie über reiche Industrielle, kleinbürgerliche Provinzler und sogenannte einfache Leute zeichnete Sautet ein ungewohnt sarkastisches Bild der Bourgeoisie.

UN CŒUR EN HIVER (Ein Herz im Winter, F 1992, 21. & 27.6.) Stéphane (Daniel Auteuil) und Maxime (André Dussollier) betreiben ein Atelier für Geigenbau und -reparatur. Während sich der extrovertierte Maxime um das Geschäftliche und den Kundenkontakt kümmert, arbeitet der scheue und verschlossene Stéphane an den Instrumenten. Als Maxime Stéphane seine neue Freundin Camille (Emmanuelle Béart), eine begabte junge Violinistin vorstellt, entwickelt sich ein komplexes Spannungsfeld an Gefühlen. Das streng komponierte Meisterwerk Sautets, ein leises Drama um ungelebte Leidenschaft, wurde inspiriert durch Michail Lermontows Novelle "Ein Held unserer Zeit" (1840).

NELLY & MONSIEUR ARNAUD (F/I/D 1995, 28. & 30.6.) Die Ehe der jungen Nelly (Emmanuelle Béart) mit Jérôme, der seine Tage lethargisch vor dem Fernseher verbringt, ist am Ende; beide sind hoch verschuldet und ohne nennenswertes Einkommen. In dieser Situation bietet der ehemalige Liebhaber einer Freundin, der pensionierte Richter Pierre Arnaud (Michel Serrault), Nelly einen gutbezahlten Job als Sekretärin: Sie könne ihm behilflich sein, seine Memoiren zu tippen und zu redigieren. Zögernd akzeptiert Nelly und je mehr sie über Monsieur Arnauds Leben erfährt, desto näher kommen sich die beiden. Claude Sautets letzter Film beschreibt die unmögliche und uneingestandene Liebe zweier Menschen und gleichzeitig den Abschied von der Liebe und vom Leben. (hjf)

Mit freundlicher Unterstützung des Institut français und der Botschaft von Frankreich.

kino arsenal: Harun-Farocki-Retrospektive: Schulworkshops II

10:00 Kino 1


Gegen-Musik

Musik-Video

Nicht löschbares Feuer

Gegen-Musik Harun Farocki D 2004 Digital file 23 min
Musik-Video Harun Farocki D 2000 DV 1 min
Nicht löschbares Feuer Harun Farocki BRD 1969 16 mm 23 min

Moderation: Eunice Martins & Laura Mello, ab 10. Klasse
Anmeldung unter: schlueter@arsenal-berlin.de
kino arsenal: Magical History Tour - Kino im Plural

19:30 Kino 1


L'aggettivo donna

The Woman's Film

*L'aggettivo donna Annabella Miscuglio, Rony Daopoulos & Collettivo Femminista di Cinema Italien 1971
Beta SP OmU 54 min
*The Woman's Film Newsreel Kollektiv USA 1970
16 mm OmU 41 min

kino arsenal: Georgisches Kino - Aus der Sammlung des Arsenal

20:00 Kino 1


Dschim schwante!

Dschim schwante! Das Salz Swanetiens Michail Kalatosischwili UdSSR 1930
35 mm georg. & russ. ZT, dt. UT 58 min

Am Flügel: Eunice Martins