August 2013, kino arsenal

Seijun Suzuki

TANTEI JIMUSHO 23: KUTABARE AKUTO-DOMO, 1963

Seijun Suzuki (*1923), das exzentrische Genie des japanischen Studio-Systems, kam 1946 als Regieassistent zum Shochiku-Studio und wechselte 1954 zu Nikkatsu, wo er 1956 als Regisseur debütierte. Bei Nikkatsu war er als Auftragsregisseur beschäftigt, der für die damals üblichen Double Features die billigen B-Movies drehte. Den stets gleichen Drehbüchern setzte Suzuki Stilwillen und hemmungslosen Einfallsreichtum entgegen und schuf Genre-Filme, die die Grenzen der Konventionen weit ausdehnten. Ihm eigen ist eine unbändige Lust am Experiment, an der radikalen Zerstörungswut, am Durchbrechen von Regeln und eine ironische Distanz zu den Gesetzen des Yakuza-Kosmos. Genrekonventionen werden von ihm pervertiert und von allem moralischen Ballast befreit, sein visuell überbordender Stil ist voller Farbexzesse, einer Vorliebe für monochrom grundierte Motive, extreme Kameraeinstellungen und surreale Situationen. Den Verantwortlichen von Nikkatsu, wo er in zwölf Jahren 40 Filme drehte, wurde das irgendwann zu bunt und nach BRANDED TO KILL wurde er mit der Begründung, seine Filme wären "unverständlich", gefeuert. Zehn Jahre lang war er nicht mehr aktiv, bis er sich in den 80er und 90er Jahren mit der unabhängig produzierten Taisho-Trilogie zurückmeldete, in der er Formalisierung und Ästhetisierung vollends auf die Spitze trieb.

RABU RETA(Love Letter, Japan 1959, 12. & 22.8.) Die Barpianistin Kozue ist in Masao verliebt, der sich nach einer schweren Krankheit zur Rekonvaleszenz in ein Haus in den Bergen zurückgezogen hat. Es folgt ein intensiver Briefwechsel, bis die Briefe immer seltener werden und schließlich ganz ausbleiben. Darüber beunruhigt, fährt Kozue in die Berge, um Masao zu sehen. Dieser hat sich in der Zwischenzeit so sehr geändert, dass Kozue ihn kaum wiedererkennt. Eine Studie um Identitätsverwirrung und Entfremdung, in der Suzuki schon seine spätere stilistische Meisterschaft zu erkennen gibt.

YAJU NO SEISHUN (Youth of the Beast, Japan 1963, 12. & 22.8.) gilt als eines der Werke, mit denen Suzuki 1963 den Durchbruch schaffte, das Jahr, in dem gleich vier seiner Filme in die Kinos kamen. Publikumsstar Jo Shishido (unverwechselbar durch seine chirurgisch vergrößerten Pausbacken), gibt den hartgesottenen Mizuno, der als geheimnisvoller Eindringling die Unterwelt Tokios aufmischt. Es gelingt ihm, zwei rivalisierende Yakuza-Gangs gegeneinander auszuspielen, mit der Absicht, so die Mörder seines Freundes zu finden. Beginnt der Film noch in Schwarz-Weiß, findet er schnell zu den knalligen Farben und rasanten Schnittfolgen, die zu Suzukis Markenzeichen wurden.

TANTEI JIMUSHO 23: KUTABARE AKUTO-DOMO (Detective Bureau 23: Go to Hell, Bastards!, Japan 1963, 3. & 23.8.) Zwei rivalisierende Yakuza-Gangs sind in einen illegalen Waffenhandel verstrickt. Um ihnen das Handwerk zu legen, überzeugt der Privatdetektiv Tajima (Jo Shishido) die Polizei davon, ihn zu decken, damit er die Yakuza-Familie Hatano infiltrieren kann. Dort misstraut man dem Neuling natürlich, und in ständig neuen Aktionen muss er seine Gangster-Redlichkeit beweisen. Ein cooler Jazz-Score durchweht den Film, dessen Handlung wie üblich bei Suzuki kaum zu folgen ist, und in dem sich aus heiterem Himmel auch mal eine Musical-Einlage findet.

NIKUTAI NO MON (Gate of Flesh, Japan 1964, 6. & 15.8.) Tokio nach dem 2. Weltkrieg. Die Stadt ist ein Trümmerfeld, zwischen Schwarzmarkt und der Besatzungsmacht kämpfen die Menschen ums Überleben. Auch die junge Maya sieht irgendwann keine andere Möglichkeit mehr, als sich in die Prostitution zu begeben. Mit vier anderen Frauen, jede von Kopf bis Fuß in eine andere Farbe gekleidet, teilt sie sich fortan ihre Unterkunft und einen Pakt: Keine darf unentgeltlich mit einem Mann schlafen, ansonsten droht ihr grausame Bestrafung. Grell und drastisch ist Suzukis Verfilmung des 1947 publizierten Erfolgsromans von Taijiro Tamura, inszeniert mit einer Künstlichkeit und Farbigkeit, die das Kaputte nicht überdeckt, sondern verstärkt. Zwischen neorealistisch anmutender Beobachtung eines brutalen Alltags und den delirierend-alptraumhaften Bildern zeigt sich das Chaos einer Welt, der jegliche Moral und Hoffnung abhan-dengekommen sind.

SHUNPUDEN (Story of a Prostitute, Japan 1965, 3. & 25.8.) Von ihrem Geliebten enttäuscht, meldet sich die Prostituierte Harumi 1937 freiwillig an die mandschurische Front. Dort betrachtet der brutale Hauptmann Narita sie bald als sein persönliches Eigentum, während Harumi sich in seinen Untergebenen Mikami verliebt. Ihre Liebe aber ist in einem von Ehre und Macht geprägten Universum zum Scheitern verurteilt. In atmosphärischem Schwarz-Weiß und mit stilistischer Brillanz zeichnet Suzuki eine Liebesgeschichte voller melancholischer Tragik.

IREZUMI ICHIDAI (Tattooed Life, Japan 1965, 24. & 28.8.) Der Yakuza Tetsutaro soll vor seinem geplanten Ausstieg aus dem Geschäft einen letzten Mord verüben. Dieser entpuppt sich jedoch als eine Falle. Sein Leben rettet ausgerechnet sein jüngerer Bruder Kenji, zu dessen Wohl Tetsutaro einst die Yakuza-Laufbahn eingeschlagen hatte. Sowohl von der Polizei wie von den Gangstern gejagt, müssen sie fliehen und finden Arbeit in einer Baufirma. Dort gesellt sich zum gefahrvollen Leben eine aussichtslose Liebe. Zum Suzuki-typischen Farbenrausch kommt es beim finalen Shoot Out, von dem sich Tarantino in "Kill Bill I" inspirieren ließ.

KAWACHI KARUMEN (Carmen from Kawachi, Japan 1966, 21. & 27.8.) Die junge Tsuyuko muss voller Abscheu erkennen, dass ihre Mutter sich vor den Augen des Vaters bei einem Priester prostituiert, um die Familienschulden abzubezahlen. Als sie in ihrem kleinen Bergdorf vergewaltigt wird, flieht sie von Alpträumen geplagt nach Osaka. Dort findet sie sich in immer bizarrer werdenden Jobs und Beziehungen wieder. Ein Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe Akira lässt alte Träume vom unschuldigen Glück aufkommen. Unbekümmert verbindet Suzuki soziale Satire, Karikatur, Farce und Melodram miteinander.

Ein Gangster-Film im Pop-Art-Kosmos: TOKYO NAGAREMONO (Tokyo Drifter, Japan 1966, 10. & 31.8.) ist Suzukis vielleicht berühmtester Film. Der Held Tetsu, der singende "Tokyo Drifter", möchte aus seinem Yakuza-Dasein aussteigen und wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Doch der gewohnt verwirrende Plot ist ohnehin nicht mehr als ein Vorwand für Suzukis wilde Bildwelten aus ästhetisierter Gewalt, absurder Komik, visuellen Gags, beispiellosen Farbexzessen und verwirrenden Bildkompositionen. Ein absoluter Klassiker des Genres, in dem alles zertrümmert wird, was dieses ausmacht.

KENKA EREJI (Fighting Elegy, Japan 1966, 17. & 26.8.) Japan in den 30er Jahren. Der Schüler Kiroku ist in die von ihm als die pure Reinheit verehrte Michiko verliebt, die ihm zu unerreichbar scheint, um ernsthaft um sie zu werben. Seine heftigen Gefühle und rasenden Hormone kanalisiert er, indem er sich einer Bande anschließt, die sich regelmäßig zu Prügeleien trifft. Verstörende Gewaltexzesse verbinden sich hier mit einer zarten Liebesgeschichte und subversiver Komik zu einer Satire über japanischen Ultranationalismus. Das vielleicht ambitionierteste Werk aus Suzukis Frühphase ist auch sein politisch explizitestes und schildert exemplarisch die Militarisierung und politische Radikalisierung eines Jugendlichen am Vorabend des japanisch-chinesischen Krieges.

KOROSHI NO RAKUIN(Branded to Kill, Japan 1967, 2. & 24.8.) war der Film, der zum endgültigen Bruch mit Nikkatsu führte und markiert wohl die äußerste Grenze dessen, was im Genre-Kino möglich war. Goro Hanada (Jo Shishido) ist in Tokios Unterwelt Killer Nr. 3 und vom Wunsch besessen, die Nummer 1 zu werden. Als er einen Auftrag vermasselt, weil im entscheidenden Moment ein Schmetterling auf seinem Gewehrlauf landet, hat er unversehens Nr. 1 am Hals und kann zum entscheidenden Duell schreiten. Ein Held, der vom Geruch von kochendem Reis erregt wird, eine fragmentarische und elliptische Erzählweise, ein visuelles Feuerwerk sondergleichen – KOROSHI NO RAKUIN ist Suzuki at his best.

TSIGOINERUWAIZEN (Zigeunerweisen, Japan 1980, 4. & 9.8.) ist der erste Teil der in den 20er Jahren angesiedelten Taisho-Trilogie. Aochi, ein Deutsch-Professor, trifft im Urlaub auf seinen alten Studienkollegen Nakasago, der ziellos durchs Land streift. Gemeinsam lernen sie eine Geisha kennen. Monate später muss Aochi erkennen, dass Nakasagos Ehefrau eine unheimliche Ähnlichkeit mit dieser aufweist. Auch Aochis Ehefrau ist in das sich fortan entwickelnde bizarre Beziehungsgeflecht involviert. Umrahmt von der titelgebenden Melodie von Sarasate erschafft Suzuki ein hypnotisch-surreales Bildergedicht, in dem sich Dekadenz mit der Geisterwelt und dem Irrationalen paart. Von japanischen Kritikern wurde TSIGOINERUWAIZEN zum besten japanischen Film der 80er Jahre gewählt.

KAGERO-ZA (Heat Shimmer Theater, Japan 1981, 5. & 13.8.), der zweite Teil der Taisho-Trilogie, ist ein halluzinatorischer Rausch zwischen Realität und Traum, zwischen Wahn und Fantasie in ständigem Wechsel von Zeit und Raum. Der Dramatiker Shunko beginnt ein Verhältnis mit der schönen Shinako. Zunächst glaubt er, sie sei die Frau seines Gönners, die den gleichen Namen trägt. Dann lernt er Ine kennen, die Shinako unheimlich ähnlich sieht und erfährt, dass sein Gönner eine Frau namens Ine hatte, die aber gestorben ist. Im Netz aus Verfolgungswahn und sexuellen Obsessionen, das sich um Shunko zusammenzieht, scheint der Bezug zur Wirklichkeit endgültig verloren.

YUMEJI (Japan 1991, 7. & 19.8.) Wie in den zwei vorherigen Filmen der Taisho-Trilogie ist die Hauptfigur in YUMEJI konfrontiert mit einem Rätsel um Verführung, Liebe und Tod. Der Film beginnt mit einem Alptraum des Malers Yumeji Takehisa, in dem er in ein tödliches Duell um eine Frau verwickelt wird. Als er sich später in der Realität mit seiner Geliebten treffen will, wird er Augenzeuge einer Schießerei. Ein Mann hat seine Frau und deren Liebhaber in flagranti erwischt und beide getötet. Yumeji muss feststellen, dass es sich bei dem Mörder um den Mann aus seinem Traum handelt.

In Zusammenarbeit mit der Japan Foundation Tokio/Köln. Dank an Angela Ziegenbein.

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19:00 Kino 2


Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus

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Egon Schlegel DDR 1977
35 mm 92 min

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Kageroza Heat Shimmer Theater Japan 1981
35 mm OmE 139 min

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Die Schüsse der Arche Noah

Die Schüsse der Arche Noah Egon Schlegel DDR 1983
35 mm 89 min