März 2015, kino arsenal

Ivan Mosjoukine Superstar

LE BRASIER ARDENT, 1923

Bei Ivan Mosjoukine (1889–1939) ist der Superlativ angebracht. Er war Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, aber vor allem: einer der größten Stars der Stummfilmzeit. Charakteristisch waren sein durchdringender Blick, seine enorme Leinwandpräsenz und eine stupende Wandlungsfähigkeit, die es ihm erlaubte, innerhalb kürzester Zeit zwischen verschiedenen Stimmungslagen zu wechseln. Sein sehr körperliches Agieren machte ihn zum virilen Helden, der aber auch einen geradezu bubenhaften Charme und eine weiche Sensibilität entwickeln konnte. Er fand bei jedem Stoff den ihm gemäßen Ausdruck und beherrschte die große Geste ebenso wie das feine und subtile Mienenspiel. In Russland geboren, studierte Ivan Mosjoukine (alternative Schreibweisen: Mozzhukhin, Mosschuchin) auf Wunsch des Vaters zunächst zwei Jahre Jura, bevor er sich einer Schauspieltruppe anschloss. Sein Filmdebüt erfolgte 1911 und bald dominierte er, der in der Komik wie im ernsten Fach brillierte, das Filmschaffen im zaristischen Russland. 1915 ließ er sich vom Produzenten Josef Ermolieff verpflichten, der ihm zehn lange Spielfilme pro Jahr garantierte, wobei er seine Drehbücher und Regisseure frei auswählen konnte. Besonders fruchtbar wurde die Zusammenarbeit mit Jakow Protasanow. In den 20 gemeinsam gedrehten Filmen gab er oft den romantischen, innerlich zerrissenen Helden mit dämonischen Leidenschaften. Nach der bolschewistischen Revolution verlegte Ermolieff sein Studio nach Jalta auf der Krim, um 1920 mit der gesamten Truppe nach Paris zu emigrieren. Dort konnte die neugegründete "Ermolieff Cinema", die 1922 in "Albatros Films" umbenannt wurde, frühere Pathé-Studios im Pariser Vorort Montreuil-sous-Bois benutzen. Die Filmindustrie Frankreichs, die sich Anfang der 20er Jahre noch von den Verwerfungen des 1. Weltkriegs erholte, profitierte enorm vom kreativen, aber auch finanziellen Potential der russischen Emigranten. Auch in Frankreich avancierte Mosjoukine innerhalb kürzester Zeit zum Superstar, der nicht nur Drehbücher (mit)schrieb, sondern bei zwei Filmen, die beide durch einen versponnenen Witz und eine enorme Experimentierfreude bestechen, auch Regie führte. Abel Gance sah ihn als Hauptdarsteller für seinen monumentalen Napoleon vor, was Mosjoukine jedoch ablehnte mit der Begründung, nur ein Franzose könne diese Rolle spielen. 1926, auf dem Gipfel seines Ruhms, war auch Hollywood auf den europäischen Superstar aufmerksam geworden, und mit einem lukrativen Fünf-Jahres-Vertrag von Universal in der Tasche reiste Mosjoukine in die USA. Sein Gastspiel dort wurde zum Desaster, der einzige Film, in dem er mitspielen konnte ("Surrender" von Edward Sloman), fiel bei Publikum und Kritik durch. Zurück in Europa, drehte er weitere Filme im Umfeld der russischen Exilanten in Berlin, mit denen er jedoch nicht mehr an seinen früheren Erfolg anknüpfen konnte. Der Tonfilm setzte seiner Karriere endgültig ein Ende. Mit seinem russischen Akzent war er nur begrenzt einsatzfähig und seine Form der Leinwandpräsenz verfehlte im Tonfilm ihre Wirkung. 1939 starb der einstige Star, der in über 100 Filmen mitgespielt hatte, verarmt und vergessen mit nur 50 Jahren an Tuberkulose. Wir zeigen eine Auswahl von sieben Filmen, vor allem aus Mosjoukines französischer Phase, darunter die zwei einzigen Regiearbeiten, und zwei russische Filme aus den 10er Jahren. Eunice Martins wird alle Filme am Flügel begleiten.

LE BRASIER ARDENT (The Burning Crucible, Ivan Mosjoukine, F 1923, 1. & 10.3.) Mosjoukines zweite und letzte Regiearbeit, eine "meisterliche Mischung aus Surrealismus, Freud und Dada" (Jay Weissberg), ist gespickt mit ungewöhnlichen Einfällen und Experimenten, einer wild zusammengewürfelten Handlung und einem exzentrischen Setdesign. Mosjoukine spielt den Detektiv "Z", der vom eifersüchtigen Ehemann einer Frau (verkörpert von seiner Ehefrau Nathalie Lissenko) angeheuert wird, die vom selbigen schon in ihren Träumen besucht wurde, nachdem sie seine Autobiografie gelesen hatte. Jean Renoir 1938: "Eines Tages sah ich LE BRASIER ARDENT im Colisée. Das Publikum heulte und pfiff, schockiert von einem Film, der so anders war als das, was sie gewohnt waren. Ich war in Ekstase … Ich beschloss, meinen Beruf in der Keramikbranche aufzugeben, um zu versuchen, Filme zu machen."

PIKOWAJA DAMA (Queen of Spades / Pique Dame, Jakow Protasanow, Russland 1916, 2.3.) basiert auf der gleichnamigen Geschichte von Alexander Puschkin und war einer der großen Erfolge der Zusammenarbeit von Mosjoukine und Protasanow. Mosjoukine glänzt in dieser Charakterstudie mit einer Performance von glühender und gleichzeitig zurückgenommener Intensität. Er spielt den russischen Offizier Hermann, der von einer alten Dame erfährt, die einst durch einen geheimen Trick alle Kartenspiele gewinnen konnte. Besessen davon, ihr Geheimnis zu erfahren, verlangt er von ihr dessen Preisgabe. Sie stirbt am Schock und erscheint Hermann später als Gespenst, das ihn schließlich in den Wahnsinn treibt.

OTETS SERGII (Father Sergius, Jakow Protasanow, Russland 1918, 3.3.) Eine Literaturverfilmung nach einer Erzählung von Leo Tolstoi. Der schneidige junge Offizier Prinz Kasatsky (Mosjoukine) verliebt sich in die junge Komtesse Korotkowa. Kurz vor der Hochzeit gesteht sie ihm, dass sie die Geliebte des Zaren ist. Zutiefst gekränkt und enttäuscht entsagt er den weltlichen Freuden und wählt ein Leben als Geistlicher in einem Kloster, wo er den Namen "Vater Sergej" erhält. Auch dort ist er Versuchungen ausgesetzt, denen er nur unter größten Qualen standhalten kann. Mosjoukine spielt seine Figur über eine Zeitspanne vom jungen Mann bis zum Greisenalter – eine seiner besten dramatischen Rollen. OTETS SERGII verdankt sein Entstehen der bolschewistischen Revolution, die das Verbot der Darstellung von Religion aufhob, ist aber als klassische Literaturverfilmung mit einem Star in der Hauptrolle klar vom vorrevolutionären Geist geprägt.

L'ANGOISSANTE AVENTURE (Jakow Protasanow, F 1920, 4.3.) entstand während der langen Reise der Ermolieff-Truppe ins französische Exil und wurde in Konstantinopel, Marseille und den Studios in Paris gedreht. Der spielerisch-leichte Film, der nach einem Drehbuch von Mosjoukine inszeniert wurde, handelt von einem jungen Aristokraten, der seine Familie verlässt, um mit einer Tänzerin zusammenzuleben und daraufhin von seinem Vater enterbt wird. In der mit viel visuellem Witz gedrehten Geschichte agiert Mosjoukine mit dem Charme und der Ungestümheit eines kleinen Jungen. Um dem Geschmack des französischen Publikums zu entsprechen, wurde der Film mit einem eher unvermittelten Happy End versehen. Der Journalist Jean Arroy schrieb 1927: "Mosjoukine war abwechselnd fröhlich, charmant, zärtlich, sarkastisch, rührend, dramatisch, schockerstarrt, brutal, verzweifelt. Ein wahrer Regenbogen an Emotionen!"

L'ENFANT DU CARNAVAL (Ivan Mosjoukine, F 1921, 9.3.) Ein Findelkind wird während des Karnevals in Nizza vor der Tür eines reichen Aristokraten und Junggesellen ausgesetzt. Der Marquis adoptiert das Kind und merkt bald, dass er mit der Babypflege überfordert ist. Er stellt eine Kinderfrau ein, die sich als die Mutter des Kindes herausstellt. Als der Marquis und sie sich ineinander verlieben und das glückliche Ende in greifbarer Nähe ist, taucht ihr tot geglaubter Mann wieder auf. Mosjoukine inszenierte den Film mit der ihm eigenen Mischung aus lebhaftem Humor und zurückhaltender Ernsthaftigkeit. Zehn Jahre nach diesem Erfolg drehte er mit dem Regisseur Alexander Volkoff ein Tonfilm-Remake des Films, das aber floppte.

KEAN (DÉSORDRE ET GÉNIE) (Alexander Volkoff, F 1923, 6.3.) Der teuerste Film der Albatros-Produktionsfirma war eine Prestige-Produktion über den berühmten Bühnendarsteller des 19. Jahrhunderts, Edmond Kean, dessen Leben von den titelgebenden Polen Genie und Unordnung geprägt war. Mosjoukine spielt Kean als das gequälte romantische Genie, das sich im Spannungsfeld zwischen der Bühne und der Realität verliert. Bekannt wurde der Film für eine spektakulär sich beschleunigende Montage in einer Kneipenszene, in der um den trinkenden und tanzenden Kean alles zu kreisen scheint, und einer von Mosjoukine nuancenreich ausgespielten 15-minütigen Sterbeszene.

FEU MATHIAS PASCAL (The Late Mathias Pascal, Marcel L'Herbier, F 1925, 7.3.) "Von Pirandello inspiriert, von L'Herbier inszeniert, von Cavalcanti assistiert, dem wir die Dekors verdanken, vom großen Schauspieler Mosjoukine interpretiert, der selbst Autor mehrerer außergewöhnlicher Filme ist … Man weiß nicht, was man zuerst bewundern soll", schrieb Henri Langlois über den Film. Die exzentrische Adaption eines Romans von Luigi Pirandello erzählt im Wechselspiel von Komik und Tragik, Realität und Fantasie vom jungen träumerischen Mathias Pascal (Mosjoukine), der sich von seiner Frau und Schwiegermutter und dem Dasein als Hilfsbibliothekar in der Kleinstadt eingeengt fühlt. Er flieht nach Monte Carlo, wo er eine größere Summe Geld gewinnt, und nutzt die Bekanntgabe seines Todes dazu, ein ganz neues Leben in Rom zu beginnen. Dort verliebt er sich leidenschaftlich in die Tochter seines Vermieters, der wiederum spiritistische Sitzungen abhält, die aber von Kriminellen ausgenutzt werden, um den alten Mann zu betrügen. Michel Simon ist in einer seiner ersten Filmrollen als tollpatschiger Freund zu sehen. (al)

März '15
kino arsenal: Ivan Mosjoukine Superstar

19:00 Kino 2


Le brasier ardent

Le brasier ardent The Burning Crucible
Ivan Mosjoukine Frankreich 1923
35 mm franz. und engl. Zwt. 106 min
Restaurierte Kopie der Cinémathèque française

Am Klavier: Eunice Martins
kino arsenal: Berliner Premiere: WENN ES BLENDET, ÖFFNE DIE AUGEN

20:00 Kino 1


Wenn es blendet, öffne die Augen

Wenn es blendet, öffne die Augen
Ivette Löcker Österreich 2014
DCP OmU 75 min

Im Anschluss Diskussion mit Ivette Löcker