September 2016, kino arsenal

50 Jahre dffb

MARSEILLE, 2004

Am 18.9.1966 wurde die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) als erste eigenständige Filmhochschule in Westdeutschland gegründet. Zum 50. Jubiläum zeigt die dffb eine Auswahl von Filmen, gedreht von Absolventinnen und Absolventen, als Ausgangspunkt einer Neuaneignung des gar nicht so kleinen Beitrags, den die dffb über die Jahre zur deutschen und internationalen Filmproduktion geleistet hat. Die Reihe ist Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten, die unter anderem eine größere Retrospektive im Frühjahr 2017 umfassen werden.

Raoul Peck nimmt sein Studium an der dffb Anfang der 80er Jahre auf. In seinem Abschlussfilm "Haitian Corner" (BRD/USA 1987) nähert sich Peck der Wirklichkeit seines Geburtslandes Haiti über eine kleine Buchhandlung in New York als Ballungspunkt für Geschichten zwischen den Welten von Emigration, Exil und Ankommen. L'HOMME SUR LES QUAIS (Der Mann auf dem Quai, Haiti 1993, 21.9.) vertieft diese Auseinandersetzung: In seinem dritten Langfilm blickt Peck mit den Augen eines jungen Mädchens, Sarah, zurück auf die Zeit der Duvalier-Diktatur in Haiti ab 1957. L'HOMME SUR LES QUAIS zeigt in traumatischen Erinnerungsstücken, wie die Gewaltverhältnisse der Diktatur die Gesellschaft durchdringen.

In Christian Petzolds YELLA (D 2007, 25.9.) verschlägt es Yella (Nina Hoss) auf der Flucht vor ihrer Ehe, dem Dasein in der ostdeutschen Provinz und den Sackgassen ihres bisherigen Lebens in die Welt der westdeutschen Glasfassaden-Seifenblase: Scheinbar spielerisch findet sie sich zurecht in ihrem neuen Leben ohne all den Ballast. Petzold zeigt Yella zwischen den Welten ihrer Herkunft und ihres neuen Lebens, nicht wirklich zerrissen, aber doch fremdelnd.
Direkt nach dem Fall der Mauer fuhren Christian Petzold, Thomas Arslan, Stephan Settele und andere im Rahmen eines Seminars des Dokumentarfilmers Peter Nestler in die Berliner Umgebung. YELLA markiert im Werk von Christian Petzold eine Hinwendung zu den neuen Bundesländern, die er in "Jerichow" (D 2008) und "Barbara" (D 2012) fortsetzt.

Angela Schanelec kam 1990 an die dffb, zu einer Zeit, als Ludger Blankes, Thomas Arslans und Christian Petzolds Absetzbewegungen von der ästhetischen Sackgasse des fiktionalen Films der späten 70er Jahre schon vage Form angenommen hatten. In ihren ersten größeren Filmen lotet Schanelec die Möglichkeiten dieser Erzählweise aus. Die entstehenden Filme wollen – wie Rainer Gansera den Ansatz der "Berliner Schule" beschreibt, zu der sich diese Erzählhaltung entwickeln sollte, – "die Wirklichkeit weder decouvrieren noch ironisieren. Sie erzeugen – ästhetisch am Gegenpol des Dogma-Vitalismus – Evidenzen, indem sie ihren Figuren Schönheit und Würde verleihen." Schanelecs MARSEILLE (D 2004, 28.9.) zeigt die junge Fotografin Sophie driftend durch Marseille, driftend durch Berlin, driftend durch das eigene Leben. In wundervollen Bildern (gestaltet von Reinhold Vorschneider, ebenfalls dffb-Absolvent) zeigt Schanelec die mäandernde, ziellose Suche der jungen Frau nach sich selbst.

Lars Kraumes KEINE LIEDER ÜBER LIEBE (D 2005, 30.9.) orientiert sich an der Ästhetik von Familien- oder Amateurvideos. Kraume erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Brüdern, Tobias (Florian Lukas) und Markus (Jürgen Vogel), und Ellen (Heike Makatsch), Tobias' Freundin. Tobias plant einen Dokumentarfilm über seinen Bruder und dessen Band zu drehen. Ein Grund für das Filmprojekt ist, dass Tobias befürchtet, Markus und Ellen seien sich bei einem Treffen nähergekommen als ihm lieb ist. Der Film lebt nicht zuletzt von den Bandszenen mit Markus' Band Hansen bei einem Auftritt im Rahmen einer Konzertnacht des 2002 gegründeten Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef. (ft)

September '16
kino arsenal: Magical History Tour - Zäsuren der Filmgeschichte

19:30 Kino 2


Das Kaninchen bin ich

*Das Kaninchen bin ich Kurt Maetzig
DDR 1965 Mit Angelika Waller, Alfred Müller
35 mm 113 min

kino arsenal: 50 Jahre dffb

20:00 Kino 1


L'homme sur les quais

*L'homme sur les quais Der Mann auf dem Quai
Raoul Peck Haiti 1993 Mit Jennifer Zubar, Jean-Michel Martial
35 mm OmU 107 min

Mit Gästen
Einführung und Moderation Ben Gibson, Direktor der dffb