september 2017, kino arsenal

Anatomie der Einsamkeit – 
Die Filme von Tsai Ming-liang

Wenn man es definieren wollte, wäre das Kino wohl vor allem ein Manifest des Begehrens, der Versuch des Bewahrens unerklärlich schöner, flüchtiger Momente. Motive des "Perversen" haben dabei seit je, spätestens seit den lustvollen Regelverstößen der Surrealisten, ihren festen Platz. Tsai Ming-liang, Regisseur aus Taiwan, arbeitet seit einem Vierteljahrhundert mit der Anziehungskraft apokalyptischer Gesellschaftspanoramen und an seiner Version desolater Erotik. Die schiere Bildgewalt, mit der Tsai von Entfremdung, Isolation und Lebensmüdigkeit berichtet (Kamera in fast allen Fällen: Liao Pen-jung), dient auch einem höchst eigenwilligen Humor. In seinem skeptischen Blick auf Liebesqual und Familienspannungen lodert eine – bisweilen kurios diskret anmutende – Sehnsucht nach Groteske und Tabubruch. Seine Erzählungen selbst hält Tsai Ming-liang schlicht, oft sehr fragmentarisch, um ihnen eine möglichst avancierte Form geben zu können. Das Arsenal würdigt den vielfach ausgezeichneten Autorenfilmer mit einer Retrospektive seiner zwischen 1992 und 2015 entstandenen zwölf Langfilme.

september 2017, kino arsenal

Harun Farocki: Nacheinander / Nebeneinander (1)

Drei Jahre nach Harun Farockis plötzlichem Tod im Sommer 2014 zeichnet sich die Vielseitigkeit ebenso wie die Konsistenz seiner fast 50 Jahre umspannenden Arbeit deutlich ab. Zwischen 1966, dem Jahr, in dem er an der neu gegründeten "Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin" (dffb) mit dem Studium begann, und 2013 drehte Farocki zahlreiche Kinofilme und Fernsehsendungen, schrieb filmkritische und zeit-diagnostische, oft polemische Texte, lehrte an Universitäten, Film- und Kunsthochschulen. Seit den 90er Jahren wurde er in immer weiteren Kreisen auch und vor allem als Installationskünstler und Bildtheoretiker wahrgenommen. Farockis Arbeiten verstehen sich nachdrücklich als Theorie, Kritik und Politik unterschiedlichster Bildtypen, aber sie sind auch beispielhaft für die genaue Analyse von Arbeitsprozessen im Zeitalter einer zunehmenden Maschinisierung von Produktion und Sehen. Die Bandbreite seiner Interventionen reicht von agitatorischen, flugblattartigen Filmen über selbstreflexive, assoziativ-offene Formen bis hin zu zurückhaltenden, geduldigen Beobachtungsstudien.

 

"Nacheinander/Nebeneinander" ist die bisher umfangreichste Retrospektive Harun Farockis. Gemeinsam mit der Ausstellung "Harun Farocki: Mit anderen Mitteln – By Other Means" (kuratiert von Antje Ehmann und Carles Guerra) im Neuen Berliner Kunstverein, der vom Harun Farocki Institut ausgerichteten Akademie "Farocki Now" im Haus der Kulturen der Welt und dem silent green Kulturquartier sowie der Publikation der Fragment gebliebenen Autobiografie "Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig" als Auftakt einer Schriftenausgabe gibt die Reihe Gelegenheit, das Kino- und TV-Werk des Dokumentaristen in all seinen Verästelungen kennenzulernen oder wiederzusehen. Zahlreiche verloren geglaubte oder selten gezeigte Produktionen konnten dafür in Archiven recherchiert und zusammengetragen werden. Einige Beiträge – etwa Irena Vrkljans FAROQHI DREHT (1967) – sind noch nie zu sehen gewesen.