Mai 2012, kino arsenal

Neues griechisches Kino

ALPEIS, 2011

Griechenland macht von sich reden – mit Innovationen filmischer Art. Eine junge Generation von Filmemacherinnen und Filmemachern setzt der wirtschaftlichen Misere ein immenses künstlerisches Kapital in Form von neuen ästhetischen Ansätzen entgegen. Mit einfallsreichen, unkonventionellen und bisweilen verstörenden Bildern gibt sie dem internationalen Autorenkino neue Impulse und sorgt auf den großen Festivals für Aufsehen.
Unsere Auswahl von 13 aktuellen griechischen Spiel- und Dokumentarfilmen aus den Jahren 2009 bis 2012 – die meisten sind erstmalig in Berlin zu sehen – präsentiert eine enorm vielgestaltige Kinematografie, die sich vom "Neuen griechischen Kino" der 70er Jahre deutlich absetzt. Es handelt sich um einen veritablen Umbruch, um einen Aufbruch weg von klassischen Formaten und Konventionen, der eine Revitalisierung der griechischen Filmlandschaft bewirkt. Das zeitgenössische griechische Kino ist wagemutig, amüsant, sperrig, verrückt, visionär und heterogen. Es ist individuell, unangepasst und radikal eigenwillig. Es experimentiert mit verschiedenen künstlerischen Formen und lässt sich nicht in Kategorien stecken. Es sucht Wege der Finanzierung unabhängig von staatlicher Förderung. Es ist weder das Ergebnis einer politisch-ökonomischen Initiative, noch kann man von einer Bewegung oder Schule sprechen, obwohl die Filmemacher untereinander vernetzt sind, häufig zusammen arbeiten oder sich bei ihren Projekten unterstützen. In einer Zeit des politischen, ökonomischen und moralischen Kollapses entstanden, machen die meisten Filme die tiefe soziale Krise Griechenlands nicht zum Thema im Sinne einer politischen Botschaft – doch sie erzählen fast alle mehr oder weniger direkt von denselben Problemen: Wirtschaftskrise, Sprachlosigkeit, Dysfunktionalität der Familie, Gewaltbereitschaft, Xenophobie, Lethargie und Mangel an Visionen. Ein skeptischer Umgang mit Sprache, ein Sinn fürs Groteske, die Suche nach Identität und vor allem die scharfe Kritik an Rolle und Zustand der Familie charakterisieren viele aktuelle griechische Filme – genauso wie eine außerordentliche künstlerische Vielfalt.
Wir freuen uns ganz besonders, dass wir dank der Unterstützung der Griechischen Kulturstiftung Berlin die beiden prominentesten Vertreter des neuen griechischen Kinos zu Gast haben: Zur Eröffnung am 4. Mai mit einer Preview von ALPEIS (vor dem regulären Starttermin durch Rapid Eye Movies Mitte Juni) sowie am 5. Mai zu DOGTOOTH erwarten wir den Filmemacher Yorgos Lanthimos, und am 10. Mai präsentiert und diskutiert Athina Rachel Tsangari zum Kinostart ihren vielfach preisgekrönten Film ATTENBERG.

Außerdem freuen wir uns auf ein spannendes Projekt des Goethe-Instituts Athen, das wir ins Programm integrieren konnten: LabA (Laboratory Athens) und LaborBerlin präsentieren am 9. Mai 19 "handgemachte" Super8- und 16-mm-Kurzfilme aus dem Jahr 2011 über die griechische Hauptstadt in Anwesenheit von zahlreichen Filmemacherinnen und Filmemachern.

ALPEIS (Alpen, Yorgos Lanthimos, Griechenland 2011, 4.5., in Anwesenheit von Yorgos Lanthimos & 7.5.) Eine Krankenschwester, ein Rettungssanitäter, eine Kunstturnerin und deren Trainer bieten eine seltsame Dienstleistung an: Gegen Bezahlung übernehmen sie stellvertretend die Rolle von kürzlich Verstorbenen und füllen temporär die Leerstelle im Leben der Hinterbliebenen. Ihr Geheimbund heißt "Alpen", der Chef nennt sich "Mont Blanc" und führt ihn streng und autoritär. Dennoch hält die Krankenschwester sich nicht an die Regeln … Absurde Komik alterniert mit Momenten von Verzweiflung und Einsamkeit. Fragmentarisch angelegte Szenen halten die Grenze von Realität und Rollenspiel in der Schwebe. Eine irritierende, beunruhigende Reflexion über Tod, Verlust und Ersatz. Und über Realismus im Kino.

KYNODONTAS (Dogtooth, Yorgos Lanthimos, Griechenland 2009, 5.5., in Anwesenheit von Yorgos Lanthimos & 19.5.) Eine verstörende, alptraumhafte Familien-Groteske: Ein Ehepaar lebt mit zwei Töchtern und einem Sohn in einer Villa mit großem Garten, hinter einem hohen Zaun. Nur der Vater verlässt das Anwesen – die fast erwachsenen Kinder werden abgeschottet von der Welt. Ihre Dressur erfolgt nach strikten Regeln, Verhaltensinstruktionen liefert eine Audio-Kassette. Emotionen gibt es nicht. Im familiären Vokabular heißt das Salz "Telefon", "Zombie" meint "Butterblume" und ein Ledersessel ist das Meer. Eine VHS von Rocky sorgt schließlich für erste Risse im Gefüge des hermetischen Mikrokosmos.

MACHEROVGALTIS (Knifer, Yannis Economides, Griechenland 2010, 5. & 17.5.) Nikos ist ein träger Charakter ohne Ambitionen. Als sein Vater stirbt, holt sein Onkel ihn zu sich in einen Athener Vorort und verdonnert ihn dazu, auf seine reinrassigen Hunde aufzupassen, auf die es die albanischen Nachbarn angeblich abgesehen haben. An einem von vielen ereignislosen Tagen in erstickender, trostloser Atmosphäre beginnt Nikos ein Verhältnis mit seiner Tante. Aus Unzufriedenheit, Schweigen und Stagnation wird allmählich Zorn und Zerstörung. Die großartig fotografierten Bilder in prächtigem Schwarzweiß und der ruhige Rhythmus des Films kon-trastieren stark mit plötzlichen Gewaltausbrüchen.

ADIKOS KOSMOS (Unfair World, Filippos Tsitos, Griechenland / D 2011, 6. & 26.5.) Ein Kriminalbeamter in Athen beschließt eines Tages, nie mehr ungerecht zu sein und zukünftig ausschließlich aufgrund seines eigenen Gerechtigkeitsempfindens zu entscheiden, ob jemand ins Gefängnis muss oder ungestraft davonkommt. Als er, um die Unschuld eines Häftlings zu beweisen, einen korrupten Wachmann tötet, ist die Putzfrau Dora die einzige Zeugin. Während er sich in die opportunistische Dora verliebt, merkt er nicht, wie sein Vorgesetzter ihn des Mordes verdächtigt. Eine lakonische Tragikomödie, die in der Mischung von stilisiertem Minimalismus und schwarzem Humor an Aki Kaurismäki erinnert.

WASTED YOUTH (Argyris Papadimitropoulos, Jan Vogel, Griechenland 2011, 8. & 16.5.) Ein heißer Sommertag in Athen. Ein 16-jähriger Skater und seine Freunde lassen sich unbeschwert durch die Stadt treiben. Ein Familienvater mittleren Alters kommt erschöpft von der Nachtschicht nach Hause – sein Beruf als Polizist frustriert ihn zunehmend. Die Wirtschaftskrise lässt ihn jedoch den eigentlich geplanten Ausstieg verschieben. In der nächsten ungeliebten Nachtschicht kreuzen sich seine Wege verhängnisvoll mit denen der Jugendlichen … Mit Bildern einer mobilen, dynamischen Kamera und pulsierender Musik entsteht eine Atmosphäre nervöser Spannung, das Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft in der Krise.

Hand Over Cinema: LabA (Laboratory Athens) und LaborBerlin präsentieren 19 "handgemachte" Super8- und 16-mm-Kurzfilme über die griechische Hauptstadt, die im Rahmen eines Workshops hergestellt wurden, der im September 2011 im Goethe-Institut Athen stattfand. Filmemacher, Künstler, Studenten und Amateure aus Deutschland und Griechenland sowie aus Ägypten, Serbien und den USA haben die Filme gedreht und das Material eigenhändig entwickelt, geschnitten und projiziert. Zu Gast aus Athen sind Vassily Bourikas (Kurator), Katerina Evangelakou, Alexandros Kontos, Yannis Yaxas sowie aus Berlin Clara Bausch, Guillaume Cailleau, Matthias Fritsch, Philip Widmann. (9.5.)

ATTENBERG (Athina Rachel Tsangari, Griechenland 2010, 10.5., in Anwesenheit von Athina Rachel Tsangari) Marina lebt mit ihrem kranken Vater in einer Industriestadt am Meer. Menschen sind ihr fremder als Affen. Sie versucht, die Liebe zu lernen – anhand der Tierdokumentationen ihres Idols Sir David Attenborough ("Attenberg", wie sie ihn nennt) und angeleitet von ihrer Freundin Bella, die ihr den Zungenkuss beibringt. Während Marinas Interesse an Zwischenmenschlichem langsam erwacht, geht das Leben ihres Vaters zu Ende. Eine Geschichte über die Mysterien von Liebe und Tod, mit überraschenden Volten und skurrilen Momenten, eine komische Studie menschlicher Verhaltensweisen, mit Musik von Françoise Hardy und der US-No-Wave-Band Suicide sowie eckig-tänzerischen Slapstick-Einlagen à la Monty Python.

L (Babis Makridis, Griechenland 2012, 12. & 18.5.) On the road again. Ein Mann, 40 Jahre alt, ist leidenschaftlicher Autofahrer und mehr als das: Er lebt in seinem Auto. Es ist sein Zuhause. Sein Job besteht darin, für seinen Chef den bestmöglichen Honig aufzutreiben. Seine knappe Freizeit verbringt er mit Frau und Kindern auf einem Parkplatz. Als ein neuer Fahrer ins Spiel kommt und er gefeuert wird, entschließt er sich, sein Auto zu Schrott zu fahren und sein Leben zu ändern: Er steigt um aufs Motorrad. Ein stoischer Protagonist, absurde Dialoge, überwältigende Bilder von grauem Asphalt, grünen Feldern und leeren Parkplätzen sowie ein Song über Bären ergeben ein absurdes existenzielles Drama. Auto- und Straßenkino at its best.

HORA PROELEFSIS (Homeland, Syllas Tzoumerkas, Griechenland 2011, 13. & 29.5.) Eine Familie im Zustand der Auflösung: Eifersucht und (un)erfüllte Liebe unter den drei erwachsenen Geschwistern, Streit zwischen deren Eltern über die Betreuung des kranken Familienoberhaupts und latente Spannungen wegen einer innerfamiliären Adoption vor 20 Jahren. Eine explosive Situation auch auf den Straßen: Unruhen wegen der Wirtschaftskrise. Szenen aus der Geschichte der Familie und Archivmaterial aus der Geschichte des Landes nach dem Ende der Militärdiktatur sind parallel zu den Bildern der Jetztzeit montiert. Ein Familiendrama voller Intensität, eine Parabel über ein Land im Ausnahmezustand, grundiert mit einer Analyse der griechischen Nationalhymne.

KHAIMA (Tent, Athanasios Karanikolas, Griechenland / D 2010, 14.5., in Anwesenheit von Athanasios Karanikolas & 30.5.) In einem selbst errichteten Flüchtlingscamp in der griechischen Hafenstadt Patras leben 600 afghanische Flüchtlinge im Alter von zwölf bis 60 Jahren. Die provisorischen Unterkünfte bestehen aus Pappkartons, Plastikplanen, Holz und anderem gefundenen Material. Der Dokumentarfilm enthält eindringliche Porträtaufnahmen und zeigt in längeren, statischen Kameraeinstellungen den Alltag der Flüchtlinge und ihre Situation in der Stadt – bis zur ersatzlosen Räumung und Zerstörung des Lagers im Juli 2009 auf Anordnung der griechischen Regierung.

MAVRO LIVADI (Black Field, Vardis Marinakis, Griechenland 2010, 15. & 20.5.) Im 17. Jahrhundert, als Griechenland Teil des Osmanischen Reichs war, findet ein schwer verwundeter zwangsrekrutierter Janitschar Schutz in einem Kloster. Dort wird der Deserteur von griechisch-orthodoxen Nonnen gesund gepflegt. Zwischen dem langhaarigen Wilden und der Novizin Anthi entsteht eine starke Anziehung, eine verbotene Leidenschaft – schließlich fliehen sie gemeinsam aus dem Kloster. Anthi lüftet ihr großes, quälendes Geheimnis, was den Weg freimacht zu Identitätsfindung und innerer Freiheit. Ein queerer Historienfilm von großer visueller Kraft, mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen sowie brillanter Kameraarbeit und Lichtinszenierung.

STRELLA (Panos H. Koutras, Griechenland 2009, 15. & 25.5.) Nach 14 Jahren Haft wegen Mordes verbringt Yorgos seine erste Nacht in Freiheit in einem billigen Hotel in Athen. Dort begegnet er Strella, einer transsexuellen Nachtklubsängerin und Prostituierten. Sie schlafen miteinander und werden ein verliebtes Paar. Alles sieht nach einem gelungenen Neuanfang aus – doch Yorgos’ Suche nach seinem verschollenen Sohn, von dem er schon seit Ewigkeiten nichts mehr gehört hat, führt zu einer tragischen Situation. Antike goes Postmoderne: Eine berührende, trashige Neuauflage griechischer Mythologie mit großen Gefühlen in knalligen Farben.

THE PALACE (Ioannis Roumeliotis, Griechenland / D 2010, 21. & 27.5.) Sechs Männer aus Pakistan leben seit sieben Jahren fern der Gesellschaft auf einer einsamen griechischen Insel. Sie arbeiten auf einer Fischfarm und sehnen sich nach dem Moment, an dem sie genug Geld haben, um sich und ihren Familien in der Heimat ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Dokumentarfilm gibt einen umfassenden Eindruck von den Lebensumständen der Männer: Mit besonderer Aufmerksamkeit für Gegenstände und deren Materialität, zeigt er sie in sorgfältig kadrierten Bildern zunächst auf engstem Raum in ihrer Behausung und dann bei der Arbeit im Freien.

TUNGSTEN (Yorgos Georgopoulos, Griechenland 2011, 23. & 28.5.) Blackout. Im Laufe eines Tages mit häufigem Stromausfall kreuzen sich die Wege eines hoch verschuldeten Fahrscheinkontrolleurs, eines bei einer Sicherheitsfirma beschäftigten Mannes und zweier Teenager, die durch Athen streifen. Geldknappheit, Arbeitslosigkeit, Ehekonflikte, Abhängigkeiten und zerbrochene Träume bestimmen die krisenhafte Situation. Die Stimmung ist bedrohlich, aggressiv, unbarmherzig. Wer gerade noch Opfer war, wird zum Täter – und umgekehrt. Ein nicht-linear erzählter Episodenfilm in Schwarzweiß, der eine Gesellschaft in der Sackgasse zeigt. Blackout.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Griechischen Kulturstiftung Berlin. Mit freundlicher Unterstützung des Greek Film Centre und des Filmverleihs Rapid Eye Movies. Der Hand-Over-Cinema-Abend ist eine Kooperation mit dem Goethe-Institut, LaborBerlin und LabA. Dank an Eleftherios Ikonomou, Kostas Kosmas, Iliana Zakopolou, Marina Ludemann, Sofia Michailidou, Juliane Stegner, Vassily Bourikas, Philip Widmann und Thorsten Peters.

März '17