Dezember 2014, kino arsenal

All Singing, All Dancing: Hollywood-Musicals 1933–1957

SINGIN' IN THE RAIN, 1952

Das Filmmusical ist eines der populärsten Genres der goldenen Ära des klassischen Hollywoodfilms, das Elemente der Komödie, des Theaters, des Tanzes und des Zirkus mit der Musik zu einer künstlerischen Einheit verschmolz. Die Entwicklung des Genres ist eng mit der Einführung des Tonfilms verbunden. "All talking! All singing! All dancing!" bewarb Metro-Goldwyn-Mayer 1929 das erste abendfüllende Tonfilmmusical The Broadway Melody, das eine Vielzahl ähnlicher Produktionen nach sich zog. In einer umfassenden Filmreihe präsentiert das Arsenal im Dezember und Januar 22 Filme des Genres, vom Backstage Musical der frühen 30er, Busby Berkeleys Choreografien aus komplexen, geometrischen Figuren, über Fred Astaires und Ginger Rogers' musikalische Version der Screwball Comedy bis zur Hochblüte des Genres in strahlendem Technicolor in den späten 40er und 50er Jahren. Starring Fred Astaire, Lucille Ball, Leslie Caron, Cyd Charisse, Judy Garland, Kathryn Grayson, Rita Hayworth, Lena Horne, Gene Kelly, Ruby Keeler, Oscar Levant, Carmen Miranda, The Nicholas Brothers, Eleanor Powell, Ginger Rogers, Frank Sinatra, Esther Williams u.v.a.m.

Der Typus der frühen Filmrevuen und des hinter den Kulissen spielenden Bühnenstücks, dem die Story nur als Aufhänger für Musik- und Tanzrevuen dient, wich ab 1933 zunehmend dem eigenständigen Filmmusical. Warner Bros. setzte im Verlauf weniger Monate mit drei modernen, unsentimentalen und temporeichen Produktionen voller schnoddriger Dialoge (42ND STREET, "Gold Diggers of 1933" und "Footlight Parade") neuartige Akzente. Für die Choreografie der aufwendigen musikalischen Nummern arrangierte Busby Berkeley Dutzende Showgirls zu geometrischen und kaleidoskopischen Mustern und transformierte mit Spezialeffekten, mobiler Kamera und rasanten Schnittfolgen die Bühne in eine Welt der filmischen Fantasie. Parallel entstanden bei RKO Musicals mit dem Tanzpaar Fred Astaire und Ginger Rogers, die wie ein Gegenentwurf zu Berkeleys ornamentalen Massenszenen und der visuellen Opulenz der Warner-Musicals wirken. Die Filme zeichnen sich durch eine intimere, individuelle Eleganz und den Alltagscharakter der Geschichten aus, die Songs und Tänze werden mehr in die Handlung integriert. Die vollständige Verschmelzung von Songs, Tanz und Handlung gelang den MGM-Musicals der 40er und 50er Jahre, die vor allem mit Arthur Freeds Production Unit und dem Regisseur Vincente Minnelli verbunden sind. Gesang und Tanz bedürfen keiner Erklärung mehr, in einer eigenen Realität lösen sich die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit auf, Regeln und Konventionen des Alltags werden außer Kraft gesetzt: "Musik, Tanz und Farbe künden den 'Ernst des Lebens' auf und versprechen den Sieg der Liebe und des Glücks". (Ulrich Gregor/Enno Patalas)

THE PIRATE (Vincente Minnelli, USA 1948, 12.12., mit einer Einführung von Daniel Kothenschulte & 20.12.) Auf einer karibischen Insel träumt die junge Manuela (Judy Garland), vom legendären Piraten Macoco entführt zu werden, während ihre Tante und ihr Onkel sie mit dem wesentlich älteren und wenig attraktiven Bürgermeister Don Pedro verheiraten wollen. Kurz vor der geplanten Hochzeit gastiert der Wanderschauspieler Serafin (Gene Kelly) mit seiner Truppe im Nachbarort. Bei der Aufführung gesteht Manuela unter Hypnose ihre Schwärmerei für Macoco. Um ihr Herz zu gewinnen, spielt und tanzt Serafin ihr daraufhin den berüchtigten Seeräuber ihrer Träume vor. Vincente Minnellis farbgewaltiges Musical mit der Musik von Cole Porter zeigt Judy Garland in einer ihrer komischsten Rollen, Gene Kelly parodiert augenzwinkernd das Draufgängertum eines Douglas Fairbanks oder John Barrymore.

42ND STREET(Lloyd Bacon, USA 1933,13. & 22.12.) Unter großem Erfolgsdruck inszeniert Julian Marsh (Warner Baxter) auf dem Höhepunkt der Depressionszeit das Musical "Pretty Lady". Während der fünfwöchigen Proben kommt es zu diversen Dramen und Verwicklungen in der 42. Straße, dem Zentrum der großen Revuetheater New Yorks. Mit dem Film begann Busby Berkeleys Karriere bei Warner Bros. Seine Choreografie der Lieder "Shuffle Off to Buffalo" in einem Eisenbahnwagen und "42nd Street", in der die Skyline von Manhattan selbst tanzt, etablierten ihn als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Filmmusicals. Der enorme Erfolg des Films zog eine ganze Reihe von weiteren Backstage Musicals nach sich, allen voran "Gold Diggers of 1933" und "Footlight Parade", die im Sommer im Rahmen unserer Pre-Code-Reihe zu sehen waren.

TOP HAT (Mark Sandrich, USA 1935, 13. & 23.12.) gilt allgemein als Höhepunkt der Zusammenarbeit von Fred Astaire und Ginger Rogers. Wesentlichen Anteil am Erfolg der Liebes- und Verwechslungsfarce hatten neben der eleganten Inszenierung Mark Sandrichs das Drehbuch, das die Gesangs- und Tanznummern zwanglos mit der Handlung verwob und Nebendarstellern wie Edward Everett Horton einige ihrer besten Szenen gab, die Ausstattung Van Nest Polglases, die den Kulissenwechsel von London nach Venedig zur Gestaltung einer traumhaften Fantasiestadt nutzte, und die Songs von Irving Berlin, die Fred Astaire und Hermes Pan zu einigen ihrer einfallsreichsten Chorografien anregten. Nummern wie "Cheek to Cheek" und "Isn't This a Lovely Day to Be Caught in the Rain" zählen zu den besten Leistungen von Astaire und Rogers.

GUYS AND DOLLS (Joseph L. Mankiewicz, USA 1955,14. & 28.12.) Der notorisch klamme Spieler Nathan Detroit (Frank Sinatra) benötigt dringend 1000 Dollar, um das jährlich von ihm organisierte Würfelspiel abhalten zu können. Er fordert Sky Masterson (Marlon Brando) heraus, der bekannt dafür ist, jede Wette anzunehmen, und wettet 1000 Dollar, dass Sky es nicht schafft, die Heilsarmeeschwester Sarah Brown (Jean Simmons) zum Essen nach Havanna einzuladen. Samuel Goldwyns Mut, für die Verfilmung des erfolgreichen Broadwaymusicals einen Regisseur zu engagieren, der noch nie ein Musical inszeniert hatte, sowie zwei Hauptdarsteller, die weder Sing- noch Tanzerfahrung hatten, wurde belohnt. Mankiewicz realisierte ein schwungvoll und pointiert inszeniertes Cinemascope-Musical mit witzigen Dialogen, exzellenter Farbdramaturgie und 50er-Jahre-Setdesign sowie beeindruckenden Massenchoreografien.

YOU'LL NEVER GET RICH(Sidney Lanfield, USA 1941,16. & 19.12.) Die Tänzerin Sheila Winthrop (Rita Hayworth) wird sowohl vom Choreografen Robert Curtis (Fred Astaire) als auch vom Produzenten der Show, Martin Cortland, umworben. Als dessen Frau ein teures Armband mit Sheilas eingraviertem Namen in seiner Jackentasche findet, gibt Cortland es als Roberts Geschenk an seine zukünftige Verlobte aus. Sheilas tatsächlicher Verlobter Tom, ein Captain der Army, sorgt nach Roberts Einberufung zum Militärdienst dafür, dass Robert unter Arrest gestellt wird – wegen Diebstahls einer Captain-Uniform, mit der er Sheila beeindrucken wollte. Das erste Musical, das sich mit dem Militärdienst im 2. Weltkrieg beschäftigte, behandelt das Thema vergleichsweise salopp und komödiantisch. Die Truppe ist ein lustiger Haufen, auch in der Arrestzelle wird getanzt und den Höhepunkt bildet eine Show im Army Camp, wo man statt auf tortenähnlichen Bauten auf einem überdimensionalen weißen Panzer tanzt. Spätere Produktionen, die nach dem Kriegseintritt der USA entstanden, weisen zum Teil deutlich stärkere pa-triotische Elemente auf. Der beschwingte Film mit stürmischen Boogie-Tanzszenen etablierte Rita Hayworth als Musicalstar und belebte Fred Astaires Karriere nach Beendigung der dauerhaften Filmpartnerschaft mit Ginger Rogers neu.

THE GAY DIVORCEE (Mark Sandrich, USA 1934, 18. & 20.12.) Der Tänzer Guy Holden (Fred Astaire) verliebt sich in Mimi Glossop (Ginger Rogers), eine Klientin seines Freundes, des Anwalts Egbert Fitzgerald (Edward Everett Horton). Um Mimis Scheidung in die Wege zu leiten, hat Egbert den professionellen Liebhaber Rodolfo Tonetti (Erik Rhodes) engagiert, mit dem Mimis Mann Cyril sie in flagranti erwischen soll. Doch Tonetti vergisst das ausgemachte Codewort, welches Guy benutzt ohne es zu wissen. THE GAY DIVORCEE war die erste Hauptrolle als Tanzpaar für Fred Astaire und Ginger Rogers, nachdem sie in "Flying Down to Rio" (1933) erstmals zusammengearbeitet hatten, und wurde zum bewährten Muster temporeicher, komischer Tanzfilme, von denen die beiden insgesamt zehn gemeinsam drehten, fünf davon unter der Regie von Mark Sandrich. Höhepunkt des Films ist die 17-minütige Nummer "The Continental". Der Titel des Bühnenstücks "The Gay Divorce" musste nach Durchsetzung des Production Codes geändert werden, da eine Scheidung nicht fröhlich sein könne, eine Geschiedene hingegen schon.

BROADWAY MELODY OF 1940 (Norman Taurog, USA 1940,19. & 29.12.) Die jungen Tänzer Johnny Brett und King Shaw (Fred Astaire und George Murphy) treten als Duo in einer kleinen Tanzhalle auf. Durch eine Verwechslung wird King angeboten, als Tanzpartner des Broadway-Stars Clare Bennett (Eleanor Powell) in einer neuen Show aufzutreten, obwohl der Produzent eigentlich Johnny engagieren wollte. Der Film war der vierte und letzte einer Serie von "Broadway-Melody-Filmen", die, abgesehen von der Nummer "Broadway Melody", nichts miteinander gemein hatten. Die einzige Zusammenarbeit von Fred Astaire und der "Weltmeisterin im Stepptanz", Eleanor Powell, die bereits in den vorangegangenen Filmen der Serie 1936 und 1938 mitgewirkt hatte, gipfelt in der aufwendigen Schlussnummer „Begin the Beguine“, eine der berühmten Szenen der Musical-Filmgeschichte.

ZIEGFELD FOLLIES (Vincente Minnelli u.a., USA 1945, 21., 26. & 30.12.) MGMs Superproduktion, unter der Beteiligung von sieben Regisseuren entstanden und mehrfach umgearbeitet, lässt Florenz Ziegfeld (William Powell), den großen Revue-Arrangeur im Himmel, von einer Show großen Stils träumen, die die großen musikalischen Talente der Epoche vereint: Ballett, Songs, Sketches und eine Fülle von Top-Stars (Fred Astaire, Lucille Ball, Fanny Brice, Judy Garland, Gene Kelly, Red Skelton, Esther Williams, Cyd Charisse, Lena Horne u.v.a.m.). Eine nostalgische Retrospektive auf das amerikanische Show-Business in unübertroffener farbgewaltiger Opulenz.

THE WIZARD OF OZ (Victor Fleming u.a., USA 1939,7., 14., 21. & 25.12.) Das Mädchen Dorothy (Judy Garland) gelangt durch einen Wirbelsturm aus dem sepiafarbenen Kansas in das farbenprächtige Land Oz und macht sich dort gemeinsam mit drei Gefährten, einer Vogelscheuche, die sich Verstand wünscht, einem Blechmann, der sich nach einem Herzen sehnt und einem Löwen, dem es an Mut mangelt, auf den Weg zum Zauberer von Oz. Der von Victor Fleming und vier weiteren Regisseuren inszenierte frühe Technicolorfilm hält seit Jahrzehnten seine Position in der Spitzengruppe diverser Bestenlisten. Das von der 16-jährigen Judy Garland gesungene "Over the Rainbow" wurde vom American Film Institute zum besten amerikanischen Filmsong aller Zeiten gewählt.

SINGIN' IN THE RAIN(Stanley Donen, Gene Kelly, USA 1952,25.12., 3. & 11.1.) Hollywood 1927. Während die Stummfilmdiva Lina Lamont sich wegen ihrer unvorteilhaften Stimme mit dem Übergang zum Tonfilm schwer tut, ermöglicht er den Freunden Don Lockwood und Cosmo Brown (Gene Kelly und Donald O'Connor) ganz neue Karrieremöglichkeiten. Don wandelt sich zum Tanz- und Gesangsstar, Cosmo avanciert vom Pianisten zum Leiter der Musikabteilung. Das wohl berühmteste Filmmusical ist gleichzeitig eine Anthologie des Genres. Die Tanznummern sind häufig als Hommage an Meilensteine des Musicalfilms angelegt. Cyd Charisse schrieb mit einer stummen Rolle als geheimer Tagtraum Gene Kellys in Gestalt eines 20er-Jahre-Vamps mit Louise-Brooks-Haarschnitt im "Broadway Melody Ballet" Filmgeschichte. "I like to dance, singt Gene Kelly. Was das heißt, vermittelt dieses Musical so total, dass einem als Zuschauer der härteste Kinostuhl zum fliegenden Teppich wird." (Frieda Grafe)

SILK STOCKINGS (Rouben Mamoulian, USA 1957, 26.12., 7. & 18.1.) Die linientreue Sowjet-Funktionärin Ninotschka Joschenko (Cyd Charisse) erhält den Auftrag, den von Hollywood umworbenen Komponisten Boroff nach Moskau zurückzubringen. Produzent Steve Canfield (Fred Astaire), der Boroff für seinen nächsten Film vorgesehen hat, versucht dies zu verhindern und Joschenko von den Vorzügen westlicher Lebensart zu überzeugen. Rouben Mamoulians letzter Film, ein aufwendig inszeniertes Remake von Ernst Lubitschs "Ninotchka" (1939) in Cinemascope, markiert einen der späten Höhepunkte in Hollywoods goldenem Musical-Zeitalter. Cyd Charisses Tanzsolo zur Musik von Cole Porter, in dem sie dem Reiz der titelgebenden Seidenstrümpfe erliegt und ihr olivgrünes Funktionärskleid gegen französische Dessous tauscht, zählt zum Erotischsten, was die Zensoren der Zeit passieren ließen.

MEET ME IN ST. LOUIS (Vincente Minnelli, USA 1944,27.12. & 4.1.) Vincente Minnellis erstes Meisterwerk begleitet die Familie Smith durch die Jahreszeiten Sommer, Herbst, Winter und Frühling 1903/04, während der man in St. Louis auf die Eröffnung der Weltausstellung wartet und sich die 17-jährige Tochter Esther (Judy Garland) in einen Jungen aus der Nachbarschaft verliebt. Als Vater Smith der Familie eröffnet, dass er befördert wurde und sie in Kürze nach New York ziehen werden, hält sich die Begeisterung zu seiner Überraschung in Grenzen. Minnellis Familienfilm mit seiner berauschenden Farbfotografie, eine gelungene Mischung aus Nostalgie und humorvoller Distanziertheit, integrierte die Gesangs- und Tanznummern auf damals neuartige Weise in den Plot. Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin Judy Garland heirateten nach den Dreharbeiten.

AN AMERICAN IN PARIS (Vincente Minnelli, USA 1951, 27.12. & 1.1.) Die Geschichte eines US-Soldaten (Gene Kelly), der nach dem 2. Weltkrieg als Maler in Paris bleibt, zunächst dem Charme der Stadt und später der Liebe einer Französin (Leslie Caron) erliegt, machte Vincente Minnelli und Gene Kelly weltberühmt. Das Production Design von Cedric Gibbons und Preston Ames – die Paris komplett im Studio erstehen ließen –, George Gershwins Musik, Gene Kellys Choreografie sowie Minnellis Farbgebung und Inszenierung machen den Film zu einem der herausragenden Musicals, ausgezeichnet mit sechs Oscars. (hjf)