Oktober 2015, kino arsenal

Asynchron. 
Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Aus der Sammlung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.

DER LETZTE JUDE VON DROHOBYTSCH, 2011

Das Jahr 2015 steht im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass hat das Arsenal eine Auswahl von 46 Dokumentar- und Experimentalfilmen aus seiner Sammlung zusammengestellt, die sich mit dem Holocaust, aber auch mit Themen wie Exil und Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin wurden zehn Filme des Projekts digital verfügbar gemacht, damit sie auch für kommende Generationen sichtbar bleiben. Diese sowie alle 36 weiteren Filme des Projekts stehen bundesweit Kinos, Kultur- und Bildungsinstitutionen für eigene Programme sowie Schulvorführungen zur Verfügung. Im Rahmen des Projekts ist in Zusammenarbeit mit dem filmwissenschaftlichen Seminar "Filmische Erinnerungen an den Holocaust" der Freien Universität Berlin eine begleitende Publikation erschienen.

Zum Projektabschluss präsentieren wir vom 1.10. bis zum 9.11. ein Programm mit einer Auswahl von elf Filmen. Die Vorführungen werden begleitet von Filmgesprächen mit internationalen Gästen und Einführungen. Am 2.11. befasst sich die Podiumsdiskussion "Medium und Überlieferung – Zeugenschaft des Holocausts" mit der Frage, wie Erinnerungsarbeit in Zukunft aussehen kann und welche Rollen audiovisuelle Medien dabei übernehmen können. Die Gäste sind: Claudia Bruns (Direktorin des Inst. für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität, Berlin), Matthias Heyl (Leiter der Päd. Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück), Paul Rosdy (Filmemacher) und Ingolf Seidel (Redakteur und Projektkoordinator von lernen-aus-der-geschichte.de). Moderation: Knut Elstermann.

DER LETZTE JUDE VON DROHOBYTSCH (Paul Rosdy, A 2011, zu Gast: Paul Rosdy, 1.10.) Alfred Schreyer erzählt die Geschichte seiner Familie – über ein Jahrhundert voller Tragik und Lebensmut. Als einziger aus seiner Familie überlebte er den Holocaust und kehrte in seine Heimatstadt Drohobytsch in der heutigen Ukraine zurück. Viele Jahre war er Sänger und Violinist im örtlichen Kinofoyer-Orchester. Das einzige Lied, das er je selbst komponierte, heißt Bronitza Wald. In diesem Wald wurden über 11.000 Juden erschossen, unter ihnen Schreyers Mutter.

HA’MAKAH HA’SHMONIM VE’AHAT (Der 81. Schlag, David Bergman, Jacques Ehrlich, Haim Gouri, Miriam Novitch, Zvi Shner, Israel 1975, 2.10.) Als Kind wurde Michael Goldmann-Gilad im Ghetto von Przemysl mit 80 Schlägen fast zu Tode geprügelt. Er überlebte, zog nach Israel, doch dort wollte ihm niemand glauben – das war für ihn wie der 81. Schlag. Ohne Kommentar verbindet der Film kaum bekanntes Archivmaterial mit Zeugenaussagen vom Eichmann-Prozess in Jerusalem zu einer detaillierten Beweisführung. Das Archivbild wird vom Dokument auch zum Monument, vom Beweisstück zum Denkmal.

SHOAH (Claude Lanzmann, F 1974–1985, 3.10. Teil 1 & 4.10. Teil 2) Die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist immer auch eine mit der Darstellbarkeit des nicht Darstellbaren. Zu dieser Diskussion hat Lanzmann mit SHOAH einen herausragenden, radikalen und formal strengen Beitrag geleistet. Er spricht mit Zeugen des Massenmordes in den Vernichtungslagern und mit Überlebenden des Warschauer Ghettos, mit Tätern, Zuschauern und jüdischen Überlebenden der Sonderkommandos. Lanzmann fragt nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wie. Der Film kommt gänzlich ohne Kommentar und Archivmaterial aus und zeigt keinen einzigen Toten. Stattdessen führt er an die Orte der Vernichtung in der Gegenwart.

SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943, 16 HEURES (Claude Lanzmann, F 2001, 14.10., zu Gast: Zeitzeuge Kurt Gutmann und Franziska Bruder & 28.10.) Sobibór, 14. Oktober 1943, 16 Uhr bezeichnet exakt Ort, Datum und Uhrzeit des Beginns des einzigen gelungenen bewaffneten Aufstands in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager. Sein Gelingen verdankte sich nicht nur einem guten Plan, der sorgfältigen Vorbereitung und dem Mut der Beteiligten, sondern auch der sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit. Zu den Aufständischen zählte der damals 17-jährige Yehuda Lerner. Bereits in der Vorbereitung seines Films SHOAH hatte Claude Lanzmann mit ihm gesprochen, das Material dann aber nicht verwendet. Dem Aufstand in Sobibór wollte er einen eigenen Film widmen.

DARK LULLABIES (Irene Angelico, Abbey Neidik, Kanada 1985, 16.10., Einführung: Sonja M. Schultz) Einer der ersten Filme, der sich bereits in den 80er Jahren mit den Auswirkungen des Holocausts auf die Nachfolgegeneration auseinandersetzte. Die Filmemacherin, deren Eltern das Ghetto von Vilnius überlebten, befragt in Kanada und Israel andere Kinder von Überlebenden. In Deutschland begegnet sie Kindern von Tätern, die von der Entdeckung der Verbrechen ihrer Eltern berichten und davon, wie sie mit deren Schuld umgehen. „In DARK LULLABIES werden wir Zeugen des Versuchs, sich aus dem Unverständlichen und dem Vererbten eine Geschichte zu erarbeiten.“ (Sonja M. Schultz)

VOICES FROM THE ATTIC (Debbie Goodstein, USA 1988) und ECHOES FROM THE ATTIC (Debbie Goodstein, USA 2015, 17.10., zu Gast: Debbie Goodstein & 6.11.) 3 mal 4,5 Meter und 1,4 Meter Deckenhöhe: Das sind die Maße des Dachbodens im polnischen Urzejowice, auf dem sich 16 Mitglieder der Familie der Regisseurin vor den Nationalsozialisten versteckt hielten. Nach zwei Jahren konnten 13 von ihnen das Versteck verlassen. In VOICES FROM THE ATTIC begleiten die Filmemacherin und fünf ihrer Cousinen und Cousins ihre Tante Sally, die damals selbst noch ein Kind war, auf der Reise zurück an diesen Ort, über den in der Familie nicht offen gesprochen wurde. ECHOS FROM THE ATTIC: 2012 fahren 27 Familienmitglieder, Überlebende, ihre Kinder, Partner und Enkel, noch einmal nach Polen und treffen sich mit den Nachkommen der Familie, die sie auf ihrem Dachboden versteckt hatten.


TOTSCHWEIGEN (Margareta Heinrich, Eduard Erne, A/D/NL 1994, 23.10., zu Gast: Eduard Erne & 1.11.) Der Film begleitet die Suche nach einem Massengrab ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter, die im März 1945, wenige Tage vor dem Eintreffen der Roten Armee, in der Nähe des österreichischen Ortes Rechnitz hingerichtet wurden. Ein Augenzeuge wurde ermordet, ein Überlebender starb, zwei Hauptverdächtige konnten fliehen. Auf der Suche nach Antworten erleben die FilmemacherInnen eine verschworene Dorfgemeinschaft, die sich der Aufarbeitung des Verbrechens entzieht. Bis heute konnte das Massengrab nicht gefunden werden.

HABEHIRA VEHAGORAL (Wahl und Schicksal, Tsipi Reibenbach, Israel 1993, 29.10., Einführung: Sonja M. Schultz) Reibenbach will lernen, ihre Eltern, beide Holocaustüberlebende, zu verstehen. Während sie deren ritualisierten Alltag in einem Wohnblock in Israel beobachtet, erzählt der Vater vom Leben in den Ghettos und den Todeslagern. Die Mutter schweigt, kocht und putzt. "Bis zu den 1980er Jahren waren Filme wie dieser Ausnahmen im israelischen Kino. Zeugnisse der eigenen Machtlosigkeit und der persönlichen Trauer waren rar in einer Gesellschaft, die Stärke finden und repräsentieren wollte." (Sonja M. Schultz)

ME’KIVUN HA’YAAR (Stimmen aus dem Wald, Limor Pinhasov Ben Yosef, Yaron Kaftori Ben Yosef, Israel 2003, 30.10.) Zwischen 1941 und 1944 wurden in Ponar, einem Dorf in der Nähe von Vilnius, mehr als 100’000 Menschen, zum größten Teil Juden, ermordet. Kazimierz Sakowicz, ein Einwohner von Ponar, dokumentierte die Erschießungen ebenso wie das Alltagsleben im Ort in Tagebucheinträgen auf Zetteln, Kalenderblättern und in Heften. Anhand der Tagebuchauszüge stellt der Film die Erinnerungen der DorfbewohnerInnen denen der Überlebenden gegenüber.

PARTISANS OF VILNA (Josh Waletzky, USA 1986, 31.10., zu Gast: Aviva Kempner, im Gespräch mit Ulrich Gregor & 7.11.) Der Film erzählt vom bewaffneten Widerstand und den internen Auseinandersetzungen im Ghetto von Vilnius. Unter den jüdischen PartisanInnen waren viele StudentInnen – sie waren jung, gebildet und unabhängig. Sie schlossen sich in den umliegenden Wäldern russischen, polnischen und litauischen Gruppen an. Auch hier begegneten ihnen Antisemitismus und Ressentiments. Der Film enthält 40 Interviews mit ehemaligen WiderstandskämpferInnen, sowie Archivmaterial aus den Jahren 1933–1944. Traditionelle Lieder und jiddische Interpretationen bekannter Partisanenlieder übernehmen eine wichtige Rolle im Film.

Juni '17