Dezember 2015, kino arsenal

Weltreisen

JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA, 1989

"Weltreise. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger" lautet der Titel der Ausstellung von Ulrike Ottinger, die vom 2. Dezember 2015 bis 27. Februar 2016 in der Staatsbibliothek zu Berlin zu sehen ist. "Weltreise(n)" könnte aber auch eines der Leitmotive der filmischen Arbeit Ottingers sein. Als "Expediteurin zu den Rändern der Wahrnehmung unserer Welt" (Christina Tilmann), Grenzgängerin zwischen Genres und Gattungen, als filmische Kartografin ferner und näherer Regionen sowie realer und imaginierter Räume hat sie sich für ihr jüngstes Ausstellungsprojekt auf Adelbert von Chamissos Spuren in das pazifische Nordmeer begeben. Die Bilderwelten dieser Expedition fließen in ihre Weltreise-Ausstellung ein wie Reisetagebücher, Notizsammlungen und Artefakte europäischer Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ausstellungsbegleitend präsentieren wir fünf Werke von Ulrike Ottinger sowie fünf Entdeckungsreisen anderer Regisseur_innen (von Chantal Akerman bis Nikolaus Geyrhalter). Die Reihe wird im Januar und Februar fortgesetzt.

JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA (Ulrike Ottinger, BRD 1989, 8.12., in Anwesenheit von Ulrike Ottinger) Eine Reisegesellschaft (vier Frauen, drei Herren: unter ihnen Delphine Seyrig, Irm Hermann und Peter Kern) macht sich zunächst mit der Transsibirischen, dann mit der Transmongolischen Eisenbahn in Richtung Innere Mongolei auf. Kurz hinter der Grenze zur Mongolei werden die Frauen unter den Reisenden von einer geheimnisvollen Prinzessin und ihren Reiterinnen entführt, ziehen mit einer Nomadenkarawane über die endlosen Steppen, während sie mit einer überwältigenden Landschaft, archaischen Ritualen und jahrhundertealten Geheimnissen vertraut gemacht werden.

LES SOVIETS PLUS L'ÉLECTRICITÉ (Sowjetmacht plus Elektrifizierung, Nicolas Rey, F 2001, 15.12.) Eine Kinoreise in drei Etappen quer durch Russland bis nach Magadan (Sibirien), jener fernen, legendären Stadt in der ehemaligen Sowjet-union, die 1941 gegründet wurde, gleichzeitig Gulag und Gulag-Verwaltungszentrum, von der aus die Häftlinge in die Goldminen der Region geschickt wurden. Ausgehend von Fragmenten seines akustischen Tagebuchs, dokumentarischen Aufnahmen und einigen unterwegs gewonnenen autobiografischen Erkenntnissen versucht Nicolas Rey seiner imaginierten Herkunft auf den Grund zu gehen.

UNTER SCHNEE (Ulrike Ottinger, D 2011, 22.12.) Im japanischen Echigo liegt der Schnee oft bis in den Mai hinein meterhoch und bedeckt Landschaft und Dörfer. Seit Jahrhunderten haben sich die Bewohner darauf eingerichtet. Um ihre ganz eigenen Formen des Alltags, der Feste und religiösen Rituale festzuhalten, hat sich Ulrike Ottinger ins mythische Schneeland begeben – und mit ihr zwei Kabuki-Darsteller. In den Rollen der Studenten Takeo und Mako folgen sie den Spuren Bokushi Suzukis, der Mitte des 19. Jahrhunderts sein außergewöhnliches Buch "Schneeland Symphonie"verfasste. Kabuki, Poesie und die raue Wirklichkeit in dieser mitteljapanischen Region verbinden sich zum kontemplativen, semi-fiktionalen Porträt einer magischen Landschaft.

SEITSEMÄN LAULUA TUNDRALTA (Sieben Lieder aus der Tundra, Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio, Finnland 2000, 29.12.). Winterliche Ballade in sieben Teilen/Liedern – das erste und siebte Lied sind dokumentarisch, die restlichen Teile inszeniert – über das Leben der Nenets, einem Nomadenvolk im nördlichen Russland zu Sowjetzeiten und nach der Wende. "Die Nenets haben keine Theater", so Markku Lehmuskallio, "keine professionellen Schauspieler, nur einfache Leute, Nomaden, Jäger und Fischer. Sie stellten ihre Häuser, ihre Rentiere, Boote und vor allem sich selbst und ihre Zeit zu Verfügung; alle spielten sich selbst. Sie hatten den Eindruck, dass der Film die Geschichte ihrer Familien erzählt, ihre eigenen Geschichten. Dies ist der erste Spielfilm, der vollständig in der Sprache der Nenets gesprochen ist." (Markku Lehmuskallio) (mg)

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