März 2016, kino arsenal

William Raban: Raum, Zeit, Struktur

THAMES FILM, 1986

Seit den 70er Jahren hat William Raban, der zu den bekanntesten Filmemachern und Künstlern des experimentellen Filmschaffens zu zählen ist, ein vielfältiges Œuvre geschaffen, das im Raum des Expanded Cinema, des strukturellen Films und des experimentellen Dokumentarfilmschaffens zu verorten ist. Bereits 1976 waren installative Arbeiten von William Raban beim Internationalen Forum des Jungen Films zu sehen, 1979 war er erneut als einer der Künstler der London Filmmakers' Coop mit experimentellen Werken, die sich der strukturellen Erforschung räumlicher Wahrnehmungsmuster widmeten, im Forum vertreten.

William Rabans Experimentalfilme entfalten einen reflexiven Erfahrungsraum, der stets die Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit des Zuschauers herausfordert. Durch die Umkreisung wiederkehrender Themen und Motive – das Leben der Menschen im Londoner East End und die sich abzeichnenden Veränderungen im architektonischen Stadtbild – wird Raban, ob mittels einer streng strukturellen, einer poetischen oder fast rein dokumentarischen Narration, zum Seismografen der politischen Veränderungen im Zeichen des Neokapitalismus. William Raban ist an zwei Abenden im Arsenal zu Gast und präsentiert Arbeiten aus den letzten drei Jahrzehnten.

THAMES FILM
(GB 1986) vermittelt, aus der subjektiven Perspektive der Themse selbst, anhand einer vielfältigen Textur an dokumentarischen Aufnahmen wie Archivmaterial und einem dichten Soundteppich die Geschichte East Londons und der Themse aus einer ökonomie- und kulturhistorischen Perspektive.
Das Londoner East End wird in SUNDIAL (GB 1992), A13 (GB 1994), ISLAND RACE (GB 1996) und TIME AND THE WAVE (GB 2013) zum Spiegel der sozioökonomischen Verhältnisse und der Gentrifizierung des Stadtteils während und zum Ende der Thatcher-Ära. (8.3.)

Die fragmentarischen Außenansichten des One Canada Square im Bürokomplex Canary Wharf in SUNDIAL und die wuchtigen Hochbauten des Canary-Wharf-Komplexes, die sich in A13 abzeichnen, setzen eindrücklich die monumentalen Zeichen der spätkapitalistischen Ära und den ihnen innewohnenden Gestus der Macht ins Bild. Ein Bild der Entfremdung. ISLAND RACE kontrastiert kommentarlos alltägliche Ereignisse mit rechtsextremen Aktionen, antirassistischen Gegendemonstrationen und wird zum filmischen Porträt des englischen Nationalbewusstseins in den späten 90er Jahren. Gefilmt 2012 und 2013, konzentriert sich TIME AND THE WAVE auf Londoner Schlüsselereignisse, um Großbritannien im Zustand der spätkapitalistischen Krise zu exponieren. (8.3.)

In MM (GB 2002), einer Meditation über Zeit, wird der Millennium Dome zum architektonischen Symbol des neuen Jahrtausends. ABOUT NOW MMX (GB 2011) entwirft eine kinematografische Landkarte, die eine Neubewertung des städtischen Raums und unserer Beziehung innerhalb desselben anstrebt, wenn die Kamera größtenteils im Zeitraffer über die zu ihren Füßen liegende City of London schwenkt. Der ethnografische Blick auf die Not der Obdachlosen im nächtlichen London verweist in THE HOUSELESS SHADOW (GB 2011) auf die Kontinuitätslinien zwischen dem Londoner Nachtleben von heute und seiner Beschreibung von vor 150 Jahren. (9.3.)

Die wichtigen kreativen Impulse, die in den 70er Jahren vom Londoner East End ausgingen, werden eindrücklich in Rabans 72–82 (GB 2014), einer Dokumentation aus seltenem Archivmaterial und Interviews über die Künstlerkooperative Acme, ins Gedächtnis gerufen. Als Mitglied des Künstlerkollektivs und Zeitzeuge der Ausstellungen und Performances in der Acme Gallery rekonstruiert Raban die ersten zehn Jahre einer sehr kreativen Künstlerszene, an der er maßgeblichen Anteil hatte. (9.3.) (ara)

Mit freundlicher Unterstützung des British Council.

Juli '16