Januar 2017, kino arsenal

Alltagssinfonien – Die Filme von Kenneth Lonergan

MARGARET, 2011

Es ist selten, dass man bei nicht einmal einer Handvoll Filmen bereits von einem Werk spricht, aber Kenneth Lonergan (*1962) ist ein besonderer Fall. Bis dato hat der Regisseur, Drehbuchautor und Dramatiker erst drei Spielfilme realisiert, die aufgrund ihrer präzisen Dialoge, beeindruckenden Schauspielleistungen und zutiefst bewegenden Wendungen sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum auf große Resonanz gestoßen sind. Lonergans Dramen scheuen nicht vor großen Themen wie Familie, Verlust, Traumata oder moralische Verantwortung zurück – eingebettet in genau beobachtete Alltagssituationen kommt ihre Behandlung immer organisch und lebensnah daher. Selbst wenn seine Figuren unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus entstammen, weisen sie gewisse Gemeinsamkeiten auf – einen Hang zu widersprüchlichem Verhalten, einen Tunnelblick, der ihnen oft zum Verhängnis wird, ein Faible für Schimpfwörter – die sie zuweilen unsympathisch erscheinen lassen, dafür aber auch umso menschlicher. Ähnlich wie die klassische Musik, die auf der Tonebene oft unerwartet über das Geschehen hereinbricht, haben Lonergans Filme selbst etwas Sinfonisches: Verschiedene Themen, Stimmungen und Spannungen wechseln sich unerwartet und stets auf intuitive Art und Weise ab, ohne dass der letzte Satz unbedingt die Auflösung bedeutet. Anlässlich des bundesweiten Kinostarts seines neuen Films "Manchester by the Sea" (USA 2016) zeigt das Arsenal die beiden bisherigen Spielfilme von Lonergan, die in Deutschland kaum bekannt sind.

YOU CAN COUNT ON ME (USA 2000, 23. & 24. & 26.1.) Zusammengeschweißt durch den frühen Verlust ihrer Eltern, sind die Geschwister Sammy (Laura Linney) und Terry (Mark Ruffalo in seiner ersten Hauptrolle) sehr unterschiedliche Lebenswege gegangen: Sie ist alleinerziehende Mutter und Bankangestellte in ihrer Heimatstadt in den Catskills, er lebt von der Hand in den Mund in Florida und war einige Zeit im Gefängnis. Als Terry seine Schwester zum ersten Mal seit Langem besucht, stimmen ihre Erwartungen ebenso wenig überein: Er möchte sich Geld von ihr leihen und schnell wieder verschwinden, während sie sich Nähe und Zuneigung erhofft. In den folgenden Wochen findet eine langsame Annäherung statt, bei der zunehmend klar wird, dass sie sich doch genug ähneln, um sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben. Vor der sonnig grünen Landschaft von Upstate New York entfaltet sich ein subtiles, intimes Drama, das sanft und mühelos zwischen Humor, Wut und Sehnsucht changiert und viel über Geschwisterbeziehungen erzählt: Gerade wenn man sich sehr liebt, hält man es oft nicht lange miteinander aus.

MARGARET
(USA 2011, 21. & 25. & 28.1.) Die bissige, bisher unbekümmerte 17-jährige Lisa (Anna Paquin) wird aus ihrem privilegierten Upper-West-Side-Dasein herausgerissen: Sie wird Zeugin oder vielleicht sogar Mitverursacherin eines tödlichen Verkehrsunfalls, den Lonergan mit einer Wucht und Detailgenauigkeit inszeniert, die schwer auszuhalten ist. Vergeblich versucht Lisa über das Geschehene hinwegzukommen und fängt verzweifelt an, emotional um sich zu schlagen: Sie belächelt die neue Beziehung ihrer Mutter, versucht ihren Lehrer (Matt Damon) zu verführen und verbündet sich mit einer Freundin der Unfalltoten, damit der ebenso an dem Unfall beteiligte Busfahrer (Mark Ruffalo) entlassen wird. Doch Erlösung lässt sich schließlich nicht durch Zorn und Vergeltung herbeiführen, eine Botschaft, die sich ebenso auf die ganze Stadt New York übertragen lässt, die immer noch im Zeichen von 9/11 steht und sich wiederholt in beeindruckenden Straßenpanoramen (Kamera: Ryszard Lenczewski) zeigt. Obwohl Lonergans zweiter Spielfilm bereits 2005 abgedreht wurde, kam er erst 2011 in einer 150-minütigen Fassung in die amerikanischen Kinos, nachdem der Regisseur und das Studio sich sechs Jahre lang um den Final Cut gestritten hatten. Wir zeigen den 186-minütigen Director's Cut, der 2012 auf DVD und Blu-ray erschienen ist. (jl)