Januar 2017, kino arsenal

Ola Balogun
 – Pionier des nigerianischen Kinos

AJANI-OGUN, 1976

Das 1970 gegründete Forum, die Sektion der Berlinale, die vom Arsenal ausgerichtet wird, macht es sich seit seinen Anfängen zur Praxis, möglichst viele der während des Festivals gezeigten Filmkopien anzukaufen, in den Verleih zu nehmen und verfügbar zu halten. Mit den Jahrzehnten ist so eine umfangreiche Sammlung entstanden, in der sich Schätze aus allen Teilen der Welt befinden. Zuweilen können wir heute feststellen, dass sich in unserem Archiv die einzig existierende Kopie eines Films befindet. Von dem im Forum 1980 gezeigten Spielfilm "Ija Ominira" des nigerianischen Regisseurs Ola Balogun blieb leider keine Kopie in Berlin. So gehört er zu den fünf von insgesamt zehn entstandenen Spielfilmen Ola Baloguns, die heute nicht mehr verfügbar sind. Dieser Verlust ist umso tragischer, da das Werk von Balogun, einem der wichtigsten Regisseure des anglophonen Afrikas, heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist dem Filmkollektiv Frankfurt und Françoise Balogun zu verdanken, Ola Baloguns Filme wieder in den Fokus eines westlichen Publikums zu rücken. Wir freuen uns sehr, vom 13.-19. Januar die verbliebenen Filme unserem Publikum vorstellen zu können. Die Suche nach verschollenen Kopien geht indes weiter. Von "Ila Ominira" ist kürzlich ein Negativ in einem Londoner Filmlabor aufgetaucht., ebenso das Positiv von einem weiteren Film. Wir hoffen, eines Tages unsere Ola Balogun-Retrospektive damit ergänzen zu können.

Im nigerianischen Kino ist der 1945 geborene Ola Balogun eine einzigartige Figur. In den 70er und 80er Jahren prägte er das Filmschaffen seines Landes wie kaum ein anderer und bereitete den Nährboden für den Nollywood-Boom seit Beginn der 90er Jahre. Dass er heute außerhalb Nigerias weitgehend vergessen ist, hat auch mit dem Überlieferungsstand seiner Filmkopien zu tun, von denen viele verloren sind. Von seinen zehn langen Spielfilmen sind momentan nur fünf verfügbar, viele davon in fragilem Zustand. Dank der Initiative des Filmkollektivs Frankfurt, das 2015 die Filme von Ola Balogun in Frankfurt präsentierte, ist nun erstmals wieder ein großer Teil des filmischen Werks von Balogun zugänglich und in der Cinémathèque française eingelagert. Wir zeigen die fünf Spielfilme und eine Auswahl seiner kürzeren Dokumentarfilme.

Ola Balogun absolvierte nach einem Literaturstudium die Filmhochschule IDHEC in Paris, wo 1972 auch sein erster Langspielfilm ALPHA entstand. Später kehrte er nach Nigeria zurück, drehte dort, in anderen afrikanischen Ländern und in Brasilien Dokumentar- und Spielfilme. Mangels einer technischen und finanziellen Infrastruktur in Nigeria gründete er seine eigene Produktionsfirma Afrocult Foundation und kümmerte sich selbst um Vorführungen seiner Filme. Es sind oft überbordende Filme voller Leidenschaft, in denen verschiedenste Einflüsse in einzigartiger Weise zusammengebracht werden. Neben dezidiert politischen Filmen, die unter anderem die Freiheitskämpfe gegen die Kolonialmacht und die durch Sklavenhandel entstandenen Verbindungen zwischen Nigeria und Brasilien zum Thema haben, stehen vergnügliche Unterhaltungsfilme, geformt nach dem Vorbild des populären Yoruba Travelling Theatre. Neben Englisch drehte er auch in Yoruba und schuf mit dem leider verschollenen Film Amadi den ersten Film überhaupt in Igbo. Die Musik spielt in all seinen Filmen eine zentrale Rolle und nimmt oft auch eine erzählerische Funktion ein. Immer hatte er mit seinen Filmen den kulturellen und menschlichen Reichtum des afrikanischen Kontinents im Fokus, suchte seinem Land Bilder von sich selbst zu geben. Ola Balogun machte nicht nur Filme, er schrieb auch Bücher und Theaterstücke. Heute lebt er als Musiker in Benin.

AJANI-OGUN (Nigeria 1976 | 13.1., Einführung: Gary Vanisian) wurde zum ersten Kassenschlager des nigerianischen Kinos und führte die Kultur des Yoruba Travelling Theatre in den Film ein. In dieser in den 40er Jahren entstandenen und sehr beliebten Theaterform, die Musik und Tanz mit expressivem Spiel und folkloristischen Elementen verband, fand Ola Balogun die Möglichkeit, ein breites Publikum anzusprechen. Der titelgebende Held Ajani-Ogun ist ein junger Jäger, der versucht, das Land seines verstorbenen Vaters wiederzuerlangen, das der Mutter von einem korrupten Beamten entrissen wurde. Dabei muss er gegen traditionelle Autoritäten ebenso wie gegen neue Korruption ankämpfen. AJANI-OGUN entstand in Zusammenarbeit mit dem bekannten Theatermacher Duro Ladipo, von dem auch die Musik stammt, die gleichzeitig mit dem Film als LP veröffentlicht wurde.
THE MAGIC OF NIGERIA (F/Nigeria 1993 | 13.1.) erkundet Kultur und Tradition Nigerias in ihrem religiösen, künstlerischen und alltäglichen Ausdruck, versehen mit einem poetisch-hypnotischen Off-Kommentar.
A DEUSA NEGRA (Black Goddess, Brasilien/Nigeria 1978 | 14.1.) Der junge Nigerianer Babatunde gibt seinem Vater am Sterbebett das Versprechen, in Brasilien nach Spuren der dort einst -versklavten Vorfahren zu suchen. Von einem Can-domblé-Ritus ausgehend, führt seine Reise immer tiefer in die fremde Kultur und verschafft ihm in einer traumgleichen Sequenz ein tieferes Verständnis vom Leid und der Widerstandskraft seiner Ahnen. Mühelos verbindet Balogun Gegenwärtiges mit Vergangenem, reale mit magischen Welten, Diskurs mit Trance. Zur hypnotisierenden Atmosphäre trägt auch die mit repetitiven Mustern und Verzerrungen spielende Musik des nigerianischen Schlagzeugers Remi Kabaka bei. Der Film wird gezeigt in einer Kopie mit japanischen Seitentiteln (!) und englischen Untertiteln.
GODS OF AFRICA IN BRAZIL (Nigeria 1998 | 14.1.) Ola Baloguns letzter Film dokumentiert 20 Jahre nach A DEUSA NEGRA eine Candomblé-Zeremonie und erinnert mit seiner Darstellung von Ritual und Trance an die Dokumentarfilme von Jean Rouch.
MONEY POWER / OWO L’AGBA (Nigeria 1982 | 14.1.) ist Baloguns letzter Spielfilm und wurde in Yoruba mit Schauspielern des Travelling Theatre gedreht. In einer unbenannten Stadt Nigerias spielend, handelt er von Korruption und Liebe, ist angereichert mit zahlreichen Nebenhandlungen und hat die Form einer lauten, übermütigen Satire voller Musik und faszinierender Traumvisionen. Der junge Journalist Jide Durojaiye recherchiert über zwei Kandidaten einer bevorstehenden Wahl. Dem korrupten Chief Ade mit dem Spitznamen „Money Power“ steht der idealistische Oppositionsführer Mr. Akinwale gegenüber, der für eine bessere Infrastruktur für alle kämpft. Im Verlauf seiner Erkundungen in den Untiefen der nigerianischen Politik verliebt sich Jide in die schöne Yemi, auf die auch Chief Ade ein Auge geworfen hat. Die Liebe siegt schließlich über die Korruption und führt den Helden in sein Happy End.
ALPHA (F 1972 | 15.1.) Ola Baloguns erster Spielfilm wurde in Frankreich gedreht und dreht sich um eine Gruppe junger schwarzer Intellektueller und Künstler. Im Mittelpunkt steht Alpha, dessen Skepsis gegenüber festgeschriebenen Benennungen sich in seinem eigenen selbstgewählten Namen ausdrückt. In seiner Pariser Dachwohnung wird über Politik, Kunst, Philosophie diskutiert, werden schwarze Identität und kulturelles Erbe verhandelt. In den Cafés, Parks und Nachtklubs von Paris geht es frei improvisiert weiter, bis sich Alpha am französischen Nationalfeiertag zwischen Feuerwerk und feiernden Massen bewegt – mittendrin und doch am Rand. Ein Film des Umherschweifens durch Straßen und Gedanken, mit Anleihen an Jacques Rivette.
Dazu zeigen wir den Kurzfilm IN THE BEGINNING … (F 1972 | 15.1.) Eine mystisch anmutende Performance um das Meer und die Erde, gedreht in der Normandie mit den Schauspieler_innen und dem Team von ALPHA.
CRY FREEDOM! (Nigeria/Ghana/GB 1981 | 17.1.) Baloguns politischster Film ist eine Auseinandersetzung mit afrikanischen Befreiungskriegen. Basierend auf dem Roman "Carcase for Hounds" von Meja Mwangi, der den Mau-Mau-Aufstand in Kenia zum Thema hat, ist er in keinem spezifischen Land angesiedelt und entwirft so die Vision eines panafrikanisches Kampfes für Freiheit und gegen die koloniale Unterdrückung. Zentrale Figuren der gradlinig und eindringlich inszenierten Handlung sind der Guerilla-Führer Haraka und sein Gegenspieler, der englische Kolonialbeamte Kingsley. Am Ende wird der Film zur Hommage an Befreiungskämpfer aus allen Teilen Afrikas: Die letzten Bilder zeigen unter anderem Patrice Lumumba, Steve Biko, Nelson Mandela und Amílcar Cabral.
Im gleichen Programm laufen die Kurzfilme IRON EAGLES (Nigeria 1988), ein Auftragsfilm über die nigerianische Luftwaffe, und PANA – UNE VOIX POUR L’AFRIQUE (F/Nigeria 1989) über die Pan-African News Agency.
Ein Kurzfilmprogramm versammelt Dokumentarfilme Baloguns (19.1., Einführung: Dorothee Wenner): OWUAMA – A NEW YEAR FESTIVAL (Nigeria 1973) Aufnahmen von rituellen Tänzen während des Owuama-Festes im Südosten Nigerias.
RIVER NIGER, BLACK MOTHER (Nigeria/F 1988) folgt dem 4184 Kilometer langen Fluss Niger von seinem Ursprung in Guinea nach Mali, Niger, Benin bis nach Nigeria. Eine leidenschaftliche Ode an den Fluss, die an seinen Ufern entstandenen Kulturen und seine Rolle in der Geschichte Afrikas, versehen mit einem lyrischen Kommentar.
DESTINATION BARBADOS – CALYPSO ISLAND (F/Nigeria 1994) beleuchtet in heiterem Tonfall die Karnevalstradition auf Barbados.
EASTERN NIGERIA REVISITED (Nigeria 1973) Alltagsleben und Straßenszenen im Osten Nigerias, drei Jahre nach Ende des Biafra-Krieges.

Januar '17