April 2017, kino arsenal

Magical History Tour
 – Niemandsländer, Parallelgesellschaften und Halbwelten im Film

GILDA, 1964

Ein Leben im Zwielicht, im gesellschaftlichen oder sozialen Schatten, bestimmt von Unsicherheit, Auf- wie Ablehnung, Entwurzelung, Einsamkeit und Leere – das sind einige besondere Merkmale der filmischen Entwürfe vom Dasein in Niemandsländern, Parallelgesellschaften und Halbwelten, die wir im April in der Magical History Tour präsentieren. Die quer durch Zeiten und Genres verlaufende Tour d'horizon eröffnet eine weit aufgespannte Landkarte mit unterschiedlichen Universen, jedes ausgestattet mit einer eigenen ästhetischen und dramaturgischen Topografie. Verbindendes Element der Filme ist ein aus den Fugen geratenes Koordinatensystem gesellschaftlichen Zusammenlebens oder menschlicher Beziehungen, welches beim Zuschauer den Eindruck hinterlässt, dass die Grenze zwischen Zentrum und Peripherie zuweilen hauchdünn sein kann.

LES BAS-FONDS (Nachtasyl, Jean Renoir, Frankreich 1936, 1. & 4.4.) Frei nach Gorkis gleichnamigem Theaterstück und deutlich russisch gefärbt, ergänzt Renoir die "Szenen aus der Tiefe" (so der Untertitel des russischen Dramas) um eine Rahmenhandlung und eine Männerfreundschaft, die nicht nur die gesellschaftlichen Hierarchien nivelliert – ein ruinierter Baron (Louis Jouvet) verbrüdert sich mit dem kleinen Gauner Pepel (Jean Gabin) –, sondern auch Filmgeschichte geschrieben hat. Das ungleiche Paar trifft im düsteren Armenhaus erneut zusammen, in dem eine Schwerkranke, ein mittelloser Pilger, ein alkoholabhängiger Schauspieler und die korrupten Wirtsleute ein tristes Leben führen. Innerhalb des tragischen Dramas schlägt Renoir immer wieder leichtere Tonarten, skurrile, humoristische oder parodierende Noten an. Ähnlich beweglich ist die Kamera, die das lichtlose Nachtasyl letztlich zugunsten einer hellen Flusslandschaft verlässt.

GILDA (Charles Vidor, USA 1946, 5. & 8.4.) Schauplatz: die in sich geschlossene Welt eines Spielcasinos in Buenos Aires. Das so illegale wie noble Etablissement bildet den Rahmen verbrecherischer Machenschaften. In dieser edlen Unterwelt geht es angeblich um nichts weniger als die Weltherrschaft, eigentlich aber um eine Frau: Gilda (Rita Hayworth), die zwischen zwei Männern (Glenn Ford und George Macready) steht. Ein Klassiker des Film noir, dessen Tempo und Spannung einzig von der gloriosen Rita Hayworth überboten wird, die das Leitmotiv des Films so pointiert wie unvergesslich im Song "Put the blame on mame!" auf den Punkt bringt.

WERCKMEISTER HARMONIAK (Die Werckmeisterschen Harmonien, Béla Tarr, Ungarn 2000, 6. & 12.4.) Mitten in einem schneelosen, bitterkalten Winter bricht mit Gewalt eine fremde Welt in eine Kleinstadt der ungarischen Tiefebene ein, die die gesellschaftliche Ordnung außer Kraft zu setzen droht. Ein durchreisender Zirkus erregt das Interesse der Bewohner, die sich zu Hunderten anstellen, um die Hauptattraktion, einen ausgestopften Wal, sehen zu können, hinter dem sich ein mysteriöser Prinz verbirgt. Ihr Warten mündet in einen unerklärbaren Aufstand. Eine apokalyptische Woge erfasst die gesamte Gegend, nichts und niemand wird verschont. Eine finstere Stimmung liegt über Béla Tarrs expressivem Schwarzweißfilm, einer Untergangsvision über den Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation in Bildern von großer Intensität.

DAS CABINET DES DR. CALIGARI (Robert Wiene, D 1920, 7. & 11.4, am Flügel: Eunice Martins) Schräge Linien, schiefe Wände, verzerrte Perspektiven: Der vielleicht berühmteste deutsche expressionistische Film – wir zeigen ihn in einer jüngst restaurierten Fassung – führt in ein Zwischenreich der Halluzination, in der die gesamte Welt aus den Fugen geraten scheint. Auf einem Jahrmarkt im Städtchen Holstenwall versetzt der Schausteller Dr. Caligari (Werner Krauß) sein Medium, den Somnambulen Cesare (Conrad Veidt), in einen Trancezustand, in dem er den anwesenden Schaulustigen ihre Zukunft voraussagt. Nachts schleicht der hagere Schlafwandler wiederum unter dem Einfluss Caligaris mordend durch die Kleinstadt. Die Suche nach dem Mörder führt zu einer furchtbaren Entdeckung.

DIE 3-GROSCHEN-OPER (G.W. Pabst, D 1931, 9. & 17.4.) Im Halbdunkel siedelt Pabst seine Adaption der Brechtschen Bettleroper/Gangsterballade (Musik: Kurt Weill) an: Hier konspirieren der Bettlerköng Peachum (Fritz Rasp), seine Frau (Valeska Gert) und der korrupte Polizeichef Tiger Brown (Reinhold Schünzel) gegen Peachums frisch verheiratete Tochter Polly (Carola Neher) und den neuen Schwiegersohn Mackie Messer (Rudolf Forster). Die "Verfolgung" von Messer, der hinter Gitter gebracht werden soll, führt durch Spelunken, düstere Hafenviertel, Bordelle und Gefängniszellen, nur um in einer neuen Parallelwelt zu enden, diesmal von bürgerlichem Anstrich: dem einer Bank!

NIGHT ON EARTH (Jim Jarmusch, USA 1991, 10. & 23.4.) Das Taxi als Niemandsland, in dem Begegnungen zwischen unterschiedlichsten Menschen möglich sind, schildert Jim Jarmusch in seinen fünf Episoden von gleichzeitig stattfindenden nächtlichen Taxifahrten in fünf Städten. In gewohnt lakonischer Erzählweise entstehen  durch das zufällige Aufeinandertreffen im Innern eines Taxis, im Schutz der Nacht und in der urbanen Anonymität Momente ungeahnter Intensität. Die in Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki spielenden Episoden versammeln ein internationales Starensemble von Gena Rowlands über Matti Pellonpää, Armin Mueller-Stahl und Béatrice Dalle bis Roberto Benigni.

THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE (John Cassavetes, USA 1976, 13. & 15.4.) Nach sieben Jahren Ratenzahlung ist Cosmo Vitelli (Ben Gazzara) endlich alleiniger Eigentümer des Strip-Clubs "Crazy Horse West" in Los Angeles. Der Laden ist sein Lebensmittelpunkt, die Stripperinnen sind seine Familie. Was als Feier der neuen Besitzverhältnisse beginnt, endet im Desaster: beim Pokern verliert Cosmo das "Crazy Horse West". Um es wieder zurückzuerlangen, soll er den titelgebenden chinesischen Buchmacher umbringen. Cosmos Reise in die Nacht führt ihn durch eine Scheinwelt der schummrigen Nachtlokale, Cafés und düsteren Lagerhallen, durch Räume der Unsicherheit, der Unruhe und Verstörung.

BLUE VELVET (David Lynch, USA 1986, 14. & 18.4.) In Lynchs verstörendem Thriller trifft eine farblich übersättigte, in ihrer Künstlichkeit entlarvende Vorstadtidylle auf eine dunkel-mysteriöse Welt des Verbrechens oder genauer: gerät der junge, unschuldige Student Beaumont (Kyle MacLachlan), der nach dem Tod seines Vaters in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, in die Fänge des perversen Kriminellen Booth (Dennis Hopper), der sich vorwiegend in dunklen Verstecken aufhält.

THE THIRD MAN (Carol Reed, GB 1949, 16. & 29.4.) Expressionistische und zudem schräg stehende Schatten beherrschen die labyrinthische Trümmerlandschaft des Nachkriegs-Wien, in der sich ein zunächst argloser US-amerikanischer Schriftsteller (Joseph Cotten) an die Aufklärung des vermeintlichen Todes seines Freundes (Orson Welles) macht. Dieser entpuppt sich als kaltblütiger Verbrecher, dessen Ende an passendem Ort Filmgeschichte geschrieben hat.

KRÓTKI FILM O ZABIJANIU (Ein kurzer Film über das Töten, Krzysztof Kieślowski, Polen 1988, 19. & 28.4.) Eine Welt bar jeder Farben, grünlich-braun entsättigt, seltsam lichtlos. Kieślowski zeigt ein düster-kaltes Niemandsland, eine urbane Schattenseite, in der sich wie in einer Blase ein doppelter Mord ereignet: Ein junger Mann tötet einen Taxifahrer, wird verhaftet und trotz Verteidigung durch einen gerade vereidigten Anwalt zum Tode verurteilt und gehängt. So minutiös wie radikal kühl inszeniert Kieślowski sowohl den Mord als auch die Vollstreckung der Todesstrafe. Ein eindrückliches Plädoyer gegen das staatlich sanktionierte Töten und eine nachdrückliche Anklage der gesellschaftlichen Hartherzigkeit und Unmenschlichkeit.

ICE (Robert Kramer, USA 1970, 20.4.) In einem totalitärem Amerika der Zukunft probt eine linksradikale Untergrundbewegung, die sich North American National Committee of International Independent Revolutionary Organizations nennt, den bewaffneten Umsturz des Regimes. Draußen lässt der Polizeistaat seine Muskeln spielen, innerhalb der Gruppe, einer aus jugendlichen New Yorker Revolutionären bestehenden Parallelgesellschaft, kommt es zu auszehrend-lähmenden Diskussionen über Ausrichtung und Taktik des bevorstehenden Widerstandkampfs, bevor zu den Waffen gegriffen wird. Ein so unruhiges wie klaustrophobisches Hybrid aus Spielfilm und dokumentarischen Verfahren, "the most original and most significant American narrative film of the 60s". (Jonas Mekas)

YOIDORE TENSHI (Drunken Angel, Akira Kurosawa, Japan 1948, 21. & 30.4.) Gangsterfilm, Milieustudie, Unterweltsdrama: Innerhalb dieser Koordinaten ringen zwei Menschen miteinander und mit sich selbst. Beharrlich drängt der heruntergekommene, alkoholabhängige Arzt Sa-nada (Takashi Shimura) den jungen Gangster Matsunaga (Toshiro Mifune in seiner ersten Rolle bei Kurosawa), seine lebensgefährliche Lungenerkrankung behandeln zu lassen. Den nicht geführten Kampf gegen seine Krankheit kanalisiert der Gangster in einem letzten Aufbäumen gegen seine ehemaligen Komplizen. Ein düsteres Porträt der japanischen Nachkriegsgesellschaft – in Atmosphäre, Stimmung und im Stellenwert für das japanische Kino wird Kurosawas Nachkriegswerk mit Roberto Rossellinis "Paisà" (1946) oder Vittorio de Sicas "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948) verglichen.

THE LAST OF ENGLAND (Derek Jarman, GB 1987, 22. & 25.4.) Rasend-montierte, fulminante England-Endzeitballade und rigorose Abrechnung mit dem Land unter der damaligen Pre-mierministerin Margaret Thatcher. Das britische Empire als verrottete Nation, als Halb- und Unterwelt, geprägt von Ruinenlandschaften und Industriebrachen, Todeszonen, Straßenschlachten. Großbritannien – ein Trümmerreich: "Im Zwielicht der Krone vermahlen sich die Abkommlinge des Adels, Lakaien und goldene Karossen schlangeln sich durch die Straßen zur Tarnung der hoheren Ortes herrschenden Panik, wo patriotische Ranke geschmiedet und an viktorianische Werte appelliert wird: muskelstarkes Christentum, Familie, Erziehung und Sport – an alle glorreichen und schönen Dinge. Hinter der Fassade tanzen die Kinder des Rock 'n' Roll zum rasanten Gelaut der Dezibels, jetzt gibt es eine Disco am Ende jeder Straße: Sie heißen Dschungel, Asyl, Gruft oder Himmel, und die Musik dort ist so laut, dass niemand horen wird, wie die Welt auseinanderfällt." (Derek Jarman)

BILDNIS EINER TRINKERIN (Ulrike Ottinger, BRD 1979, 27.4.) Dem drängenden Impuls folgend, die Vergangenheit zu vergessen, löst "Sie" (Tabea Blumenschein) – eine Mischung aus Medea, Madonna, Beatrice, Iphigenie und Aspasia – ein One-Way-Ticket nach Berlin, um sich auf einem grotesken Streifzug durch Westberliner Parallelwelten – Kneipen, Hotels, Casinos und Bars – zu Tode zu trinken. Entfremdet und unnahbar taucht sie ein in ein stilisiertes Berlin der späten 70er Jahre und trifft auf ihren nächtlichen Wanderungen auf Protagonisten des Insel-Undergrounds: Trinker, Rocksänger (spektakulär: Nina Hagen), Schriftsteller, Künstler und Taxifahrer. Ein Melodram. (mg)

April '17