Oktober 2017, kino arsenal

Harun Farocki: Nacheinander / Nebeneinander (2)

BILDER DER WELT UND INSCHRIFT DES KRIEGES, 1988

"Nacheinander/Nebeneinander" ist die bisher umfangreichste Retrospektive der Kino- und Fernseharbeiten Harun Farockis. Gemeinsam mit der Ausstellung "Harun Farocki: Mit anderen Mitteln – By Other Means" (kuratiert von Antje Ehmann und Carles Guerra) im Neuen Berliner Kunstverein, der vom Harun Farocki Institut ausgerichteten Akademie "Farocki Now" im Haus der Kulturen der Welt und dem silent green Kulturquartier (18. bis 21. Oktober) sowie der Fragment gebliebenen, gerade publizierten Autobiografie "Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig" gibt die Reihe Gelegenheit, das Werk des Dokumentaristen in all seinen Verzweigungen zum ersten Mal oder erneut zu sehen. Zahlreiche verloren geglaubte, so gut wie unsichtbare Produktionen konnten dafür in Archiven recherchiert und zusammengetragen werden. Wir setzen die im September begonnene Reihe mit zahlreichen Filmvorführungen im Oktober fort.

Nacheinander: Das ist die Abfolge der Bilder auf dem Filmstreifen, die aufeinander aufbauende Entwicklung von Ideen in der Zeit. In der Retrospektive sind unter diesem Stichwort 37 Filmprogramme mit allen derzeit verfügbaren Kino- und Fernsehproduktionen in chronologischer Folge zu sehen. Nebeneinander: Das ist die Gleichzeitigkeit von Bildern, die Farocki als "weiche Montage" beschrieben hat – das sprunghafte, assoziative Hin und Her der Gedanken. In den Nebeneinander-Programmen stehen frühe Werke neben späten; scheinbare Gelegenheitsarbeiten neben zentralen Kinofilmen. Die Reihe zeigt, wie eng verschiedene Praktiken Farockis miteinander zusammenhingen und ineinander griffen. Jedes Programm wird von Einführungen oder Gesprächen mit Kolleg*innen, Freund*innen, Mitarbeiter*innen Farockis begleitet. Wo es die Kopienlage erlaubt, sind mehrfach gezeigte Filme sowohl als analoge Filmkopie als auch in digitalisierter Form zu sehen. Die schrittweise Digitalisierung von Hauptwerken sowie produktionsdokumentierenden Filmmaterialien lädt auch dazu ein, neben Farockis Arbeit auch die Möglichkeiten zeitgenössischer Filmarchivierung zu besprechen.

Nacheinander: 1981–1992

OST-WEST: GESPRÄCH MIT HEINER MÜLLER (1981, 21.10.) Ausschnitt aus einem längeren Gespräch, das Farocki mit Heiner Müller für die Zeitschrift „Filmkritik“ führte und das in der Fernsehsendung "Kino 81" ausgestrahlt wurde.

ETWAS WIRD SICHTBAR (1982, 21.10.) Ein Liebespaar, Anna und Robert, in Berlin, Bilder vom Krieg in Vietnam und die Verbindungen zwischen Beiden. "Farocki de- und rekonstruiert diese Bilder des Vietnamkriegs. Einerseits unterziehen Anna und Robert diese Bilder einer kritischen Neu-Lektüre. Andererseits inszeniert er einige der bekanntesten Bilder aus Vietnam neu und macht diese hundertfach reproduzierten Bilder wieder les- und wahrnehmbar." (Tilman Baumgärtel)

RONNY UND HARUN SPIELEN THEATER (1982, 21.10.) Als Guerilla-Werbeaktion spielten Harun Farocki und der Schauspieler Ronny Tanner eine kurze Szene aus ETWAS WIRD SICHTBAR im Foyer des Delphi-Kinos.

KURZFILME VON PETER WEISS. VORGESTELLT VON HARUN FAROCKI (1982, 21.10.) Harun Farocki zeigt Kurzfilme von Peter Weiss und liest daneben im Kerzenschein seine Texte zu den Filmen.

EIN BILD (1983, 22.10.) dokumentiert kommentarlos die Produktion eines Pin-Up-Bildes für den "Playboy" in einem Fotostudio. Das nackte Model wird auf einem Podest drapiert, immer wieder neu frisiert und geschminkt; eine sorgfältige, konzentrierte Arbeit an der Illusion.

ARBEITEN ZU "KLASSENVERHÄLTNISSE" (1983, 22.10.) Eine Beobachtung der Arbeit eines Regie-Paars, Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Eine Probe mit Farocki selbst in der Rolle des Delamarche in der Form einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Text.

ÜBER BRESSONS L'ARGENT (mit Hartmut Bitomsky und Manfred Blank, 1983, 22.10.) Zusammen mit anderen Autor*innen der Zeitschrift "Filmkritik" kommentiert Farocki Robert Bressons Film L’argent.

PETER LORRE – DAS DOPPELTE GESICHT (1984, 22.10.) Ausgehend von Lorres Gesicht analysiert Farocki präzise die wechselhafte Karriere Peter Lorres. Die Betrachtung von Fotos und Filmausschnitten setzt Gedankengänge in Bewegung, zeichnet seine Biografie von den Anfängen am Theater bis zur Emigration in die USA und der Karriere in Hollywood nach.

BETROGEN (1985, 22.10.) Farockis einziger Spielfilm. Inspiriert von einer Zeitungsmeldung erzählt er von enttäuschter Liebe, Schwindel und (Selbst)Betrug, von einem Mann, der seine Frau mit dem Auto überfährt, und dessen Schwester dies als Chance sieht, von ihrem eigenen Leben die Flucht zu ergreifen und an die Stelle der Schwester zu treten.

FILMTIP: TEE IM HAREM DES ARCHIMEDES (1985, 25.10.) Eine kurze Einführung und Kritik zu Mehdi Charefs Film.

FILMBÜCHER (1986, 25.10.) Eine Rezension alter und neuer Bücher als Beitrag für die Fernsehreihe Kino ’86.

WIE MAN SIEHT (25.10.) Zwei Motive ziehen sich durch den Film: die Kreuzung und das Gewebe. "Es geht um Wegkreuzungen und Stadtbildung, Maschinengewehr mit Handkurbel und Maschinengewehr mit Rückstoß, Trassierung der Autobahn im nationalsozialistischen Deutschland und in der BRD, das Straßenentwerfen und Tierezerlegen, Schlachtenbilder von oben und von unten, die Geburt der Rechenmaschine aus der Weberei." (HaF)

SCHLAGWORTE – SCHLAGBILDER. EIN GESPRÄCH MIT VILÉM FLUSSER (1986, 26.10.)Ein in einem Café stattfindendes Gespräch zwischen Farocki und Vilém Flusser über die Gestaltung der Titelseite der Bild-Zeitung.

KUHLE WAMPE. Eine Einführung (1986, 26.10.) Farocki gibt eine Einführung in Slatan Dudows Film.

DIE SCHULUNG (1987, 26.10.) beobachtet ein Seminar für leitende Angestellte. Verkaufstaktiken werden auf die eigene Person übertragen; im Einstudieren von Körpersprache, Gestik und Mimik finden Psychologie und moderner Kapitalismus zueinander.

FILMTIP: DER TOD DES EMPEDOKLES (1987, 26.10.) Farocki spricht mit Andreas von Rauch, dem Darsteller des Empedokles im Film von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet.

DIE MENSCHEN STEHEN VORWÄRTS IN DEN STRASSEN (1987, 26.10.) Eine Verfilmung des gleichnamigen Gedichts von Georg Heym (1911).

BILDERKRIEG (1987, 26.10.) In der TV-Produk-tion denkt Farocki über die militärische und polizeiliche Bedeutung des Wortes Aufklärung nach. Er zeichnet die Entwicklung der fotografischen Mittel nach, derer sich die Aufklärung bedient und demonstriert ihre Deutungsmöglichkeiten.

GEORG K. GLASER – SCHRIFTSTELLER UND SCHMIED (1988, 26.10.) Eine geglückte Kombination von Handarbeit und Kopfarbeit – Handwerk und Schreiben – fand Harun Farocki in der Pariser Werkstatt von Georg Glaser, dem "Arbeiter-Schriftsteller", der 1933 nach Frankreich flüchtete.

BILDER DER WELT UND INSCHRIFT DES KRIEGES (1988, 27.10.) Eine Reflexion über den doppeldeutigen Begriff der Aufklärung, dem Farocki sich aus verschiedenen Perspektiven nähert, über die Technik, die unser Sehen bestimmt und die Bedingungen der Wahrnehmung.

KINOSTADT PARIS (mit Manfred Blank, 1988, 28.10.) Farocki und Blank erkunden die Kino- und Bilderstadt Paris, von der Cinémathèque française bis zur damals neu gegründeten Vi-déothèque de Paris. Nach der Sichtung von Magnetbändern auf einem Bildschirm sieht man die beiden an einem Café-Tisch einschlafen und Traumbilder aus einem elektronischen Bildarchiv mit Bildern von Godard verknüpfen.

IMAGE UND UMSATZ ODER: WIE KANN MAN EINEN SCHUH DARSTELLEN? (1989, 28.10.) Wie wird ein Produkt inszeniert? Mit akribischem Interesse dokumentiert Farocki alle Arbeitsschritte einer Werbekampagne für eine Schuhkollektion.

LEBEN – BRD (1990, 30.10.) In Unterrichtsstunden, Therapiegruppen und Gesprächskreisen wird für den Ernstfall geübt. In einer unkommentierten Parallelmontage erscheint das Leben in der Bundesrepublik als ein einziges Rollenspiel, in dem Erfahrung durch Simulation ersetzt wird.

WAS IST LOS? (1991, 31.10.) "WER...? fragt Bresson und läßt antworten, es sei der Teufel möglicherweise. Ich frage WAS uns antreibt, denn der Teufel trüge heute Sportswear und hätte im linken Fuß einen Ermüdungsbruch. Hier in der Bundesrepublik ist viel los, marxistisch gesprochen: sterile Mehrwertproduktion. Lust ohne Ziel, ungeregelter Kreislauf, kein Motiv der Erlösung." (HaF)

VIDEOGRAMME EINER REVOLUTION (mit Andrei Ujica, 1992, 31.10.) Bilder aus dem rumänischen Staatsfernsehen und von Videoamateuren werden zu einer Chronik der Revolution in Rumänien im Dezember 1989 kompiliert. Nicht nur die Bilder sind wichtig, auch ihre Perspektive auf das Geschehen.

Nebeneinander: Bildarbeit zwischen Produktion und Destruktion

Militarisierung des Blicks: Wie lässt sich die (mediale) Gewalt eines Bildes nachweisen? Wie kaum ein anderer Film bereitet BILDER DER WELT UND INSCHRIFT DES KRIEGES (1988) die Zuschauer*innen auf ihre stärker werdende Komplizenschaft mit Bildern als operative Mittel der Kriegsführung vor, der nur mit der kritischen Infragestellung der Beweiskraft des Bildes begegnet werden kann. Anhand bereits bestehender Bilder dokumentiert Farocki eine "terroristische Ästhetik" (Paul Virilio) des optischen Reizes, die heute auf den Kontrollbildschirmen wie auch im Fernsehen mit dem eingestandenen Ziel erscheint, so wie zu Kriegszeiten den Beobachter oder Zuseher entweder zum Komplizen oder auch zum potentiellen Opfer zu machen. (21.10., zu Gast: Christa Blümlinger und Nora Alter)

Bausteine produzieren: Die genaue Beobachtung von Bausteinen, mit denen Infrastrukturen für Arbeit oder Mobilität erzeugt werden, gehört zum zentralen Thema in Farockis Werk. In SESAMSTRASSE: TRANSPORT (1973, mit Hartmut Bitomsky) geht es auf spielerische Weise um die Effizienzsteigerung beim Transport eines wichtigen Baustoffs. In ZUM VERGLEICH (2009) erzeugt Farocki einen subjektiven kinematografischen Atlas von Arbeitsprozessen anhand von Ziegelbaustellen in Indien, der Schweiz, Burkina Faso, Frankreich und anderen Orten. Handarbeit. Industriearbeit. Computerarbeit. Ohne Komentar. Eine globale Zeitgeschichte der Ziegelproduktion. (23.10., zu Gast: Jean-Pierre Bekolo)

Straub/Huillet 1: Im FILMTIP: DER TOD DES EMPEDOKLES (1987) spricht Farocki mit Andreas von Rauch, dem Darsteller des Empedokles im Film von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet sozusagen von Kollege zu Kollege. Denn in ARBEITEN ZU "KLASSENVERHÄLTNISSE" (1983) von Huillet/Straub tritt Farocki als Schauspieler in der Rolle des Delamarche auf. Die Zusammenarbeit lässt sich als weitere Form des Lernens und Arbeitens mit Bildern verstehen. Dieser Film ist nicht nur ein Selbstporträt, sondern auch eine Hommage an Jean-Marie Straub – Farockis Vorbild, Kollegen und Freund – und eine Dokumentation einer ungewöhnlich detailversessenen Inszenierungstechnik und Schauspielerführung. Damit filmte Farocki eine Arbeit des Widerstands gegen das traditionelle Kino, gegen das er sich auch mit seinen eigenen Filmen positionierte. (24.10., zu Gast: Constanze Ruhm und Christine Lang)

Straub/Huillet 2: Zahlreiche Gründe wären zu nennen, warum es gerade der Film KLASSENVERHÄLTNISSE (BRD/F 1984)von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ist, in welchem Farocki zum Akteur auch vor der Kamera wird. Es geht um Arbeitsverhältnisse, die anhand der literarischen Vorlage von Franz Kafkas „Amerika“ von Straub/Huillet filmisch analysiert werden. Es geht um die detailgenaue Inszenierung eines filmischen Bildes, das nicht den Traditionen der Hollywood-Kinos folgt, sondern ein eigenes Erzählkino in Anspruch nimmt. Die Arbeit mit Straub/Huillet ermöglichte Farocki, sich nach den bild-agitierten 70er Jahren dem Format des Erzählkinos zu widmen. Folgerichtig sehen wir Farocki als nicht-professionellen Schauspieler und Dokumentaristen neben der Schauspieler-Performanz von Mario Adorf. (24.10., zu Gast: Rembert Hüser und Barton Byg)

Aus dem Archiv des Harun Farocki Instituts: Bereits während seiner Studienzeit schrieb Farocki dem Autor, Maler und Filmemacher Peter Weiss einen Brief mit der Bitte um Informationen über ein "komitee zur untersuchung der verbrechen der usa in vietnam", dem Weiss angehörte. Es sollte jedoch zwölf Jahre dauern, bis eine Zu-sam-menarbeit zustande kam. Im Rahmen von Film:ReStored (Filmerbe-Festival der Deutschen Kinemathek) werden Materialien von Farockis Bezügen zu Peter Weiss gezeigt, welche das Harun Farocki Institut im letzten Jahr mit Hilfe des Arsenal und der kornmanufaktur aufbereiten konnte. RONNY UND HARUN SPIELEN THEATER (1982) zeigt die Dokumentation eines theatral-performativen Trailers von Farockis ETWAS WIRD SICHTBAR, 1982 aufgeführt im Foyer des Delphi-Kinos. (28.10., zu Gast: Filipa César)

Digitale Premiere:"ETWAS WIRD SICHTBAR (1982) will nicht erklären, warum ein Krieg in einem so fernen Land wie in Vietnam einen Moment lang überspringen konnte auf die ganze westliche Welt. Er handelt von Distanzen, von Beziehungen zwischen. Er erklärt auch nicht, er erinnert nur daran, dass nie zuvor ein Krieg derart massiv gecovert wurde. Aber es wäre schon zuviel, zu sagen, dass die Bilder seinen Verlauf mitbestimmt hätten. Er zeigt die Nachwehen, die Kriegseffekte. Er kombiniert ein historisches Motiv mit einem romantischen. Vietnam und ein Liebespaar." (Frieda Grafe) Der Film wird zum ersten Mal in der digitalen Fassung gezeigt. Im Rahmen von Film:ReStored wird Matthias Rajmann, langjähriger Mitarbeiter Farockis und verantwortlich für die Sicherung seines Werks, den Digitalisierungsprozess erläutern. (28.10.)

Gegen-Musik: Musik spielt in Farockis Filmen weder eine begleitende noch eine dramatische Rolle, sondern sie taucht ebenso wie das Bild als Beobachtungsraum von Produktionsprozessen auf. SO LONG GOOD-BYE (1978) ist ein Radio-Feature von Harun Farocki für den WDR, das die 18-stündige Produktion einer Disco-Single von drei Minuten Länge im April 1977 in den Hansa-Studios in Berlin dokumentierte, welche auf der Erfolgswelle von Boney M. und Donna Summer in die Plattenregale schwappen sollte. Zwei Jahre später geht Farocki erneut – nun mit der Kamera – ins Tonstudio, um die Produktion eines anderen Musikstücks für SINGLE. EINE SCHALLPLATTE WIRD PRODUZIERT (1979) zu dokumentieren. Vom 16.9. bis 4.11. findet in der Galerie Barbara Weiss die von Antje Ehmann kuratierte Ausstellung "Harun Farocki und die Musik" statt. (30.10., zu Gast: Antje Ehmann und Christine Lang) (dm/al)

„Harun Farocki: Nacheinander/Nebeneinander“, ein Programm von Arsenal – Institut für Film und Videokunst und Harun Farocki Institut, wird im November fortgesetzt. Es findet statt im Rahmen der Harun Farocki Retrospektive, einem Projekt des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) in Kooperation mit der Harun Farocki GbR, dem silent green Kulturquartier, dem Verlag der Buchhandlung Walther König, Savvy Contemporary und dem Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Berlin Art Week, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.