Dezember 2017, kino arsenal

Retrospektive Ernst Lubitsch

TROUBLE IN PARADISE, 1932

"Was heißt Ernst, Ernst habe ich genug in meinem Vornamen". Kein anderer Regisseur wird so stark mit dem Genre der Komödie assoziiert wie Ernst Lubitsch, dessen Filme auch 70 Jahre nach seinem Tod nichts von ihrem Witz verloren haben. Das Arsenal zeigt bis Ende Januar 20 Filme aus Lubitschs umfangreichem Schaffen, mit einem Schwerpunkt auf den in Hollywood entstandenen Komödien.

Ernst Lubitsch (1892–1947) war ein Meister in der Inszenierung geistreicher Komödien, die seine unverwechselbare Handschrift tragen, und deren Popularität und Wertschätzung bis heute ungemindert andauern. Spielerische Leichtigkeit, subtile Andeutungen, beredte Auslassungen, sarkastisch zugespitzte Dialoge, Ironie, Prägnanz und exaktes Timing sind kennzeichnend für den sprichwörtlichen "Lubitsch Touch".
Ernst Lubitsch begann im elterlichen Berliner Konfektionsbetrieb als Buchhalter, ehe er als 19-jähriger Schauspielschüler zum Ensemble von Max Reinhardt am Deutschen Theater kam. 1913 konnte er erste Rollen beim Film übernehmen, im Jahr darauf die erste Regiearbeit. Zwischen 1914 und 1918 entstanden zahlreiche Ein- bis Dreiakter unter seiner Regie, vorwiegend Lustspiele mit einem Hang zu derber Komik, in denen Lubitsch auch als Schauspieler mitwirkte. 1918 begann Lubitsch, aufwendigere, abendfüllende Filme zu realisieren. Sein erster großer Historienfilm Madame Dubarry sowie die beiden Komödien Die Austernprinzessin und <b>DIE PUPPE</b>, die den Übergang vom Lustspiel zur Satire markieren, begründeten 1919 Lubitschs Ruhm. In den folgenden Jahren wechselte er häufig die Genres, Kammerspiele folgten auf Monumentalfilme, Volksstücke auf Melodramen und Komödien. Als einer der herausragenden europäischen Filmemacher seiner Zeit ging Lubitsch 1923 nach Hollywood, wo er bruchlos seine erfolgreiche Arbeit fortsetzen konnte. Die Erfindung des Tonfilms nutzte er für einfallsreiche Filmoperetten bzw. Musicals und die Perfektionierung seiner Gesellschaftskomödien, mit denen er, folgt man einem Jean Renoir zugeschriebenen Zitat, das moderne amerikanische Kino etablierte. Seine sophisticated comedies wurden stilbildend für die niveauvolle Komödie, die Anspruch mit Popularität verband. Wiederkehrende Themen der Filme waren Schein und Sein der High Society, Dreieckskonstellationen und die Konventionen bürgerlicher Partnerschaftsmodelle. Durch die Virtuosität seiner Inszenierung, die subtile Kunst des Aussparens und indirekt Vermittelten, konnten selbst nach Durchsetzung des Hays Codes 1934 Lubitschs frivole Andeutungen und verhüllte sexuelle Eindeutigkeiten unbeanstandet die Zensur passieren.

TROUBLE IN PARADISE (USA 1932, 15.12., Einführung: Hanns Zischler & 29.12.) Der Hochstapler Gaston Monescu (Herbert Marshall) verschafft sich als Baron Zutritt zur vornehmen Gesellschaft und beraubt in Venedig den reichen Monsieur Filiba (Edward Everett Horton). Durchschaut wird er von der „Komtess“, in die sich Gaston verliebt und die in Wirklichkeit eine Taschendiebin mit Namen Lily (Miriam Hopkins) ist. Als Paar planen sie in Paris den Safe der vermögenden jungen Witwe Mariette Colet (Kay Francis) auszurauben. Gaston gewinnt als Finder von Madames wertvoller Handtasche ihr Vertrauen und kommt Mariette als ihr Privatsekretär näher, als es Lily lieb sein kann. Die perfekte Ökonomie im Umgang mit filmischen Stilmitteln haben TROUBLE IN PARADISE zu einem der meistzitierten Filme der Filmgeschichte gemacht. Lubitsch selbst zählte die Gaunerkomödie um Geld, Schmuck, Liebe und Sex mit den zwei sympathischen Protagonist*innen, die keinen Gedanken daran verschwenden, ihren Lebensunterhalt auf legale Weise zu verdienen, zu seinen besten Filmen: „Was reinen Stil angeht, so glaube ich, nichts Besseres gemacht zu haben als TROUBLE IN PARADISE und nichts gleich Gutes.“ Wir zeigen eine neue 35-mm-Kopie der 2017 vom UCLA und der Film Foundation restaurierten Fassung.

DIE PUPPE (D 1919, 20.12., am Flügel: Eunice Martins) Baron de Chanterelle sorgt sich um das Aussterben seines Geschlechts und will seinen Neffen Lancelot so schnell wie möglich verheiraten. Er versammelt alle Jungfrauen der Umgebung, woraufhin sich der scheue Neffe, der kein Interesse an Frauen zeigt, in ein Kloster flüchtet. Wenn er keine Frau will, könne er ja eine Puppe des genialen Mechanikers Hilarius heiraten, schlagen die Mönche Lancelot vor, und spekulieren darauf, die 300.000 Franken Mitgift einzustreichen. Fantastische Bauten aus Papier und Pappmaché, kindliche Verkleidungen (Kutschen mit Menschen in Pferdekostümen) und frivole Zuspitzungen (lüsterne Mönche) kennzeichnen Lubitschs Übergang vom Lustspiel zur Satire. Der Regisseur zählte die "Komödie aus einer Spielzeugschachtel" – so der Untertitel – zu seinen besten deutschen Arbeiten: „Selbst heute noch halte ich diesen Film für einen der einfallsreichsten, die ich je gemacht habe.“ (E.L., 1947)

THE LOVE PARADE (USA 1929, 16. & 30.12.) Graf Alfred Renard (Maurice Chevalier) führt in Paris als Militärattaché des Königreichs Sylvania ein lockeres Leben. Damit das Ansehen des Landes keinen moralischen Schaden nimmt, wird er nach zahlreichen Klagen von Ehemännern, deren Frauen seinem Charme erlegen sind, aus dem diplomatischen Dienst entlassen und zurück beordert. Die Kabinettsmitglieder drängen die junge, noch unverheiratete Königin Luise (Jeanette MacDonald) zu einer harten Bestrafung Alfreds. Luise zitiert ihn zu sich – und verlangt, dass er fortan seine Fähigkeiten im königlichen Palast unter Beweis stellt. Mit seinem ersten Tonfilm etablierte Ernst Lubitsch das Genre der Tonfilmoperette und kreierte mit Maurice Chevalier und Jeanette MacDonald, die hier ihr Leinwanddebüt gab, deren Traumpaar.

MONTE CARLO (USA 1930, 18.12. & 2.1.) Die freigeistige Gräfin Vera von Conti (Jeanette MacDonald) lässt ihren Bräutigam Prinz Otto am Altar stehen und flüchtet vor der Ehe mit dem Zug nach Monte Carlo, wo sie ihr letztes Geld im Casino verspielt und die Aufmerksamkeit des attraktiven, gutsituierten Grafen Rudolph Fallière (Jack Bucha-nan) auf sich zieht. Da Vera durch Vermögen und Adelstitel nicht zu beeindrucken ist, nähert Rudolph sich ihr als Friseur. Ernst Lubitschs zweiter Tonfilm, eine romantische Komödie mit Musical-Passagen, ist eine Variation des Erfolgs THE LOVE PARADE. Weil Maurice Chevalier anderweitige Verpflichtungen hatte, besetzte Lubitsch Jack Buchanan als Partner von Jeanette MacDonald.

THE MERRY WIDOW (USA 1934, 16. & 30.12.) 1885 im fiktiven südosteuropäischen Miniaturkönigreich Marshovia beunruhigt die Reise der reichen Witwe Sonia (Jeanette MacDonald) nach Paris die Staatsführung: Sollte sich die attraktive junge Frau, die mit 52 % Hauptsteuerzahlerin im Land ist, in Paris verlieben und dauerhaft das Land verlassen, droht Marshovia der Staatsbankrott. In geheimer Mission wird Gardist Danilo (Maurice Chevalier), der als Liebhaber der Königin besonders geeignet erscheint, nach Paris entsandt, um Sonias Herz zu erobern und sie ins Land zurückzuholen. Plangemäß soll bei einem arrangierten Abend im Maxim’s der Botschafter (Edward Everett Horton) Sonia derartig langweilen, dass Danilos Auftritt wie eine Erlösung wirken muss. In seinem letzten, aufwendigsten und neben THE LOVE PARADE besten Musical führte Lubitsch sein bevorzugtes Operettenpaar Chevalier-MacDonald ein drittes und letztes Mal zusammen.

DESIGN FOR LIVING (Serenade zu dritt, USA 1933, 19. & 29.12.) Die befreundeten brotlosen Künstler George (Gary Cooper) und Tom (Fredric March) lernen im Zug die Werbezeichnerin Gilda (Miriam Hopkins) kennen und verlieben sich in sie. Da ihre Freundschaft nicht darunter leiden soll und Gilda die Gefühle beider erwidert, beschließen sie, zu dritt in ihrer Pariser Bohème-Wohnung zusammenzuleben – ohne Sex. Als das nicht wie geplant funktioniert, rettet sich Gilda aus dem Gefühlschaos in eine Heirat mit ihrem väterlichen Freund und Chef Max Plunkett (Edward Everett Horton) – bis Tom und George sie aus der Ehe mit dem pedantischen Geschäftsmann befreien und zum einzigen für sie denkbaren Lebensmodell zurückkehren: der Beziehung zu dritt. Mit Eleganz, Intelligenz und stilistischer Brillanz präsentiert Lubitsch eine Lösung, die nach Durchsetzung des Hays Codes ein Jahr später in Hollywood nicht mehr vorstellbar war.

DESIRE (Sehnsucht, Frank Borzage, USA 1936, 21.12. & 27.1.) Die elegante Juwelendiebin Madeleine de Beaupré (Marlene Dietrich) stiehlt in Paris eine 2-Millionen-Francs-Perlenkette, die sie ihrem Komplizen in San Sebastían bringen will. Um das Collier über die französisch-spanische Grenze zu schmuggeln, lässt sie es dem unbedarften Urlauber Tom Bradley (Gary Cooper), der ihr bei einer Autopanne weiterhilft, in die Jackentasche gleiten. Beim Versuch, die Perlenkette zurückzuholen, kommt es zu unvermeidlichen Annäherungen. DESIRE war der erste Film Marlene Dietrichs nach ihrer Trennung von Josef von Sternberg und Ernst Lubitschs letzte Mitwirkung an einer romantischen Gaunerkomödie: Er war an der Drehbuchentwicklung beteiligt und fungierte als Produzent und künstlerischer Leiter des von Frank Borzage realisierten Films.

ANGEL (USA 1937, 17. & 27.12.) Eine Variante von Lubitschs bevorzugtem Thema, der Dreieckskonstellation mit zwei Männern und einer Frau, diesmal mit melodramatischen Zügen: Dem Diplomaten Sir Frederick Barker (Herbert Marshall) sind die Probleme des Völkerbunds anscheinend wichtiger als die Befindlichkeiten seiner Frau Maria (Marlene Dietrich), die in einem Pariser Hotelzimmer ihre Beziehung zu einem früheren Geliebten wieder aufwärmt. Auf einem Empfang trifft Frederick seinen alten Freund Tony (Melvyn Douglas) wieder, der ihm im Krieg das Leben gerettet hat, und sie stellen fest, dass sie in Paris eine gemeinsame Geliebte hatten: "Angel". Das Wiedersehen soll bei einem gemeinsamen Essen mit Maria gefeiert werden.

NINOTCHKA (USA 1939, 22. & 25.12.) Die sowjetischen Genossen Buljanoff, Iranoff und Kopalski (die deutschen Emigranten Felix Bressart, Sig Rumann und Alexander Granach) sollen in Paris Juwelen verkaufen, die vor der Revolution der Großfürstin Swana gehört haben. Doch Graf Léon d’Algaut (Melvyn Douglas) sorgt dafür, dass die Genossen Gefallen am Leben in einem Pariser Luxushotel finden und ihre Mission nicht vorankommt. Kommissar Razinini (Bela Lugosi) sieht sich gezwungen, die linientreue Funktionärin Ninotchka (Greta Garbo) als Sonderbeauftragte nach Paris zu entsenden, um sich der Sache anzunehmen. "Garbo laughs!", verkündeten die Plakate, mit denen MGM den Film bewarb, der bei seinem Kinostart – wenige Wochen nach dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Beginn des 2. Weltkriegs – vom Publikum als unpassend empfunden wurde und sich erst nach dem Krieg zu einem der populärsten Lubitsch-Filme entwickelte.

THE SHOP AROUND THE CORNER (Rendezvous nach Ladenschluss, USA 1940, 23. & 26.12.) Budapest, Mitte der 30er Jahre, zur Weihnachtszeit. In dem Galanterie- und Lederwarengeschäft Matuschek und Compagnie ist die Stimmung angespannt: Es fehlt Geld in der Kasse, der Firmenchef Matuschek verdächtigt seinen besten Verkäufer Alfred Kralik (James Stewart), ein Verhältnis mit seiner Frau zu haben, und Kralik und die neu eingestellte Angestellte Klara Novak (Margaret Sullavan) gehen sich auf die Nerven – ohne zu wissen, dass sie sich in romantischen Briefen miteinander über Schöne Literatur austauschen. Das erste geplante Rendezvous scheitert an Matuschek, der die beiden Angestellten zu Überstunden zwingt, doch am Weihnachtsabend kommt es schließlich zum Happyend. In Sachen human touch hielt Lubitsch die bewegende melancholische Komödie über Einsamkeit für seinen herausragenden Film: "Was menschliche Komödien angeht, so war ich wohl nie so gut, wie in SHOP AROUND THE CORNER. Ich habe keinen Film gemacht, in dem Atmosphäre und Charaktere wahrhaftiger waren."

THAT UNCERTAIN FEELING (Ehekomödie, USA 1941, 28.12.) Larry Baker (Melvyn Douglas) ist ein erfolgreicher Versicherungsmakler in New York, Jill die repräsentative Ehefrau (Merle Oberon) an seiner Seite, immer bemüht, ihn in seinem Fortkommen zu unterstützen. Die beiden sind seit sechs Jahren sorgenfrei verheiratet und gelten als das glücklichste Paar der Park Avenue, bis mysteriöse Schluckauf-Anfälle Jill zu einem Psychoanalytiker führen, in dessen Wartezimmer sie den exzentrischen Musiker Alexander Sebastian (Burgess Meredith) kennenlernt, für den sie sich zunehmend interessiert. Die mit kleinem Budget gedrehte Satire auf die Spielregeln ehelicher Partnerschaft ist ein Remake von Lubitschs nicht erhaltenem Stummfilm Kiss Me Again aus dem Jahr 1925. (hjf)