Mai 2006, kino arsenal

12. Jewish Film Festival Berlin & Potsdam

Filmstill

Ne quittez pas, 2004

Einen Monat früher als erwartet, dafür mit einem umfangreichen und vielschichtigen Programm präsentiert sich das Jewish Film Festival Berlin & Potsdam nunmehr zum zwölften Mal. Zwei Konzerte (selbstverständlich mit Filmbezug), die das Festival einrahmen, ein interessanter Schwerpunkt mit Filmen aus Frankreich und das wahrscheinlich erste Nahost-Musical der Filmgeschichte sind nur einige Programmpunkte des Festivals, das vom 18. – 28. Mai in gewohnter Zusammenarbeit zwischen der Jüdischen Volkshochschule und den Freunden der deutschen Kinemathek im Arsenal stattfindet. Das filmische Porträt des berühmten New Yorker Kantors Jacob Mendelson war eines der Highlights des letztjährigen Jewish Film Festivals. Kurz nach der Aufführung entstand die Idee, Mendelson nach Berlin einzuladen, was jetzt gelungen ist: Zusammen mit der Kantorin Roslyn Barak (San Francisco) und Christoph Israel am Flügel wird Jacob Mendelson die musikalische Eröffnung des Jewish Film Festival am 17.5. im Berliner Ensemble bestreiten. Das Kinodebüt der französischen Drehbuchautorin und Regisseurin Lorraine Lévy, LA PREMIERE FOIS QUE J'AI EU 20 ANS (The First Time I Was Twenty, 2004), wird das Jewish Film Festival im Arsenal eröffnen. Der Film spielt im Umland der französischen Metropole in den 60er Jahren. Basierend auf Susie Morgensterns autobiographischem Roman entsteht hier das wunderbare Porträt der etwas pummeligen Hannah Goldman (großartig gespielt von Marilou Berry), die sich nichts sehnlicher wünscht, als in der ausschließlich mit Jungen besetzten Jazzband ihrer Schule Kontrabass spielen zu dürfen. (18.5., in Anwesenheit von Lorraine Lévy)

GLOW ROPES – THE RISE AND FALL OF A BAR MITZVAH EMCEE (Edwin M. Figueroa, George Valencia, USA 2005) ist eine politisch extrem inkorrekte, satirische und schräge Komödie über die total überdrehten Bar Mizwah-Parties in den USA und deren Organisatoren. (18.5., der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Darsteller George Valencia ist zu Gast)

Die Geschichte des Vernichtungslagers Belzec im Südosten Polens ist weit weniger bekannt als die anderer deutscher Lager wie etwa Treblinka, Auschwitz oder Sobibor. Allein zwischen seiner Fertigstellung im Februar 1942 bis zum Dezember des gleichen Jahres wurden hier ca. 600.000 Juden ermordet. Anhand von Berichten der wenigen Überlebenden und Interviews mit Bewohnern der Gegend gelingt es Regisseur Guillaume Moscovitz mit BELZEC, einen Teil der Geschichte des Lagers zu rekonstruieren. (21.5., anschließend Podiumsdiskussion mit Guillaume Moscovitz, Prof. Wolfgang Benz, TU Berlin, Daniel Wildmann, Stellvertretender Direktor Leo Baeck Institute London und Ellen Presser, Israelitische Kultusgemeinde München)

WEST BANK STORY (Ari Sandel, USA 2005) ist eine ebenso charmante wie turbulente Musical-Komödie über David, einen israelischen Soldaten, und Fatima, eine Serviererin in einem palästinensischen Fast-Food-Imbiss, deren Liebe sich inmitten der Feindseligkeiten zweier sich bekriegender Falafelbuden-Clans im Westjordanland einen Weg zu bahnen versucht. WEST BANK STORY läuft zusammen mit dem schweizer Dokumentarfilm MATCHMAKER (2005) der Regisseurin Gabrielle Antosiewicz, die sich in ihrem Film auf die Suche nach dem Mann fürs Leben macht. Der zukünftige Partner soll vor allem liebenswürdig, gutaussehend und jüdisch sein – anscheinend keine sehr häufige Kombination, wie die in ihrer Küche beginnende Prüfung der einzelnen Kandidaten zeigt. Das Ende darf verraten werden: die Filmemacherin ist immer noch ledig. (21.5., in Anwesenheit von Ari Sandel und Gabrielle Antosiewicz)

LA PETITE JÉRUSALEM (Karin Albou, Little Jerusalem, F 2005) führt uns in das Leben einer tunesisch-jüdischen Arbeiterfamilie, die in "Klein Jerusalem" wohnt, einem ärmlichen Vorort von Paris mit großer jüdischer Community. Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern mit höchst unterschiedlichen Ansichten über Gott und die Welt. Mathilde (Elsa Zylberstein) befolgt streng die religiösen Gebote, während Laura mit geradezu religiösem Eifer Philosophie studiert. (21.5., Einführung: Peter Stephan Jungk, in Anwesenheit der Regisseurin)

Der israelische Kritiker- und Publikumserfolg USHPIZIN (Israel 2004) wurde in einem orthodoxen Viertel in Jerusalem gedreht, wo Kameras im allgemeinen absolut tabu sind. Doch mit tätiger Unterstützung der religiösen Anwohner des Viertels entstand die Geschichte um das kinderlose Ehepaar Moshe und Malli. Als sie zwei verdächtige Typen aus Moshes unfrommer Vergangenheit in ihre Festtags-Sukka einladen, werden Moshes Glauben und Engagement auf eine harte Probe gestellt. (22.5., Einführung: Rebbezin Nechama Ehrenberg)

In MELTING SIBERIA (Israel 2004) dokumentiert der junge israelische Regisseur Ido Haar mit Schwung und dem Geist der russischen Seele seine Suche nach dem Vater seiner Mutter Marina. Sein Großvater – Held der Roten Armee – verließ Marinas Mutter, als diese schwanger war. Seitdem hat man von ihm nie wieder etwas gesehen oder gehört. Sollte Ido seinen Großvater finden können, stellt sich die Frage, ob die Kluft zwischen Israel und Russland überbrückt werden kann… (22.5.)

Richard Dembos melancholischer Film LA MAISON DE NINA (Nina's House, Frankreich 2005) spielt in einem zum Waisenhaus umfunktionierten Schloss in der näheren Umgebung von Paris und zeigt, wie junge Juden wieder mit dem Leben zurechtzukommen versuchen, nachdem sie die Schrecken des Zweiten Weltkriegs überlebt haben. Der Regisseur, Jahrgang 1948, verbrachte selbst seine Sommerferien in solch einer Einrichtung, wo er der jungen Nina begegnete, die ihn zu dem Drehbuch inspirierte. (23.5., Gast: Jessica Vaturi-Dembo)

DIAMETER OF THE BOMB (GB/Kanada 2005) geht der Bombenexplosion nach, die im Juni 2002 in einem Jerusalemer Bus der Linie 32 verübt wurde. Im Laufe des Films von Steven Silver und Andrew Quigley werden Geschichten einer Gruppe von Juden und Arabern miteinander verbunden, die jeder eine besondere Beziehung zu einzelnen Opfern des damaligen Selbstmordattentats hatten. (23.5., Einführung: Eldad Beck)

Anlässlich des 100. Geburtstags von Ellen Auerbach präsentieren wir den amerikanischen Film RINGLANDPIT (USA 1995), das faszinierende Porträt der Avantgarde-Künstlerinnen Grete Stern (1904–1999) und Ellen Auerbach (1906–2004), die sich 1929 in Berlin begegneten und ein Atelier für Reklamefotografie eröffneten. Als "Ringl" und "Pit" gewannen sie bald internationale Auszeichnungen, flohen jedoch nach der Machtergreifung durch die Nazis aus Deutschland, wodurch sich ihre Wege trennten. Der Mitte der 90er Jahre entstandene Film zeigt die beiden Fotografinnen, wie sie voller Humor und Vitalität über ihre Arbeit und ihre Freundschaft berichten. (24.5., in Anwesenheit des Regisseurs Juan Mandelbaum und Dr. Inka Graeve-Ingelmann, Pinakothek der Moderne, München)

Arthur Joffé ist mit seinem Film NE QUITTEZ PAS (Local Call, Frankreich 2004) eine hinreißende Mischung aus modernem Märchen und absurder, übernatürlicher, jüdischer "Handy-Komödie" gelungen: alles fängt damit an, dass Felix Mandel sein Büro ausmistet. Im Zuge der Aufräumaktionen schenkt er den alten Mantel seines Vaters einem Obdachlosen. Kaum ist der Mantel weg, wird er von seinem wütenden Vater angerufen – aus dem Jenseits, denn der Vater ist schon seit zwei Jahren tot. Auf der Suche nach seinem Mantel steigt Felix' Handy-Rechnung ins Unermessliche. Bald verliert er seine Arbeit, seine Frau und möglicherweise auch den Verstand… (24.5., in Anwesenheit des Regisseurs Arthur Joffe, angefragt)

Pawel Lungins tragikomischer Film ROOTS (Russland/Frankreich 2005) beginnt mit einer vermeintlich grandiosen Geschäftsidee: Da Reisen in die osteuropäische Heimat der Vorfahren vor allem bei amerikanischen Juden sehr beliebt sind, entschließt sich der gewitzte Eduard, der Reise zu den "Wurzeln" mit eventueller Familienzusammenführung ein wenig nachzuhelfen. Mit Hilfe einer Ortsumbenennung und einiger Einwohner des ukrainischen Dorfes Golotwin, die sich als lange verschollene Verwandte der Touristen aus dem Westen ausgeben, erfüllen sich für kurze Zeit lang gehegte Träume. Doch dann bringt eine machtvolle Alchemie Eduards ausgetüftelte Pläne durcheinander. (25.5., Einführung: Rabbiner Walter Rothschild, Berlin)

Zwei Wochen vor Beginn der Fußball-WM 2006 werden in der "Langen Nacht des Israelischen Fußballs" schon einmal diverse Spiele angepfiffen. Ron Carmelis PERSONAL GOALS (1997) zeigt die erfolglosen Versuche eines unsportlichen Neunjährigen, seinem fußballbegeisterten Vater zu gefallen. Auch die drittklassige Amateurtruppe Givat Tzurim, die nach Losentscheid im Pokalviertelfinale gegen Maccabi Tel Aviv, die führende Elf des Landes, antreten soll, hat noch nicht ganz WM-Form erlangt. Die Komödie BEITAR PROVENCE (Provence United, Israel 2002) von Ori Inbar zeigt die hektischen Vorbereitungen vor dem historischen Match. Abschließend läuft BEIT SHEAN: SERETMILHAMAH (Underdogs: A War Movie, Doron Tsabari, Rono Zror, 1997) über den Fußballverein der Kleinstadt Beit Shean, in dem Juden und Araber in einer Truppe spielen und der der ganze Stolz der Bevölkerung ist. (25.5.)

Am letzten Tag des Festivals dürfen wir den berühmten Schauspieler, Sänger und "Regular" des Berlin Jewish Film Festivals, Wladimir Fridman, erneut im Arsenal begrüßen. Lieder und Monologe (in russischer Sprache) werden in seinem Live-Programm mit dem Titel "Über jenes und dieses Leben" zu hören sein. Im Anschluss an das Konzert zeigen wir LETTERS FROM RISHIKESH (Daniel Wachsmann, Israel 2004), in dem Wladimir Fridman einen Witwer spielt, der nach Neu-Delhi reist, um dort seine Tochter Anna zu besuchen. Als Anna nicht zum verabredeten Treffen erscheint, macht er sich mit Hilfe einer israelischen Journalistin auf die Suche nach seiner Tochter. Bei dieser Suche wird er mit sich selbst und seiner Vergangenheit konfrontiert. Als Vorfilm läuft in Anwesenheit der Regisseurin Yael Reuveny LITTLE MIRIAM'L (Israel 2005). (28.5., Wladimir Fridman zu Gast)

Als Nachtrag zur Fußballnacht und Abschlussfilm des Jewish Film Festival präsentieren wir einen Klassiker des israelischen Kinos: CUP FINAL (Israel 1991) von Eran Riklis. Sommer 1982: Der Boutiquenbesitzer und Fußballnarr Cohen (Moshe Ivgy) hat Karten für die Fußballweltmeisterschaft in Spanien, leider aber auch – der Krieg zwischen Israel und dem Libanon ist inzwischen in vollem Gange – eine Einberufung zum Reservedienst an der Front. Als er auch noch von einer PLO-Gruppe unter Führung von Ziad (Mohammed Bakri) gefangen genommen und nach Beirut verschleppt wird, wird die Sache noch komplizierter. Immerhin: beide sind eingefleischte Fans der italienischen Mannschaft. (28.5.)

Eine Veranstaltung der Jüdischen Volkshochschule Berlin in Zusammenarbeit mit den Freunden der deutschen Kinemathek e.V. und Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, das Bündnis für Demokratie und Toleranz, die Botschaft des Israelischen Staates in Deutschland, Familie Klein, Berlin, die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Potsdam sowie das Savoy Hotel.