februar 2018, living archive

Archive außer sich: Auftakt im Rahmen von „Think Film No. 6 - Archival Constellations“

Mit „Archive außer sich" beginnt das Arsenal – Institut für Film und Videokunst erstmalig eine langfristig angelegte Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt. Während der Berlinale werden am 22. Februar als Teil von „Think Film No. 6 – Archival Constellations“ erste Projekte präsentiert (siehe dazu weiter unten).

„Archive außer sich“ beschäftigt sich als langfristig angelegte kollaborative Serie von Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekten mit dem filmkulturellen Erbe und seinen Archiven. Was ist kulturelles Erbe, welche Gemeinschaften und Narrative, welche Adressaten und Vermittlungsformate leiten sich daraus ab und wie beständig sind sie? Oder: Welche noch unbekannten Archive bringt die Gegenwart hervor? Zugrunde liegt die Idee des Living Archive: Erforschung, Digitalisierung und/oder Restaurierung von Archivinhalten sind Teil einer partizipativ verstandenen künstlerischen und kuratorischen Gegenwartspraxis. Das Archiv ist ein Ort der Produktion. Aus der Diversität des Ausgangsmaterials—vollständige Filme, beschädigte oder nicht mehr rekonstruierbare Filme, ephemere Filme, Arbeitsmaterialien, Randnotizen und Objekte—sowie der jeweils spezifischen Örtlichkeit der Partner—Archive, Kinos, Festivals, Kunsträume, Universitäten, öffentlich rechtliche Fernsehsender, Datenbanken, ein ehemaliges Krematorium—stellt sich die Frage: Was ist heute ein Filmarchiv? Welche Forderungen stellt die Öffentlichkeit an Archive und welche Gegenwart und Zukunft kann aus archivarischen Konstellationen und neuen Formen der Navigation, auch spekulativ, entworfen werden?

februar 2018, living archive

Filmmakers' Choice

Die nächste Ausgabe von Filmmakers' Choice am 28.2. präsentiert die Künstlerin Eleonore de Montesquiou.

"Die Kunst des Kinos besteht darin, sich der Wahrheit der Menschen zu nähern", sagte Jean Renoir. Bei meinem Film OLGA & OLGA (2017) wollte ich gerne wissen, was für zwei Freundinnen in der Sowjetunion Feminismus, Liebe und Freiheit bedeutet hatten. In Márta Mészáros' Spielfilm ÖRÖKBEFOGADÁS (Adoption, 1974) setzen sich Frauen gegenüber ihren Eltern, Lehrern und Liebhabern durch. Der Kurzfilm HISTOIRE D’UNE FEMME (2005) von Karim Souaki dokumentiert das Leben einer alten Frau am Rande der Gesellschaft in Tunis. Alle drei Filme versuchen sich aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven den Lebensverhältnissen von Frauen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu nähern.

januar 2018, living archive

Vaginal Davis präsentiert Rising Stars, Falling Stars – Sweet 16 mm Never Been Kissed

Rising Stars, Falling Stars … Über 100 Mal hat Vaginal Davis seit 2007 im Arsenal und seit 2016 im silent green Funde aus dem Archiv vorgestellt, stets in einem anderen Kleid, singend, tanzend, Text vortragend und mit anschließenden Drinks – immer in Begleitung ihres Ko-Kurators und Pianisten Daniel Hendrickson. Am 12. Januar werden die beiden nun zum letzten Mal zu den Sternen greifen, wenn sie in der Kuppelhalle des silent green EVERY DAY’S A HOLIDAY (1937) von A. Edward Sutherland vorstellen, mit Mae West als Trickbetrügerin, Louis Armstrong als er selbst, und fünf Musketieren.

dezember 2017, living archive

Filmmakers' Choice am 21.12.

Auch in diesem Jahr präsentiert Kurzfilmexpertin Maike Mia Höhne am kürzesten Tag ein Kurzfilmprogramm. Wenn Meerjungfrauen die Nacht umkreisen und Träume dichter werden: 21.12. Le jour le plus court. Wintersonnenwende. Internationaler Kurzfilmtag. Feier der kurzen Form – hier und weltweit. Heute noch steht die Nacht über dem Tag. In drei Tagen ist Weiße Weihnacht (WHITE CHRISTMAS, Harun Farocki, 1968). Manchmal wünsche ich mir eine Wichtelfamilie ans Bett – Gott (THE VOICE OF GOD, Bernd Lützeler, 2012) klopft an die Tür. Dreiklang im Ohr. Das Wunder (LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER, 1968) führt durch die Nacht, die von Meerjungfrauen (THE NATURAL LIFE OF MERMAIDS, Isabell Spengler, 2004) erzählt. Der Dschungel übernimmt die Regie – wirft Licht (LIGHTS, Mary Menken, 1964) auf Schatten (SCHATTENFILM – DIE FRAU MIT DEN ZWEI KÖPFEN, Shuji Terayama, 1977). Am Ende des Abends ist eine ephemere Skulptur entstanden, ein imaginäres Gespräch zwischen Vorstellungen und längst Vergangenem.

oktober 2017, living archive

Filmmakers' Choice – Irrfahrt und kosmische Resonanz

Am 16. Oktober wiederholen wir das Lucile Desamory kuratierte Programm aus dem Juni, das aufgrund technischer Probleme ausfallen musste. In LA CABALE DES OURSINS (Frankreich 1992) stellt Luc Moullet Bergbauhalden neben Vulkane und Pyramiden. Als pataphysischer Kartograf entwirft er ein Brachland der geheimen Pfade seiner Kindheitserinnerungen. Die Ansichten verschieben sich, was als historisches Monument, große Naturlandschaft oder Industriemüll gilt. Mein Interesse gilt dem Moment, in dem diese Verschiebung passiert, dem "Dazwischen" und seinen emo-tionalen Auswirkungen. CORPUS CALLOSUM (Michael Snow, Kanada 2001) verbindet einen Realismus der normalen Metamorphose in glaubwürdigen, "realen" Innenräumen mit "unmöglichen" Formveränderungen. In beiden Filmen ist die Verschiebung ein physischer Ort, ein Riss: der Ort der Verzückung. Beide Filme führen die Zuschauer*innen zum Gleichgewichtspunkt wechselnder Wahrnehmungsmodi.

oktober 2017, living archive

Öffentliche Sichtung

In regelmäßigen Abstände zeigen wir Filme aus unserer Sammlung im Rahmen öffentlicher Sichtungen. Am 12. Oktober findet die nächste solche Sichtung statt.

Die mit dem inoffiziellen Berufsverbot belegte ungarische Regisseurin Judit Elek konnte Anfang der 70er Jahre aufgrund eines Drehbuchs zu den Schauprozessen gegen die ungarischen Jakobiner acht Jahre lang keine Spielfilme drehen. In dieser Zeit entstand mit ISTENMEZEJEN, EIN UNGARISCHES DORF (Ungarn 1974) und EINFACHE GESCHICHTE (Ungarn 1975) ein beeindruckendes dokumentarisches Porträt zweier Mädchen, Ilonka und Marika, die sich zwischen Feldarbeit und Schule, Ehe und Umzug in die Stadt entscheiden müssen, ohne das wirklich entscheiden zu können. Die zweiteilige Langzeitbeobachtung Eleks entstand in einem kleinen Dorf im Nordosten Ungarns, wo Männer und Jungen in einem Bergwerk arbeiten und junge Mädchen mit 15 Jahren heiraten. Nicht einmal Vögel schaffen es, von hier wegzufliegen, sondern werden immer wieder eingefangen, wie die Eröffnungsszene des zweiten Teils zeigt.