januar 2017, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, 
das Archiv und die Differenz

Die Vorlesung von Sabine Nessel fragt nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung. Der begonnene Zyklus mit feministischen Positionen wird mit zwei Filmen aus den 70er Jahren fortgesetzt, die jeweils in restaurierter Fassung im Digitalformat DCP zu sehen sein werden: Chantal Akermans kinematografisches Opus magnum über die Alltagsverrichtungen der titelgebenden Figur JEANNE DIELMAN, 23 QUAI DU COMMERCE, 1080 BRUXELLES (Belgien/F 1975, 3.1.) und RIDDLES OF THE SPHINX (Laura Mulvey, Peter Wollen, GB 1977, 10.1.), in dem Laura Mulvey, Autorin eines Gründungstextes der feministisch-psychoanalytischen Filmtheorie, nicht nur theorielesend ins Bild gesetzt ist, sondern auch Co-Regie führt. In MEIN LEBEN TEIL 2 (Angelika Levi, D 2003, 17.1.) geht es anhand von Gegenständen, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen darum, was in der Familie der Filmemacherin (nicht) erzählt wurde und wie "auf Makro- und Mikroebenen Geschichte dauernd produziert, archiviert, in Diskurs gebracht und eingeordnet wird" (Angelika Levi). Im letzten Abschnitt widmet sich die Vorlesung der Relevanz des Archivs mit Bezug auf die anthropologische Differenz, wodurch sich zeigt, dass in der Geschichte einer Filminstitution wie dem Arsenal auch Tiere vorkommen und eine Rolle spielen. Das Bild vom großen Menschenaffen auf dem Empire State Building aus KING KONG (Merian C. Cooper, Ernest B. Schoedsack, USA 1933, 24.1.) ist kulturhistorisch legendär, führt aber auch in die Archive des Production Designs der 30er Jahre und zu den Performances der Gorilla Men in Hollywood, welche die zumeist aufwendig gestalteten Affenkostüme belebten. BESTIAIRE (Denis Côté, Kanada/F 2012, 31.1.) ist eine präzise, dialoglose kinematografische Studie über unterschiedliche Schau- und Höranordnungen, in denen Tiere gezeigt und von Menschen wahrgenommen werden.

Die Vorlesungsreihe läuft immer Dienstags noch bis Februar 2017 und ist für alle Interessierten offen.

januar 2017, living archive

Öffentliche Sichtung – 
Das Harun Farocki Institut präsentiert

Ingemo Engströms Abschlussfilm DARK SPRING (BRD 1970) entstand an der Hochschule für Fernsehen und Film München, an der sie ab 1967 studierte. Nach der Premiere auf dem Festival in Mannheim schrieb Uwe Nettelbeck in der Filmkritik: "Filme wie DARK SPRING […] übersetzen sich nicht in die Sprache derer, denen zu solchen Filmen sofort alles einfällt […] DARK SPRING ist darüber hinaus der Film einer Frau und ein Frauenfilm, in dem Frauen etwas sagen, vor allem: wie sie es sehen." Harun Farocki sah den Film 1971 bei der Hamburger Filmschau. In den darauffolgenden Jahren arbeitete er eng mit Engström zusammen. Gemeinsam drehten die beiden 1975 den Film "Erzählen".

Wir kennen DARK SPRING noch nicht, deshalb wollen wir ihn in einer öffentlichen Sichtung am 7. Januar zeigen.

dezember 2016, living archive

Vaginal Davis präsentiert Rising Stars, Falling Stars: Sweet 16 mm Never Been Kissed

Am 22. Dezember präsentiert Vaginal Davis zum letzten Mal in diesem Jahr ihre Serie in der Kuppelhalle des silent green im Wedding. Regelmäßig wählt sie aus den 16-mm-Kopien unserer Sammlung Schätze aus, die durch ihre Einführung, musikalisch begleitet von Daniel Hendrickson, eine besondere Kontextualisierung erfahren. Für die Weihnachtsausgabe entschied sie sich für die Marx Brothers: Der Film MONKEY BUSINESS (Norman Z. McLeod, USA 1931) aus der amerikanischen Pre-Code-Ära erzählt eine Einwanderungsgeschichte in die USA: Groucho, Chico, Harpo und Zeppo versuchen als blinde Passagiere aus Europa dorthin zu gelangen. Groucho über das Living Archive: "Das einzige, was ich über die Filme der Marx Brothers sagen kann, ist, dass es keine neuen geben wird."

dezember 2016, living archive

Filmmakers' Choice im Dezember

Wie gehabt präsentiert Maike Mia Höhne am kürzesten Tag des Jahres, dem 21.12., ein Kurzfilmprogramm in unserer Reihe Filmmakers' Choice.

"It's only the gesture, that truly holds the power." (Iman Issa) Welche Aufladung erfahren Orte, Plätze und Situationen, die geprägt sind von einem postkolonialen Verhältnis? Die Zugehörigkeit der Frauen zu einem gemeinsamen Denkraum erklärt sich weniger über die spezifische Nationalität als vielmehr über das Erbe eines gemeinsamen Sprach- und Kulturraumes. Die gemeinsam erfahrenen kolonialen Traumatisierungen spiegeln sich in den Arbeiten wider. Relokalisierung und Aneignung von Geschichte geschehen durch unterschiedlichste künstlerische Strategien und Verfahren: Reenactment, Found Footage, Tanz.

dezember 2016, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, das Archiv und die Differenz

Die Vorlesung von Sabine Nessel fragt nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung. Wir beschließen den Zyklus im Dezember mit Arsenal-Archiv-Filmen des amerikanischen Independent-Dokumentaristen Les Blank mit SPEND IT ALL (Les Blank, Skip Gerson, USA 1971, 6.12.), einer Glorie auf die Alltags-, Ess- und Musikkultur der Cajuns im Südwesten Lousianas und WERNER HERZOG EATS HIS SHOE (Les Blank, USA 1980, 6.12.), in dem Filmemacher Herzog eine verlorene Wette einlöst. Den Auftakt zu einem Schwerpunkt mit Filmen des feministischen Kinos der 70er Jahre bildet Helke Sanders DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT – REDUPERS (BRD 1978, 13.12.), der den Alltag der Pressefotografin und alleinerziehenden Mutter Edda Chiemnyjewski (Helke Sander) im West-Berlin der 70er Jahre zeigt.

Die Vorlesungsreihe läuft bis Februar 2017 und ist für alle Interessierten offen.

dezember 2016, living archive

Öffentliche Sichtung am 1. Dezemeber

Mit dieser Ausgabe der "Öffentlichen Sichtung" knüpfen wir an die vorherige an, in der wir statt einer Filmkopie in prekärem Zustand einen bereits von uns digitalisierten Film vorstellen: Nach Laura Mulveys Kurzfilm "Amy!" zeigen wir RIDDLES OF THE SPHINX, den sie 1976 gemeinsam mit Peter Wollen drehte. Mulvey und Wollen haben mit ihren theoretischen Arbeiten zum Feminismus und zur Semiologie des Films die Filmtheorie nachhaltig beeinflusst. Ihre Arbeit war zugleich Teil einer sozialen Bewegung, die im Zeitkolorit der 70er Jahre eine neue gesellschaftliche Praxis anvisierte. "Was sich aus heutiger Perspektive in RIDDLES OF THE SPHINX findet, ist weniger der Versuch einer Zerstörung der Codes des klassischen Hollywood-Kinos, wie er von den Autoren intendiert war, als eine Fortsetzung der Kritik an diesem Kino mit filmischen Mitteln." (Winfried Pauleit)

november 2016, living archive

Öffentliche Sichtung im November

Im Rahmen dieser Reihe stellen wir Archivkopien in prekärem Zustand vor. Die anschließende Diskussion widmet sich den Entscheidungsprozessen bei der Auswahl von Filmen, die gerettet oder erneuert werden sollen, sowie der eigentlichen Bedeutung des Begriffs "Filmrettung".

In der nächsten Veranstaltung am 11.11. stehen drei Filme im Zentrum, die sich zwischen Avantgarde, Underground und feministischem Kino verorten lassen. Andrew Norens WIND VARIATIONS (1968), eine Meditation über das Licht, erzeugt durch einen im Wind wehenden Vorhang in Manhattan, war 1972 bei der Documenta 5 zu sehen. CHUMLUM (Ron Rice, 1964) entstand während der Arbeit an "Normal Love" von Jack Smith: Überblendungen versetzen eine Drehpause in ein Spiel mit Farbe und Rhythmus. AMY! (Laura Mulvey, 1980) ist eine Hommage an die britische Pilotin Amy Johnson, die 1930 als erste Frau einen Alleinflug von England nach Australien durchführte.

november 2016, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, das Archiv und die Differenz

Die Vorlesung von Sabine Nessel fragt nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung. Unter Einbeziehung von Archivtheorien und von Konzepten konkreter Filmarchive, ebenso wie beim Aufspüren von Archivpartikeln in (film)historiografischen Positionen, nimmt das Verhältnis von Filmwissenschaft, Archiv und Differenz Gestalt an. SCHWITZKASTEN (John Cook, Österreich 1978, 1.11.) zeigt Stationen aus dem Alltag eines Wiener Arbeiters. Die Darsteller, allesamt Laien, entstammen dem Milieu, das sie spielen. René Allios Film MOI, PIERRE RIVIÈRE, AYANT ÉGORGÉ MA MÈRE, MA SOEUR ET MON FRÈRE (Frankreich 1976, 8.11.) basiert auf dem von Michel Foucault herausgegebenen Dossier über einen legendären Mordfall der Rechtsgeschichte. Am Originalschauplatz mit Laiendarstellern inszeniert, ist der Film ein archivologisches Re-enactment des Foucaultschen Dossiers. Die Tänzerinnen Bubbles und Judy in DANCE, GIRL, DANCE (Dorothy Arzner, USA 1940, 15.11.) könnten unterschiedlicher nicht sein. In den 70er Jahren wiederentdeckt, wurde der Film als Position eines feministischen "Counter Cinema" gelesen. In DIZZY GILLESPIE (Les Blank, USA 1965, 22.11.) spricht der berühmte Trompeter über sein Verständis von Jazz. Les Blanks zumeist kollektive Arbeiten der 60er und 70er Jahre erweisen sich als ein Archiv der Musikkultur (und Esskultur!) Louisianas sowie der texanisch-mexikanischen Grenzregion. THE BLUES ACCORDIN' TO LIGHTIN' HOPKINS (USA 1968, 22.11.) zeigt die texanische Musik des Blues als eine Kultur der Straße. GOD RESPECTS US WHEN WE WORK, BUT LOVES US WHEN WE DANCE (USA 1968, 22.11.) entstand während des ersten großen "Love-in" in Los Angeles. CHULAS FRONTERAS (USA 1976, 29.11.) mit Musik von Lydia Mendoza, Flaco Jiménez, Los Alegres de Terán und DEL MERO CORAZÓN (USA 1979, 29.11.) mit Auftritten von Little Joe & La Familia und Leo Garza sind Kooperationen mit Chris Strachwitz, dem Gründer des Plattenlabels Aarhoolie Records.

Die Vorlesungsreihe, die Dienstag abends um 17 Uhr statt findet, läuft noch bis Februar und ist für alle Interessierten offen.

oktober 2016, living archive

Filmmakers' Choice im Oktober

Unter dem Titel "Agents Provocateurs: Künstler, Strategien, Objekte" findet am 31.10. der nächste Termin unserer Reihe Filmmakers' Choice statt, präsentiert von Nicolas Cilins und Frank Westermeyer. Das Programm widmet sich Strategien des Filmemachens, die Filme als experimentelle Situationen konstruieren. Die hier versammelten Künstler_innen (er-)finden Objekte und Werkzeuge, um das Reale zu testen. Neben der Kamera, dem Körper, dem Setting kann dies ein Objekt, ein fremdes Wesen oder ein auf dem Bildträger imaginierter Punkt sein. Als stumme Form oder redundantes Motiv provoziert und involviert der Agent Provocateur Künstler, Zuschauer sowie die Personen und Situationen des Films in die Konfrontation mit den Ergebnissen des filmischen Experiments.

oktober 2016, living archive

FU-Vorlesungsreihe: Die Filmwissenschaft, das Archiv und die Differenz

Die Vorlesung von Sabine Nessel (Seminar für Filmwissenschaft der FU) fragt nach der Relevanz von Archiven für die filmhistoriografische Forschung und begibt sich dafür selbst ins Archiv. Worin unterscheiden sich Filmhistoriografie und Filmarchäologie? Welche Kräfte entfaltet die Begegnung von universitärer Filmwissenschaft mit der Sammlung einer Filminstitution? Entlang der Begriffe Filmwissenschaft, Archiv und Differenz werden Filme aus dem Archiv des Arsenals je spezifisch vorgestellt.

Den Auftakt macht am 25. Oktober der Tierhorror-Klassiker JAWS (Der weiße Hai, Steven Spielberg, USA 1974) wird die anthropologische Urangst des Gefressenwerdens vor der Kulisse eines Badestrands effektvoll durchgespielt. Der Film wird als 35-mm-Kopie in der (als legendär geltenden) deutschen Synchronfassung aus dem Jahr 1975 gezeigt.

Die Vorlesungsreihe läuft bis Februar 2017 und ist für alle Interessierten offen.

oktober 2016, living archive

Öffentliche Sichtung

Living Archive: Filme leben, doch Filmkopien altern. Auch in unserer Sammlung gibt es Essigsyndrom, Rotstich und Kopienschrumpfung. In einer neuen Serie wollen wir Alterungssymptome anhand von Beispielen vorstellen und mit dem Publikum erörtern, wie die Zukunft des jeweiligen Films als Bestandteil der Sammlung aussehen könnte. Wir beginnen am 24. Oktober mit der Vorführung einer Kopie, die vom Essigsyndrom befallen ist. KRYLJA (Flügel) von Larissa Schepitko (UdSSR 1966) erzählt die Geschichte von Nadeschda, die im Krieg eine berühmte Kampfpilotin war und nun als Schuldirektorin tätig ist. Von der Gesellschaft wird sie geachtet, ihr Bild hängt im örtlichen Museum. Doch mit der jüngeren Generation gerät sie immer wieder in Konflikte.

Die Serie findet monatlich statt, ab 2017 alternierend mit Archivpräsentationen des Harun Farocki Instituts.

september 2016, living archive

Rising Stars, Falling Stars – Sweet 16mm #2

Zum zweiten Mal präsentiert Vaginal Davis gemeinsam mit Daniel Hendrickson die Serie "Rising Stars, Falling Stars – Sweet 16mm" in der Kuppelhalle des silent green im Wedding. Am 4. September stellt die Filmgeschichtsexpertin eine besondere Rarität aus dem Archiv des Arsenal vor: NOT A PRETTY PICTURE (USA 1976), einen frühen Dokumentarfilm der Hollywood-Regisseurin Martha Coolidige, der weitgehend unbekannt geblieben ist.

NOT A PRETTY PICTURE basiert auf einer Vergewaltigungserfahrung in ihrer Jugend. Sie bricht mit der dokumentarischen Form, indem sie fiktionale Szenen sowie Aufnahmen ihrer Arbeit am Film und Diskussionen mit dem Team einbaut. Dieses Verfahren führt sie bis zur vollständigen Verflechtung der Ebenen, wobei sie alle Beteiligten dicht an ihre Grenzen treibt. Der 1976 entstandene und in den 60ern angesiedelte Film widmet sich auch der Frage nach gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, was ihm bis heute besondere Relevanz verleiht.

august 2016, living archive

Rundgang im neuen Filmarchiv

Unser erster Sommer im silent green hat begonnen! 57.050,20 kg analoges Filmmaterial liegen im nagelneuen Filmarchiv. Die lichtdurchfluteten Sichtungsräume wurden mit Sonnenschutz versehen, so dass es nun möglich ist, 16- und 35-mm-Filmkopien an Schneidetischen zu sichten – um anschließend über wenige Treppenstufen in den Garten des MOOS-Restaurants zu gelangen.

Warum legen wir so viel Wert auf die Unterbringung und Zugänglichmachung von analogem Material? Gibt es mittlerweile nicht fast alles online? Das ist bei weitem nicht der Fall, im Gegenteil. Der Großteil der Filmgeschichte ist nicht digitalisiert. Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, denn das Material altert, die analoge Technik verschwindet, und mit ihr die Fähigkeit, damit zu arbeiten. Was das bedeutet, was analoges Filmmaterial eigentlich ist und wie es sich verhält, kann man bei einem Rundgang am 24.8. erfahren. Treffpunkt ist um 18 Uhr im silent green.