februar 2018, kino arsenal

13. Forum Expanded
 – A Mechanism Capable of Changing Itself

In einer Notiz aus dem Jahr 1947 schreibt die Pionierin des Avantgarde-Kinos Maya Deren: "Marxismus – einzige politische Theorie, die einen Mechanismus entwickelt, der sich selbst verändern kann – wie im Konzept des absterbenden Staats." Mit diesem Zitat beginnt die Medienwissenschaftlerin Ute Holl einen Aufsatz zur Theorie der Filmpoetin und deren Entwurf eines Kinos, das "nachhaltig in die sinnlichen und sozialen Verhältnisse aller interveniert, die an dieser laufenden Kommunikation teilhaben." Der dem Text entlehnte Programmtitel "A Mechanism Capable of Changing Itself" verweist auf die vielfältigen Handlungsmöglichkeiten des Kinematografischen, die besonders im Formenreichtum dokumentarischer Arbeiten ihren Ausdruck finden.

februar 2018, kino arsenal

48. Forum

In zwei Filmen des diesjährigen Programms verleihen Regisseurinnen Videomaterial, das sie während politischer Umbrüche drehten, neue Bedeutsamkeit: Kristina Konrad sammelte Ende der 80er Jahre auf den Straßen Uruguays Stimmen zu einem Volksentscheid über ein Amnestiegesetz, das Straffreiheit für die Verantwortlichen der Militärdiktatur garantierte. UNAS PREGUNTAS (One or Two Questions) betrachtet einen demokratischen Prozess unter dem Brennglas. Zur gleichen Zeit sorgte die Affäre um die NS-Vergangenheit des ehemaligen UN-Generalsekretärs und Bundespräsidenten von Österreich, Kurt Waldheim, weltweit für Aufsehen. Ruth Beckermann montiert mit WALDHEIMS WALZER einen dokumentarischen Essay von erschreckender Aktualität.

februar 2018, kino arsenal

Werkschau Ula Stöckl

"'Das Private ist politisch' ist ein Schlüssel zur Filmkunst, mit dem ich die Machtstrukturen bis in die intimsten Beziehungen hinein aufzeigen kann." (Ula Stöckl)

Wie ein roter Faden zieht sich dieser Gedanke nicht nur durch Ula Stöckls filmisches Œuvre, er grundiert gleichermaßen ihre umfassende kuratorische Tätigkeit in zahlreichen internationalen Auswahlgremien wie ihre bis heute andauernde Lehrtätigkeit als Regie-Professorin in den USA. Und er reicht bis in die frühen 60er Jahre zurück, als sie begann, als eine der wenigen Frauen in der Bundesrepublik Filme zu drehen. Anfang der 60er Jahre stand für Ula Stöckl fest, dass sie als Drehbuchautorin arbeiten wollte. Sie bewarb sich an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und wurde als erste Frau am Institut für Filmgestaltung aufgenommen. Alexander Kluge, der zusammen mit Edgar Reitz die Abteilung Film aufbaute, fragte sie damals, ob sie sich vorstellen könne, als Filmemacherin Alleinverantwortung für ihr Werk zu übernehmen. Das sei etwas völlig Neues, man wolle an die Autorenposition aus der Frühzeit des Films anknüpfen. Ihren ersten Kurzfilm drehte Ula Stöckl mit einer stummen 35-mm-Arri-Kamera gleich in den Festungsanlagen neben der Hochschule: ANTIGONE (1964), das klassische Epos, in sieben Minuten, auf reine Handlungsmomente reduziert. Ihr Langfilmdebüt NEUN LEBEN HAT DIE KATZE (1968) gilt als der erste feministische Film der Bundesrepublik und avancierte zu einem Kultfilm der 60er Jahre.

februar 2018, kino arsenal

Tribute to István Szabó

Regisseur von Weltrang, Autorenfilmer, Bildgeber großer Geschichtstopografien wie intensiver Seelenlandschaften: István Szabó (*1938) hat als wohl berühmtester Regisseur Ungarns mit seinen an die 40 Filmen, darunter APA (Vater, 1966), MEPHISTO (1981), ÉDES EMMA, DRÁGA BÖBE (Liebe Emma, süße Böbe, 1991) und seiner jüngsten Arbeit THE DOOR (2012) die Kinematografie seines Landes wie auch das europäische bzw. internationale Kino geprägt – in erster Linie als singuläre künstlerische Stimme, aber immer wieder auch als genauer Beobachter und Kommentator filmkultureller, -ästhetischer und -politischer Entwicklungen und nicht zuletzt als Lehrender. Seinen Filmen – erste Kurzfilme entstanden Ende der 50er Jahre – eignet ein so präziser wie sensibler Blick auf die Protagonist*innen in politischen und gesellschaftlichen Momenten des Umbruchs, es sind kritische, einfühlsame Auslotungen von Auswirkungen historischer Zäsuren der europäischen Geschichte der letzten 100 Jahre auf den einzelnen Menschen. Dabei weisen Szabós Filme immer auch über den punktuellen Moment hinaus, spiegeln die menschlichen, moralischen, persönlichen Kristallisationspunkte – Spannungsfelder zwischen Macht und Widerstand, Identität und Anpassung, Kunst und Politik – in die Gegenwart. Quasi als Auftakt einer Reihe von internationalen Programmen und Retrospektiven um den bevorstehenden Geburtstag Szabós zeigen wir sechs Filme seines nuancenreichen Œuvres zwischen konzentriertem Kammerspiel und aufwendiger Großproduktion mit Starbesetzung. Wir freuen uns sehr, István Szabó am 2. und 3. Februar im Arsenal begrüßen zu dürfen.