Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. > distribution > news
Mai 2016, distribution news

"Hotline"

von Silvina Landsmann

Rund um die Uhr sind die Frauen der Hotline für Flüchtlinge und Migranten in Tel Aviv im Einsatz. Sie kümmern sich um die Rechte von Menschen ohne Papiere, geben juristischen Rat, übernehmen Behördengänge und machen Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache. Die Kamera wirft uns mitten ins Geschehen. Vor einer aufgebrachten Menschenmenge setzt sich eine Aktivistin für den Aufenthalt von Flüchtlingen aus dem Sudan und Eritrea ein, die auf dem Sinai von ägyptischen Menschenhändlern verschleppt wurden und nun in Israel gestrandet sind.

Sie trifft auf vehemente Abwehr, wird beschimpft und fast tätlich angegriffen. Aber die Organisation muss nicht nur gegen eine fremdenfeindliche Stimmung antreten, sondern auch gegen eine Gesetzgebung, die jeden illegalen Grenzübertritt als Verbrechen ahndet. Die Flüchtlingsgefängnisse in der Nähe der ägyptischen Grenze werden ständig ausgebaut. Zutritt erhält die Regisseurin nicht. Silvina Landsmann nimmt den Zuschauer mit zu den verschiedenen Schauplätzen – Ämter, Gerichte, die Knesset – und montiert ihr Material so, dass deutlich wird, woraus der Kampf um Menschenrechte besteht: Reden, mobilisieren, dokumentieren, überzeugen. (Anke Leweke, Forumskatalog)

Die Regisseurin über ihren Film:
Asylsuche und Asylhilfe in Israel

Ich habe im September 2012 mit den Dreharbeiten zu HOTLINE begonnen, ein paar Monate nach Inkrafttreten der dritten Neuauflage des sogenannten ‚Law on the Prevention of Infiltration‘, des Gesetzes zur Verhinderung der Infiltration. Auf Grundlage dieses Gesetzes wurden in Israel Asylsuchende für mindestens drei Jahre inhaftiert.
Für meinen Film habe ich die Mitarbeiter der Organisation "Hotline for Refugees and Migrant Workers" bei ihrer täglichen Arbeit begleitet: Die jungen Frauen klären die Asylsuchenden über ihre Rechte auf, die Anwälte kämpfen dafür, die Asylsuchenden aus dem Gefängnis zu holen, die Politikreferentin arbeitet im Parlamentsausschuss für Innere Angelegenheiten und so weiter.
HOTLINE ist ein Live-Porträt dieser Organisation, eine Momentaufnahme. Ein paar Monate nach den Dreharbeiten beschloss der israelische Oberste Gerichtshof, dass die dritte Novelle des Gesetzes verfassungswidrig sei und gekippt werden müsse: Die administrative Verzögerung bei der Klärung des Status der Asylsuchenden verletze das israelische Grundrecht auf Menschenwürde und Freiheit. Daraufhin novellierte die Regierung ein viertes Mal das Anti-Infiltrationsgesetz: Asylsuchende in Israel kamen nun für ein Jahre hinter Gitter. Anschließend wurden sie in ein sogenanntes ‚offenes Wohnzentrum‘ namens ‚Holot‘ (deutsch: Sand) gebracht, das direkt gegenüber dem Gefängnis, an der Grenze zu Ägypten, liegt.
Das Oberste Gericht hat auch die vierte Novelle des Gesetzes für verfassungswidrig erklärt und die Schließung von ‚Holot‘ innerhalb von neunzig Tagen angeordnet. Die israelische Asylpolitik dürfe sich nicht auf die Masseninternierung von unschuldigen Menschen beschränken. Anschließend erließ die Knesset eine fünfte Auflage des Anti-Infiltrationsgesetzes. Die "Hotline for Refugees and Migrant Workers" hat gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen erneut eine Petition zur Aufhebung des Gesetzes beim Obersten Gerichtshof eingereicht. Über diese Petition ist noch nicht entschieden – ein Ende der Arbeit der Hotline ist nicht in Sicht.

Informationen zur aktuellen Asylpolitik in Israel

Silvina Landsmann, geb. 1965 in Buenos Aires, Argentinien, übersiedelte sie 1976 mit ihrer Familie nach Israel. Nach einem Filmstudium an der Tel Aviv University lebte sie zehn Jahre lang in Paris, wo ihr erster Film "Collège" (1997) entstand. Nach ihrer Rückkehr nach Israel gründete sie die Produktionsfirma Comino Films. Neben ihrer Tätigkeit als Regisseurin unterrichtet sie Dokumentarfilm an der Kinemathek von Tel Avi. Filme: 1997: Collège (133 Min.). 2004: Machleket Yoldot/Post Partum (66 Min.). 2007: Avo Ba-Mechilot/Unto Thy Land (60 Min.). 2012: Bagrut Lochamim/Soldier/Citizen (Berlinale Forum 2012, 68 Min.). 2015: Hotline.

HOTLINE
Land/Jahr: Israel 2015; Format: DCP, Farbe, 1:1,78 (16:9). Länge: 100 Min. Sprachen: Hebräisch, Englisch, Französisch; Sprachfassung: OmdU. Buch, Regie und Kamera: Silvina Landsmann. Ton: Guy Barkay. Sound Design: Yoss Apelbaum. Schnitt: Silvina Landsmann, Gil Schnaiderovich. Produzent/innen: Silvina Landsmann, Pierre-Olivier Bardet. Produktionsfirmen: Comino Films (Tel Aviv, Israel); Idéale Audience (Paris, Frankreich). Uraufführung: 7. Februar 2015, Berlinale Forum.