Berlinale Forum

Das Berlinale Forum, mit vollem Namen Internationales Forum des Jungen Films, ist eine Veranstaltung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin.
Es gilt als die risikofreudigste Sektion des Berlinale-Programms und steht für neue Strömungen des Weltkinos und innovative Erzählformen. Avantgarde, Experiment, Essay, Langzeitbeobachtungen, politische Reportagen und noch unbekannte Kinematografien – im Forum begegnet sich alles, was neue und unkonventionelle Wege geht und jenseits des Mainstreams liegt.
Forum Expanded erweitert das Programm seit 2006 um Videokunst sowie installative und performative Arbeiten im Kino und im Ausstellungsraum.

Das Forum setzt einen Schwerpunkt auf junge FilmemacherInnen. Doch neben den Debütfilmen vielversprechender Regietalente finden sich auch Arbeiten bereits bekannter FilmemacherInnen im Programm, die durch eine besondere Handschrift überzeugen. Weitere Markenzeichen des Forums sind die mittlerweile legendären, leidenschaftlichen Diskussionen zwischen Publikum und FilmemacherInnen sowie der umfangreiche Katalog mit Hintergrundinformationen, Interviews und Kritiken zu jedem Film.
Dass das Forum eine große Zahl der ausgewählten Filme deutsch oder englisch untertitelt, um sie später in den hauseigenen Verleih arsenal distribution zu übernehmen und somit auch nach dem Festival der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen zu können, unterscheidet es von anderen Festivals. Die einzigartige Struktur des Arsenal – Institut für Film und Videokunst bietet mit dem Verbund von Kino, Verleih und Festival ideale Möglichkeiten zur nachhaltigen Arbeit mit den Filmen des Forums.

Leiter des Forums ist seit 2001 Christoph Terhechte, nachdem zuvor Ulrich und Erika Gregor das Forum 30 Jahre lang geleitet hatten. Das Auswahlkomitee besteht aus Anna Hoffmann, Hanna Keller, Birgit Kohler, James Lattimer, Anke Leweke, Stefanie Schulte Strathaus, Christoph Terhechte, Ansgar Vogt, Dorothee Wenner.

Zwischen Barrikade und Elfenbeinturm

Das Profil des Forum-Programms mit dem politischen und avantgardistischen Anspruch liegt in seinen Anfängen begründet. Als Ende der 60er Jahre die politischen Debatten immer weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassten, gründeten Erika und Ulrich Gregor mit dem seit 1963 bestehenden Verein Freunde der Deutschen Kinemathek (seit 2008: Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.) das Internationale Forum des Jungen Films.
Die Gründung des Forums geht zurück auf die Krise der Berliner Filmfestspiele im Jahr 1970, als Auseinandersetzungen um die Aufführung von Michael Verhoevens filmischer Vietnamkriegsparabel O.K. zum Abbruch des Festivals führten.
Schon im Juli 1969 hatten die Freunde der Deutschen Kinemathek auf die Schwächen des offiziellen Festivals mit einem „Ergänzungsprogramm“ in der Akademie der Künste reagiert. Im Jahr darauf zog das „Undergroundfestival“, wie es in der Berliner Presse hieß, in das kurz zuvor eröffnete Kino Arsenal um, wo „aus Anlass der Berliner Filmfestspiele“ unter anderem die erste Fassbinder-Retrospektive überhaupt stattfand. Das Programm war so erfolgreich, dass die Freunde der Deutschen Kinemathek Ende 1970 den Auftrag erhielten, das Internationale Forum des Jungen Films als „gleichberechtigte Parallelveranstaltung“ neben dem Wettbewerb auszurichten.
Das 1. Forum fand in eigener Trägerschaft, angegliedert an die Berlinale, im Juli 1971 statt und profilierte sich gegenüber dem Wettbewerb durch ein anderes Filmverständnis sowie durch eigene Kriterien der Auswahl und der Präsentation von Filmen. Das Forum stellte „Filme in den Mittelpunkt, die den Entwicklungsprozess des Filmmediums vorantreiben und neue gesellschaftliche Funktionen des Films sichtbar machen“. Jenseits von Stars und Glamour sollte das Kino verstärkt ein Ort der politischen Diskussion und des kulturellen Austauschs sein.

ForumFilmGeschichte

Seitdem hat das Forum Filmgeschichte geschrieben. Zahlreiche RegisseurInnen, die später große internationale Anerkennung erlangten, erhielten hier mit ihren Debütfilmen erstmals eine Plattform. Jacques Rivette, dessen 4 1/2-stündiger Film OUT ONE SPECTRE 1973 als Weltpremiere im Forum zu sehen war, gehört zur großen Zahl außergewöhnlicher Filmemacher, deren frühe Werke das Forum zeigte und damit nicht selten zum internationalen Durchbruch verhalf. Auch Chantal Akerman, Theo Angelopoulos, Jim Jarmusch, Béla Tarr, Aki Kaurismäki, Ken Loach, Nagisa Oshima, Yilmaz Güney, Atom Egoyan, Michael Snow, Manoel de Oliveira, Yvonne Rainer, Andrej Tarkowskij, Derek Jarman, Raoúl Ruiz, Ousmane Sembène, Wong Kar-wei, Helke Sander, Margarethe von Trotta, Peter Greenaway, Avi Mograbi, Claire Denis, die Brüder Dardenne u.v.a.m. waren mit frühen Arbeiten im Forum vertreten.
Zu den jüngeren Entdeckungen des Forums gehören unterschiedliche FilmemacherInnen wie Sharon Lockhart, Nuri Bilge Ceylan, David Gordon Green und Jia Zhang-ke. Und den Filmen von Angela Schanelec, Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler und Henner Winckler bot das Forum eine Bühne, lange bevor von der „Berliner Schule“ die Rede war.
Einerseits ein Labor für das Kino der Zukunft, erweist das Forum andererseits immer wieder auch der Filmgeschichte seine Reverenz, so zum Beispiel mit der Wiederaufführung restaurierter Kopien aus früheren Forums-Programmen und darüber hinaus.
Im Forum wurde und wird das Kino als künstlerische Ausdrucksform verteidigt. Stets hat das Forum auf Neues, Ungewohntes und auch Sperriges gesetzt, ganz gleich ob es darum ging, das Kino als Experimentierfeld zu behaupten oder das Interesse für noch unbekannte Kinematografien zu wecken.
Nachdem das Forum in den 70er und 80er Jahren Akzente setzte auf das europäische bzw. osteuropäische Kino sowie die US-Independents, den internationalen Avantgardefilm und auf Lateinamerika (Brasilien, Argentinien, Venezuela), folgte in den späten 80er und den 90er Jahren bis heute verstärkt die Entdeckung des unabhängigen Kinos aus Asien (Hongkong, Indien, Vietnam, Taiwan, Thailand, Japan, Korea, Philippinen).
Nach wie vor gilt das besondere Augenmerk des Forums den unbekannteren Regionen auf der Landkarte des Weltkinos. Einen ausführlichen Einblick in die ForumFilmGeschichte bieten folgende Jubiläums-Publikationen: „Zwischen Barrikade und Elfenbeinturm – Zur Geschichte des unabhängigen Kinos: 30 Jahre Internationales Forum des Jungen Films“ (2000) und „Dialoge mit Filmen – 4 Jahrzehnte Forum“ (2010, inklusive DVD).

Filmpreise

Offizielle Preise werden im Forum nicht vergeben. In den Anfangsjahren stand dahinter die explizite Absicht, sich vom kompetitiven Charakter des Wettbewerbs abzugrenzen. Mittlerweile vergeben jedoch mehrere unabhängige Jurys Preise im Rahmen des Forums.
Der Caligari-Filmpreis, gestiftet vom „Bundesverband kommunale Filmarbeit“ und der Zeitschrift „film-dienst“, wird seit 1986 verliehen an einen stilistisch und thematisch innovativen Film aus dem Forums-Programm. Der erste Preisträger im Jahr 1986 war Claude Lanzmann mit seinem Film SHOAH, ein herausragendes Ereignis in der Geschichte des Forums. Mit dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet wurden u.a. auch Béla Tarr für SÁTÁNTÁNGO (1994), Néjia Ben Mabrouk aus Tunesien für SAMA (1989), Alan Berliner für NOBODY’S BUSINESS (1997), Anja Salomonowitz für KURZ DAVOR IST ES PASSIERT (2007) und Brillante Mendoza für TIRADOR (2008).
Eine kleine Geschichte des Forums erzählen auch die Gewinner des von 1990 bis 2006 in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) verliehenen Wolfgang-Staudte-Preises für einen ersten oder zweiten Film aus dem Hauptprogramm des Forums, darunter Titel wie S.E.R. von Sergej Bodrow, XIAO WU von Jia Zhang-ke (1998), WESH WESH, QU-EST-CE QUI SE PASSE? von Rabah Ameur-Zaïmeche (2002) und RENGETEG (Forest) von Benedek Fliegauf (2003).
Der Wolfgang-Staudte-Preis ging auf in dem seit 2007 sektionsübergreifend von der GWFF gestifteten Preis „Bester Erstlingsfilm“, der die entsprechenden Filme des Forums einbezieht. Preisträger im Jahr 2008 war der japanische Forums-Film ASYL – PARK AND LOVE HOTEL von Kumasaka Izuru.
Außerdem geht je einer der jeweils von der FIPRESCI-Jury und der Ökumenischen Jury vergebenen Preise an einen Film des Forums. Und seit 2007 beruft der „Tagesspiegel“ eine Leserjury, die den „besten“ Film des Forums auszeichnet.

Forum Expanded

Der Grenzbereich von Kunst und Kino sowie Experimentelles aller Art hat schon seit jeher traditionell seinen Platz im Forum, doch das 2006 im Arsenal und im KW Institute for Contemporary Art ins Leben gerufene Forum Expanded reagiert auf neue filmische Formate, die das Kino herausfordern.
Es verlässt bisweilen den Kinoraum, besetzt das Foyer, bewegt sich auf die Straße, in Galerien, Museen, Ateliers, auf Theaterbühnen. An all diesen Orten entstehen neue Perspektiven auf das Kino.
Das Programm von Forum Expanded verbindet das Forum und die gesamte Berlinale mit anderen Bereichen der Kunst, die sich innovativ mit Fragen des Kinos befassen. Die künstlerischen Ausdrucksformen können Zeichnung, Fotografie, Installation, Musik, Performance, Experimentalfilm oder Videokunst sein.
Forum Expanded hat seit seinem Bestehen zu wechselnden Schwerpunkten und an verschiedenen Orten Berlins stattgefunden und damit eine Kartografie erstellt, die die wechselseitige Faszination von Kunst und Kino in seiner gesamten Breite zu erfassen vermag.
Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen Themen und Blicke in die Geschichte des Experimental- und Undergroundfilms sind elementare Bestandteile des Programms.
Angeregt durch die Künstlerin Meggie Schneider, die zuvor drei Jahre lang zur Berlinale das Atrium des Filmhauses zur Rauminstalltion umwandelte, werden seit 2007 jährlich wechselnde Einzelpersonen und Projektgruppen eingeladen, das Atrium zu gestalten und die Bar zu betreiben. Immer dabei ist b_books mit einem Bücherstand.