Kino Arsenal

Das Programm der Kinos Arsenal 1 & 2 bildet die kontinuierliche Schnittstelle des Arsenal – Institut für Film und Videokunst zur Öffentlichkeit. Hier fließen viele der Aktivitäten aus allen Bereichen des Hauses in ein Programm, das Monat für Monat die Vielfalt der internationalen Filmkultur präsentiert, die dynamische Veränderung des Kinos begleitet, die Verschiebungen in der Betrachtung der Filmgeschichte nachzeichnet, den Bogen zwischen zeitgenössischem Filmschaffen und Filmgeschichte schlägt, Kino und Kommunikation miteinander verbindet und die lebendige Auseinandersetzung mit Filmen, FilmemacherInnen, FilmwissenschaftlerInnen, KuratorInnen, KünstlerInnen und nicht zuletzt mit dem Publikum pflegt und befördert.

Die Anfänge

Nach sechseinhalb Jahren regelmäßiger Film- und Diskussionsveranstaltungen an verschiedenen Orten Berlins eröffneten die Freunde der deutschen Kinemathek e.V. am 3. Januar 1970 ihr „eigenes“ Kino: Aus den ehemaligen „Bayreuther Lichtspielen“ in der Welserstr. 25 wurde das Kino Arsenal – benannt nach dem gleichnamigen sowjetischen Stummfilm (1928) von Alexander Dowshenko und als Reverenz an den politisch-kämpferischen Unterton des Begriffs „Arsenal“.

172 Sitzplätze, ein Kohleofen (!) und vom ersten Tag an ein Kinoprogramm, welches sich in Konzeption und Präsentationsform grundsätzlich von dem anderer bundesrepublikanischer Kinos der damaligen Zeit unterschied.
Das Arsenal-Programm orientierte sich an den filmhistorischen Programmen der großen Kinematheken in Paris, Brüssel oder London, legte aber gleichzeitig größten Wert auf einen hohen Anteil an zeitgenössischen, unabhängigen oder politischen Filmen, Filmen von Frauen und experimentellen Arbeiten. Der Prototyp einer Spielstelle mit alternativem Programmcharakter in Deutschland war entstanden und wurde bald zum Vorbild für die in den Folgejahren an vielen Orten entstehenden sogenannten Kommunalen Kinos.

Umfangreiches Programm, neue Räume

D.W. Griffith und Andy Warhol, Paul Leni und R.W. Fassbinder, Eisenstein und DEFA, Cinema Novo und japanisches Kino der 60er Jahre, Avantgarde und dokumentarische Arbeiten – schon die ersten Monate und Jahre etablierten die immense Bandbreite des Programms.
Schwerpunkte zeichneten sich ab: politisches Kino, der feministische Film, die filmische Avantgarde (ein vom Arsenal weit gefasster Begriff) und immer wieder der Blick zum osteuropäischen Kino sowie auf die weißen Flecken der Filmlandschaft: Filme aus Lateinamerika, Afrika und Asien – Weltkino, lange bevor der Begriff Einzug in den Sprachgebrauch der Filmbranche hielt.
Ab Mitte der 70er Jahre trat die Vermittlungs- und Bildungsarbeit weiter in den Vordergrund: Dazu gehörten jährlich stattfindende mehrtägige Seminarveranstaltungen im Kino, angefangen 1973 mit dem legendären 1. Frauenfilm-Seminar. In späteren Jahren folgten Seminare zum Thema „Avantgardefilm“, „Film als Spiegel der Gesellschaft“, „Kritik des politischen Films“ oder „Atomenergie im Film“ u.v.a.
1978 wurde ein kleines Ladengeschäft unmittelbar neben dem Arsenal angemietet, um hier –  umgebaut zum Arsenal 2 mit fliegender 16mm-Projektion – einen festen, wöchentlichen Platz für die Vorführung von Experimental- und Videofilmen mit anschließenden Diskussionen zu etablieren, aber auch Platz für Ausstellungen und Sichtungen zu schaffen.

Grundlagenarbeit und Großprojekte

Das Arsenal wurde zu einer der wichtigsten kulturellen Adressen in Berlin, sein Programm national wie international beachtet. Quer durch die Formate (z.B. Tage des 8mm-Films), Epochen (Jiddisches Kino), Länder (z.B. Usbekistan, China, Schweden, Japan, Taiwan, Argentinien), Genres (z.B. Computerfilm-Festival im Februar 1980!), oft aktuelle politische Themen oder Daten (Chile) aufgreifend, leistete das Kino eine kontinuierliche filmkulturelle Arbeit.
Die Anzahl der Retrospektiven zu einzelnen Personen deckte weite Bereiche der Filmgeschichte, des zeitgenössischen Films, des Videoaktivismus und des experimentellen Kinos ab. Oft entstanden innerhalb eines Monats die überraschendsten Kombinationen, wie z.B. im Mai 1987, als eine Präsentation des Lenfilm-Studios neben Retrospektiven zu Billy Wilder, Buster Keaton, Lina Wertmüller und Warren Sonbert lief.

Neben dieser „Grundlagenarbeit“ beteiligte sich das Arsenal seit Anfang der 80er Jahre an spartenübergreifenden Kultur-Großprojekten Berlins mit großangelegten Filmprogrammen, die sich über mehrere Monate erstreckten, Diskussionen anregten und Maßstäbe setzten.
In diesem Zusammenhang sind pars pro toto zu erwähnen: Monat des lateinamerikanischen Films (Mai/Juni 1982), Filmretrospektive Kanada (148 kanadische Filme, Januar 1983), 3. Horizonte Festival mit einer Präsentation von 90 Filmen aus asiatischen Ländern (Juni 1985), Bismarck – Preußen, Deutschland und Europa (August–November 1990), Jüdische Lebenswelten (Januar–April 1992), Japan und Europa (September–Dezember 1993), Moskau–Berlin / Berlin–Moskau (September–Dezember 1995) oder Deutschlandbilder (September 1997 bis Januar 1998).

Gäste und Partner

Von Anfang an war das Arsenal ein Ort der Kommunikation, der Diskussion, der Auseinandersetzung. Anlässlich der Vorführungen reisten FilmemacherInnen, SchauspielerInnen, ProduzentInnen, FilmwissenschaftlerInnen, KuratorInnen und KünstlerInnen aus der ganzen Welt an, führten ein, diskutierten, erklärten, schafften Verbindungen und Kontexte, öffneten den Blick.
Zu ihnen gehörten Rainer Werner Fassbinder, Ousmane Sembène, Aki Kaurismäki, Nagisa Oshima, Yvonne Rainer, István Szabó, Michael Snow, Claude Lanzmann, Jim Jarmusch, Ernie Gehr, Andrej Tarkowskij, Ken Jacobs, Otar Iosseliani, Susan Sontag, Claire Denis, Béla Tarr, Nanni Moretti, Agnès Varda, Stephen Dwoskin, Chantal Akerman, Wim Wenders, Jean-Luc Godard, die Brüder Dardenne, die Reihe ließe sich fortsetzen – die Anwesenheit jedes und jeder Einzelnen der Genannten zu den Vorführungen ihrer Filme waren Sternstunden des Arsenals.

Unterstützung erfuhr das Arsenal von einer Vielzahl nationaler wie internationaler Kooperationspartner, ohne deren finanzielle oder sonstige Hilfe zahlreiche Vorhaben nicht denkbar gewesen wären.
Eine lange Zusammenarbeit verbindet das Arsenal z.B. mit den Kulturinstitutionen verschiedener Länder in Berlin, dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD und den Berliner Universitäten und Hochschulen, der Freien Universität, der Technischen Universität, der Hochschule/Universität der Künste, sowie seit Anfang der 90er Jahre auch der Humboldt Universität.
Die Zusammenarbeit mit den Dozenten und Studierenden der Berliner Universitäten nahm in den 90er Jahren an Intensität zu – galt es doch im Umfeld der digitalen Medien (nicht nur, aber auch) bei den Studierenden das Bewusstsein für die Materialität des Films und den Ort des Kinos als adäquaten Ort der Rezeption zu schärfen. Zahlreiche seminarbegleitende Programme fanden im Arsenal statt (fiction/nonfiction – Geschichten und Bilder zwischen Fiktion und Wirklichkeit; Faschismus und Widerstand im italienischen Film; autobiografischer Film etc.) und der Besuch der Filmgeschichtsreihe Magical History Tour wurde zum verpflichtenden Bestandteil des Studiums für die Studierenden am Seminar für Filmwissenschaft der FU.

Von den Anthologie-Programmen zur Magical History Tour

Die Frage, ob und wie Filmgeschichte überblicksartig im Kino präsentiert werden kann, beschäftigt das Arsenal seit Anbeginn. Filmgeschichtliche Themen nicht „nur“ punktuell in Regie-, Epochen- oder Länder-Retrospektiven verpackt zu zeigen, sondern die Beschäftigung mit der Filmgeschichte allabendlich zu ermöglichen, war der Grundgedanke hinter den ersten Anthologie-Programmen in den 70er Jahren. Zunächst auf 100, später auf 150 Filme auslegt, entwarf das Arsenal einen persönlichen, chronologisch verlaufenden Blick auf die internationale Filmgeschichte.
Die in den 90er Jahren entwickelte Magical History Tour erweiterte den Grundgedanken unter Einflechtung einzelner Schwerpunkte der eigenen Filmsammlung auf 365 Filme, die im Jahresturnus wiederholt wurden. Die ambitionierte Reihe bekam nach dem Umzug an den Potsdamer Platz einen eigenen Programmplatz und wurde fast zehn Jahre lang – immer am 1. November neu startend – präsentiert. In der Folge des Relaunchs der Institution wurde das Konzept ein weiteres Mal überarbeitet: Unter Verzicht sowohl auf eine feste Anzahl bzw. einen Pool von Filmen als auch auf die chronologische Anordnung der präsentierten Filme stehen seit 2009 monatlich unterschiedliche Themen im Vordergrund der Magical History Tour, um die ausgewählte Klassiker der Filmgeschichte gruppiert werden.

Umzug an den Potsdamer Platz

Ab Mitte der 90er Jahre stieß das Programm des Arsenals immer stärker an die Grenzen der Kapazitäten des einen bis dahin vorhandenen Kinosaals. Zahlreiche Retrospektiven, geografisch, thematisch oder filmgeschichtlich orientierte Programme, Seminare und Diskussionen, Hommagen, Präsentationen der Werke einzelner Filmemacher in deren Anwesenheit, Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen, Galerien und Museen konnten im Arsenal kaum noch adäquat präsentiert werden; Wiederholungen von Filmen waren praktisch unmöglich. Immer öfter erstreckte sich das Programm des Arsenals auch auf den Kinosaal im Martin-Gropius-Bau.

Der Umzug an den Potsdamer Platz brachte in dieser Hinsicht deutliche Verbesserungen: Das immer komplexere Arsenal-Programm konnte sich in zwei Kinos besser entfalten, die unterschiedlichen Anforderungen an die einzelnen Reihen konnte mit zwei Kinos von unterschiedlicher Größe besser berücksichtigt werden.
Das große Foyer vor dem Eingang in die Kinos als Treffpunkt und Ort der Kommunikation vor und nach den Vorführungen beendete die Platznot, die 30 Jahre im alten Arsenal im dortigen Miniatur-Foyer geherrscht hatte. Besonderer Wert wurde auch auf Technik und Innenausstattung der Kinos Arsenal 1 und 2 gelegt, dazu gehörte auch eine professionelle Konferenz- und Veranstaltungstechnik, sowie die Wiedergabemöglichkeit von allen Videoformaten.
Im ersten Arsenal-Programm am neuen Ort hieß es im Juni 2000: „Selbstverständlich weichen wir kein bisschen von den Zielsetzungen ab, denen wir im alten Arsenal 30 Jahre gefolgt sind: die sinnvolle Integration von historischer Filmarbeit und der Präsentation aller Spielarten des modernen, zeitgenössischen Kinos – und des Kinos von morgen.“ Die Retrospektive der Filme von Kenji Mizoguchi, Woody Allen, Alexander Dowshenko, eine Reihe zum Thema Film und Architektur und eine Übersicht des japanischen Kinos der 90er Jahre gehörten zu den Höhepunkten des ersten Jahres am neuen Platz.
In den folgenden Jahren bildete die Beziehung zwischen Gesellschaft, Politik und Film immer wieder einen Programmschwerpunkt, wie z.B. in der Veranstaltungsreihe „Work in Progress“, die den Widerhall der sich verändernden Realität der Arbeitswelt im Film nachzeichnete oder im 98 Filme umfassenden Programm „1968//2008“, in dessen Zentrum das Interesse an Vergegenwärtigung und Reflexion von 1968 als Filmgeschichte stand.
Doch auch das Œuvre internationaler Filmschaffender wurde – wenn immer möglich – in deren Anwesenheit vorgestellt, zu erwähnen wären hier die oft vollständigen Retrospektiven von z.B. Amos Gitai, Jacques Doillon, Ulrike Ottinger, Catherine Breillat, Federico Fellini, Bruce LaBruce, Louis Malle, Asta Nielsen, Guy Maddin, Luchino Visconti, Maurice Pialat, Nina Menkes, Pier Paolo Pasolini oder Marguerite Duras.
Länderschwerpunkts-Programme wiederum orientierten sich an Fragestellungen oder Perspektiven, um das Filmschaffen eines Landes vorzustellen: American Independents, Neues Kino aus Portugal, Debütfilme aus Italien, Dokumentarfilme aus Frankreich, die taiwanesische Neue Welle. Auch den bei großen internationalen Festivals Aufsehen erregenden, in deutschen Kinos aber nicht vertretenen Filmemachern wie Lisandro Alonso, Pedro Costa, Lav Diaz, Miguel Gomes, Brillante Mendoza und Apichatpong Weerasethakul mit ihren Filmen bot das Arsenal ein Forum.

Aus dem Kino in das Kino

Experimentelle Arbeiten nahmen nach dem Umzug an den Potsdamer Platz weiterhin eine zentrale Position im Arsenal-Programm ein. Eine ausführliche Reihe mit Found-Footage-Filmen, eine Reihe mit Filmen von Laurence Weiner, ein Expanded-Cinema-Programm, die Programm-Reihe Living Archive, die Experimentalfilme aus dem Archiv des Arsenals präsentierte, eine Reihe zum Thema „Struktureller Film“ sind nur einige Beispiele. Im gleichen Zeitraum nahm die Zusammenarbeit mit Institutionen der Bildenden Kunst, Galerien, Museen, aber auch der Berlin Biennale zu.
Eine umfangreiche Retrospektive des kanadischen Künstlers, Filmemachers und Musikers Michael Snow mit der Ausstellung installativer Arbeiten im gesamten Filmhaus war der Auftakt zu einer immer größer werdenden Öffnung in Richtung Videokunst, Installation und Perfomance, die auch außerhalb des Kinos stattfanden.
2005 errichteten die Freunde anlässlich des Forums ihre Black Box im Foyer des Arsenals, um verstärkt Videoinstallationen zeigen zu können. Ein besonderer Höhepunkt – national wie international vielbeachtet – war das im Oktober 2009 im Arsenal präsentierte Festival „LIVE FILM! JACK SMITH! Five Flaming Days in a Rented World“, in dem sich 50 internationale KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen mit Performances, Filmen, Videos, Diashows, Ausstellungen, Konzerten und Vorträgen mit dem Pionier des US-amerikanischen Underground und queeren Ikone Jack Smith auseinandersetzten.

Relaunch

Der Relaunch der gesamten Institution im November 2008 hatte große Auswirkungen – auch auf das Programm des Kinos Arsenal. Mit einer veränderten Programmstruktur, die auf ein starres Raster zugunsten eines flexiblen Spielplans verzichtete, einer deutlichen Fokussierung auf einzelne monatliche Programmschwerpunkte und einer erneuten Akzentuierung des Vermittlungsgedankens in der Präsentation von Retrospektiven und Filmreihen reagierte das Arsenal auf die Herausforderungen durch aktuelle technische Umbrüche und Veränderungen innerhalb der Medienlandschaft.
Neben der allabendlichen Filmgeschichtsreihe Magical History Tour gibt es – nach wie vor, nun aber klarer konturiert – die für das Arsenal schon immer typische Mischung aus Historischem und Zeitgenössischem, Wissenschaftlichem und Populärem, Vortrag und Performance, Diskurs und Kontemplation.